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langes Schweigen . . . Ein geschminkter Clown stürzte in die Manege. Alles umringte ihn.

Sie ist tobt, zerrissen," schluchzte der Bajazzo,die Vorstellung ist aus!" Tieferschüttert verließ ich das Circus gebäude . . .

Als ich am nächsten Morgen ich bin Rechtsanwalt meinen Geschäften nachging, theilte mir ein befreundeter Staatsanwalt mit, daß sich noch in der Nacht der Polizei­behörde ein fremder Artist mit der Selbstbezichtigung gestellt habe, er sei an dem tragischen Tode seiner Frau schuld. Ich würde wohl, da man meine Sabkenntniß in Circus­dingen kenne, mit der Verteidigung des Selbstdenuncianten ex officio betraut werden.

Drei Tage später wurde die schöne Consuela unter zahlreicher Betheiligung der gesummten Bevölkerung beerdigt,- auch ich befand mich im Leichengefolge . . .

II.

Die Schlüssel rasselten, der Gefängnißwärter öffnete mir die Thür zur Zelle meines Clienten. Als ich eintrat, erhob er sich erwartungsvoll.

Ich bin Ihr Vertheidiger, mein Herr," stellte ich mich ihm vor.

Ein apathisches Lächeln huschte über sein bleiches, aus­druckvolles Gesicht.

Er war es, mein Nachbar im Sperrsitz, der Gatte der unglücklichen Thierbändigerin.

Mit vollendeter Grazie, die in mancher Weise den Süd­länder auszeichnet, bot er mir Stuhl und Sitz an, während ein characteristischer Blick mir zugleich sein Bedauern aus­sprach, mich in einem solchen Raum empfangen zu müssen.

Ich nahm Platz.

Mein Geständniß und meine Ueberzeugung, daß ich allein die Schuld, die absichtliche Schuld an dem Tode des verräterischen Weibes trage, stehen im Widerspruche zu der Thatsache Ihres Hierseins, Herr Rechtsanwalt."

Zwischen Ihrer Ueberzeugung und der unbedingten Wahrheit, die das Gesetz fordert, steht die Möglichkeit, daß Sie sich irren."

Er machte eine abwehrende Bewegung, dann sagte er bestimmten, aber zuvorkommenden Tones, der mir den Welt­mann verrieth:Gestatten Sie, Herr Rechtsanwalt, daß ich Ihnen meine Schuld beweise."

Ich blickte erstaunt auf.

Sie stießen allerdings den Pfiff aus," meinte ich.

Sie haben ihn gehört?" unterbrach er mich, indem er vom Bette aufsprang, auf dem er Mangels eines zweiten Stuhles Platz genommen hatte.

Ich war Ihr Nachbar im Sperrsitz," entgegnete ich.

Also werden Sie auch wissen, daß dieser Pfiff für die Bestie das Signal war, sich auf die Unglückliche zu stürzen?"

Das wird Niemand, Sie selbst nicht beweisen können. Uebrigens wird Ihre absonderliche, in den Annalen der Rechtspflege einzig dastehende Selbstanzeige durch Ihre Handlungsweise nach der Katastrophe dementirt. Sie waren es, der in den Käfig der Raubthiere stieg und die Bestie auf dem Körper der Unglücklichen tödtete. Daß Sie ein Mörder sind, hätten Sie uns zuerst zu beweisen- das aber dürste Ihnen schwer werden."

Ich werde es," und wieder huschte das melancholische, entsagungsvolle Lächeln über sein Gesicht, das zugleich einen Zug von solcher Entschlossenheit zeigte, der mir sagte: ent­weder ist dieser Mann der Mörder oder er ist ein Wahnsinniger, ein Opfer der Einbildung. Und so begann mich die räthsel- hafte Angelegenheit ungemein zu interessiren. Ich beschloß, mir volle Klarheit zu verschaffen."

Hören Sie meine Geschichte," fuhr er nach einer kleinen Pause der Ueberlegung fort.Ich hoffe, Sie damit nicht zu langweilen, ich habe Vieles erlebt, mehr als Menschen von Mittelwerth sonst zu erleben pflegen. Mein

Leben ist ein Drama von überraschenden Effecten, eine Tragödie, in welcher der Henker das Schlußwort spricht. Der Vorhang wird bald fallen, die Comödie muß bald aus sein. Ich fühle das, und es ist auch gut so. Ich bin bereit, abzustreifen, was irdisch an mir ist. Ist das Leben auch ein geniales Gefüge aus Reflexion und brutaler Dummheit das Bestralische an ihm ist, daß der Mensch ein kluges Raubthier ist mit großen, ungezähmten Leidenschaften. Ich habe aus Beruf und Neigung die wildesten Bestien bezwungen- die Bestie in mir vermochte ich nie zu zügeln, denn ich bin Sanguiniker und unrettbar, trotzdem ich das Gute erkenne, doch dem Bösen verfallen. Doch nun zur Sache. Ich bin aus vornehmem Hause, spanischer Grande, der vor seinem Könige den Hut aufbehält. Ich habe auf diese Ehre ver­zichtet. Der Weise setzt über die Form die Wohlfahrt des Bauches. Und so setzte ich es bei meinem Vater durch, daß er mich in Madrid studiren ließ. Ich hatte Neigung zur Kunst Aesculaps, ist sie doch einträglich, wie ich Neigung zur Aesthetik hatte, weil ich Künstler aus ganzer Seele bin; ich liebe das Schöne und Sie wissen dochdes Weibes Leib ist ein Gedicht." Um der Schönheit zu dienen, wollte ich das Bresthafte heilen. Ein Paradoxon in der That, dem meine Nerven nicht lange Stand halten sollten. Das erste Jahr studirte ich mit eisernem Fleiß in Madrid, dann zog es mich nach Nancy. Ich wollte Wesen und Geheimniß der Suggestion kennen lernen, in Wirklichkeit bereitete ich mich für den Beruf schon damals unbewußt vor, zu dem mich das Schicksal bestimmt hat. Wer mir damals gesagt hätte, ich würde einst der berühmteste und erfolgreichste Thier­bändiger der beiden culturübcrtünchten Kontinente werden, ich hätte ihn mit diesen meinen beiden Fäusten nieder­geschlagen. Ich lag bereits ein halbes Jahr meinen Studien in Nancy ob, als ich zur Erholung beschloß, einmal der be­rühmten Maimesse in Metz einen Besuch abzustatten. Dort gastirte in einem bedeutenden Circus unter seiner Assistenz seiner Tochter ein spanischer Thierbändiger. Der Ruf der Kühnheit des Vaters und der Schönheit der Tochter war auch zu uns gedrungen. Theils Neugierde, theils Interesse für den Landsmann war es, was mich veranlaßte, der Vor­stellung der Beiden anzuwohnen. Als Vater und Tochter in der kleidsamen andalusischen Tracht in der Arena erschienen, die durch ein mächtiges Gitter abgesperrt war, ging es mir durch Mark und Bein. Sie war schön, märchenhaft schön, ich glaube jetzt, Herr Rechtsanwalt, schon damals begann mein Verhängniß."

Haben Sie eine Cigarette bei sich, ich lechze darnach!" meinte er, sich jäh unterbrechend. Ich beeilte mich, trotzdem es gegen die Gefängnißordnung verstieß, seinem Wunsche zu willfahren. Mit einem verbindlichengracia Sennor! zündete er sich die Cigarette an und verharrte einige Minuten, wie nachdenkend, im Genuß derselben- dann legte er sie tiefaufseufzend achtlos zur Seite.

Glauben Sie mir, Herr Doctor, ich habe mir damals mein Verhängniß suggerirt. Ich sandte dem Vater meine Karte nach der Vorstellung mit der Bitte in die Garderobe, dem Landsmann die ergebene Einladung zu einem kleinen Lunch nicht abzuschlagen. Er sagte zu und ließ mir liebens­würdig mittheilen, daß es ihm und seiner Tochter eine Auszeichnung wäre, der Gast eines Cavaliers zu sein, dessen Ahnen in der Geschichte seines Vaterlandes eine so bedeutende Rolle gespielt hätten. Wir trafen uns in einem großen Restaurant an der Esplanade. Consuela war damals 17 Jahre alt- wissen Sie, Herr Doctor, Sie haben deutsches Blut in den Adern, aber es wäre Ihnen vor der Schönheit dieses Mädchens in Wallung gerathell. Wie hold verschämt begrüßte sie mich als Landsmann, wie zitterte ihre kleine kräftige Hand in der meinen, wie erröthete sie, als sie meine heißen, brennenden, sehnsuchtsvollen Blicke gewahrte, mit denen ich sie verschlang! Bei mir war es die Liebe auf den ersten Blick. Das fühlte ich. Und ich sagte mir, dieses Mädchen wird dein Weib, koste es, was es da wolle. Ich war den