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hoffte, daß er ihre Abwesenheit noch nicht entdeckt haben möchte. Als sie in die Haupt - Allee des Parkes einbog, kam ihr plötzlich ein Gedanke in den Kopf. „Ob in der Rosen-Villa wohl schon Vorbereitungen für die Rückkehr meiner Mama getroffen werden?" sagte sie, und schnell wie der Blitz schlug sie eine Neben - Allee ein, die direct nach der hübschen Eremitage führte.
Beim ersten Anblick derselben wußte sie, daß ihre Mutter angekommen war. Die Fenster standen offen, Dienstboten liefen geschäftig hin und her.
Echel sprang aus dem Sattel,- sie trat ohne Weiteres in das Haus ein und lief rasch die mit neuen Teppichen bedeckte Treppe zum Zimmer ihrer Mutter hinauf. „Mama! Mama! Ich bin's!" rief sie, indem sie in das Gemach flog, in welchem Iris vor einem Toilettentisch saß und ihr Gesicht in dem Spiegel betrachtete, während Hannah Johnsohn mit den Haaren ihrer Gebieterin beschäftigt war.
Die Zeit war gnädig mit Iris Grehlock verfahren- ihre dunklen Locken waren noch so üppig wie je und völlig frei von jenen silbernen Streifen, die Alter und Sorgen zu bringen pflegen. Keine Runzeln entstellten ihr blasses Gesicht, das noch immer den mädchenhaften Ausdruck ihrer Jugendjahre hatte. Ihre Gestalt war so schlank und sylphenähnlich wie je, und ihre Schönheit hatte wie in vergangenen Tagen jenen zarten Teint, der uns namentlich bei Licht so sehr entzückt,- sie sah zehn Jahre jünger aus, als sie wirklich war — eine Thatsache, die Niemand besser wußte als sie selbst.
Als die Thür aufging und die strahlende Gestalt des jungen Mädchens hereintrat, stieß Iris einen Schrei der Ueberraschung aus. „Ethel! Mein Gott, ist's möglich?" rief sie, indem sie mit theatralischer Geberde die Arme ausstreckte. „Mein Kind! Mein geliebtes Kind!"
Mutter und Tochter umarmten einander, wenn auch ohne wahre, innige Zärtlichkeit.
„Wann hast Du die Schule verlassen? Was machst Du drüben im Hause? Liebt Dein Großvater Dich noch so sehr wie je? Hast Du mich ganz vergessen?!" rief Iris, indem sie das junge Mädchen mit der Miene einer Kennerin betrachtete. „Oh, wie schön bist Du geworden! Wo hast Du denn diese vornehme Miene her? Ich bin erstaunt - ich bin entzückt! Du hast die Verheißungen Deiner Kindheit mehr als erfüllt!"
„Mama! Du benimmst mir ja den Athem!" sagte Ethel lachend. „Wenn eine Tochter des Hauses Grehlock nicht durch ihre Geburt ein Anrecht auf Vornehmheit hat, wer sollte es dann haben? Ich verließ die Schule vor vierzehn Tagen, vertreibe mir die Zeit auf die angenehmste Weise, und Großpapa liebt mich mit immer steigender Zärtlichkeit. Beweist mein früher Besuch Dir nicht, daß ich Dich nicht vergessen habe? Wenn Du einen Boten hinüberschicken willst, um Großpapa zu benachrichtigen, daß ich hier bin, so will ich bei Dir bleiben und mit Dir frühstücken - ich habe noch nichts gegessen."
Iris klingelte und ertheilte die gewünschten Befehle.
//Pflegst Du schon zu so früher Stunde auszureiten?" fragte Iris mit einem Blick auf Ethels nasses Reitkleid - „es war ja ein entsetzliches Unwetter- bist Du davon überrascht worden? Bist Du zu Schaden kommen?"
„Nicht im Mindesten," antwortete Ethel, leicht er- röthend, indem sie ihres eben erlebten Abenteuers gedachte - „ich habe ein Obdach gefunden."
Hannah Johnsohn, welche noch immer mit der Haartoilette ihrer Gebieterin beschäftigt war, warf zuweilen verstohlene Blicke auf das schöne Mädchen, das sich in einen Fauteuil neben dem Toilettentisch geworfen hatte. „Ich hoffe, Sie erinnern sich meiner noch, Miß," sagte sie endlich - „ich bin immer noch bei Ihrer Mama, wie Sie sehen."
Ethels Augen blitzten- sie hatte die intime Dienerin ihrer Mutter stets verabscheut. „Ja, Hannah," antwortete
sie trocken- „ich habe ein scharfes Gedächtniß für unangenehme Dinge."
„Mein Gott, Miß, was meinen Sie damit?" fragte Hannah.
„Die Schläge und Püffe, die ich in meiner Kindheit von Ihnen erhielt, fühle ich noch heute so wie vor zehn Jahren."
„Sie waren damals ein ungezogenes Kind, Miß," entgegnete Hannah mit einem häßlichen Grinsen. „Sie verdienten alle Schläge, die Sie bekamen, und Ihre Mama weiß, daß ich Sie dennoch auf den Händen trug. Niemand kann sich mehr darüber freuen als ich, daß Sie zu einer so schönen jungen Dame herangewachsen sind, und daß Sie so glänzende Aussichten haben. Wenn Sie erst Herrin von Greylocks Woods sind, so hoffe ich, daß Sie sich meiner Verdienste erinnern werden."
Der familiäre Ton des Weibes erbitterte Ethel noch mehr. „Ich sehe, Sie sind noch unerträglicher geworden, als Sie es früher waren," sagte sie mit flammenden Blicken.
Hannah lächelte höhnisch und sagte: „Oh, ich habe meine Rechte, Miß- Ihre Mama kennt dieselben, wenn Sie sie nicht kennen."
Iris sah verdrießlich und beunruhigt darein. „Hannah, wie kannst Du nur so thörichtes Zeug schwätzen!." rief sie- „kein Wort mehr davon- bring mir meine Morgenrobe aus weißem Caschmir mit den rosafarbenen Atlaßbändern. „Ethel, mein liebes Kind," fuhr sie fort, um die Gedanken ihrer Tochter von Hannah abzulenken, „ich habe prächtige Toiletten aus Paris mitgebracht- ich werde sie Dir später zeigen. Ohne Zweifel findest Du mich so alt und verwelkt, daß Du Dich wunderst, wie ich noch für Putz und Staat Sinn und Geschmack haben kann."
Ethel lächelte. „Du alt, Mama? — Du verwelkt! Unsinn! Du könntest sehr gut für meine ältere Schwester gelten. Nun erzähle mir aber von Deinem lahmen Knie- ist es besser damit geworden? Haben Dir die deutschen Bäder gut gethan?"
Iris erhob sich von ihrem Stuhl, ihre Haartoilette war beendet- ihr zartes Gesicht sah noch jung und hübsch aus wie vor zehn Jahren- sie war noch immer ein Schmetterling- doch ach, der erste Schritt, den sie vorwärts that, zeigte Ethel, daß es mit Ihrem Gebrechen nicht besser geworden war. „Ich habe Alles versucht- ich habe Tausende von Dollars ausgegeben," seufzte sie- „allein ich werde bis zu meinem Tode lahm bleiben- es ist sehr hart, sehr Hart- Jahre lang habe ich gehofft- Jahre lang hatte ich nur den einen Zweck im Auge, eine Kur zu gebrauchen, um zur Bühne, zum Leben einer Tänzerin zurückzukehren — dem einzigen Leben, das Reiz für mich hat."
„Sprich nicht so, Mama," sagte Ethel ernst.
„Ah, Du kennst den Zauber einer solchen Kunst nicht!" rief Iris, während eine fieberhafte Röthe ihre bleiche Wange überflog. „Und doch solltest Du ihn begreifen, denn auch Du hattest einst Talent; als Kind tanztest Du zum Entzücken. Tanzest Du jetzt noch zuweilen? Hast Du nicht Lust, öffentlich aufzutreten?"
„Nein," antwortete Ethel; „Großpapa würde bei dem bloßen Gedanken daran wahnsinnig werden- übrigens habe ich auch keine Neigung dazu, Mama!"
„Der abscheuliche Graukopf!" rief Iris. „Ob er mich noch immer so haßt, wie ehedem? Doch, was liegt daran- es ist genug, daß er gegen Dich so zärtlich ist. Beabsichtigt er, uns ganz und gar von einander getrennt zu halten? Ist es sein Wille, daß Du Dich beständig in seinem Hause aufhälst?"
„Ich glaube das, Mama."
„Welch abscheuliche Selbstsucht! Gieb mir Deinen Arm, Kind- wir wollen Hinunteegehen. Wie stark und behende Du bist! Wollte Gott, ich hätte Deine Jugend und Deine Gesundheit!"
Sie gingen die Treppe hinab - Ethel stützte ihre Mutter.


