Capitel 19.

Ich schritt an Deiner Seite im stillen Buchenhain,

#tn störende» Geleite ließ nimmer uns allein!

Und mußten wir zurück auch in's Herz die Worte pressen, Doch sagten unsere Blicke, daß wir uns nicht vetgeffen.

Sechs Tage waren vergangen, seit Mr. Luxor nebst Familie und Dienerschaft in der Kuranstalt von Aßmanns- hausen Wohnung genommen. Nicht die heilkräftigen Lithion- quellen lockten ihn zu längerem Aufenthalt, sondern die wunderbar schöne Lage des kleinen Bades, welches alle Reize und poesievolle Anmuth des Rheines in sich vereinigte.

Mit den amerikanischen Herrschaften zugleich war em guter Freund derselben, Assessor Hellmuth, in dem Kurhause eingekehrt, und wer den jungen Herrn beobachtete und sich ein wenig Menschenkenntniß angeeignet hatte, der merke gar bald, daß dieser weder dem Lithion, noch der herrlichen Aussicht zu Liebe Gast in Aßmannshausen geworden war.

Der junge Forstmaun hatte ein Zimmer in der Dependence-Villa des Kurhauses bezogen, in welchem auch Mr. Luxor uebst den Seinen Wohnung genommen.

Voll Entzücken hatte Pia ein kleines Thurmzimmer ent­deckt, welches einen zauberhaften Rundblick auf den Rhein, Bergen und Burgen gewährte und dann begeistert von dem Gedanken, als modernes Rirterfräulein hier zu Hausen, hatte sie um die Erlaubniß gebeten, dieses Poetenstübchen be­wohnen zu dürfen.

Tante Johanna nickte lächelnd- auf ihren Befehl bezog Dorette das kleine Vorzimmer.

Eine unbeschreiblich reizende Zeit begann.

Obwohl sich die kleineamerikanische Gesellschaft" von jedem Verkehr mit den anderen Kurgästen zurückzog und auch die Mahlzeiten allein servirt bekam nur der Assessor war auf Fränzchens ungestümes Verlangen zu denselben hinzugezogen worden verliefen doch die Tage so wechsel­reich und amüsant, wie nur möglich.

Man unternahm vor allen Dingen die manigfachsten Wasserpartien, besuchte die umliegenden Burgen und durch­streifte die interessante Umgegend nach allen Richtungen. Flammende Purpurstreifen malten den Himmel und ver­goldeten die Zinnen von Rheinstein.

Schon zum zweiten Male stattete die kleine Gesellschaft dem malerischen Schlößchen einen Besuch ab, und Fränzchen hatte mit demBurgwart" bereits innige Freundschaft ge­schlossen, welche schließlich zu dem Resultat führte, daß der Getreue zu einem staubigen Horn griff, es eifrig blank rieb und dem kleinen Fräulein zu Liebe die schönsten Lieder vom Thurm herabblies.

Fränzchen war begeistert, obwohl der bescheidene Künstler versichert:Winters über bleibt die Trompete am Nagel hängen, und da käme er doch sehr aus der Uebung. Wenn er erst eine Zeitlang wieder zur Probe geblasen, dann wolle er wohl schon etwas Besseres leisten!"

Fränzchen fand es äußerst verlockend, dieses Instrument, welche- ihr nächst dem Leierkasten am schönsten deuchte, auch zu erlernen, ein Vorsatz, welcher große Heiterkeit hervorrief.

Eine junge Piston-Virtuosen wäre allerdings etwas Eigenartiges!" lachte der Assessor.Auch ist der Zweig dieser Kunst von den eitlen jungen Damen nicht allzuoft ge­pflegt worden. Da Sie aber gar nicht wessen, was Eitel­keit ist, und die Posaunenwänglein Ihnen in der That auch sehr gut stehen, dürfen wir von Ihnen große Leistungen er­warten, Miß Francis!"

Die Kleine setzte statt aller Antwort die Trompete an den Mund blies den Spötter so gewaltig und so haarsträubend an, daß alle Hände entsetzt nach den Ohren griffen.

Hat Margaetha nicht auch auf der Trompete geblasen?" l*agte sie alsdann triumphirend.

//Gewiß I Genau mit Ihrem Talent, o Königin! welches Stein erweichend, Menschen rasend machen kann!"

Weil sie noch keinen regelrechten Unterricht gehabt hatte! lächerlich! bei dem Trompeter Jbon Säkkingen

finden alle Menschen das Tuten himmlisch, großartig, poetisch! Margaretha ist sogar so albern, sich deffent- halb in ihn zu verlieben, und wenn sie selber musikalisch werden will, behaupten die Zuhörer plötzlich, sie bekäme» Leibweh davon, und es war doch ein und dieselbe Trompetei da hier, Assessor pusten Sie mal! wollen doch sehen, ob sie es gleich im Aushieb besser können wie ich!" sie hielt ihm mit einer ihrer derben Bewegungen das Instrument hin, Hellmuth aber schüttelte lächelnd den Kopf:Wenn ich es wagen wollte, würde man sofort in Bingen die Feuerglocken läuten!"

Wir können ja erst den Nachtwächterreim singen, das nimmt der musikalischen Leistung vielleicht das Schauerlich- Allarmirende!" spottete sie.

Drunten an der Thurmspitze rief die Gräfin- eS war Zeit, an dem Heimweg zu denken.

Fränzchen warf die Trompete auf die Bank und stürmte mit polternden Schritten die Stufen hinab.

Pia stand allein neben Carl Hellmuth.

Die letzten Lichtstrahlen flimmerten über ihr blondes Köpfchen und der leichte Windhauch wehte die Aermel ihres weißen Kleides zurück, daß es aussah, als seien der schlanken Mädchengestalt Engelflügel gewachsen.

Wie trunken vor Entzücken hing sein Auge an ihrem Antlitz, und mit jäher Bewegung nahm Pia die Trompete und reichte sie ihm stumm mit bittendem Blick entgegen. Er griff jählings zu, aber nicht nach dem blinkenden Metall, sondern der kleinen weißen Hand, welche es darbot.

Und ehe daS junge Mädchen wußte, wie ihr geschah, hatte er diese weiche Hand an die Lipprn gezogen, um sie mit heißen, leidenschaftlichen Küssen zu bedecken.

Lilian, kommt doch! wo bleibt Ihr?!" klang FränzchenS ungeduldige Stimme von unten. Die Gerufene schrak zu­sammen, glühende Röthe flammte über ihre Wangen. Sie wollte hastig ihre Rechte befreien und davoneilen. Carl Hellmuth aber drückte sie nur desto heißer an die Lippen.

Und dann richtete er sich gewaltsam sauf und flüsterte mit halberstickter Stimme:Nicht jetzt-nicht jetzt! später!"

Pia hörte es nur noch wie im Traum, mit glückzitterndem Herzen flog sie wie eine lichte Erscheinung an ihm vorüber zur Treppe.

--Schweigend schritten sie den Burgberg hinab,

unter leis flüsterndem Waldesgezweig hinweg, in welchem liebestrunkene Vogelstimme« zarte Nachtgrüße tauschten.

Die Dämmerung sank schnell, feine Nebelschleier wehten schon über den Fluß, und längs der Bahngeleise blitzten sdie ersten Ltchtlein auf. Nachtkäfer surrten schwer­fällig über den Weg und der Fliederstrauß an Pia- Brust duftete stärker wie zuvor.

Fränzchen trug wieder allein die Kosten der Unter­haltung, sie ging, wie stets, Arm in Arm mit der Cousine und plauderte über diese hinweg mit dem recht einsilbigen Affeffor.

Mr. Luxor folgte etwas langsam mit seiner Gemahlin.

Das Trompetenblasen hat mir bis jetzt eigentlich noch gefehlt," sagte Comteßchen plötzlich, ganz gegen Natur ein wenig schwärmerisch, und als keinwarum?" gefragt wurde, fuhr sie auch ohne Antwort eifrig fort:Meiner Ansicht nach gehört das nämlich zum Rhein! schon um des Trompeters von Säkkingen willen! den Schmöker .kennt doch jeder Mensch und läßt ihn sich auf die Nerven gehen na, du lieber Gott, mir ging es auch so! die Margaretha, süßer Balg! ich kaufte mir damals alle Illustrationen, welche ich nur auftreiben konnte, und als ich die Geschichte zum sechstenmal las, da schluckste ich doch noch mit den Th'ränen, wenn ich an die Trennung kam! Gräßlich! ich werde doch lieber nicht die Trompete blasen lernen, denn es hat immer den wehmüthigen Beigeschmack von:Behüt Dich Gott, es wär zu schön gewesen, Behüt Dich Gott, eS hat nicht sollen sein V*

(Fortsetzung folgt.)