Nr. 88
DomlerStag beit 30 Juli
189«. p]
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UnterhaLtungsöLatt pint Gießener Anzeiger (General Anzeiger)
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Die Erbin.
Novellette von Leo Sonntag.
(Fortsetzung.)
Alfred von Rheinsberg aber war wirklich ganz dem Zauber erlegen, bett Ilses Erscheinung und Wesen von Anfang an auf ihn ausgeübt. Er suchte bei jeder Gelegenheit mit ihr zusammen zu treffen und da, wie schon erwähnt, ihr Onkel seine Annäherung offenbar mit sehr günstigen Augen ansah, so ward ihm dies auch gar nicht schwer.
Man sah fich fast jeden Tag: Heute war es eine Lawn» Tennis-Partie, welche die jungen Leute zusammenbrachte, morgen ein Ausflug in die reizende Umgebung von Ludwigs- bad; dann wieder war es eine Kahnfahrt, die der Landrath veranstaltete und wenn gar nicht» Anderes vorlag, ,dann bot immer das Concert im Curgarten einen willkommenen Grund, daß man sich traf.
Thelen freute sich sehr, daß Rheinsberg sein anfänglich so sonderbares Wesen den Selttkoff» gegenüber ganz abgelegt hatte und Hedwig meinte eines Abends, nachdem sie sich in die trauliche Einsamkeit des Schlafzimmers zurückgezogen, scherzend zu der Freundin: »Ich werde mir wohl nicht mehr viel Mühe geben müffen, Dich unter die Haube zu bringen, ich glaube, Du hast Dir den Rechten schon selbst ausgesucht 1"
Und Ilse antwortete in der ihr eigenen ernsten Art: »Ja, er gefällt mir sehr gut."
So weit war die Angelegenheit gediehen, als in Lud- wigsbad große Reunion stattfand.
Hedwig, die wieder nach Jckstädt zurückgekehrt war, sollte schon am Vormittag herüberkommen und die Nacht bei Ilse zubringen, während der Landrath vor hatte, zu Pferde zu kommen und mit den Offizieren, die natürlich vollzählig erscheinen wollten, zurückzureiten.
„Ilse, e» wird himmlisch werden," jubelte Hedwig, nachdem ihre Kisten und Kasten heraufgebracht waren und die beiden jungen Mädchen im Garten beim Frühstück saßen; „das ganze Osfiziercorps kommt herüber! Außerdem habe ich sämmtliche Referendare und unverheirathete Affefforen in den Dienst gepreßt, an Tänzern wird'» uns also nicht fehlen."
„Darüber kannst Du doch überhaupt unbesorgt sein, denn ee wird kaum eine reizendere Erscheinung auf dem Ball sein, als meine süße kleine Hedwig."
„Ach, Ilse, Du weißt doch ganz genau, daß Du tausend- mal schöner bist als ich. Wer Dich einmal angesehen, hat keinen Blick mehr für mich."
„So, dann muß der Herr Lieutenant von Thelen mich noch nie angesehen haben, denn er hat sehr viele Blicke für Dich."
„Ach Eurt, der zählt natürlich nicht mit," lachte Hedwig, „aber Selten, der früher sehr liebenswürdig gegen mich war, kennt mich kaum mehr, Uelzen reißt die kleinen Aeuglein nur noch auf, um Deine Reize anzustaunen, ja, es geht sogar dar Gerücht, seit Du als glänzender Meteor am Horizont erschienen, habe Bernsdorf zuweilen von etwas Anderem als von Pferden gesprochen. Und nun erst Rheinsberg —"
„Hedwig!" Und Ilse warf ihr einen so bittenden Blick zu, daß sie schwieg. —
Man konnte allerdings kaum etwas Schöneres sehen, al« die beiden jungen Mädchen, wie sie sich am Abend, zum Balle geschmückt, Vater und Onkel im Salon vorstellte«.
Hedwig trug ein blaßrosa Tüllkeid und in dem goldblonden, hochfristrten Haar einen Zweig Heckenrosen. Sie sah aus wie ein kleiner, zarter Schmetterling neben einer schlanken Lilie.
Ilse war ganz in Weiß gekleidet und hatte an der Brust und in den dunklen Flechten einige prachtvolle rothe Rosen. Die beiden Freundinnen bildeten einen ganz reizenden Gegensatz, doch ergänzten sie sich auch wieder, denn wenn Ilses eigenartige Schönheit noch neben der elfenhaft zierlichen Gestalt Hedwigs gewann, so stellte sie diese doch nicht in den Schatten, sondern hob vielmehr deren pikante Erscheinung.
Aller Augen wandten sich denn auch nach ihnen, als sie den Ballsaal betraten, und sie waren sofort von einem ganzen Hofstaat in Uniform und Civil umringt. Bei jedem Tanz mußten sie Extratouren vergeben und manche« vergessens Mauerblümchen warf gar neidische Blicke nach den vielbegehrten Tänzerinnen.
„Sehen Sie nur, Herr Landrath," sagte jetzt Selttkoff, „weich' ein herrliches Paar Ilse und Rheinsberg find! Wie für einander geschaffen!"


