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Zur Achten befand sich da« Eßzimmer, zu dem er jede« Möbel sorgfältig gewählt hatte und wo auf dem Credenztische von polirtem Nußbaum die alten Silbergeräthe der Familie und daneben ein nagelneues, schöne« Kupfersamowar glänzten. Link«, in sanftes Dämmerlicht gehüllt, lag die Schlafstube, unter den bläulichen Atlasdecken verbargen sich zwei gleiche Betten, und die Mutter Gottes von Czenstochau darüber, die von einem Glorienschein von Gold und Glasperlen umgeben war, schien segnend herabzulächeln.

Alle diese Einzelheiten, die von freudiger Erwartung, von Glück und Frieden sprachen, drangen jetzt wie ebensovtele Stacheln in das Herz des unglücklichen Ehemannes. Ach Gott, es hatte nur einer einzigen stürmischen Stunde bedurft, um das kleine, reizende, warme Rest, zu deffen Ausbau Alles - '"^faltig zusammengetragen worden war, zu zerstören und in alle Winde zu verstreuen. Niemals würde die lachende Stimme der jungen Popadia in diesen Mauern ertönen, nie­mals ihr blondes Haupt unter dem Schutze dieser Madonna ruhen!

Vincenz hatte sich, müde und gleichgiltig gegen Alles, was um ihn her vorging, in einen Lehnstuhl geworfen, die Euenoogen Güf tii UNd die Lände vor das Ge-

sicht geschlagen.

Ihm zur Seite standen wie zwei Leibwächter die beiden Brautführer, noch mit ihren verwelkten Sträußen im Knopf­loch, und ermahnten ihn zur Festigkeit.

Weiterhin besprachen einige Kameraden, die ihnen nach- gekommen waren, sehr laut und mit lebhaften Geberden die Lage, und die Worte:Solidarität, politische Partei, Rom, Scheidung" kehrten jeden Augenblick in ihren Reden wieder.

Die ab und zu gehenden wehklagenden Diener versuchten vergeblich, der wirklichen Sachlage auf den Grund zu kommen.

Die Freunde wurden endlich des hartnäckigen Schweigens des Hausherrn müde; sie erblickten einen Spieltisch, setzten sich geräuschlos herum, vertheilten die Karten und fingen eine Partie Preference an, während die mit den gastlichen Ge­wohnheiten des Hauses vertrauten Diener Cigaretten, Thee und Rum herumreichten.

Tiefe Stille herrschte jetzt in dem Zimmer; man hörte nur das Ticken der Wanduhr und das Aufschlagen der Karten auf den Tisch, unterbrochen von den Ausrufen der Spieler: Coeur, Pique Dame! Ich hebe ab."

Allmälig stiehlt sich das fahle Licht des anbrechenden Tages durch die Vorhänge und bildet einen düsteren Gegensatz zu dem gelben Schein der Kerzen.

Draußen auf dem Hühnerhofe beginnt es lebendig zu werden. Die Hähne krähen einander zu, die Tauben girren, und auf dem großen Kirschbaum, deffen Zweige das Dach des Hauses streifen, zwitschert lustig das Volk der Sperlinge.

Vincenz rührt sich noch immer nicht, aber die dick an­geschwollenen Adern auf seiner Stirn zeugen von dem heftigen Kampf, der in seinem Innern tobt. Und wieder und wieder, mit jener erbarmungslosen Deutlichkeit, welche der auf's höchste gesteigerte Kummer mit sich bringt, durchlebt er die Scene mit dem Seminaristen, schleudert Denen, die ihn betrogen haben, nochmals Worte der Vernichtung in'« Gesicht und stößt die faffungslose Sofronya, ihre Mutter und Schwestern, die ganze Schaar von Frauen, die sich an ihn klammern, zurück.

Dann aber drängt sich ihm sofort mit unerbittlicher Logik die Ueberlegung auf, daß, wenn er sich nicht hätte vom Wein beeinfluffen lassen, wenn er ruhig beim Tanz geblieben wäre, der Streit mit Piesek nicht stattgefunden hätte und da« Un­glück nicht geschehen wäre. Dann würde Sofronya jetzt dicht an seiner Seite in dem leichten Tarantaß fröhlich dem neuen Heim entgegenfahren und er mit kräftigem Peitschenhiebe seine Pferde zum schnelleren Ausgreifen antreiben, damit sie bald ihr Haus, das Ziel ihrer Sehnsucht, erreichten.

Aber dann, antwortete sein Gewissen, hätten der Pope und der Seminarist triumphirt und seine eigene Partei wäre verrathen. Und wenn auch, wer hätte behaupten können, daß Sofronya die Ansichten Jener theile? Sobald er sie einmal als Frau im Hause gehabt hätte, wäre wohl ein anderer

Ausweg zu finden gewesen. Man hätte sich einfach» Schwiegervater, Schwager und der ganzen Familie losgesagt, und damit gut!

Während er so nachdenkt, übermannt ihn der Schlaf. Der Kopf sinkt ihm schwer auf die Brust; aber er findet auch jetzt noch keine Ruhe; der drückende Alp verfolgt ihn unauf­hörlich. Er träumt, daß er, während seine Kameraden nicht Hinsehen, behend entwischt und mit großen Schritten über die Felder dahineilt. Gott, wie schwer sind seine Stiefel und die Erde, die daran hängen bleibt! Mit großer Mühe erreicht er das Pfarrhaus und schleicht auf leisen Sohlen hinein. Alles ist dunkel, nur ein Mondstrahl, der durch das Fenster dringt, erlaubt ihm, etwas zu unterscheiden.

Auf den längs den Mauern ausgebreiteten Strohsäcken liegen die Mitglieder der Familie ausgestreckt, aber sie schlafen nicht. Dumpfes Stöhnen, halbersticktes Klagen tönt von ihren Lippen; aus dem ganzen Hause scheint ein einziger, ungeheurer, todestrauriger Seufzer aufzusteigen. Mit Fieberhaft tastet er vorwärts und neigt sich über dis unglücklichen Menschen, die ihn nicht erkennen. Er sucht Sofronya, seine Sofronya, seine Frau. Wo ist sie? Eine lange, seidenweiche Flechte schlingt sich plötzlich um seine Füße, er fällt auf die Kniee:Fronya, mein Weib, meine Geliebte! Ich bin es still, sag' ea Nie- mandem, daß ich ;urüÄgekebrt bin; komm', für uns giebt es keine Trennung mehr! Komm' mit mir, Deinem Gatten, Deinem Vincenz! Wie schwer Dein Kopf ist und die Hände wie kalt!" Er versucht sie in seine Arme zu nehmen, aber vergebens. Ihr Körper ist schwer und eisig wie Marmor. Fronya, Fronya," schreit er,mein Weib!"

Plötzlich erwacht er und sieht sich ganz verwirrt um, er hat geträumt. Seine Stirn ist von Schweiß bedeckt; die Preferencespieler neben ihm haben sich nicht einmal gerührt.

Der Morgen war jetzt da. Die zitternden Kerzen waren eine nach der anderen zusammengesunken und warfen nur noch ein unsicheres Licht um sich. Von außen drangen die Laute des erwachenden Lebens immer deutlicher herein, das Rollen der Wagen auf der Straße, das Geschrei der Leute, welche das Vieh heranführten, das Wiehern eines Pferdes oder da« Brüllen eines widerspenstigen Ochsen. Alle diese bekannten Töne, die ihn regelmäßig zweimal in der Woche an Markt­tagen aufweckten, waren ihm heute fürchterlich. Er errieth, daß diese wimmelnde Menge von Neugier und Klatschsucht bewegt war. Ob sie ihm freundlich oder feindlich gesinnt war, schien ihm gleichgiltig. Nur daß sich Jeder berechtigt glaubte, ohne Scham die tiefsten Winkel seines Lebens zu erforschen, seine Schande an'« Tageslicht zu ziehen, die geheime Wunoe seines Herzens bloß zu legen, das brachte ihn zur Verzweif- lung. Und wem konnte er deshalb zürnen? Nur sich selbst.

Lin schwacher Fanfarenklang traf unbestimmt sein Ohr. Er runzelte erstaunt die Stirn und hob den Kopf. Dann wandte er unwillkürlich die Augen nach den Spielern und hörte Denjenigen, welcher gerade die Karten gab, nachlässig sagen:Es wird gar nicht einmal nöthig sein, bis nach Rom zu gehen; ich mache mich anheischig, im Sturm die Erlaubniß der Bischofs zu erringen ... Sie geben, Augustowski . . . Der arme Junge, der Rayski, was für ein Thor er ist! Erst läßt er sich auf eine so unpassende Partie ein und dann muß er einen solchen Scandal erleben... So, falsch gegeben!"

Ein Fluch erstarb auf Vincenz Lippen. Um was kümmer­ten sich die Leute denn? Es war sehr leicht für sie, während sie, die Cigarette im Munde, behaglich ihren Thee schlürften und Karten spielten, über seine Qual hin und her zu dispu- tiren, ihn zu tadeln, ihre Meinung abzugeben.

Die entfernten Fanfarenklänge wurden jetzt stärker und nun entstand auf dem Platze verworrener Lärm. Vincenz rieb sich die Augen; was war denn los?

Plötzlich ertönte der Schall der Blechinstrumente gerade unter den Fenstern und in einem Augenblick war der ganze Obstgarten von einer Masse rother Czapkas angefüllt, so daß er aussah wie ein ungeheures blühendes Mohnfeld.

(Fortsetzung folgt.)