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Die Leute dieser Küste sind gastlich und freundlich und viel­leicht findet der Umgetriebene hier Ruhe und Erholung."

So nannte er sich zum ersten Male laut; ein Schiff­brüchiger fühlte er sich, ein Mann, der mit aller ihm eigenen Weisheit vergebens gegen den Zorn der Götter ringt.

Sie freute sich seines helleren Blickes und sah sich dann das Haus an, nicht ohne große Ueberraschung, denn die sie begrüßenden und freudig nach Lob verlangenden Bäuerinnen hatten wirklich fleißig gearbeitet; Wände und Fenster waren von Spinneweben und Staub frei und der Steinfußbodm rein gewaschen.

Una buona mano! Maccherino, Signorina bella! riefen sie ihr im Chor zu und streckten ihr die Hand ent­gegen.

Sie gab ihnen lachend etwas Geld und sagte den Frauen, war sie ferner noch an Arbeitsleistung wünschte, und als diese sie so gut in ihrer eigenen Sprache reden hörten, jubelten sie und begannen mit wahrem Feuer weiter zu waschen.

Alles in Allem konnte man sich in dem Hause jetzt ein­richten ; es würde eine Robinsonade geben, dachte Paula, aber damit war des Vaters Gesundheit nicht zu theuer erkauft.

Doch was soll werden, wenn wir uns hier nun erträg­lich eingewohnt haben? Was soll ich thun? Wie kann ich mich frisch erhalten in dieser Abgeschlossenheit? grübelte Paula weiter.

So hatte sie sich gefügt; sie arbeitete mit Martin den ganzen Morgen, es mußten fortwährend aus dem Dorfe allerlei unentbehrliche Dinge herbeigeholt werden. Als sie dann am Mittag die Frauen gut bezahlt entließ, dehnte der Alte die Arme wie befreit und athmete auf:Endlich! Endlich!"

Zwei Wochen waren seitdem vergangen, bester als Paula für sich gehofft und, wie der Präsident rühmte, segensreich für ihn.

Sie hatte in dem Bemühen, ihm und sich nur einiger­maßen Behagen zu schaffen, wirklich vollauf zu thun gehabt und das Geschick, mit dem sie die» iu's Werk setzte, amüstrte und unterhielt sie, gab ihren Gedanken eine practifche Richtung.

Wie sie aus den Stoffen, welche die Bäuerinnen hier selbst webten, sich Vorhänge vor ihre Fenster, au» den üppigen Farnkräutern und wildwachsenden Clematis einen grünen Zimmerschmuck hergestellt, so lernte sie erfinderisch aus jedem Nichts einen Zierrath zu machen, jedes überflüssige Tuch oder Band zierlich zu verwenden und so dem verwöhnten Geschmack, dem Schönheitssinn, in naivster Weiss freilich nur, Rechnung zu tragen.

Der Vater ließ sie gewähren.

Alle» Erlebte und Erlittene kam erst jetzt in dieser Stille in ihm zum Austrag.

Aber so brauchte er es; danach hatte er glühend ver­langt. Er wollte all' die Bitterkeit aurkosten. O, wie er die Menschen haßte, wie er grollte und litt!

Undank, schärfer al» Verrätherwaffen I Das war's. Da­mit hatten sie ihn zu Boden gestreckt.

Er sprach kaum mit seiner Tochter, aber er erkannte mit Rührung, wie sie sich für ihn aufopferte.

»Es ist grausam von mir, Paula, doch ich stürbe, wenn ich nicht ein einziges Herz ganz mein nennte, ganz darauf bauen könnte," sagte er einmal weich.

Und immer bat er:Störe mich nicht, überlaste mich meinen Gedanken; Wunden soll man nicht zu viel berühren, sonst heilen sie nie."

Tagelang lag er im Schatten der Bäume oder des Malerschtrms, ein Buch neben sich, ohne je darin zu lesen. Seine Augen hatten zum Glück den Blick für die Natur nicht verloren, er sah sie und ihre Schönheit wirkte auf ihn.

Die brave Padrona fühlte sich in ihrer Stellung zu den Fremden nicht nur höchst wichtig, sondern auch viel beneidet, denn das Geld, welches dieselben ausgaben und bei allem Wohlwollen berechnete sie sich Preise, die sie dort unten bet den vielgepriesenen Capncini gelernt, die» sämmtliche Geld

also ging durch ihre Hand und von da zum größten Theil in ihre eigene Tasche. Dafür aber war sie für die junge Excellenza unendlich viel werih, ihr in Allem behilflich und dienstfertig und durch ihre Erinnerungen an die große Zeit von Agerala und den General Capo manchmal sogar intereffaNt. Ach und sie war doch eine Seele, mit welcher Paula sprechen konnte!

Eines Tages berichtete sie Paula freudestrahlend, es sei ein Herr heraufgekommen von Amalfi, jener Herr, von dem der Signor Professore erzählt, daß er ein krankes Kind dort unten in der Luna habe.

Nun, das Kleine wolle in der Hitze Amalfis nicht bester werden und nun habe der Herr sich das Schloß angesehen und werde dort einziehen; Agerala aber werde ein Curort werden wie Ravella und anders, und Tomaso müsse eiligst ein Hotel bauen ober vielleicht das Schloß kaufen und es dazu einrichten.

Das war nun schon mehrere Tage her; die Hltzs unten im Land und an der Küste mußte schier unerträglich sein, hier oben war es des Nachts wonnevoll kühl und auch bei Tage dis Temperatur eine angenehme.

Paula hatte eine kleine Streiferei durch Wald und Dorf gemacht; der Vater war nicht daheim und sie fand für sich nichts mehr zu thun, was sie in Anspruch nahm.

Ein unruhiges Verlangen nach ste wußte nicht was hatte sie überkommen.

Es ist das Alleinsein, die Einförmigkeit," sagte sie sich, die Unthätigkeit I Wenn nur irgend etwas kommen möchte!"

Sie war, kaum klar in sich über die» Empfinden, ohne besondere Absicht vorwärts gegangen; nun stand sie plötzlich mitten im Dorf vor dem großen Thorbogen, der zum Schlosse führte. Sie las die Inschrift:

0 beata solitudo !

0 sola beatitudo!

und übersetzte sich die Worte leicht. Dieselben waren offenbar aus einer Stimmung hervorgegangen, welche die Einsamkeit ersehnte.

Sie dachte flüchtig an den Jnglese, der er neulich be­sichtigt ; es hatte ihm doch wohl zu wenig Comfort geboten.

Es war auf dem weiten, mit Üppigem Gras bewachsenen Platze völlig leer und verschlossen schien auch das Haus. Sie ging nicht näher hin, sah nur bewundernd den großen, edlen Styl der Bauart an und die geschickte Art, wie man die An­höhe, auf der er frei über dem Meere lag, zu Terrassen um- gebildet.

Das war nun Alles zerstört.

Das Haus hat ein Menschenschicksal; es ist so schön und edel angelegt und durch das harte Eingreifen böser Mächte nie geworden, was es werden sollte," dachte sie.

Eigenes Schicksal kam ihr in den Sinn und machte ihr das Herz schwer.

So schritt ste weiter und da es heißer wurde, heimwärts. Es lag auf ihr wie eine Last. Sie kannte die» Gefühl- Ihr war es schon oft gekommen, wie der Dichter von seinem Herzen erzählt:

Mir war, als würden seine Wunden

Von warmen Lippen aufgeküßt Und thäten wieder bluten Heiße rothe Tropfen!"-

O, sie kannte dies Erinnern, dies Brennen vernarbter Wunden.

So kam ste auf den Weg, der zur Klippe zurücksührte. Er lag ganz im Schatten. Wie das wohl that.

Am Wege blühte eine hohe, weiße Lilienart; sie pflückte davon und dann Campanula und rothe Klatschrosen und allerlei andere dazu.

Da schlug ein leises Klingeln an ihr Ohr von dem Ge­schirr von Maulthieren ober Pferden.

Sie schaute auf. Eine ganze Karawane!

Der Jnglese!" dachte sie.

Esel mit großen Packeten und Reisekoffern beladen, er­öffneten den Zug, dann kamen Männer mit einem langen