351
Dein Gelübde zu erfüllen und dem Gatten Deiner Wahl eine gute brave Frau zu fein," sprach der Graf, indem er den Brautschleier lüftete, um seinem Mündel den Vaterkuß zu geben.
Aber in demselben Augenblicke, wo seine Finger das zarte Gewebe berührten, bemerkt« er den eigentümlichen Schmuck, der dasselbe zusammenhielt und er schrack plötzlich zurück, noch bevor seine Lippen ihre Stirn berührt hatten.
„Was ist das? Woher hast Du das?" stieß er hastig hervor.
„Rupert gab es mir. Es diente als Zeichen zwischen uns," entgegnete die Braut, während sie ängstlich zur Seite ihres Bräutigams trat.
„Siel Und wo fanden Sie den Pfeil? Wie konnten Sie wagen, ihn zu behalten?" wandte er sich erregt an den jungen Mann-
«Ich besitze ihn feit meiner frühesten Kindheit. Meine Mutter gab ihn mir zum Andenken an meinen Vater," er« widerte Rupert etwas verwundert. „Sie sagte, es müffe mir ein Andenken sein, von dem ich mich nur trennen dürfte, um es meiner Frau zu geben."
Der Graf wandte sich mit strenger Miene jetzt an die Frau Falkner, die während der ganzen Scene mit spöttischem Gesichtsausdruck dagestanden.
„Ist das wahr? Oder haben Sie eine Lüge, eine schändliche Lüge ausgesprochen, als Sie vorgaben, dieses Mädchen, vor dem jede Fiber in mir zurückweicht, sei meine Tochter? Hören Sie mich an, bevor Sie antworten," fuhr er in festem Ton fort. „Ich bewillige Ihnen hundert Pfund jährlich für dieses junge Mädchen und werde ihr als Heirathsgut zweitausend Pfund bewilligen, wenn sie jene ist, für die sie von Ihnen erklärt wird . . . aber wenn sie nicht mein Kind ist, wenn Sie mir beweisen können, daß dieser junge Mann der Sohn meiner Bianca ist — wofür mein Gefühl spricht — dann will ich Ihnen freigebigster Weise meine Freude über ein solches Geständniß zeigen. Nennen Sie selbst Ihre Bedingungen und Sie werden kaum auf Widerstand bei mir stoßen, wenn Sie mir genügende Beweise der Wahrheit geben können."
Frau Falkner war unschlüssig; ihr Blick war zu Boden gesenkt und offenbar erwog sie reiflich, was sie thun sollte, bevor sie antwortete.
„Ich möchte wohl wissen, welchen Werth Sie auf einen Erben legen würden, Mylord," antwortete sie kühl, „und wäre es nur, um zu wissen, wie sehr ich Sie durch meine Antwort strafen oder erfreuen könnte. Ich beeinflusse Sie auch mit keinem Worte bei Ihrer Entscheidung, ob Adele oder Rupert in Wahrheit das Kind Ihrer vernachlässigten Bianca ist."
„Eigentlich ist ein solches Glück kaum mit Geld zu bezahlen," sagte Graf Treville lebhaft, „aber wenn Sie sich mit einer Belohnung von zehntausend Pfund befriedigen lassen, so sollen Sie dieselben behalten, wenn Sie genügende Beweise Ihrer Versicherungen geben können und Ihren Betrug, daß dieses Mädchen meine Tochter sei, eingestehen."
»Was meinst Du, Adele," wandte dis Frau sich zu derselben, „sollen wir den stolzen Grafen in seinen Phantasien unterstützen und ihm einen Sohn geben?"
„Mir ist er sowohl wie seine Phantasie gleichgiltig," erwiderte die Angeredete mürrisch. „Ich weiß nur so viel, daß ich unabhängig sein möchte und daß ich nicht als ehrlos an- gesehen werden will, denn das könnte ich nicht ertragen. Am liebsten, Tante, liefe ich davon und ließe nie wieder etwas von mir hören."
Und des Mädchens heftiges Schluchzen bestätigte ihre
«Wenn Sie diesem jungen Mädchen die genännte Summe geben und mir das Einkommen bewilligen wollen, das Sie rrn " wenn Adele sich als Ihre Tochter ausweisen sollte, will ich Sie über die Wahrheit zufrieden stellen," sagte Frau Falkner nach einer kleinen Weile.
.»Und mit Beweisen? Mit Beweisen? Nicht nur mit mündlichen Versicherungen?" fragte der Graf erregt.
Frau Falkner neigte bejahend den Kopf.
„Sonst nützt es wenig," entgegnete sie falt „Ich Habs dis Ungewißheit und die Undankbarkeit Derer satt, für dis ich gearbeitet, gelitten und gewartet habe. Wenn Sie mir also als Ehrenmann Ihr heiliges Wort darauf geben, daß Sie meinen Bedingungen in vollem Maße nachkommen wollen, soll die Sachs ein für alle Mal zum Abschluß kommen."
„Ja, ja, ich verspreche es," erwiderte der Graf leidenschaftlich, während sein bleiches Gesicht glühte und seine Lippen vor Erregung zitterten.
„So will ich Ihnen eine sehr kurze und einfache Geschichte erzählen," fuhr die Frau ruhig fort. „Als Sie die schöne Spanierin, die Sie erst heimlich geheiratet und bann verstoßen hatten, meiner Obhut anvertrauten, nahm sie mir das Versprechen ab, daß das Kind, dem sie bald das Leben zu geben hoffte, weder Ihnen überlassen, noch Ihnen das Geschlecht des Kindes verrathen werden sollte, bis ich volle, feierliche Beweise Ihrer Reue und die feste Ueberzsugung erlangt hätte, baß Sie für das unglückliche Kind in väterlicher Weise sorgen würden. Damals hatte ich selbst noch kein Kind, aber drei Jahre später wurde mir eine Tochter geboren, und um dieselbe Zeit verlor ich den Vater dieses Kindes. Da waren meine Pläne gefaßt, als Adele noch in der Wiege lag. Ich beschloß, sie als das Kind einer verstorbenen Schwester auszugeben, während Rupert für meinen Sohn gelten sollte und daß die Heirath zwischen ihnen ermöglicht werden sollte, bevor ich das Geheimniß von Ruperts Geburt offenbarte. Das mir leicht zu bewerkstelligen, da ich in Bremen, wo ich später meinen Wohnort aufschlug, nur Wenigen, sehr Wenigen bekannt war, und mehrere Jahre lang hatte ich nicht die geringste Besorgniß, daß mein Plan fehlschlagen könnte- Aber die unerwartete Ankunft dieses Eindringlings dort," fuhr sie mit einem feindlichen Blick auf Cora fort, „zerstörte Aller und erst nach langer Zeit, nachdem ich nichts unversucht gelassen hatte, Rupert zur Vernunft zu bringen, beschloß ich, ihn mit dem Verlust seines Geburtsrechtes zu strafen. Wie die Dinge jetzt stehen, hat sich ja Alles geändert."
(Fortsetzung folgt.)
Madame Sans Gsne.
Roman «ach Bictorion Sardou und F. Morrea«. Deutsch von Adel» Borger.
(Fortsetzung.)
„Von Freuden zwischen uns kann keine Rede fein! Sie weigern sich also?"
„Nein. — Ich bitte Sie, mir eine Frist zu bewilligen. Warten Sie ab, bis der Friede geschlossen ist. Das wird nicht lange dauern."
„Meinen Sie? Sie hoffen also, daß die Feiglinge und Verräther den Sieg davontragen werden, und daß Verdun sich nicht vertheidigen wird?"
„Ich halte eine Verteidigung für unmöglich. Diese Handwerker, diese kleinen Bürger, die Schmiede und Schuhflicker sind nicht int Stande, den Armeen des Kaisers und des Königs zu widerstehen."
„Beleidigen Sie nicht brave Leute, die sich wie Helden schlagen werden, nachdem sie es verstanden, sich der Verräther und unfähigen Vorgesetzten zu entledigen," sagte Her- minie mit Energie.
„Ich beleidige Niemanden," sprach der Baron mit seiner immer süßen Stimme- „Ich bitte Sie nur, zu bedenken, daß diese Stadt keine Garnison hat."
„Sie wird bald eine haben," murmelte Herminie.
„Was wollen Sie damit sagen?" rief der Baron verblüfft.
„Ich will damit sagen--Aber hören Sie!"
Und Herminie machte dem Baron ein Zeichen, aufzuhorchen.
Ein wirres Geräusch, Geschrei und Vivatrufe stiegen


