Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Donnerstag den 25. April
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Fviihling!
Verjüngt steht vor uns die Natur,
Wohin wir geh'n, auf allen Wegen, An Baum und Strauch, in Wald und Flur, Da lacht der Frühling uns entgegen.
Und Vogelsang und Blüthenduft Erfüllen ringsumher die Luft.
Es schmückt nach langer Winterszeit Mit Grün sich Felder und die Wiesen;
Von Schnee und Eis nun ganz befreit, Die Bächlein alle munter fließen;
Das Veilchen, unter'm Laub versteckt, So blüthenreich fein Köpfchen reckt.
Gezogen von dem fernen Strand Sind nun die vielen Vöglein wieder, Sie brachten Frühling mit in's Land Und singen fröhlich ihre Lieder;
Die Lerche trillert in der Luft, Am Waldesrand der Kukuk ruft.
D'rum froh hinaus zum grünen Wald, Da soll das schöne Lied ertönen Im herrlich-schönen Aufenthalt
Von Frühlingsbotschaft — Frühlingssehnen.
Das Echo schall' in Berg und Thal: Frühling wird'» nun doch einmal!
Kehr' bei uns ein, du schöne Zeit, Und bring' uns Frieden, Glück und Liebe;
Auf allen Wegen weit und breit, Da laß gedeih'« die zarten Triebe;
Den Kranken lind're Schmerz und Pein, Dann wird'» für Alle Frühling sein!
Gießen, im April 1895. Louis Roloff.
Unebenbürtig.
Roman von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
Fürstin Melanie überschüttete ihre schöne Verkäuferin mit Dank und Bedauern, versprach, selbst zu fragen, wie es ihr ginge, und endlich befand sich Hohenthal mit Nora draußen auf der Straße im wirbelnden Novemberschnee.
„Das thut gut," seufzte das schöne Mädchen, tief auf- athmend, „Onkel, ich hätte es drinnen im Saal nicht länger ausgehalten."
„Arme Kleine, Du bist angegriffen! Aber Du we-nst, Nora, das kenne ich ja nicht an meinem heiteren, muthigen Mädchen."
„Onkel, ach Onkel, weshalb hast Du mir nicht Alles gesagt," schluchzte sie jetzt völlig faffungslo», „ich hätte ihn gehaßt und gemieden — und nun —"
„Du sprichst von Rudolf Wildenstein, Deinem Oheim?"
„Er ist es nicht," fuhr sie leidenschaftlich auf, „ich habe e» ihm in's Gesicht gesagt, daß keinerlei Beziehungen zwischen uns bestehen können und — und — daß —"
„Daß Du ihn hassest, wie es Dein Vater befahl," vollendete Hohenthal streng; „für ihn mag es wohl schwer sein, zu vergeben und zu vergessen, aber Du, ein Mädchen, solltest doch eher suchen, mit sanfter Hand zu mildern und zu versöhnen. Mein armer Freund Graf Wildenstein thut mir unsäglich leid, wenn ich ihn auch damals eben so sehr ver- urtheilte."
Nora schwieg, auch in ihrem Herzen sprach eine Stimme genau so wie der Onkel; sie empfand, daß er recht habe.
„Du reisest schon morgen, Onkel?" fragte sie nach einer Pause gepreßt.
„Ja, mein Kind, ich muß endlich heim."
„So werde ich Dich zur Bahn bringen; ich muß Dich bis zuletzt haben."
Innig schauten ihre schönen Augen ihn an; er war für sie mehr noch, als der Vater, wennschon derselbe sie zärtlich liebte; denn Stetten hatte seit Theresens Tode eine Reizbarkeit und Bitterkeit angenommen, die den Verkehr mit ihm häufig erschwerten.


