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etwa« in’« Ohr geflüstert. Das Kind hob beide Händchen ängstlich auf und feine Stimme war nahe dem Weinen, al» ■ es sagte: „Bitte — Vater dableiben — und kleine Franz 1"
Der Stephan blieb stehen; seine Braunen zogen sich zusammen und seine Augen zuckten. Dann lief er davon, ohne ein Wort zu reden. —
Drei Tage später begruben sie das Weib des Comödian- ten. Es war eine recht armselige Leiche, kaum ein Dutzend Leidtragende: Der Bauer, die Bäuerin, das Gesinde und Anton-
Das war auch bald vorbei, umsomehr, als es ein grimmiger, kalter Tag war und Jedes trachtete, wieder unter Dach zu kommen.
Anton verblieb im Hinterhaus, ohne daß sein Vater auch nur ein einziges Wort mehr mit ihm gesprochen hatte.
Nur al» er gleich nach dem Begräbniß erkrankte und mehrere Wochen lag, schickte ihm der Stephan den Doctor, den er dann heimlich beim Fortgehen befragte. Der aber mußte ihm nicht viel tröstliche Worte gemeldet haben; Stephan ließ den Kopf tief auf die Brust sinken. Und von da an litt er es ohne Widerrede, daß der Anton, selbst al» er wieder auf war, im Gestndehau» verblieb, ohne sich an den gewöhnlichen Arbeiten zu betheiligen.
Dafür aber hatte Stephan seine Helle Freude an dem kleinen Franz. Da» war ein Prachtbube, voll Gesundheit und Leben. Für den war'» da» höchste Vergnügen, auf einem Pferderücken nach dem Felde zu reiten und dort sich mit den Arbeitern herumzutollen; daß mußte einst ein ganzer Bauer werden.
Das Frühjahr war da und der Anton auch noch. Der Stephan sagte noch immer nichts, aber Anton ging erregt unruhig umher, bis er eines Tages seinen Gang nach dem Vaterhaus nahm.
Sie waren in der Stube, wie er hereinkam; der Stephan, sein Weib und das Kind. Und keines hatte ihn da erwartet, wo er sonst nie hinkam.
Einen Augenblick wußte Anton nicht, wie beginnen; aber es stand ja fest und mußte auch sein. Der Bauer war aufgestanden.
„Es wird Zeit, daß ich wieder gehe," Hub Anton an; „lange genug bin ich Euch zur Last gefallen — bin fremd geworden hier und werd' mir im Leben wohl kaum mehr dar Heimathsrecht verdienen. Weil ich Euch aber viel Dank schuldig bin, wollte ich nicht fort, mitten in der Nacht wie — damals, wo ich ein unbesonnener Junge war. Heute, wo mich die Zeit und die Sorge früh genug zum alternden Manne gemacht haben, danke ich Euch noch einmal für all' das, was Ihr dem Fremden gethan habt. Und ich hätte nur eine Bitte noch —" — sein Auge suchte da« Kind — „wollt Ihr mein Kind bei Euch behalten? Es hat ja jetzt schon da seine Heimath gefunden, die ich ihm nirgends bieten kann. Rur blutiges Elend kann ich ihm zeigen und den Untergang. Mich aber laßt hinaus in meine weite Welt, die mich wieder aufnehmen wird mit vollen Armen, die mir wieder gewähren wird, was sie bisher gab und die ich doch nicht mehr meiden kann."
Einen langen Kampf hatte währenddem da» harte Herz de» Bauern gekämpft; heiß kam der Athem aus der breiten Brust, als er Anton entgegsntrat und zum erstenmale nach langer Zeit den Namen seines Sohnes aussprach.
„Anton," sagte er, „willst Du versprechen, mir keine Schande mehr zu machen — willst Du Dich fügen in die Sitten und Bräuche Deiner Heimath — willst Du wieder ein Bauer werden, so bleibe dal"
Er glaubte viel gethan zu haben und auch die Bäuerin blickte freudig auf.
Allein Anton schüttelte den Kopf, obgleich ihm Thränen in den Augen standen.
„Wie ich Euch danke," flüsterte er halblaut. „Wieder einmal nach langen Jahren habt Ihr mich Anton genannt; Ihr glaubt nicht, wie wohl da» thut und wie ich Euch Dank
dafür weiß. Aber bleiben — da» kann ich dennoch nicht, wie gut Ihr'» auch meint."
Stephan trat einen Schritt zurück und seins Mundwinkel wurden starr.
„Ihr wißt es nicht, Vater," fuhr Anton bittend fort, „welcher Zauber meinem Berufe innewohnt. Ich konnte mir nie eine Stellung erringen, wie mancher Andere, der, wenn auch nicht glänzend, so doch zu leben hat. Ich blieb stets der halbe Bauer und auch Weib und Kind, die ich nie verließ, trugen nicht dazu bet, meine Lage zu verbeffern. So bin ich zum Wander-Eomödianten geworden, zu einem, der das ganze große Elend hinter den bunten Eouliffen kennt. Und dennoch ist dieses Elend nicht so, wie das der anderen Welt; thut auch der Jammer sehr wehe, sind die Wunden auch tiefer, ein Zauber liegt dennoch selbst darin, den sich Keiner erklären kann- Das ist das Lampenlicht und wie die Motten ziehen
i wir nach diesem Licht, ob wir sterben darin oder zur Höhe fliegen."
„Sterben und verderben — jal" murmelte Stephan.
„Ich weiß es, Vater, aber es ist vergeben». Ich habe meine Heimath verloren an dem Tage, da ich sie freiwillig floh. Nun kann ich nicht mehr bleiben, auch wenn ich so gerne wollte."
„So geh' — und stirb auf der Landstraßei" tönte de» Bauern harte Stimme. Tiefer Groll lag darin. Anton lächelte bitter.
„Das ist das Loos der Meisten von uns. Kaum Einer stirbt in den Armen der Seinen. Alle allein, unter fremden - Menschen — und dennoch haben sie es Alle selbst gewählt und deshalb laßt auch mich gehen in Frieden."
Noch einmal fühlte Stephan eine leise Regung von Mitleid in sich; er gedachte an den Ausspruch de» Doctor».
„Du bist immer noch krank, Anton," sagte er, „mehr vielleicht, al» Du selber denkst. Ich kann Dich nicht verstehen, was Du von dem elenden Leben in der Welt draußen sagst, aber ich meine — und ich setz' den Fall — Du hättest nicht mehr lange zu leben — wenn Du'» so vor Augen sähest — möchtest Du auch dann nicht lieber im Vaterhaus sterben, al» draußen in der Fremde?"
Anton streifte langsam mit der Hand über die bleiche Stirne.
„Wenn'» einmal an'» Sterben ging, Vater — ja — dann möcht' ich wohl zu Hause sein." Nun schien ihm ein Gedanke zu kommen. „Ich will Euch noch sagen, Vater, wenn ich die Zeit fühle — wenn e» bald so weit ist — dann will ich noch trachten, heimzukommen. Legt mich dann hinüber neben mein Weib und meinen Bruder, so könnte ich in der Heimath schlafen."
„Umsonst," murmelte Stephan; sein Weib aber schluchzte leise.
Der Wander-Comödiant trat seinem Vater näher.
„Nun laßt mich; — mein Kind nehmt Ihr doch bei Euch auf? Zwei Söhne habt Ihr verloren, das Kind ist noch frei von Schuld. Nehmt es für mich al« Ersatz und macht au» ihm, was ich nicht werden konnte. Haltet es fern von Allem, was an das flimmernde Lampenlicht, an das tödtends Truggold gemahnt; es wird leicht vergeflen, was es noch kaum weiß. Und wenn Ihr ihm von seiner Mutter erzählt, sagt ihm, sie wäre gestorben, weil sie den Vater zu sehr geliebt, der ein ungehorsamer Sohn gewesen — und deshalb auch gestorben wäre."
Er nahm den kleinen Franz zu sich herauf, schaute ihm wehmüthig in die Hellen Augen, streichelte ihm die Backe —
eine Thräne trat ihm dabei in'» Auge. Er setzte ihn ab,
nahm die Hand seiner Mutter, welche sie nicht loslaffen wollte. Er entzog sie ihr, ohne ein Wort zu sagen. Dann tastete er
unsicher nach Stephan? Händen; einen Augenblick schien e«,
als möchte sie ihm der entziehen, aber er seufzte dann tief und ließ sie ihm.
Eine Minute darauf war Anton aus der Stube.
„Ausl" sagte dumpf der Stephan, als sich die Thüre schloß. „Wir haben keine Söhne - Alle tobt!" Er fiel in


