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Beaurepaire wollte den Hirten schon wegschicken, als er sich besann und ihn fragte: „Und den Namen des kleinen Dorfes zwischen den Hügeln, das die Wälder so vollständig verdecken, kennst Du den?"
«Ja, Herr, das ist Jouy-sn-Argomie."
Beaurepaire fuhr zusammen, faßte sich aber sofort. Er ergriff sein Fernrohr und von der Höhe des Hügels aus betrachtete er aufmerksam, gierig, mit traurigem Blick das bescheidene Dorf.
Er konnte die Augen gar nicht davon abwenden. Man hätte meinen können, daß er dort etwas entdecken wolle, was ihn im höchsten Grade interessierte.
Trotzdem war nirgends eine Spur eines Feldlagers, nirgends ein Bivouacfeuer; nichts von dem, was die Anwesenheit von Soldaten verräth, zeigte sich in der waldigen Schlucht.
Nachdenklich kehrte Beaurepaire zu den Freiwilligen zurück, die sich, nachdem die Gewehre zusammengestellt waren, bereits mit der Zubereitung der Suppe beschäftigten.
Während die Einen Holz schneiden gingen und die Andern aus einer Quelle, die vom Hügel herabkam, Waffer schöpften, putzten die Kochgehilfen das unterwegs von den Feldern entlehnte Gemüse und begleiteten ihre Beschäftigung mit dem Singen der Gamelle.
Wenige Schritte von den offenen Küchen stand ein Karren. Ein guter alter Schimmel knusperte an dem Grase und riß an dem Strick, um zu der Rinde der jungen Bäume, dem Gegenstände seines Gelüstes, zu gelangen.
13. Infanterie-Regiment.
Mde. Catherine Lefebvre, Marketenderin.
Wenige Schritte von dem Karren spielte ein Kind um die Gewehrpyramiden herum; wie um Schutz suchend näherte es sich von Zeit zu Zeit der Marketenderin, die ihm beruhigend die Wange klopfte, ohne sich zu unterbrechen, denn die Soldaten forderten stürmisch die Eröffnung der Cantine. Bon einem Soldaten unterstützt, legte sie ein großes Brett auf zwei Schrägen. Bald standen Krüge, Kannen, ein kleines Faß, Gläser und Teller auf diesem improvisierten Tisch.
Die Cantine war eröffnet, und die Kunden drängten sich herein. Der Weg und die Lieder hatten die gutgelaunte Truppe durstig gemacht. Bald füllten sich die Gläser und man stieß auf den Erfolg des Bataillons von Mayenne-et- Loire, auf die Befreiung Verduns an.'
Richt alle befaßen Geld, aber die Marketenderin hatte ein gutes Herz und kreditierte den Bedürftigen — nach dem Siege bekam sie ihr Geld.
Beaurepaire betrachtete lächelnd dieses belebte Bild und während seine Augen zu dem Dorfe Jouy-en-Argonne zurückgingen, murmelte er für sich: „Unmöglich, mich zu entfernen. — Wen könnte ich hinfchicken? Ich brauchte jemand Vertrauenswürdigen — am besten eine Frau — aber wo eine solche Botin finden?"
Und er fuhr fort, die um den Karren Catherine Lefebvres gruppierten Männer zu beobachten.
In einiger Entfernung und anscheinend gleichgiltig gegen die Freude der ruhenden Truppen unterhielten sich ein Sergeant und ein junger Mann, der die Achselschnüre des Sanitätscorps trug, sehr lebhaft miteinander, indem sie die Stimme senkten, wenn sie sich beobachtet glaubten.
Es war Marcel, der nun Renee, den hübschen Sergeanten wiedergesunden hatte. So wie das junge Mädchen es gehofft hatte, war es ihm durch die Protektion des jüngeren Robespierre und auf die Empfehlung Bonapartes gelungen, vom 4. Artillerie-Regiment versetzt zu werden. Nachdem er der Batterie zugetheilt worden war, die zu dem kleinen, unter dem Commando Beaurepaires befindlichen Corps gehörte, hatte er sich in St. Menhould dem Bataillon angeschlossen.
Die Erfordernisse des Dienstes, die Unterschiede des Ranges und der Platz des Assistenzarztes am Ende der Co-
lonne hatte bis jungen Leuts verhindert, miteinander zu sprechen und ihre Freude über das Wiedersehen auszutauschen.
Die unerwartete Etappe, welche der Commandant vor dem Dorfe Jouy-en-Arbonne befahl, bot ihnen endlich die so lange erwartete Gelegenheit und sie machten sie jfich zu nutze.
Beaurepaire wollte sich, etwas überrascht über die schein, bare Vertraulichkeit zwischen dem Sergeanten und dem Assistenz.', arzte, entfernen, indem er sich vorbehtelt, sich über die Ursache dieser Intimität zu informieren, als der zufällig vorübergehende Lefebvre Marcel anfprach.
„Sie kommen vom vierten Artillerie-Regiment?" fragte er, das t&e-ä-tete der beiden Liebenden unterbrechend.
«Ja, Lieutenant, ganz direct."
«War der Kapitän Bonaparte, dem fein Rang zurück- gegeben ward, beim Regiment, als Sie es verließen?"
„Kapitän Bonaparte war in Corsica — er bekam die Erlaubniß dazu — aber er schrieb einigen Freunden in Valencia und daher wußten wir im Regiment, wie es ihn ging. Es wurde von dem Kapitän Bonaparte sehr viel ge» gesprochen."
Beaurepaire, der zugehört hatte, trat heran und sagte lebhaft: „Ah, und wie geht es Bonaparte? Ich hoffe, daß ihm nicht wieder etwas zugestoßen ist. Können Sie mir nicht Auskunft geben? Ich gehöre ebenfalls zu feinen Freunden."
„Herr Commandant," sagte Marcel, „der Kapitän Bonaparte ist heute bereits in Sicherheit in Marseille mit seiner ganzen Familie, aber er hat sich in großer Gefahr befunden."
„Teufel, erzählen Sie, was ist ihm denn geschehen?"
„Pardon, Herr Commandant," sagte Lefebvre, „glauben Sie nicht, daß wir die Erzählung des Doctors besser bei einer Erftischung anhören könnten? Meine Frau wird uns bedienen." t
„Gerne," sagte der Commandant, indem er sich niederließ. „Auf das Wohl der Bürgerin Lefebvre, der schönen Marketenderin vom 13.1" Alle Drei stießen mit den Gläsern an, während Lefebvre zu seiner Frau sagte: „Höre, war der Doctor erzählen wird — Neuigkeiten von Corsica. Es handelt sich um Deinen Freund, den Kapitän Bonaparte."
„Am Ende bist Du noch jetzt auf diesen armen Bonaparten eifersüchtig," sagte Catherine achselzuckend. „Ist ihm denn etwas zugestoßen, Herr Assistenzarzt?"
„Er ist nur durch ein Wunder dem Tode entronnen."
„Jst's möglich? O, erzählen Sie uns geschwind, um was es sich handelt — mit der Erlaubniß des Herrn Com- Mandanten," sagte Catherine, indem sie sich rittlings aus einen Baumstamm setzte, mit offenem Munde und gespitzten Ohren, voll Ungeduld, Nachrichten von ihrem alten Kunden zu erhalten. (Fortsetzung folgt.) f
Entsagung.
Immerfort preisen die Dichter in feurigen Liedern die Liebe, Weil sie der Tugenden erste, stärkste und edelste sei.
Doch viel höher im Werth, dünkt mir, steht stille Entsagung Auf dieses himmlische Glück; ihr gebühret der Preis!
Liebe ist kein Verdienst, sie folgt natürlicher Ordnung Und ein jedes Geschöpf beuget sie unter ihr Joch.
Wer es aber verstand, stark dann Entsagung zu üben, Wenn ihm das wonnige Gift mächtig die Adern dnrchströmt Und ein liebendes Herz sich warm an den Busen ihm schmieget — Der hat die Liebe besiegt, folgt er der Stimme der Pflicht. Das ist wahres Verdienst: der Adel solcher Gesinnung, Die der gewöhnliche Mensch nicht zu erfassen vermag.
-g-
WebacHon: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


