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Rebaction: A. Tcheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Meßen.

wtn Fenster hinaussprangen, weil ihnen ihr Gemüthszustand nicht einmal mehr die Ueberlegung gestattete, daß man durch die Thür tu gehen habe.

Westphal selbst verwahrte sich noch sehr energisch dagegen, daß man diese Zustände mit den bei geistigen Erkrankungen aller Art vorkommendenZwangsvorstellungen" zusammen- werfe. Heute jedoch scheint unter den Neuropathologen im Allgemeinen Uebereinstimmung darüber zu herrschen, daß man die Agoraphobie und Klautrophobie mit einer ganzen Anzahl anderer -phobien, so weit sie bei Individuen erscheinen, die nicht Symptome schwerer Nervenkrankheiten aufzeigen, als Theilerscheinungen einer der verbreitetsten Nervenaffectionen auszufassen hat, nämlich der Neurasthenie.

Lange vor Beard, der den ausgezeichneten Namen erfand, war die eigenthümliche Krankheit von namhaften Klinikern gesehen und geschildert worden. Jedenfalls ist aber jetzt diese Neurasthenie neben der Hysterie die eigentlich Signatur gebende, die Modekrankheit unseres Jahrhundert-Endes.

Die Krankheit ist characterisirt zunächst durch eine auf­fallende Ermüdbarkeit der willkürlichen und unwillkürlrchen Muskeln, starke Schweiße und Herzklopfen selbst bei leichter körperlicher Bewegung, durch Empsindungsstörungen in allen Theilen des Körpers; und in geistiger Beziehung durch eine außerordentlich leichte Erregbarkeit und einen Mangel an seelischem Gleichgewicht, der die Stimmung in kürzester Zeit, unter verhältnißmäßig unbedeutenden Erregungen des Ge- müthes, vomHimmelhoch jauchzend" zumZum Tode betrübt schwanken läßt. Auf kleine Anlässe hin lassen sich solche Menschen bis zu Thränen begeistern und rühren, gerathen in die freudigste Ekstase, in das gesteigertste Seligkeits- und Kraftgefühl: aber ebenso leicht geben sie sich auch Ausbrüchen von Zorn, Schmerz, Kummer hin; versinken in Trübsal, spinnen sich in Gedanken ein,fangen Grillen", und find Beängstigungen ausgesetzt bei Gelegenheiten, welche dem normalen Menschen keine Vermehrung der Pulszahl eintragen.

Zu diesen Beängstigungen gehört in hochgradig gesteigerten Fällen auch die Platzangst, die wohl immer mit anderen Symptomen der Neurasthenie einhergeht, namentlich mit der berüchtigten Spinal - Irritation, einem höchst unangenehmen und belästigenden schmerzhaften Ermüdungsgefühl im Verlauf der Wirbelsäule. ,,

Wohin man solche Kranke, überhaupt die Neurastheniker, rechnen soll, ist eine schwierige Frage. Eine eigentliche Geistes krankheit liegt gewiß nicht vor. Nicht nur, daß sich der den oft außergewöhnlich begabten Kranken keine Spur einer Störung der höheren geistigen Kräfte zeigt, so scheint rm Gegcntheü | das mit der Neurasthenie verbundene Uebelbefinden der Tribut i zu sein, den fast alle groben Denker und Künstler der Menschlich' | feit zu zollen haben. Ob die Organisation des Säugethier, leides die sozusagen parasitische Herrschaft eines bis ins Feinste veredelten, unmäßig arbeitenden Gehirnes nicht verträgt; ob die soziale Belastung neben der geistigen die Schuld trägt, ob hier vielleicht, wie einige kühne Naturphilosophen meinen, die Natur in der naiven Grausamkeit der Schöpferin die« jenigen Wesen auszuschalten bemüht ist, die für den immer schwerer werdenden Kampf ums Dasein nicht die geeignet Organisation aufweisen, um eine Rasse von Uebermenschen zu gebären, darüber wird unsere Generation wohl reine Klarheit mehr gewinnen.

Literarisches

*1 Wir entnehmen diesen Artikel der bekannten vorzüglich ge- leiteten ft attulienaeitfdbrif tZur Guten Stunde" (Berlin W, Deutsches XH h». Preis des Vierzehntag-Heftes M. 0,40). Die rreitschriit zeichnet sich dadurch vor allen deutschen illustrrrten Familien - blättern aus, daß sie neben spannenden Romanen und Novellen erster Autoren stets gründliche, klare Artikel über Alles bringt, was das Interesse der Zeit hervorragend in Anspruch nimmt. Wir empfehlen das Blatt unfern Lesern aus's Wärmste.

Von Dr. Fr. Ranzow.

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Unter den Namen: Agoraphobie (L70PL, der Markt, der Platz) beschrieb der seither verstorbene berühmte Nerven- arzt Professor Westphal im Jahre 1871 eine nervöse Krankheit, die bis dahin sich der ausdrücklichen Kennzeichnung durch die Aerzte entzogen hatte, die aber seitdem als eine sehr häufige Bealeiterscheinung allgemeiner nervöser Erkrankungen oft be­obachtet wird. Sie ist als Platzangst, Platzsurcht, unzutreffender auch al« Platzschwindel, heute auch in Laienkreisen sehr bekannt.

In den ausgesprochensten Fällen tritt bei den Kranken ein schwerer, nervöser Zustand in dem Augenblicke ein, wo sie einen freien Platz überschreiten wollen. Sie werden plötzlich mitten im besten Wohlbefinden von einer unerklärlichen Angst befallen, und zwar von einer tödtlichen Angst, als ständen sie vor einer, das Leben unmittelbar bedrohenden, entsetzlichen Gefahr. Die Kranken beben am ganzen Leibe, die Brust ist ihnen zugeschnürt, das Herz klopft zum Zerspringen, Hitze und Frost wechseln im Augenblick, der Angstschweiß dringt au» allen Poren, der Fuß klebt am Boden, ein böserAlp lähmt alle Glieder, vor den Augen tanzen farbige Flecken und in den Ohren hämmern die Glocken des jüngsten Gerichts. Jeder Versuch, den der von der klaren Einsicht der Grund­losigkeit dieser entsetzlichen Angst unterstützte Wille macht, den geheimnißvollen Empfindungen Trotz zu bieten, verschlimmert die Erscheinungen und der Kranke ist gezwungen, umzu- kehren oder den Platz zu umgehen.

Aehnliche Angstzustände treten zuweilen, jedoch seltener, auch auf, wenn der betreffende Kranke lange, menschenleere Straßen, lange Corridore zu durchschreiten hat, wenn er eine Kirche, ein Versammlungsgebäude betritt, zuweilen auch beim Passiren einer Brücke. Analoge Erscheinungen befallen wieder andere Kranke, wenn fie ohne Begleitung im offenen Wagen fahren u. s. w. _

Seltsam ist, daß alle diese schweren Symptome auszu­bleiben pflegen, wenn sich der Kranke in Gesellschaft, sei e» auch nur eines Kindes, befindet, manchmal auch, wenn er einen Gegenstand in der Hand trägt, wenn er den Platz im Laufschritt nimmt, oder fich mit einem Glas Wein Muth ttiUft22enn man die häufig den gebildeten Ständen angehörigen, oft sehr intelligenten Kranken fragt, was denn dieser fürchterlichen Angst zu Grunde liegt, so müssen fie meistens zugeben, daß keine bestimmte Vorstellung den Complex der Symtome aus­löst. Die Angst überfällt sie plötzlich, mitten in der harm­losesten Gemüthsstimmung, und verschwindet in dem Augen- blicke, wo sie die Absicht aufgeben, den Platz zu überschreiten. E« begegnet ihnen sogar zuweilen, daß sie, tief in. Gedan en versunken, ohne auf den Weg zu achten, einen solchen Platz überschritten haben, und fie erzählen, daß dabei keine Andeutung de« Leidens aufgetreten ist. - Weniger scharfe und ehrliche Selbstbeobachter construiren fich nach der bekannten Erfahrung, daß der Mensch sich Gründe für seine Handlungsweise zu- rechtmacht, wenn er keine anzugeben weiß, nachträglich eine Vorstellung zusammen, die nach ihrer Ueberzeugung der Angst zu Grunde gelegen habe, z. B. sie hätten gefürchtet, von einem Schlagfluß getroffen zu werden und dergleichen.

Eine verwandte Erscheinung ist die Klautrophobie, die Angst vor dem verschlossenen Zimmer. Man hat beobachtet, daß solche Kranke, wenn fie plötzlich bemerkten, daß fie in einem verschlossenen Zimmer allein waren, in ihrer Todesangst

DasPagen- undKadettenleben wird in einem ausführlichen und sehr reich illustrirten Artikel der Familienzeitschrift ,3«« GttttN Stunde* (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) behandelt. Der Verfasser HanS Nagel von Brawe zeigt sich über das Thema so wohl unterrichtet, daß man »i ihm einen Mann von bevorzugter Stellung annehmen muß, der besonders mit dem deutschen Kaiserhofe oft in Berührung gekommen. Der m- teressante Artikel wird namentlich auch die Frauenwelt lebhaft anzreheu Die Gratisbeilage Jllusttirte Klassikerbibliothek mit Chamifso's Gedichten gereicht jeder Bücherei zur Zierde.

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