ahnte nicht, daß wenige Meter von ihr entfernt Eclaireure des 13. Regiments die Wälder von Cuesmes durchstreiften und bei ihrer Rückkehr von der Recognorcirung in der Kantine Catherinens ihre kühnen Ausflüge bis unter die Mauern des Schlosses Lowendaal erzählten.
Catherine war es nicht schwer geworden, zu erfahren, daß Blanche fich im Schlöffe befand.
Ein der Sache der Freiheit ergebener Bauer hatte berichtet, daß am Vorabend ein feiner Herr und eine Dame im Schlosse angekommen seien.
Nach dieser Beschreibung hatte Catherine ihre Beschützerin erkannt und sofort ihren Plan gefaßt: Sie wollte sich in'r Schloß begeben, Blanche von Lavaline sehen und ihr mittheilen, daß ihr Kind, der kleine Henriot, sich bei ihr unter dem Schutze der Bajonette Lefebres befinde.
Dann konnten ste zusammen die am wenigsten gefährliche Art und Weise berathen, um Mutter und Kind zu vereinigen und ihnen den Durchgang durch das feindliche Lager zu ermöglichen.
Nachdem fie diesen Entschluß gefaßt hatte, steckte Catherine die zwei Pistolen, mit denen ste sich an Schlachttagen immer bewaffnete, in ihren Gürtel, verließ das Lager und wendete fich dem Schlosse Lowendaal zu.
Ste hatte Lefebvre nichts davon gesagt, denn er würbe wahrscheinlich die Expedition nicht billigen und vor der Gefahr erschrecken, der sich seine Frau in den Wäldern und Ebenen zwischen den beiden feindlichen Armeen aussetzte. Vor dem Weggehen küßte fie noch lange den kleinen Henriot, der in dem Karren, in dem auch Alice schlief, schon zu Bett gebracht worden war, indem sie ihm zuflüsterte: „Schlaf', Kleiner, ich gehe Deine Mutter suchen."
Dann machte sie sich sorglos und tapfer auf den Weg, ohne an die umherstreisenden Oesterreicher zu denken, aber ein wenig unruhig, daß Lefebvre sie bei ihrer Rückkehr schelten würde.
Im Augenblick, als ste ein kleines Gehölz, den letzten französischen Vorposten, beschritt, sah sie eine lange, magere Gestalt vor sich auftauchen. Die Silhouette eines Mannes, der hinter einem Baum fich verborgen gehalten hatte, erschien vor ihr.
Sie fuhr mit der Hand nach dem Gürtel, ergriff eine der Pistolen, zog den Hahn auf und sagte nicht sehr laut, aus Furcht, von den aufgestellten Wächtern gehört zu werden: „Wer da?"
Gleichzeitig zielte sie, bereit, zu feuern.
„Keine Dummheiten, Madame Lefebvre, ein Freund," sagte eine Stimme, die sie zu erkennen glaubte.
„Wer, ein Freund?"
„Zu dienen, La Violette."
„Ach, Du bist's, Du Dummkopf, Du hast mich beinahe erschreckt," sagte Catherine, ihren Kantinengehilfen erkennend, einen etwas simplen Jungen, über den sich das Bataillon gern lustig machte.
La Violette galt nicht für einen Helden und war der Gegenstand täglicher Witze und Neckereien.
Catherine hatte ihrs Pistole eingesteckt und lachte jetzt über ihren Schreck.
, A »So komm' doch vor," sagte sie. „Teufel, vor mir brauchst Du Dich doch nicht zu fürchten. Wozu streifst Du denn vor der Linie herum, Du, ein solcher Hasenfuß?"
La Violette trat schüchtern einige Schritte vor.
„Ich will es Ihnen sagen, Madame Lefebvre. Ich sah Sie aus dem Lager herausgehen und wollte Ihnen nachgehen."
„Um mir nachzuspioniren?"
«O nein; aber ich habe mir gedacht, daß es dort, wo Sie hingingen, vielleicht gefährlich fei."
„Gefährlich ? Ja, ja, das ist es; aber was geht es Dich an? Du und die Gefahr, Ihr seid Zwei."
„Madame Lefebvre, ich habe mich schon längst mit der befreunden wollen. Ich habe mir gesagt, daß heute
Abend vielleicht eine gute Gelegenheit dazu sei."
„Warum heute Abend?" sagte Catherine, über die Haltung und Beharrlichkeit des Kantinengehilfen erstaunt.
„Weil," antwortete La Violette etwas verlegen und nach Worten suchend, „weil man am Abend ruhig ist und sich nicht zu fürchten braucht, gesehen zu werden."
„Du willst nicht gesehen werden?"
„Gewiß nicht! Wenn ich in der Nacht Furcht habe, so sieht es Niemand, während es mich am Tage noch mehr ein- fchüchtert — aber etwas sagt mir, daß ich mit Ihnen, Madame Lefebvre, keine Angst zu haben brauche."
„Du willst also mit mir kommen," fragte Catherine immer überraschter.
„O, schicken Sie mich nicht zurück!" flehte der arme Junge und fügte in aufrichtigem und sehr bewegtem Tone hinzu: „Ich liebe Sie so sehr, Madame Lefebvre! Am Tage hätte ich nie gewagt, Ihnen das zu sagen — in der Kantine vor allen Kameraden — aber hier, wo Alles schwarz ist, bin ich kühn, da erkenne ich mich gar nicht mehr."
Catherine hatte tndeß ihren Weg fortgesetzt. Sie wollte diesem lächerlichen Liebhaber in halb gereiztem, halb ironischem Tone antworten, als zwei Schöffe durch die Nacht hallten.
„Halt!" rief Catherine La Violette zu, der vorwärts gestürzt war. „Wohin denn? Nimm Dich in Acht!" rief sie lauter.
La Violette rannte vorwärts, auf seinem Rücken tanzte ein runder Gegenstand, man hätte sagen können, ein beweglicher Höcker.
Catherine sah den Kantinengehilfen in einem Hopfenfelds verschwinden, aus dem die zwei Schüffe gekommen waren.
Da sie einen Hinterhalt fürchtete, blieb sie am Rande des Hopfenfeldes stehen. Sie hörte ein Geräusch wie von zerbrochenen Zweigen, ein Stampfen von Füßen, und dann erblickte sie in der Ferne die unbestimmte Silhouette eines Mannes, der den Wäldern zufloh, die bis nach Jemappes reichten.
„Er läuft nach der unrechten Seite! Er wird den österreichischen Vorposten in die Hände fallen und sich gefangen nehmen lassen," dachte ste, in der Meinung, daß der Fliehende La Violette sei.
Und mit einem Seufzer, in den fich ein Anflug von Be- dauern mischte, fügte sie hinzu: „Schade, es war ein guter Junge, wenn auch ein Hasenfuß. Er wird in der Kantine schwer zu ersetzen sein."
Dann schickte sie sich an, ihren Weg fortzusetzen, als plötzlich unter den Hopfenstangen, lang und mager wie diese, La Violette erschien.
Er hielt seinen bloßen Säbel in der Hand und wischte die Klinge an den Blättern ab.
„Du!" rief sie überrascht. „Woher kommst Du, was hast Du gemacht?"
„Ich habe den Kaiserlichen verhindert, seine Flinte wieder zu laden, wie er beabsichtigte," sagte ruhig La Violette, indem er seinen Säbel versorgte.
„Wo ist er?" fragte Catherine.
„Dort in den Hopfenstangen."
„Todt?"
„Ich glaube ja. Was den Anderen betrifft, so hatte er bas Glück, auf einen solchen Hasenfuß wie mich zu stoßen, sonst hätte ich ihn noch eingeholt. Ich kann gut laufen, Ma- dame Lefebvre, aber das da genirt mich," fügte der Kantinengehilfe hinzu, indem er auf den runden Gegenstand auf seinem Rücken wies.
„Was ist das?"
„Die Trommel von Guillaummet, dem Tambour. Ich habe sie mir von ihm ausgeborgt."
„Wozu?"
„Es kann manchmal nützen und dann paßte die Trommel besser sür mich, als ein Gewehr. O, wie gern wäre ich Tambour geworden, es geht aber leider nicht, ich bitt zu groß, Madame Lefebvre. Aber sagen Sie, sollten wir jetzt nicht ein bißchen rasch machen? Der Oesterreicher, den ich entwaffnet


