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1895.
Nr. 7
4 Dienstag den IS. Januar.
Untechaltungsblatt?«m Gießener Aiyeiger (Geneml-AWiger).
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Sturmfluth.
NvMim von Sm. Heinrich«.
(Fortsetzung.)
Der alte pensionirte Rechnungsrath, welcher diese Hälfte der ersten Stockes nur mit feiner Frau und dem einzigen Sohne bewohnte, konnte ein humoristisches Lächeln nicht unterdrücken, al» er bemerkte, wie des Hauptmanns Blicke ängstlich im Zimmer umherschweisten, als suchten fie irgend einen verdächtigen Gegenstand. Er kannte nur zu gut die Mustkfurcht des alten Herrn und hätte ihn gern beruhigt, wenn ihn nicht Rückstcht und eine geheime Angst, irgendwie den Zorn seines Gaste» zu erregen, zum Schweigen bewogen hätten.
„Wir haben dar Wasser so hoch noch nie hier gehabt," knurrte der Hauptmann endlich, „thut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, Herr —"
Ec sah ihn fragend an.
„Mein Name ist Brandt, Herr Hauptmann I"
„Weiß, Herr Nachbar, — waren früher Staatsbeamter, penstonirt wie ich, — nun, habe Ihnen keinen Besuch gemacht, kann nicht gut Treppen steigen. Bin nun doch gekommen, die Elemente wissen sich Gehorsam zu verschaffen."
Er lachte kurz auf, um seine Verlegenheit zu verbergen.
„Wer hätte auch solches von einem invaliden Offizier, der für uns sein Blut geopfert, verlangen können, Herr Hauptmann!" erwiderte der frühere Rechnungsrath ehrerbietig. „Das gnädige Fräulein hat Sie längst dafür entschuldigt."
Hm, der Nachbar wußte, was er ihm schuldig war, ein recht netter Nachbar, in der That!
So dachte unser Hauptmann mit einem wohlwollenden Lächeln, wobei ein angenehm behagliches Gefühl, hier so sicher und warm zu sitzen, ihn erfüllte.
Sie unterhielten sich jetzt eine Weile über die stetig steigende Fluth und die Gefahr, worin die tteferliegenden Straßen und besonders die Häuser an der Benke sich befanden.
„Da« Wasser geht dort bis zum zweiten Stock, wie mein Sohn, der noch vorhin draußen gewesen ist, mir sagt," bemerkte der Rath. „Dabei soll der Strom schon so viele «roße Gegmstände mit stch fortgeriffen haben, daß kein Boot
zur Rettung sich hinunterwagen kann, ohne Gefahr zu laufen, zerschellt zu werden."
„Das wäre ja aber unverantwortlich," rief der Hauptmann, ganz außer sich vor Schrecken und Entsetzen. „Sie werden die Unglücklichen doch nicht hilflos umkommen lassen? Wofür haben wir hier denn Militär und Feuerwehr? Herrgott, mein Freund Melchior wohnt dort auch mit seiner armen gelähmten Schwester!"
„Sie meinen doch den Herrn Eandidaten —"
„Denselben, hoffentlich werden sie oben sicher sein, obgleich — das Haus hat nur Erdgeschoß und einen Stock, dazu ein abgeplattetes Dach —"
„Dann sind sie in Gefahr und mit ihnen so viele Andere, Herr Hauptmann! Lieber Himmel, wäre es heller Tag, ja, dann ginge e« wohl — aber bei dieser schauerlichen Finsterniß —"
„Ein Versuch müßte doch wenigstens gemacht werden," beharrte Ehrhard, mit seinem Stocke aufstampfend, „wäre ich nur mobil, dann würde ich Himmel und Erde in Bewegung setzen, um das Lied vom braven Manne lebendig zu machen."
„Reden Sie mir nichts dagegen, Herr Nachbar!" setzte der Hauptmann, hitziger werdend, hinzu. „Ich bin ein alter Soldat, der im Kugelregen gestanden und dem Tode unzählige Male in'» Auge geschaut hat, ich sage Ihnen, wenn es galt, in stockfinsterer Nacht ein gefährliches Unternehmen gegen den Feind auszuführen und es hieß: Freiwillige vor! — dann drängten sich unsere braven Jungen dazu. Kein Einziger von ihnen dachte an sich selber, und so soll es nicht blo» im Kriege gegen den Feind, sondern auch im Kampf mit den Elementen iein, wenn es gilt, Menschenleben gegen ihre Gewalt zu schützen und zu retten. Den Mann, der heute diesen Kamps nicht scheut, den will ich ebenfalls als Helden preisen und ihm den Lorbeer zuerkennen."
„Das ist sehr edel gedacht und gesprochen, Herr Hauptmann!" bemerkte der Rath. „Aber —"
„Kein aber — mein lieber Herr!" unterbrach ihn der Hauptmann, der einmal im Zuge war. „Auch hier könnte ein muthiger, tapferer Mann durch sein Beispiel, fein: Freiwillige vor! Wunder wirken. Sie ahnen er gar nicht, wie ein solches Beispiel der Gefahr gegenüber zu zünden vermag und ich bezweifle nicht, daß sich ein solcher Tapferer, zumal


