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Äber er wußte auch, daß dieses Glück nicht ihm vor- toaril ba& es wahnwitzig gewesen wäre, eine Hoffnung zu nähren, der aus mehr als einem Grunde niemals Erfüllung werden konnte- Und sein Mannesstolz verbot ihm, ne Ä^rung zu versuchen, die nur mit einer Demüthrgung hätte endigen können.
Trotzdem vermochte er, als der bedeutsame Abend heran- ?er l0,4enbett Versuchung nicht zu widerstehen, das geliebte Wesen ein paar Stunden lang wenigstens aus der Ferne zu bewundern und sich noch einmal, vielleicht zum ?r?enÄ ,an Schönheit zu berauschen. Um so JSt «s möglich bemerkt zu werden, betrat er das Clubhaus erst, a sund?n ^e Gesellschaft schon nahezu vollzählig zusammen, gefunden hatte, und von einem Beobachtungsposten aus, auf dem er selber den Blicken der Anderen nahezu vollständig ent- zogen war, suchte er mit sehnsüchtigem Auge die theure, holde Gestalt. 7
E schwer gemacht, sie zu finden, denn unter den weiblichen Erscheinungen der Fremden-Colonie von Yokohama war keine, die Herbert Elmsleys Nichte an Anmuth zu stelle»^SenUöfattI verstrahlt hätte, um sie in den Schatten Sie war seit dem Augenblick ihres Eintritts die erklärte unbestrittene Königin des Festes gewesen und Frau Donald- sons Gesicht glänzte vor stolzer Genugthuung über alle die ritterlichen Huldigungen, die sie ihrem Töchterchen heute zu Theil werden sah. In den feinen Zügen des jungen Mäd- chen» aber war nichts von solchem Triumphgefühl zu lesen. Sie war auffallend ernst, und wenn hier und da ein Lächeln ihr Antlitz huschte, so schien es viel mehr ein erzwungener Tribut der Höflichkeit als der natürliche Ausdruck einer heiteren Gemüihsstimmung zu fein.
Ein p°ar Mal hatte Georg den Endruck, als ob auch ihre Blicke etwas suchten, als ob sie in dem bunten Treiben nach Jemandem ausspähte, den sie schmerzlich vermißte; aber nrcht für einen einzigen Moment war er vermessen genug, glauben, daß sie dabei an ihn denken könnte - an ihn dem sie beim Tempel von Asakusa ihre Mißachtung seine- anscheinend unmännlichen und kläglichen Benehmens so wenig hatte verheimlichen können.
Freilich mußte er zugleich mit einem gewissen Befremden wahrnehmen, daß cs selbst Thomas Ellis nicht gelang, den eigenthümlichen, fast schwermüthigen Ernst von ihrem Gesichtchen zu verscheuchen, wie angelegentlich er sich auch unverkennbar nach dieser Richtung hin bemühte. Bis zum Beginn d s Tanzes b ieb er beharrlich an ihrer Seite und als dann die Mustkcapelle eines im Hafen liegenden englischen Kriegsschiffes ihr lustigen Tanzweisen durch den zum Ballsaal urngewan» delten Speiseraum klingen ließ, als er es wohl oder übet geschehen lassen mußte, daß ihm Maud zeitweilig von einem anderen Cavalier entführt wurde, da hörte er doch nicht auf, sie mit seinen kalten, stechenden Augen zu verfolgen, und sie durfte sicher sein, ihn wieder hinter ihrem Stuhl zu finden, wenn sie dahin zurückkehrte.
Daß er es wagen konnte, ste so vor aller Welt gewissermaßen als sein Eigenthum in Anspruch zu nehmen, mußte den längst umherschwirrenden Gerüchten von ihrer baldigen Verlobung in den Augen der übrigen Gesellschaft nothwendig einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben und daß Maud Donaldsons Aussehen so wenig als ihr Benehmen dasjenige einer glücklich Liebenden war, mochte wohl jedem anderen Blick verborgen bleiben, als dem von nagendem Schmerz und bitterer Eifersucht geschärften des jungen Deutschen.
Obwohl er sonst derMdenschaftlichste und ausdauerndste Tänzer gewesen war, dachte Georg heute doch nicht daran, eine der jungen Damen, von denen ihm verstohlen mancher ermunternder Blick zu Theil geworden, zum Tanzen aufzufordern. Und zuletzt ging e« auch über seine Kraft, noch länger die Marter zu ertragen, die er sich da selber auferlegt hatte.
Er verließ seinen stundenlang behaupteten Platz hinter der hohen Pflanzengruppe und schritt über die Veranda, dis
sich unter den Fenstern des Speifesaals hinzog, in den magisch erleuchteten Garten hinab.
Manches junge Paar lustwandelte da plaudernd und tändelnd unter den vom leisen Abendwinde geschaukelten Lain- pions und nur auf der niedrigsten Terrasse, die bei der Anordnung der Illumination etwas stiefmütterlich bedacht worden war, schien es einsam und still.
Da lehnte sich der junge Mann an die hölzerne Brust, wehr der steil nach der Seeseite hin abfallenden Böschung und blickte gedankenverloren hinaus auf das martschimmernde Meer, lieber dem tiefen Weh, das in seinem Herzen wühlte, vergaß er das rauschende Fest, welches glücklichere Menschen- | kwder hinter seinem Rücken feierten. Und er vergaß auch, I daß es seine Absicht gewesen war, sich unbemerkt, wie er gekommen, wieder in feine Wohnung zurückzustehlen. Die Klänge der Musik, die weich und gedämpft bis zu ihm heraustönten, s wiegten ihn allgemach in schwermüthige Träume. Und er | dachte nicht einmal daran, den Kopf zu wenden, als er von Is einer süßen, melodischen Stimme — von einer Stimme, deren holden Wohllaut ihm seine Einbildungskraft in der Stille schlafloser Rächte so oft vorgetäuscht hatte — ganz leise und schüchtern seinen Namen nennen hörte. Auch das konnte ja nur ein Traum sein, wie alles Andere; und es war so schön, sich diesem schmerzlich-wonnigen Traume hinzugeben, dem doch bald das traurige Erwachen folgen mußte.
I Aber die süße Stimme ertönte noch einmal, jetzt ganz S dicht an feiner Sette. Und dann — konnte dies in Wahrheit noch immer ein Traum fein ? — dann sagte sie klar und vernehmlich: „Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mir beharrlich wie etwas Feindseligem aus dem Wege gehen?"
Georg fuhr auf. Und er starrte die zierliche, Helle Gestalt an feiner Seite mit weit aufgeriffenen Augen an, als habe sich plötzlich eine wundersame himmlische Erscheinung neben ihm niedergelassen-
„Fräulein Donaldson," stammelte er. „O, mein Gott, wie können Sie glauben! — Nein, wahrhaftig, Sie haben mir nichts gethan! - Ich wäre ja so glücklich gewesen, wenn ich nur noch ein einziges Mal mit Ihnen hätte sprechen dürfen."
Trotz der ungewissen Beleuchtung sah er, daß ein weh- müthiges, bitteres Lächeln um ihre feinen Lippen zuckte.
»Und doch haben Sie sich beharrlich vor mir verborgen! Nicht einmal bei unserem zufälligen Zusammentreffen in Yeddo haben Sie mich eines Wörter gewürdigt."
Er brachte irgend eine ungeschickte Entschuldigung vor, denn er konnte ihr Die Wahrheit ja nicht sagen, ohne damit zugleich das Geheimniß seines Herzens preiszugeben — dieses Geheimniß, das sie nach seinem unumstößlichen Vorsatz niemals errathen sollte.
Und Maud fragte nicht weiter, obwohl er es ihrem ernsten Schweigen wohl anmerken konnte, daß sie von seiner Antwort keineswegs befriedigt war. Georg schalt sich in der Stille einen geistlosen Tölpel, da ihm so gar nichts einfallen wollte, womit er sie hätte unterhalten und aufheitern können. Und zuletzt, als er fühlte, daß er nun doch um jeden Preis irgend etwas sagen müsse, wenn sie ihre Großmuth nicht bereuen und sein Benehmen nicht geradezu als eine Beleidigung empfinden sollte, fuhr ihm halb wider seinen Willen just das Ungeschickteste heraus, indem er fragte: „Sind Sie nun in Ihrer neuen Heimath glücklich, Fräulein Donaldson?"
„Glücklich?"
Sie wiederholte bas Wort in einem Ton, der wahrlich an sich schon Erwiderung genug war. Und nach einem kurzen Zögern fügte ste mit leiser Stimme hinzu: „Nein! Von Ihren guten Wünschen an Bord der „Assyria" ist keiner in Erfüllung gegangen. Ich habe hier nichts von all' dem Schönen und Guten wiedergefunden, das ich drüben in der Heimath verließ — nichts! — Ach, meine Heimath — meine geliebte Heimath 1"
(Fortsetzung folgt.)


