1894.

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Nr. 100

UnLevtzaltungsblatt sum Gie^enev Anzeige (Geneval-Anzeisev)

Dienstag, de« 28. August.

länger, schnell wie ein Vogel flog sie hinauf. Aber auf der Schwelle wurzelte ihr Fuß wie gelähmt am Boden. Sie schrie laut auf und wurde blaß wie eine Leiche, denn mit einem einzigen Blick hatte sie Alles errathm. Bernthal, ihr Gelieb­ter, lehnte schwerathmend und in gebrochener Haltung am Fenster. Sein Gestcht war fahl und den Ausdruck seiner Züge vergaß sie niemals wieder. Grenzenlose Verzweiflung, Schmerz, Schuldbewußtsein, Beschämung, Alles lag darin.

Die Mutter trat der Tochter kummervoll entgegen. Große Thränen perlten in ihren Augen. Sie legte den Arm um Annies Schultern und küßte sie zärtlich.

Annchen, mein liebes Annchen!" schluchzte sie.Ich hätte Euch gern glücklich gemacht, aber es ist mir nicht möglich, ich bin völlig machtlos dazu. Ach, es thut mir so leid! Tröste Dich, fasse Dich, armes Kind, und laß Dir die bittere Erfah­rung zum Segen gereichen! Durch Entsagung wirst Du künf- tiges Unheil von Dir wenden."

Und dann trat Bernthal zu ihr und sagte, was er sagen mußte; heiser, unzusammenhängend rangen sich die Worte von ^"^Äe?" Ich bin in der schrecklichen Lage, mein Ihnen gegebenes Wort wieder zurücknehmen zu müssen, die Verhält­nisse fordern es unerbittlich von mir 1 Verzeihen, ach, verzeihen Sie, daß ich Ihnen meine Liebe verrieth und Kummer in Ihr junges, unschuldiges Leben brachte. Und nun leben Sie wohl, mein verehrtes Fräulein, leben Sie wohl und Gottes reichster Segen über Sie!" , __, , ,

Die Stimme versagte ihm, er beugte sich zu Annie herab und berührte mit zuckenden Lippen ihr Haar.

Vor der Frau Räthin verneigte er sich tief mit bittendem und um Verzeihung flehenden Blick. Er wollte ihr die Hand reichen, aber sie sah ihn bitterbös an und da ging er. Er stürzte so hastig die Treppe hinunter, daß seine Sporen heftig tlittißti

Annie hatte während der letzten ergreifenden Scene wie geistesabwesend dagestanden und mit verstörtem Blick starrte sie vor sich. Ihr Gesicht war so weiß ww Schnee und eine ganze Welt von Herzeleid spiegelte sich in ihren Augen.

9 Als die Thür sich hinter Bernthal geschlossen hatte, brach sie Me'ihr erschrocken zu Hilfe, sie kauerte sich

neben die Tochter hin und rang die Hände. Dann holte sie Wasser und Riechsalz herbei und bemühte sich liebevoll um ihr Kind, bis es sich wieder erholt hatte.

Annie richtete sich mühsam auf. Sie weinte nicht und sprach auch nicht. Kein Laut kam aus ihrem Munde, eine steinerne Starrheit lag auf dem blassen Gesicht.

Geläuterte Herzen

Novelle von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

Nein, Franz, ich bleibe, wo Du bist, ich muß Alles hören!" erklärte Annie mit Bestimmtheit, denn sie fürchtete, der Mutter Sorgen vor des Lieutenants Schulden würde die übereilte Verlobung rückgängig machen.

Doch die Mutter, welche endlich ihre Erregung nieder- gekämpft hatte, schüttelte den Kopf.

Ich habe in dieser Sache zu entscheiden, Kind," versetzte sie im scharfen Ton.Es handelt sich um Dein Lebensglück, und ich weiß, welch' unbesonnenes Kind Du noch bist!"

Der ungewohnt strenge Ton machte das Mädchen erbeben. Was die Mutter aber jetzt forderte, war ihr gutes Recht und Annie mußte gehorchen. ,

Und bedeutungsvoll fügte die Mutter noch die Worte hinzu:Für Kinder und kindergleiche Menschen müssen Die­jenigen vernünftig sein, welche das Lebbn und seine Anforde­rungen kennen und Erfahrungen gemacht haben!"

Annie warf trotzig die Lippen auf, wagte aber keine Ent­gegnung. Sie trat schmollend bei Seite und ließ traurig den Kopf hängen. t m

Als Annies Mutter und Lieutenant Bernthal die Veranda verlassen und sich nach oben in das Zimmer der Räthin be­geben hatten, setzte sich Annie seufzend auf denselben Stuhl, auf dem Bernthal vorher gesessen hatte, und wartete auf Mamas Entscheidung. Daß sie gut ausfallen würde, davon war das junge Mädchen fest überzeugt, denn sie hatte ja bis­her nur Gutes und Liebes von der Mutter erfahren.

Was zwischen der alten Dame und dem jungen Offizier gesprochen wurde, hörte Niemand. Es war eine lange Unter­redung und lange Auseinandersetzung und es dauerte eine volle Stunde, bis sie zu Ende war.

Dem jungen Mädchen war es völlig unfaßbar, was die Mutter und ihr erwählter Bräutigam so lange mit einander zu verhandeln hatten. Sie wurde aufgeregt, ungeduldig vor Spannung und Erwartung, ihr Herz schlug fieberhaft. Jeden Augenblick machte sie eine Bewegung, als wolle sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinanstürzen - aber sie blieb dann doch unten in der Veranda. Endlich, endlich knarrte oben die Thür und dann klang ein Schritt. Sie lauschte mit angehaltenem Athem. Aber es war nicht sein Schritt und es war auch nicht seine Stimme, die rief: Komm', Annie!" Es war der Schritt und die Stimme der Mama. Da hielt Annie sich nicht