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„Nicht wahr, Du hast Dich besonnen, Du denkst nicht mehr an'» Reisen," sagte Roman. „Wer scheidet auch gern von seinen Lieben I" Dabei nahm er ihr blonder Köpfchen zwischen beide Hände und preßte es zärtlich gegen seine Brust. „Du bleibst bei mir, Jadwiga, ich halte Dich fest, ganz fest, Dich, mein holde» Mädchen, mein süßes Lieb, nie wieder bis in alle Ewigkeit laste ich Dich von mir!"
Jadwiga versuchte, sich rasch seiner Liebkosung zu ent- ziehen, es gelang ihr auch. Ein glühendes Roth färbte ihre Wangen und Stirn bis in den weißen Nacken hinein.
„Kannst Du mich nicht verstehen, Mädchen," rief er feurig, „ich liebe Dich, Du füllst meine Braut fein, meine süße Braut und bald, ach, bald mein theures, heißgeliebtes Weib." Er breitete die Arme nach ihr aus und wollte sie an seine Brust ziehen.
Doch Jadwiga wich schnell vor ihm zurück. Einen Moment schloß sie wie betäubt von dem, was sie gehört, die Augen. Doch sie faßte sich schnell und nun stand sie hochaufgerichtet vor ihm, mit finster zusammengezogenen Brauen. Ueber ihre sanften Züge hatte sich plötzlich ein harter, kalter Ausdruck gelegt, sie sah aus wie versteinert.
„Pan Roman," versetzte sie im herben, eiskalten Ton- „Es sind j.tzt vierundzwanzig Stunden her, da erzählten Sie mir von Ihrer Liebe und Leidenschaft," — sie lachte schrill auf, — „aber in demselben Augenblick sagten Sie sich auch von mir lo». O, es waren häßliche, grausame Worte, die Sie zu mir sprachen, welche mein Herz in tausend Stücke riffen. — Doch nun weiß ich's ja, warum Sie es thaten, von gestern bis heute bin ich sehend geworden, Sie konnten nicht anders und ich habe Ihnen verziehen — von ganzer Seele! Warum wollen Sie aber sitzt moch das grausame Spiel fortsetzen, warum? Sie misten doch, daß ein Makel auf mir ruht, daß meine Mutter eine Bettlerin war, die elend am Wegrain zu Grunde ging, — daß eine Vereinigung mit mir unmöglich ist. Wir Zwei können nimmer zusammen, wir sind geschieden für ewig, denn ich wäre Ihr Verderben, Ihr Fluch! Sie sagten es ja auch, Pan Roman!"
„Ich sprach im Wahnwitz und bitter habe ich meine Worte bereut. Und steh', bald darauf kam es wie eine Erleuchtung über mich, die Zweifel, Bedenken und Vorurtheile schwanden wie Schemen dahin und meine grenzenlose Liebe zu Dir behielt die Oberhand. Und nun weiß tch's, daß es auf Erden nichts Höheres, Heiligeres geben kann, als ein geliebtes Herz, das einem ganz zu eigen ist. Was ist Glanz, Ansehen, Reichthum dagegen, nichts kann Ersatz dafür bieten. Werde die Meine, Jadwiga, ohne Dich kann ich nicht leben! Ich will Dein Sclave, Du sollst meine Königin sein, für Dich will ich arbeiten, erwerben, ringen und mit dem Schlimmsten kämpfen. Was sich mir hindernd in den Weg stellt, will ich beseitigen! Jadwiga, fei mein! — Wenn Du mich noch nicht lieben kannst, so soll meine große, Alles überwindende Liebe auch Dein Herz überwinden und es wach rufen aus dem Schlummer, der e» jetzt noch umfangen hält. Und dann in völliger Vereinigung mit einander wird unsere Zukunft nur noch ein Himmel voller Glückseligkeit sein!"
Roman kniete vor ihr nieder, ein leidenschaftliches Feuer brannte in seinen Augen. „Jadwiga," flüsterte er, „habe mich lieb, ein wenig nur — ich bitte Dich — werde mein!"
Das Mädchen schauerte leise in sich zusammen. Großer Gott, ein Paradies voll Liebe und Glück stand vor ihr offen, aber sie durfte nicht hinein. Gebrochenen Herzens, einsam mußte sie ihre Straße ziehen, fort in die weite, liebelose Welt.
Einen Moment verwirrten sich ihre Gedanken, es wurde dunkel in ihr, als versagte ihr die Kraft, länger gegen den geliebten Mann und ihr eigenes Herz zu kämpfen. Ein sinn- betäubendes Weh erfaßte sie, ihre Seele rang in schwerster Pein. Was soll ich thun? dachte sie. Allmächtiger, hilf mir, rette mich vor mir selber, zeige mir den rechten Weg, laß mich und ihn nicht zu Schanden werden! — Eine namenlose Angst zitterte durch ihr Gemüth und ein Krampf schnürte ihr die Brust zusammen. Doch nach einiger Zeit ermannte sie sich wiever, da» Bewußtsein, mit ihrer Schwäche Roman-Unglück
zu besiegeln, verlieh ihr den Muth, seiner Liebe und den be- rauschenden Bildern zu entsagen.
Roman bemerkte ihr Schwanken, ihr Ringen. Jede Regung ihres Herzens prägte sich im schnellsten Wechsel auf den lieblichen Zügen au«. Er zog sie sanft an sich heran und küßte ihre Hände. „Du kleine Thörin," sagte er mit weicher, bewegter Stimme, „da stehst Du nun da und grübelst und überlegst und machst uns schließlich Beide unglücklich damit. Siehst Du er denn gar nicht ein, daß wir zusammen gehören und uns nicht trennen dürfen bis in alle Ewigkeit hinein? Blicke doch nicht so starr, Jadwiluschka, weine nicht, sei heiter. Ich küffe Dir die Thränen von den süßen Blauaugen." Seine Stimme sank zu einem Geflüster herab. „Du meine Freude, meine Wonne, darf ich auch Deinen Purpurmund küssen? - Holde» Lieb, darf ich, erlaubst Du er mir?"
„Sie dürfen mich nicht küssen, Pan Roman," erwiderte sie rauh. „Ich bin nicht Ihre Braut und will er niemals werden!"
Und nun riß sie sich von ihm los und blieb hochaufathmend ein paar Schritte entfernt von ihm stehen. „Ach, Pan Roman, seien Sie barmherzig, quälen Sie mich nicht so," rief sie herzzerreißend aus. „Ich kann, ich darf Ihre Braut, Ihr Weib nicht werden, lassen Sie mich gehen."
Roman hörte sie an wie zerschmettert, in seinen dunklen Wimpern schimmerte er naß. Denn schwer und beängstigend legte sich trostlose Verzweiflung auf sein warme» Herz und da» warme Blut in den Adern wollte stocken.
„Du hast mich also nicht lieb — gar nicht lieb," stotterte er mit heiserer Stimme.
Jadwiga» bleiches Antlitz wurde noch bleicher, wie dar einer Sterbenden, sie starrte schmerzverloren vor sich nieder. Ach, sie durfte ja nicht an sein Herz sinken und ihm sagen: Ich liebe Dich tausendmal mehr wie Du denkst und weit über Menschenworte hinaus, aber weil ich Dich so sehr liebe, will ich Dir entsagen. — Sie mußte schweigen, sie mußte das Rechte thun- Sie that noch mehr; sie wendete langsam den Kopf von ihm weg und sprach mit fester Stimme die Lüge aus: „Nein, Pan Roman, ich liebe Sie nicht, ich werde Sie niemals lieben lernen!"
Sein Gesicht verzerrte sich, eine Feuergluth flammte jäh darüber hin, er bedeckte rasch mit der Hand die Stirn und athmete mühsam.
Minute um Minute verrann. Der Wind rauschte stärker durch die Baumwipfel, immer näher krochen die grauen, seuchten Nebel heran, modriger, todtenhafter Erdgeruch stieg in die Lüste. Da» bleiche Mondlicht zuckte gespensterhast auf den Gräbern hin und her und die düstre Capellenwand mit den dicken, grob getünchten Ornamenten. Und dann huschte ein breiter, kalter Strahl über zwei stumm und regungslos sich gegenüber stehende Menschenkinder, die sich mit von Schmerz durchwühlten, leichenblassen Gesichtern in die trockenen, brennenden Augen starrten, weil sie sich nicht lieben durften und weil sie wußten, daß nun Alles für sie zu Ende war — aller Glück, alle Freude und alle Seligkeit.
Ja, Roman wußte es nun, in Jädwigas blauen Augen stand Alles geschrieben und ein altes, einfaches Lied tönte plötzlich wie ein sanfte» Flüstern in seine verzweifelte Seele hinein:
Ueber den Sternen wird klar es einst werden, Wie ich gehandelt und wie ich gedacht, Was ich gelitten, geopfert auf Erden. — Ueber den Sternen verschwindet die Täuschung, Dort siehst Du Alles enträthselt, enthüllt. Dir ist hinieden nun Ruhe beschieden. Welche kein störender Mißlaut entweiht; Und in Dein Herz zieht ewiger Frieden, Mit mir ist nur Unruh, Sorgen unb Streit.
Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Ja, da« zarte, schwache Mädchen dort lehrte ihn die Entsagung einer Liebe, die Bekämpfung einer Leidenschaft, die Beide in’« Verderben stürzen mußte. Und sie besiegelte da» Alle» mit ihrer eigenen Aufopferung — sie ging, um ihn vor Elend, vor Schallde zu retten.


