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„Ah so, ich habe seinen Namen nicht gekannt — er ist nie über ihre Lippen gekommen."
Sie deutete mit dem Finger auf das Bett.
„Was hat sie Ihnen gesagt? Sie muß doch Jemand genannt haben, den Sie hierherführen sollten?"
„Nein, sie hat Niemand genannt. Die Sache war so: Es war ihr sehr schlecht damals, sie wußte, daß sie sterben werde. Ich habe bei ihr geseffen. Sie lag da bleich wie Wachs und mit zugemachten Augen. Auf einmal sagte sie: „Du, gib mir Papier und einen Bleistift, ,ich muß etwas schreiben." Ich habe den Koffer der Großmutter geöffnet und ihr das Papier und den Bleistift gebracht. Sie hat geschrieben und geschrieben- Es hat lange gedauert, denn die Hand zitterte ihr so, daß sie den Bleistift nicht hat halten können. Wie sie fertig war, hat sie mir den Brief gegeben und mich gebeten, in den Club damit zu gehen und es ihm zu geben. Wem? frag' ich. Es steht schon d'rauf, raunt sie, und Dich kiimmert's weiter nicht. Geh' hin und dann warte vor der Votivkirche. Er wird schon kommen. Ich hab' mich gleich auf den Weg gemacht und bin gelaufen, als ob's hinter mir brenne. Denn die Königin hab' ich gern gehabt und hätt' ihr vor ihrem Tode noch gern die Freude bereitet. Im Club hab' ich den Brief einem Manne gegeben. Später ist der Herr gekommen — ich hab' lange warten muffen — und hat mich mürrisch angefahren, ich soll ihn zu ihr führen. Das hab' ich gethan."
„Wie hat dieser Herr ausgesehen?" forschte der Advocat.
„Oh, es war ein schöner Herr. Ich seh' ihn noch vor mir. Er hat einen blonden Schnurrbart gehabt und dann einen hellen Oberrock und darunter schwarze Kleider. Dann einen breiten, weichen Hut."
„Und was hat er hier gemacht?" setzte der Anwalt hinzu.
„Er ist gleich zum Bett gegangen, wo sie lag. Sie hatte wieder die Augen geschlossen. „Sind Sie es?" hat sie gefragt. Er sagt: „Ja." — Darauf sie: „Wiffen Sie, was ich Ihnen sagen will?" — „Nein," sagt er ärgerlich. — „Ihretwegen," raunt sie- Sie hat einen Mädchennamen genannt, aber ich hab' ihn nicht verstanden. Er wird kreideweiß im Gesicht und schreit: „Nennen Sie diesen reinen Namen nicht." Und sie: „Führen Sie die Rothe hinaus — ich werd' Ihnen Alles sagen." Darauf bin ich weggegangen. Das ist Aller, was ich weiß."
Es entstand eine längere Pause.
„Und wie lange mag er bei ihr gewesen sein?" fragte endlich der Advocat.
„Vielleicht eine halbe Stunde. Ich hab' ihn dann zurückgeführt und wie er mich verließ, hab' ich ihn gefragt, wie spät er sei. Er zog die Uhr und sagte: „Halb zwei." Dann hat er mir einen Silbergulden geschenkt und ist davongerannt. Er muß sehr aufgeregt gewesen sein, denn er hat ganz verstört ausgesehen."
„Wenn man schnell geht, muß man in wenigstens zwanzig Minuten in der Alleegaffe fein," bemerkte der Detectiv. „Die Zeit, welche die Kroll angibt, stimmt also damit überein."
„War er die ganze Zeit bei der Königin?" forschte der Advocat weiter.
„Ja, die ganze Zeit. Ich war ja bei der Thür und er konnte nicht hinaus, ohne daß ich ihn gesehen hätte."
„Ich denke, wir haben jetzt das Alibi," meinte der Advocat. „Wenn ich nur erfahren könnte," — er wendete sich wieder an das Mädchen, — „was die Zwei miteinander gesprochen haben!"
„Das weiß ich nicht," betheuerte Sali. „Einmal hab' ich ihn schreien hören. Das klang so wie vor Schreck: „Um Gotteswillen — das ist entsetzlich!" Dann hat sie aufgelacht, daß es mir durch Mark und Bein ging — wie eine Wahnsinnige. Eine Weile darauf ist er aus dem Zimmer gestürzt und ich hab' ihn hinausgeführt."
„Und als Sie zurüäkamen?"
„Als ich zurückkam, war sie tobt."
„Sie werden morgen mit Herrn Kilian im Landesgencht
erscheinen und Alles genau so aussagen, wie Sie es mir erzählt haben," sagte Doctor Mark.
„Es ist Alles wahr, bei Gott," betheuerte sie noch einmal. „Er war die ganze Zeit hier."
Die beiden Herren wollten das Zimmer verlaffen, da sprang ihnen die alte Pfeiferin wie eine Katze entgegen und schrie wild: „Und das Geld für die Sali? Wo bleibt das?"
„Das gehört ihr selbst," entgegnete der Advocat streng. „Es ist für sie deponirt. Nach der Verhandlung kann sie es beheben."
„Und mich — mich betrügt Ihr Alle darum — haha, — aber Ihr sollt sehen, mit wem Jhr's zu thun habt."
Die Beiden hörten noch im Hose ihre aufgeregte, keifende Stimme.
XIX.
Noch an demselben Abende verbreitete sich die Kunde von der unerwarteten Rückkehr der rothen Sali und damit trat der vollständige Umschwung der öffentlichen Meinung ein. Man zweifelte nicht länger, daß Destder Jvanyi freigesprochen werden würde und Felix Roller, welcher immer seines Freundes Unschuld behauptet hatte, erntete wahre Triumphe für seinen Scharssinn. Er war klug genug, die günstige Gelegenheit zu benützen, um der ehrgeizigen Dora Federn seine Hand anzubieten, die auch nicht verschmäht wurde. Hatte diese junge Dame bisher Roller auch um ihre Gunst werben laffen, so war sie doch weit entfernt davon gewesen, seine Huldigungen ernst zu nehmen. Sie hielt ihn für ein wenig oberflächlich — aber dieser Beweis von dem durchdringenden Geiste ihres Verehrers bewog sie doch, ihn nicht abzuweisen, denn sie träumte bereits von der großen Zukunft, die ihm kraft seiner Talente zustand, und von der Rolle, welche sie als die Frau eines bedeutenden Mannes in der Gesellschaft spielen werde.
Am nächsten Tage war der Zuschauerraum im Verhand» lungssaale des Landesgerichtes womöglich noch voller als Tags zuvor. Wieder ging eine Bewegung durch die Menge, als der Angeklagte seinen Platz einnahm. Doctor Mark war erschrocken über das schlechte Aussehen seines Clienten- „Hm," dachte er, „Du weißt wohl, wer die Papiere gestohlen hat — und derselbe Mann ist der Mörder. Aber diese Papiere enthalten etwas, dar Dich beunruhigt."
Die Verhandlung nahm ihren Verlauf, aber das Publikum war zu sehr gespannt auf das Erscheinen der rothen Sali, als daß es den anderen Zeugen große Aufmerksamkeit hätte schenken können.
Der Uhrmacher Albert Daun wurde vorgerufen. Er bestätigte, die Küchenuhr an dem Donnerstag vor der kritischen Nacht regulirt zu haben — ferner gab Felix Roller seine Zeugenaussage dahin ab, daß Jvanyi wiederholt gesprächsweise seiner Abneigung gegen das Tragen von Ringen Ausdruck gegeben habe. Der Kellner vom Junge Herren-Club bestätigte, daß Freitag vor dreiviertel ein Uhr Morgens von einem verwahrlosten Mädchen ein Brief für Jvanyi übergeben worden fei, und daß dieser kurz vor ein Uhr den Club verlaffen habe. Bei der Vernehmung des Uhrmachers war es besonders bemerkt worden, daß derselbe erzählte, er habe die Uhr seiner Tante, der Frau Kroll, zu einer Zeit in Ordnung gebracht, da diese nicht zu Haufe war, so daß sie in der Meinung war, dieselbe sei noch zurück, und daß sie aus diesem Grunde dem Detectiv die falsche Auskunft gegeben hatte.
„Wann haben Sie die Uhr reparirt?" fragte der Advocat. „Donnerstag um acht Uhr Abends," lautete die Antwort. „War es möglich, daß die Uhr von dieser Stunde bis um zwei Uhr Nachts wieder um eine Viertelstunde differirte?"
„Nein, unmöglich." r
Die letzte Zeugin war Rosalia Pfeffer- Nach ihren Angaben wurde das Zeugenverhör geschloffen und die Plaidoyers begannen. , v u ,r ,r
Der Staatsanwalt sprach einfach und klar. Für ihn war es kein Zweifel, daß der Angeklagte das Verbrechen begangen. Er entwarf in scharfen Umriffen das Bild eines verkommenen Edelmannes, der aus Furcht vor der Enthüllung seiner Vergangenheit, die seine Pläne gestört hätte, zum letzten


