ihm flüchtend nachzufolgen und der Bank noch das letzte Be- triebscapital zu rauben! Ich will soviel es möglich ist, stand­haft da« furchtbare Loos ertragen, welches nun über mich hereingebrochen ist. Mildern kann ich meine Schuld nur da­durch, daß ich mein und meiner Frau fämmtliches Privat- vermögen den Gläubigern und Actionären der Bank abtrete. Aber es geht nicht, daß ich mich verhaften und verurtheilen lasse!" rief der verirrte Mann jetzt plötzlich. .Ernst und Carola, meine lieben Kinder, dürfen keinen Väter haben, welcher im Zuchthause sitzt. Diese Schande darf ich meinen Kindern nicht anthun! Ich muß sterben und der Tod wird eine Erlösung für mich und meine Angehörigen von schwerem Leid, von Jammer und Schande sein! Es gilt dabei kein Usberlegen, kein Zagen und Zaudern, denn ich muß sterben um. meiner lieben Kinder und auch um meiner treuen Frau willen, die zwar auch durch meinen Tod sehr betrübt werden, aber durch mein ferneres Dasein zu einer wahren Höllenqual unschuldig verdammt werden würden. Barmherziger Gott, sei mir S m- der gnädig und nimm Dich in Gnaden meiner theuren Hinter­bliebenen an!"

Mit zitternden Händen zog Pohlmann an seinem Schreib­tische jetzt ein Seitenschubfach heraus und nahm aus demselben einen Revolver. Doch einen Moment zögerte er noch, nahm eine Feder und Papier und schrieb an seine Frau und seine Kinder noch einige wehmüthige Abschiedszeilen, legte auch darin kurz klar, daß er sterben müsse, um ihnen größere Schande, Pein und Qual zu ersparen. Dann nahm er auch noch einen anderen Briefbogen und schrieb auf demselben an den Auf­sichtsrath der Bank, legte die Ursachen seiner großen Verluste dar und offerirte sein und seiner Frau Privatvermögen zur theilweisen Deckung des angerichteten Schadens.

Dann griff der unglückselige Mann mit fester Hand nach dem geladenen Revolver, spannte ihn und setzie ihn vor die Stirn. Ein furchtbarer Knall dröhnte durch das Zimmer und durch die weiten Räume der Cmtra^C ommerzbank und der langjährige, einsthochangesehene und o.tT beneidete erste Direc­tor derselben sank mit zerschmetterten EU ädel und nur noch [eife zuckend, aber alsbald sterbend uoter^seinen Schreibtisch,

Der durch Verirrungen, falschen Ehr H^z und auch durch große eigene Schuld zum Verbrecher gewobene Mann hatte sich für diese Welt durch Selbstmord sein eigenes Urtheil ge­sprochen.

Als ungefähr eine halbe Stunde später die Angestellten der Central-Commerzbank wieder in ihre Bureaux zurückkehrten und bald darauf der Selbstmord des ersten Bankdirectors ent­deckt wurde, bemächtigte sich aller Bankbediensteten eine furcht­bare Bestürzung, denn es galt ihnen nun als Gewißheit, daß eine Katastrophe über die Bank hereingebrochen fei, zumal auch seit heute Morgen der zweite Director der Bank, Herr Hillessen, fehlte und nirgends gesehen worden war.

Der Kassirer und der erste Buchhalter eilten in Herrn Hillessens Wohnung, um diesen herbeizuholen, und ein anderer Bankgehülfe machte bei der Polizei die Meldung von dem Selbstmorde des Bankdirectors Pohlmann.

Aber der Kassirer und der erste Buchhalter kehrten un­verrichteter Sache zurück, denn Herr Hillessen fuhr bereits mit einem Schnellzuge einem südfranzösischen Hafen zu, um sich dort nach Südamerika einzuschiffen.

Die Polizeibeamten und der Polizeiarzt trafen aber binnen Kurzem ein und nahmen ein Protocoll über den Befund der Leiche Pohlmanns auf.

Auch der Sohn desselben, der Referendar Ernst Pohl­mann, hatte inzwischen Nachricht von dem entsetzlichen Vor­gänge erhalten und war Herbetgeeilt. Wehklagend stürzte sich der bedauernswerthe junge Mann auf die blutige Leiche des Vaters, so daß alle Umstehenden von Mitleid und Entsetzen über das Unheil ergriffen wurden, welches das schreckliche Ende des Bankdirectors Pohlmann der Mitwelt offenbarte.

Und dann brachte man die Leiche desselben fort, und Ernst Pohlmann, der wie geistesabwesend diesem Vorgänge

zusah, wurde von einem mitleidigen Bankdtener nach Hause geleitet.

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Am andern Tage hatte Ernst Pohlmann, Dank seiner edlen Charakter-Eigenschaften, einigermaßen seine Willenskraft wieder gewonnen und seinen ungeheuren Schmerz beherrschen gelernt. Er meldete durch eine Depesche der Mutter und Schwester, welche in Italien weilten, den Tod des Vaters und die Katastrophe, welche über die Central-Commerzbank herein­gebrochen war, an und in einer zweiten Depesche erbat er sich von seiner Mutter die Erlaubniß. deren bedeutendes Vermögen neben demjenigen des Vaters den Gläubigern und Actionären der Bank anzubieten, um auf diese Weise jeden Verdacht zu beseitigen, als ob die Familie Pohlmann sich auf Kosten der Aktionäre der Central-Commerzbank bereichert hätte.

Frau Pohlmann stimmte hochherzig der Bitte des Sohnes zu, da auch ihr mehr daran lag, etwas von dem Schandfleck zu tilgen, mit dem der unselige Gatte seinen und seiner Familie Namen belastet hatte, als mit dem Fluche der Betrogenen Reichthümer zu besitzen.

Der Referendar Pohlmann machte auch alsbald dem Auf- sichtsrathe der Central-Commerzbank die Mitthsilung, daß nicht nur das Vermögen seines unglückseligen Vaters, sondern auch dasjenige seiner tiefgebeugten Mutter an die Concurs- mässe der Central-Commerzbank abgeliefert werden solle, um die Folgen des Fehler« des ehemaligen Bankdirectors Pohl­mann ein wenig zu mildern.

Natürlich wurde durch dieses Opfer die Lage der bank­rotten Bank fast gar nicht gebessert, aber dieser opferwillige Schritt der Hinterbliebenen des Directors Pohlmann machte doch einen guten moralischen Eindruck auf alle betheiligten Kreise und auch in der öffentlichen Meinung der Hauptstadt.

Nach nochmaliger gerichtlicher Untersuchung der Leiche des Bankdirectors Pohlmann wurde dieselbe auf Anordnung seines Sohnes in die bisher der Familie gehörige Villa ge­bracht und drei Tage später in früher Morgenstunde in aller Stille und in der einfachsten Weise beerdigt.

Dem nur mit wenigen Kränzen geschmückten Sarge folgten als Leidtragende in einem verschlossenen Wagen Ernst Pohl­mann nebst seiner tiefgebeugten Mutter und Schwester, die erst gestern Abend spät mit dem Schnellzuge au» Italien zurück- gekehrt waren, dann fuhr in einem Wagen allein ein Priester, ferner begleitete die bisherige Dienerschaft in der Pohlmann- schen Villa ihren ehemaligen Herrn auf dem letzten traurigen Wege und ganz zuletzt, in einem kleinen Abstande folgend, noch ein verschlossener Wagen, in welchem sehr bleich und ernst der Professor Galen als hochherziger Leidtragender saß.

Galen grollte dem schuldbeladenen Tobten nicht, denn der edel und groß denkende Kunstgelehrte wußte, daß bereits lange vor seiner Verlobung mit Carola Pohlmann deren Vater sich einen verhängntßoollen Fehler hatte zu Schulden kommen lassen, der ihn seit dem Eintritt Hillessens in die Bankdirection zum willenlosen Werkzeuge dieses schurkischen Mannes gemacht hatte. Und nun hatte der Bankdirector seine Schuld schwer gebüßt und schwer lastete sie noch auf dessen Hinterbliebenen. Während der kurzen, aber ergreifenden Grabrede des würdigen Geist­lichen und während des letzten Scheidegrußes an den Tobten stand Professor Galen einige Schritte seitwärts unter den übrigen Leidtragenden, denn er wünschte in dieser bitteren Stunde nicht, sich irgendwie den trauernden Hinterbliebenen besonders sichtbar zu machen.

Aber als die Bestattung vorüber war und Ernst Pohl' mann neben seiner Mutter und Schwester den harrenden Wagen wieder bestiegen, sahen sie doch den Professor Galen, wie er nach seinem Wagen zuschritt und auf den Referendar machte diese Wahrnehmung einen solchen Eindruck, dMer an den Wagen des Freundes eilte, um diesem zugleich im Namen seiner Mutter und Schwester für die dem Tobten erwiesene letzte Ehre zu danken.