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Kaltblütig stellte der kluge Chefredacteur des Tageblatts zwischen der brünetten, dunkeläugigen Beate, des Ritters Nichte, und der blonden Alexandrine mit der prachtvollen, üppigen Büste, einen Vergleich an, der doch zu Gunsten der ersteren ausfiel. Der Strahl aus den blauen Augen Alexandrinens ließ eiskalt, aber die Sonne aus Beatens dunklen Augen be­seelte.

Da gaben die Trompeten das Zeichen zum Tanz und Guido von Gilzingen holte Alexandrine zum Walzer ab. Lothar Hiller zog sich an einen der Sogenpfeiler des Saales zurück, von wo er in das Gewühl starrte. Er bemerkte jetzt Doctor Löwe, der mit Beate bescheiden sein Tänzchen machte. Doctor Löwe mußte der jungen Dame wohl etwas recht Schönes ge­sagt haben, denn Fräulein Beate Pauli lächelte verschämt und beseligt zugleich. Aber da tauchte Alexandrine mit dem stolzen Husarenoffizier auf und jetzt hatte Lothar nur noch Augen ftir sie.

Wie ein in der Wüste nach Wasser Lechzender, so verfol- ten feine großen dunklen Augen die himmliche Gestalt Alexan- drinens, und etwas wie Eifersucht überkam ihn, wenn der Ritt­meister bei dem herrlichen Strauß'schen Walzer sie an sich drückte und anmuthig mit ihr dahinfchwebte.

Endlich war diese Qual für Hiller zu Ende und er eilte an das Büffet. Es schienen dort viele Leute der Finanzsphäre versammelt zu sein, denn man sprach von der Börse, von einem bevorstehenden Krach, von Falliffements und Zahlungseinstellun­gen. Lothar ekelte dieses Gespräch an dem Ballfeste an, er zog sich deshalb mit einer guten Havanna in ein entlegenes Zimmer zurück, wo er mit dem Dampf bet Cigarre süße Träume spann.

Hier fanb ihn der Hausherr unb sagte launig:Dachte ich's boch, baß Sie hier säßen, lieber Doctor. Unser Taffo zieht sich unter blühende Oleander und in die Einsamkeit zurück. Heiter, mein Freund, muffen Sie aber doch heute sein, das Leben hat der bitteren Stunden genug!"

Sie haben recht, Herr von Eppinger," erwiderte Lothar, ich ging auch nur, weil ich dem Tanze nur selten opfere und eine Cigarre mir Bedürfniß war!"

Ich bin mit Ihnen in gleicher Lage, Herr Doctor!" ent­gegnete der Director herzlich.Außerdem wünsche ich mit Ihnen ein vertrauliches Wörtchen zu sprechen!"

Lothar erschrak ein wenig. Was hatte ihm der Bank- birector zu sagen?

Dieser nahm jetzt an seiner Seite Platz unb begann leise: Lieber Doctor, Sie haben neulich ben Adel, welcher Ihnen angetragen warb, abgelehnt. Man hat bas benn ein jeder Mensch hat seine Widersacher benutzt, Sie höheren Ortes anzuschwärzen. Ich habe es deshalb übernommen, die Gründe Ihrer Ablehnung zur höchsten Kenntniß zu bringen."

Lothar verbeugte sich und erwiderte ebenso leise:Sehr edel von Ihnen, Herr von Eppinger 1 Aber sehen Sie, über Adel unb Orben habe ich meine eigenen Ansichten. Wäre ich ein geborener Adeliger, meine Name historischen Ursprungs, ich würde mich mit Stolz von Hiller schreiben; ich verachte ben Adel nicht, aber ich erkenne bie gemachten Wappen ber Neu­zeit nicht für voll an, ohne bamit ben Ansichten Anderer zu nahe treten zu wollen. So wenig man einen Cornelius zu einem Rembrandt stempeln kann, ebensowenig ist ein schlichter Hiller in einen Herrn Von gleichen Namens zu verwandeln. Aehnlich denke ich Über Orden, wo ich nur bei Heldenthaten im Kriege Ausnahmen mache. Es ist schon Pflicht im Leben eines jeden Staatsbürgers, das Möglichste zu leisten, darum bedarf es für den pflichtgetreuen Reichsbütger keiner Auszeich­nung, deren Lohn schon in ihr selbst liegt!"

Sie mögen Recht haben, Herr Doctor, ja, ich theile so­gar Ihre Ansichten; aber ein Gesichtspunkt scheint Ihnen, lieber Freund, bei Ihrer Gradheit entgangen zu sein. Man muß die Welt nehmen, wie sie ist, auch will sie mit all ihren Un­vollkommenheiten liebevoll getragen sein. Ist es da nicht Pflicht des guten Staatsbürgers, Anderen zur Nacheiferung die Ehren­bezeichnungen des Staates auch zu tragen?"

Wenn man dadurch nur nicht so viele Heuchler erzöge,

Herr von Eppinger. Nein, ich bleibe bei meiner Ansicht; legen Sie diese so rücksichtsvoll als möglich Seiner Majestät nahe."

Eppinger nickte zustimmend.

Apropos," fuhr er dann fort,Doctor Löwe ist Ihr Freund?"

Mein lieber, treuer Freund!"

Da darf ich ihm wohl getrost meine Nichte Beate an­vertrauen? Er wirbt um ihre Hand, wie Sie wahrscheinlich chon wissen."

Sie dürfen es wagen, Herr von Eppinger. Löwe ist ein Mann von Geist und Character, ein Schriftsteller mit einer Men Zukunft."

Und Sie dichten auch wieder etwas Neues?" frug Eppin­ger dann.

Ja, Kleomenes, ein Trauerspiel."

Ah, aus der griechischen Geschichte! Nun, ich wünsche Ihnen einen Erfolg wie bei den Romellis!"

Ich danke Ihnen!" erwiderte Hiller mit einer Verbeugung. Die Herren erhoben sich und kehrten zur Gefellschast zurück. Alexandrine war dieses Mal von einem Kreise junger Herren von den Gesandtschaften, von den Banken und aus )em Offiziercorps umgeben, die der verwöhnten jungen Dame ihre Huldigungen barbrachten. Ein Stich ging bei diesem An­blick Lothar durch bas Herz unb eine marnenbe Stimme seines Innern flüsterte ihm leise zu:Wie, wenn sie eine Kokette wäre?"

Aber schnell übernahm das klopfende Herz ihre Verthei- bigung unb eine innere Stimme flüsterte ihm zu:Nein, nein, sie hat eine Seele; bie Liebe wirb diesen Marmor einst be­leben!"

Wieder ertönte bie Einlabung zum Tanz.

Lothar zog den abgestreiften weißen Handschuh über bie rechte Hand unb schritt auf Alexandrinen zu. Er fah unb hörte nur sie, sonst würde er jetzt wahrgenommen haben, wie Herr von Eppinger Beate und Doctor Löwe bei Seite rief und in einem Nebenzimmer eifrig mit ihnen redete.

Es war eine hübsche, Mazurka, welche das Paar jetzt tanzte. Lothar war ein amnuthiger Tänzer, wenn auch kein Liebhaber dieser Kunst. Befriedigt stand Alexandrine in ber ersten Pause neben ihm und ihr Blick streifte nicht ohne In­teresse bie stattliche Erscheinung des Dichters.

Man rühme mit Unrecht," begann sie bie Unterhaltung, an den Tänzen des letzten Jahrhunderts größere Anmuth der modernen Tanzkunst gegenüber. Sehen Sie einmal die elegan­ten Bewegungen bei einer Mazurka und vergleichen Sie damit das steife Menuett ober bie altväterliche Gavotte."

Sie haben Recht!" entgegnete Lothar.Man kann auch ben Bewegungen des modernen Tanzes Anmuth unb Adel ver­leihen. Dem Menuett unb ber Gavotte zumal klebt neben ber gewohnten Würde auch ber Altersstaub bes Rococco an!"

Sie lächelte. Wie fein unb geistreich hatte er bas wieder ausgedrückt. Ja, in der That, Doctor Hiller war ein bedeu­tender Kopf!

In der nächsten Tanzpaufe fand Alexandrine den soeben geadelten Bankier von Sellenheim nebst Gattin vor sich.

Der Wappenschild dieses guten Herrn," lächelte sie flüsternd Lothar zu,riecht noch nach dem Lack des Malers. Finden Sie dies nicht auch?"

Lothar lachte mit und gab ebenso leise zurück:Gnädiges Fräulein, daß unsere Gedanken in diesem Falle so überein» stimmen, freut mich außerordentlich; Sie wissen vielleicht, daß ich aus diesem Grunde auch neulich den mir angebotenen Adel ausgeschlagen. Ich finde nichts lächerlicher als dieses auf« gemopste Von!" .

Schade!" erwiderte Alexandrine.

Wieso?" . ,

Mr Sie wäre der Adel nur paffend gewesen, Sie hätten Ihren neuen Stand durch den Adel Ihrer Seele gehoben."

Wie fein Sie schmeicheln können!"

Keine Schmeichelei, nur meine aufrichtige Meinung, Herr Doctor!"

Lothar verbeugte sich.