1893
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Donnerstag, den 28. December.
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Die beiden Schwestern.
Novelle von F. Sutau.
(Fortsetzung.)
Die Tante Hopfen sah etwas verwirrt zu ihr auf, dem todtenblassen Gesicht Johannas hatte herber Seelenschmerz seinen Stempel aufgedrückt, die unschönen Züge erschienen wie umgemeißelt, edler, durchgeistigt.
„JohannaI Kind!« rief die Tante erschrocken, „Du hast ihn doch wohl sehr geliebt, aber glaube mir, werth ist es so leicht kein Mann, daß ein edles Frauenherz sich um ihn grämt, denn durch ein hübsches Lärvchen lasten sich die Meisten bestechen. Und Du bist ja noch so jung, Johanna, und kannst Dich mit Tausenden von jungen Mädchen trösten, deren erste, heiße Liebe auch nicht zum Traualtars führte.«
„Wollen wir nicht hineingehen?" fragte Johanna, den Redeschwall der Tante jäh unterbrechend, und öffnete die Thür.
Helene warf, als sie die Schwester erblickte, sich ihr so- fort stürmisch in die Arme.
„Wir sind so glücklich, Johanna, mein Kurt und ich, und nicht wahr, Du freust Dich mit uns!" rief sie mit der reizenden Unbefangenheit eines glücklichen Kindes, während Bornstetten mit einer Miene tödtlichster Verlegenheit Johanna gegenüberstand. Mußte er sich doch sagen, daß er hier eins der edelsten, vertrauensvollsten Herzen aufs Tiefste gekränkt und das unschätzbare Gut wahrer Liebe achtlos von sich geworfen hatte.
Mit etwas zitternder Stimme sprach Johanna jetzt ihren Glückwunsch au« und setzte dann ein Glas kühlen Rheinwein an ihre heißen, trockenen Lippen.
Bornstetten wagte heute nicht, die Bitte um ein Lied an Johanna zu richten. Statt Johanna setzte sich aber Helene keck an das Instrument und sang mit ihrer kleinen, hellen Stimme Liebeslieder von Abt und Gumbert; und das vom Wein und der Aufregung zart geröthete Gesichtchen Helenens sah so wunderlieblich dabei aus, daß Bornstetten den Blick nicht von ihr zu wenden vermochte und auch nicht merkte, daß Helene eigentlich gar nicht schön sang.
Johanna hatte sich in die dunkle Fensternische gesetzt, es war ihr, als spiele sich ein buntes, lustiges Comödienspiel vor ihren Blicken ab, wovon sich jede Einzelheit tief in ihrem Herzen eingrub. Helenens strahlendes Gesicht, die lustigen Lieder, die sie sang, dort an dem Tisch mit den Gläsern und Flaschen darauf die Mutter und die Tante, beide stolz und
glücklich auf dar junge Paar blickend. Alles, Alles erschien i Johanna wie in einer Comödie.
i O, Gott, und — Bornstetten! Wie oft hatte er so neben ■ ihr gesessen am Clavier, wie er jetzt neben Helene saß, und s sie war so thöricht gewesen, an ein Glück mit ihm zu glauben, : sie, die Häßliche, hatte von Liebe geträumt! Nun war das ; unausbleibliche bittere Erwachen gekommen, die Augen waren ihr geöffnet und vor ihr lag, gleich einer weiten, endlosen
; Wüste, das öde, freudlose Leben der Pflicht.
VIII.
Am nächsten Morgen wanderte Johanna nach dem Tbeater, wo große Orchesterprobe zur Over „Don Juan" stattfinden sollte. Sonst war sie mit geflügelten Schritten dahin geeilt, voll Begeisterung für ihre Kunst. Heute war das so ganz anders, aller Enthusiasmus war von ihr geschwunden, Freude am Gesang schien sie wohl nie mehr haben zu sollen. Sie i wollte nur noch singen, um das liebe Brod für sich und ihre * Angehörigen zu verdienen, weil sie es dem Vater auf seinem ! Sterbebette versprochen. Daß die Kunst aber solche Jüngerinnen \ von sich stößt, ohne Mitleid und Erbarmen aus ihren Kreisen verbannt, daran dachte Johanna heute nicht in ihrem bitteren Schmerz.
Die Probe hatte schon begonnen, als sie die Bühne betrat, um als Donna Anna ihren Schmerz um das Leben des theuren Vaters in jenen, ergreifenden, herzerschütternden Gesang ertönen zu lasten. Gestern noch war der Capellmetster des Lobes voll gewesen über ihre Austastung dieser Rolle — heute aber!--
„Herr des Himmels, was war geschehen!" dachte der Capellmeister.
Johanna hatte sich zur Erde geworfen, über den Erschlagenen gebeugt, sollte sie singen, das Orchester spielte, sie setzte ein, ihre Stimme aber, die sonst von berückendem Wohl- ! laut erklang, war heute ohne allen Klang. Das war kem - Gesang mehr, nur ein heiserer Aufschrei eines tief verwun- ! beten Herzens.
Erschrocken winkte der Capellmeister dem Orchester zu, ; die Musik verstummte und eine beängstigende Stille herrschte i in dem weiten Raum.
Johanna hatte sich inzwischen erhoben, bleich und starr stand sie vor dem Capellmeister, der ihre eiskalten Hände erfaßte.
„Was ist geschehen? Sind Sie krank?" fragte er mit , inniger Theilnahme.
„Die Kunst rächt sich an mir!" murmelte die Sängerin. I „O, warum bin ich ihr nicht treu geblieben! Ich liebte sie ja nur noch um seinetwillen, aber sie verlangt volle, ganze


