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blickten sie verwundert auf, als er bei der Rückkehr vom Kirchhof sagte:Die Großmutter hat ein Testament hinter- lasien, das schon vor Jahren abgefaßt worden ist. Ich be­gleitete sie damals es war das letzte Mal, als sie in Alt- kirch war und sie nahm mir das Versprechen ab, daß es am Tage ihres Begräbniffes veröffentlicht werden sollte. Ich habe deshalb den Justizrath Merkmann gebeten, heute um sechs Uhr hier zu sein."

So versammelte sich denn die Familie, wie es gewünscht war, im Wohnzimmer, der Vater, durch dessen dunkles Haar die Zett Silberfäden gezogen hatte, wenn er auch sonst noch in der vollen Kraft der Mannesjahre stand, die Mutter, deren blonde Flechten noch ein feines, liebliches Gesicht umrahmten, die Geschwister in Jugendfrische und Lebensfülle. Ihnen voran stand Ering, das Gesicht durchleuchtet von der schaffenden Arbeit des Geistes, ihm zur Seite Lieschen, ein treues Ab- bild der Mutter, dann Gustav, des Vaters Hülfe und Stütze bei der Arbeit, und die beiden Kleineren, Max und Hertha.

Das Bild, das der vereinigte Familienkreis bot, war in Liebe und Eintracht ein so ganz anderes, wie jenes vor vielen Jahren, aber die Veranlassung, die sie hierher rief, war die­selbe wie damals, und wie damals räusperte sich auch der Notar Merkmann, der ein alter Mann geworden war, ehe er begann:Es ist ein kurzes Schriftstück, das ich Ihnen mitzu- theilen habe" und er faltete es auseinanderund un­anfechtbar in seinen Bestimmungen und Auseinandersetzungen, wenn es auch nicht gerade in gewöhnlich sachgemäßer Weise ausgeführt ist."

Ich danke meinem geliebten Sohne Erich für seine Treue alle die langen Jahre hindurch. Er hat meinen Namen geschont und meine Schuld vergeben nicht mit Worten, nur mit der That seines Lebens. Gott lohne es ihm in Zeit und Ewigkeit! Alles, was ich hier schreibe, habe ich mit meinem Enkel Ering Hamann, dem Sohne meiner Tochter Hertha, besprochen. Ihm kommt von Rechtswegen zu, was ich besitze, das Capital, welches auf Grashagen für mich eingetragen steht, wie auch meine bei dem Bankhause Berndt in Hamburg angelegten Ersparnisse. Am Tage seiner Mündigkeit, heute am 4. Mai 18**, habe ich es ihm verschrieben, und er hat mir dafür sein Besttzthum Grashagen übergeben. So vermache ich durch dieses Schriftstück das Gut mit all' seinem tobten und lebenden Inventar meinem Sohne Erich Hagen und seinen Erben. Gott segne Euch, meine Kinder, meine ge­liebten Kinder!"

Tiefe Stille herrschte nach der Verlesung dieser Worte, nur der Notar räusperte sich von Neuem, als er sich erhob und Erich die Hand entgegenstreckte.Das nenne ich ein Un­recht auf edle Weise gut gemacht, Herr Amtmann," sagte er, und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrer Erbschaft."

Erich hatte still wie betäubt gesessen, während die Ge­sichter der Uebrigen das größte Erstaunen ausdrückten und nur über dasjenige Erings ein leichtes Lächeln der Befriedigung zog. Jetzt blickte der Vater in die Höhe.Und ist es Alles wahr?" fragte er tiefaufathmend,ist es"

Gesetzlich festgestellt und nicht daran zu rütteln," unter­brach ihn der Notar.Sie haben Beide, Ihre ehrwürdige Mutter und Ihr Neffe, Sorge genug gehabt, daß die Con- tracte und Bestimmungen unanfechtbar sein sollten. Ich glaube, Herr Amtmann, sie trauten Ihnen nicht recht."

Erich erhob sich von seinem Stuhle.Komm' zu mir, Ering," sagte er in tief bewegtem Tone,mein geliebter, älte- ster Sohn," und als Ering vor ihm stand, da zog er ihn in seine Arme und küßte ihn, während große Thränen in seinen Augen standen.

Der Justizrath war nach Altkirch zurückgefahren. Durch den Garten von Grashagen schritten Ering und Gustav, die erwachsenen Söhne des Hauses. Das war ein seltenes Er- eigniß, denn die Beiden wußten sich sonst, wenig zu sagen und Gustavs kühle, ablehnende Haltung ihm gegenüber hatte Erings feines Gefühl oftmals tief verletzt.Ich schäme mich vor Dir, Ering," sagte Gustav in offenem Ton,daß ich ein Gefühl der Eifersucht in meinem Herzen gegen Dich nicht habe über­

winden können. Es wollte mir nicht in den Sinn, daß Gras­hagen Dein Besttzthum war, während es doch dem Vater zu­kam, ich habe der Großmutter und Dir deshalb gezürnt."

Aber das ist jetzt vorüber, Gustav."

Ja, Ering, Du bist besser als ich, das weiß ich und" Du mußt das nicht sagen, mein Bruder."

Aber es ist so, und der heutige Tag hat mir's gezeigt, daß ich s nie wieder vergessen werde."

Er verließ ihn schnell und Ering setzte seinen Gang allein fort; was mochte ihm im Sinne liegen, daß er nicht einmal die Augen nach der Bank richtete, wo Lieschen unter dem großen Baume saß. Ihr Herz war sehr voll und sie sehnte sich nach Aussprache, aber er kam nicht und die Augen, die seinen Schritten folgten, füllten sich mit großen Thränen.

In der Wohnstube stand Marie am Fenster, während Erich auf dem Hofe Anordnungen für die Arbeiten des kom­menden Tages traf.Zum ersten Mal als Herr auf Deinem Grund und Boden," sagte sie, ihm freudig bewegt die Hand reichend, als er zu ihr trat.

Ja, Dank der Großmuth Erings," war seine Antwort; aber das wollte ste nicht gelten lassen.Es war Dein Recht von Anfang an," entgegnete ste in sehr bestimmtem Tone, als ob sie einem Widerspruch vorbeugen wolle, aber er erfolgte nicht. Erich sagte nur:Wenn ich dessen nicht sicher wäre, würde ich seinen Verzicht nie angenommen haben" und nach einer Pause fügte er hinzu:Seine arme Mutter sagte mir, er würde mir vergelten, was ich ihm Liebes thäte, und wie hat er's gethan, der liebe Junge!"

Es schien, als ob Marie die Aeußerung nicht so ganz behagte, denn sie sagte schnell:Du bist ihm ein Vater ge­wesen, Erich, von dem Tage an, wo ihn der seine verließ, das darfst Du nicht vergessen."

Er hat mir's leicht genug gemacht," meinte Erich, aber Marie fuhr in dem angeregten Gedanken fort:Ob er wohl noch am Leben sein mag, der unglückliche Malte?" Sie hatten seit seiner ungehinderten Flucht nichts wieder von ihm ver­nommen, so antwortete Erich nur:Gott gebe ihm Buße für seine Schuld und erbarme sich seiner hier und dort!"

Die lange Dämmerung des Sommerabends fand sie zu­sammen auf dem Sopha sitzend, Hand in Hand, in vertrautem Gespräch, als die Thür geöffnet wurde und Erings hohe Ge­stalt, leicht kenntlich für ihre Augen, auf der Schwelle erschien. Erich rief ihn an seine Seite und faßte seine Hand.Ist Dein Herz auch so voll wie das meine gegen Dich, Ering?" fragte er liebevoll, und er wollte ihm neben sich Platz machen, aber Ering blieb stehen.Vater," fragte er in seltsam ge­preßtem Ton,darf ich zu Dir sprechen?" Und auf Erichs erstaunte Bejahung fuhr er fort:Du weißt, es war unsers lieben Pastors Wunsch, daß ich sein Nachfolger sein sollte. Gestern habe ich erfahren, daß er sich kurz vor seinem Tode für mich bei dem Patron von Willnick verwandt hat, denn mir ist die Pfarrstelle angeboten worden."

Und was wird Deine Antwort sein, Du kannst nicht zweifeln, Ering?" rief Erich fast erschrocken, als er stockte und innehielt.

Vater, Mutter, Ihr müßt entscheiden. Ich kann nicht kommen, denn ich liebe Lieschen und ich bitte, gebt sie mir zum Weibe!"

Sie waren Beide so überrascht, denn nichts in seinem Verkehr mit ihrer Tochter hatte sie auf diese Erklärung vor­bereitet, daß ste im ersten Augenblick nicht Worte finden konnten. So fuhr denn Ering fort:Ich weiß, was gegen mich spricht und das hat mich verhindert, ein Wort von meiner Liebe bisher zu sagen, die Schuld, die mein unglücklicher Vater auf mich gelegt hat, macht mich Eures Kindes unwerth und doch, ich liebe Lieschen von ganzer Seele!" Aber Erich war aufgestanden.Ich weiß nicht, wer ihrer mehr werth fein sollte, als Du," unterbrach er Erings Selbstanklage in fast ge­reiztem Ton,was meinst Du, Mutter, ist Dir Ering als Sohn willkommen?" Sie stand schon neben ihm und zog ihn in ihre Arme.Du kannst nicht vollkommener werden, als