1893
Nntephaltttirgsblatt jum Giehenep Anzeigen (Genevcrl-Anzeig-p)
Dienstag, den 26. September.
Das Erbe.
Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.
(Schluß.)
„Erich, ich war ihm verfallen von jenem Tage. Er zwang mich, dem Vater zu sagen, was ihm gut erschien, er zwang mich, ihm die Hand Herthas zu verschaffen, und ich sah sie an seiner Seite dahinwelken, er zwang mich, Geld und wieder Geld zu besorgen, denn, Erich, er war wohl ein fleißiger Ar« beiter auf dem Hofe, aber er hatte eine Leidenschaft, der er stöhnte im Verborgenen, nicht hier, daß es nicht unter die Leute komme, in der Stadt, auf Reisen, — er spielte. In schmachvoller Abhängigkeit hat er mich gehalten, aber nie, nie hat er mich vermocht, einen Heller von dem zu nehmen, was er auf meinen Namen bei Berndts Bankhause angelegt hatte. Es war das Deine, Erich, es war für Dich bestimmt, bei meinem Tode sollte es Dir ausgehändigt werden als meine Gabe, wenn ich es Dir nicht vorher schon gab. Ich hielt mir die Bestimmung darüber offen, denn ich hatte den Schuldschein ber Bank in meinen Gewahrsam genommen, er lag in einem Geheimfach des Schreibtischs, dessen Schlüffe! ich nach des Vaters Tode an mich genommen hatte. Wie er sich in seinen Besitz gesetzt hatte, das weiß ich nicht, aber er hatte es gethan an jenem Tage, als ich Grashagen verließ. Er verweigerte ihn mir, als ich danach verlangte, er sagte mir höhnend, daß er auch diesen Theil Deines Erbes gebrauchen könne und wolle, und dann — dann trieb er mich in die Nacht hinaus. Und Erich, Du nahmst mich auf, Du gabst mir Obdach und Brod und — Erich, es hat mich zur Verzweiflung getrieben, was Du an mir gethan hast! Und dann kam die Angst um Ering und jetzt — Erich, ich will Alles thun, was Du verlangst, ich will bis an's Ende der Welt gehen, aber nimm die Last von meiner Seele, vergieb mir!"
Er streichelte sanft ihre zuckende Hand. „Erich, vergieb mir, sage mir, daß Du es thust," wiederholte sie noch einmal, als er im Schweigen verharrte. „Ich mag das Wort nicht über die Lippen bringen," antwortete er leise, „es paßt sich nicht von dem Sohne der Mutter gegenüber."
Sein Widerspruch erregte sie von Neuem. „Erich," rief sie lebhaft, „Du mußt es thun, ich muß es von Dir hören in deutlichem, klarem Wort, damit ich es behalten kann, wenn ich weit von hier entfernt bin. Ich flehe Dich an, sage mir frei heraus, daß Du mir vergeben hast."
„Nun denn," er kniete vor ihr nieder und erhob die Augen voll zu den ihren, „so sage ich Dir, meine Mutter,
daß ich aus vollem, tiefen Herzen Alles vergebe, was Du gegen mich gefehlt hast, wie ich bitte und glaube, daß mir unser Herrgott vergiebt, was ich gegen ihn, gegen meinen Vater und auch gegen Pich gesündigt habe."
Mit gefalteten Händen hatte sie seinen Worten gelauscht, jetzt lehnte sie den Kopf gegen seine Schulter und schluchzte leise. Auch Erichs Augen waren nicht trocken, aber doch sprach er jetzt in leichterem Tone. „Ich will Dir auch ein Bekenntniß ablegen, Mutter," sagte er, „eins, das Dich mit Erstaunen erfüllen wird Ich habe Dich lieb gehabt als wilder Junge, ich habe Dich lieb gehabt als trotziger Jüngling, und jetzt als Mann, — Mutter, denkst Du, ich werde Dich von mir lassen, seit ich heute wirklich Dein Sohn geworden bin? Wir können Dich Alle nicht miffen, nicht Ering, nicht Marie oder ich. Du wirst sie und mich segnen als Deine Kinder, und wir «erden Dich lieben und ehren al» Mutter und Großmutter."
Sie beugte sich vor, strich das dunkle Haar des Knieenden von der Stirn zurück und küßte ihn zärllich. „Gott segne Dich, mein Sohn, an Leib und Seele, an Weib und Kind! Er vergelte Dir, was Du an mir thust."
Sie schwiegen eine Zeit lang in ihrer tiefen Bewegung, und als sie das Gespräch wieder aufnahmen, hatten sie sich in dieser ersten Stunde des vollen Vertrauens io viel aus der Vergangenheit mitzutheilen, daß für die geschäftlichen Angelegenheiten der Zukunft keine Gedanken übrig blieben. Am nächsten Morgen erst traten sie in den Vordergrund. Daß Ering ihnen überlassen bleiben würde, konnten sie nicht bezweifeln. Die Flucht des Vaters hatte ihnen gezeigt, daß er seine Rechte aufgab, und sie wußten, daß er niemals zurück, kehren oder einen Anspruch erheben konnte, nachdem sein schandbarer Plan gegen das Leben seines Kindes entdeckt worden war. „Der arme Junge," seufzte die Großmutter, „er ist schlimmä als verwaist, und das Erbe — Gottes Fluch hat darauf gelastet, Erich. Grashagen ist herunter gewtrthschaftet, wie Du es nicht für möglich halten würdest. Zum ersten August ist eine Hypothek gekündigt, mit der er vor Kurzem erst belastet worden ist, und wenn er nicht gelingt, einen Ersatz für sie zu finden, so mag es sein, daß wir an den Verkauf denken müssen."
„Mutter," rief Erich erschrocken, „was redest Du da — das darf und kann doch nicht sein!" Dann, als er ihrem ernsten Blick begegnete, fügte er schnell hinzu: „Du hast mir gestern das Document gegeben" — und er nahm den Brief des Handelshauses aus der Tasche — nimm es, zahle damit, was nöthig ist, übernimm die Hypothek, nur halte das Gut des Vaters für Ering, für die Familie!"


