uns die gute Laune nicht verderben und uns den eigenen Werth um so höher schätzen lehren."

Im Salon trafen die Ankömmlinge auf den Assessor Valen- tini, der zwar sehr pünktlich erschienen war, aber recht ange­griffen aussah und ein merkwürdig unruhiges, zerfahrenes Wesen an den Tag legte.

Er hatte Kopfschmerzen, wie er Monika in den ersten fünf Minuten ihrer Unterhaltung mittheilte, aber er war trotz seiner Leiden gekommen, weil er dieser schwächlichen Gesellschaft von W. zeigen wollte, wie wenig sich ein rechter Mann vor einer Handvoll stiftender Arbeiter fürchte und weil es außer­dem hier einen Magneten gab, der ihn sicherlich auch tausend­mal schlimmere Gefahren todesmuthig hätte verachten lassen.

Was diese letztere Anspielung zu einer sehr verständlichen machte, war der schmachtende Blick, mit welchem er dabei Monikas Augen suchte. Die junge Dame aber, die gar nicht fröhlich und festlich aussah, schien trotzdem nicht begriffen zu haben, daß das bedeutsame Compliment an ihre eigene Adresse gerichtet gewesen sei. nu

Warum hätten Sie sich denn auch fürchten sollen? fragte sie unbefangen.Wir haben mit den strikenden Arbei­tern nichts zu schaffen, und es fällt ihnen sicherlich nicht ein, uns etwas zu Leide zu thun."

Der Assessor machte ein geheimnißvoll ernstes Gesicht und zog die Schultern in die Höhe.

Die Massen und die Instinkte, von denen sie geleitet werden, sind unberechenbar," sagte er.Es ist hier viel Zünd- stoff angehäuft, wie mir scheint; aber Sie dürfen trotzdem ganz unbesorgt sein, mein gnädiges Fräulein, denn in diesem Kreise gibt es Jemand, der sich eher in Stücke reißen lassen wird, ehe er zugibt, daß man auch nur ein Haar auf Ihrem Haupte verletze."

Was für schrecklich ernsthafte Dinge sind es denn, von denen Sie da mit meiner Schwester sprechen?" fragte Edith«, die nur einige kurze, halblaute Worte mit Neukamp gewechselt hatte und die sich nun zu ihnen gesellte.Die bleiche Furcht wird doch nicht etwa auch Sie ein wenig angesteckt haben, Herr Assessor I Ist es nicht lustig, daß sich die ganze Stadt vor den Arbeitern meines Verlobten fürchtet und daß wir vier die einzigen Helden sind, die sich mitten hinein in die Löwen­höhle gewagt haben? Wir werden uns über diese Hasenfüße in Zukunft noch manchmal amüsiren nicht wahr?"

Der Assessor drehte an den spärlichen Haaren seines Schnurrbärtchens und stieß ein forcirtes Lachen aus.

Natürlich werden wir das, mein gnädiges Fräulein I Ist ja lächerlich, sich so in« Bockshorn jagen zu lassen ein­fach lächerlich I Als wenn nicht zwei entschlossene Männer im Nothfall genug wären, um eine ganze Horde von Aufrührern in Schach zu halten!"

Um Edithas Lippen zuckte es wie in feinem Spott, wäh­rend sie ihren Blick über die dürftige Gestalt desentschlossenen Mannes" hingleiten ließ.

Aber diese Aufrührer existiren ja nur in der Einbildungs­kraft der Furchtsamen und Derjenigen, die meinem Verlobten übel wollen," sagte sie.Mag es immerhin Lohnstreitigkeiten zwischen ihm und seinen Arbeitern geben, am Ende ist er doch kein grausamer Tyrann, dem seine Unterthanen nach dem Leben trachten könnten. Wissen Sie auch, Herr Assessor, daß wir noch vor einer halben Stunde allen Ernstes gewarnt worden sind, hierher zu fahren?"

Ahl" machte der Gefragte, während sein Gesicht noch um eine kleine Schattirung blässer zu werden schien. Monika aber blickte verwundert zu ihrer ruhig lächelnden Schwester empor.

Gewarnt?" widerholte sie.Und ohne daß Ihr mir etwas davon mitgetheilt hättet?"

Wir wissen ja zur Genüge, daß Du ein Häschen bist und Dich nicht hinausgewagt haben würdest, wenn wir Dich's hätten wissen lassen zumal da die Person des Warners in Deinen Augen eine so besondere Bedeutung hat."

Es ist doch nicht Doctor Asmus gewesen» der" Mitten in der hastig begonnenen Frage hielt Monika inne,

weil ihr das fröhliche Auflachen der Schwester verrieth, daß sie eine Ungeschicklichkeit begangen habe. Eine purpurne Gluth flammte in ihren Wangen auf, als die unbarmherzige Editha sagte:Du konntest also gar nicht erst auf einen Andern rathen, als auf ihn? Wie schade, daß er augenscheinlich so wenig von der außerordentlichen Werthschätzung ahnt, deren er sich bei Dir erfreut! Er hätte seine Warnung sonst gewiß nicht an deq. Papa, sondern direct an Dich gerichtet. Vielleicht würde er dann auch vor dem Verdachte bewahrt geblieben sein, daß nur sein Haß gegen Deinen künftigen Schwager ihn auf diesen sonderbaren Gedanken gebracht habe."

Du weißt, daß ich darüber nicht mit Dir streiten kann, Eütha," erwiderte Monika leise, indem sie mehr bittend als' unwillig zu der schönen Schwester aussah,aber Du bist im Grunde Deines Herzens am Ende ebenso fest überzeugt, wie ich selbst, daß Doctor Asmus niemals eine seiner Handlungen durch eine Regung niedrigen Hasses bestimmen lassen wird."

Der Assessor Valentini machte bei dieser Unterhaltung ein etwas verblüfftes Gesicht und es war ihm jedenfalls nicht un­willkommen, daß gerade jetzt der in einem gräflichen Haufe dressirte Diener mit würdevoller Feierlichkeit die Meldung er­stattete,die Herrschaften seien servirt". Er bot Monika den Arm und geleitete sie in das Speisezimmer, dessen drei Fenster ebenso wie alle übrigen des ersten Stockwerkes ihren hellen Lichtschimmer weit in den dunklen Winterabend hinauswarsen.

In dem Augenblick, da sie sich anschickten, ihre Plätze an der kleinen, mit Blumen geschmückten Tafel einzunehmen, drang ein verworrenes Geräusch wie von zahlreichen, laut durcheinan­der redenden Stimmen zu ihnen herauf ein Geräusch, das erst noch aus einiger Entfernung zu kommen schien, sich dann aber rasch und unverkennbar dem Hause näherte. Der Assessor Valentini umklammerte mit merklich zitternden Händen die Lehne des Stuhles, hinter welchem erstand; der Oberst aber räusperte sich leicht und meinte:Was ist denn das, lieber Sohn? Doctor Asmus wird doch nicht am Ende recht gehabt haben, als er uns warnte, heute Abend hierher zu gehen."

Hugo Neukamp lächelte verächtlich.

Der Herr Doctor scheint gute Verbindungen mit düsen Kreisen zu unterhalten," sagte er spöttisch.Wir aber haben keinen Grund, uns durch seine zärtliche Besorgniß um unsere Sicherheit den Appetit verderben zu lassen. Ich habe die Polizei benachrichtigt und wenn die Leute sich wirklich zu irgend welchen unvernünftigen Kundgebungen hinreißen lassen sollten, so wird man sie mit blutigen Köpfen heimschicken, ohne daß wir uns weiter dämm zu kümmern hätten. Also bitte zu Tische, meine Herrschaften ich heiße Sie noch einmal unter meinem Dache willkommen und wünsche Ihnen eine gesegnete Mahlzeit."

Man leistete seiner Aufforderung Folge, wenn auch Editha die einzige war, deren lächelnde Ruhe ganz ungekünstelt schien. Das Stimmengewirr vor dem Hause war innerhalb weniger Minuten zu einem dumpfen Brausen angeschwollen, welches den Speisenden um so unheimlicher in die Ohren klingen mußte, als es hier und da von lautem Johlen oder von einzelnen schrillen Pfiffen übertönt wurde. Es war kein Zweifel, daß die Menschenmenge, welche sich da draußen angesammelt hatte, eine sehr zahlreiche sein mußte, und unter den obwaltenden Ver­hältnissen konnte Niemand von der kleinen Gesellschaft im Un­gewissen sein, daß sie von nichts weniger als freundlichen Ab­sichten für den Hausherrn und feine Gäste beseelt war. Aber nach Hugo Neukamp» Vorbilde gab man sich noch immer den Anschein, als ob man dadurch nicht im geringsten beunruhigt würde. Der Assessor Valentini erzählte mit farblosen Lippen die lustigsten Anecdoten au» seinem unerschöpflichen Vorrath und belohnte sich selber jedesmal, wenn ihre Pointe heraus war, mit fast überlautem Gelächter. Herr von Haffelrode aber leerte hastig ein Glas nach dem anderen und es war zweifelhaft, ob die hohe Röthe auf seinem Gesicht mehr der Wirkung des Weines oder der gewaltsam unterdrückten inneren Erregung zugeschrieben werden mußte.

Da trat plötzlich für einen Moment draußen Stllle ein, und man vernahm deutlich den Klang einer tiefen, befehlenden