denber Wichtigkeit mitzusprechen, wenn nicht das Feuer und die für einen Menschen von geringer Bildung geradezu bewun­derungswürdige Geschicklichkeit seiner Rede schon nach den ersten Sätzen, die er gesprochen, ihre Wirkung gethan hätte.

Es war keine von den hergebrachten phrasenhaften Hetz­reden, die man in derselben Versammlung wohl schon von an­deren jüngeren Leuten gehört hatte, sondern es war lediglich ein Appell an das Ehrgefühl und an die kameradschaftliche Gesinnung seiner Genossen.

Ihr dürft die Männer, welche bei dem Fabrikherrn für Euch das Wort geführt haben, nicht verlassen," das war der Kernpunkt seiner Ausführungen und Alles, was er vor­brachte, um feine Mahnung möglichst wirksam und eindringlich zu machen, fand ohne Weiteres den Weg in die Herzen der einfachen Männer, zu denen er sprach.

Daß er selber von Bitterkeit und Groll nicht nur gegen Hugo Neukamp, sondern vielleicht gegen alle Besitzenden erfüllt war, suchte er freilich kaum zu verbergen. Aber er gab seine Gesinnung nicht in jenen schwülstigen Redensarten kund, die auf verständige und gereiste Zuhörer nur selten einen tieferen Ein­druck machen, sondern er begnügte sich damit, in knappen, schlagenden Worten auf einige Vorkommniffe und Thatsachen hinzuweisen, die in den Augen dieser Versammlung wenig­stens wohl danach angethan schienen, seinen Haß zu recht­fertigen und zu erklären.

Als er geendet hatte, ließ schon der Beifall, der ihm von allen Seiten gezollt wurde, zur Genüge erkennen, welches Er» gebniß die vorgeschlagene Abstimmung haben würde, und die Worte eines anderen Redners, der in beweglicher Weise an die hungernden Frauen und Kinder und an die scheinbar un­beugsame Entschloffenheit Hugo Neukamps mahnen wollte, wurden einfach niedergeschrieen- Mit überwältigender Mehr­heit erklärte sich die Versammlung dafür, daß die Arbeit am nächsten Morgen noch nicht wieder aufzunehmen, sondern daß eine neu gewählte Deputation an den Fabrikherrn zu schicken sei mit dem Auftrage, ihm die Unterwerfung der Arbeiter­schaft unter gewisien Bedingungen anzubieten. Einige der härtesten Bestimmungen des neuen Tarifs sollten zu Gunsten der Arbeiter gemildert, und Alle, die sich zum Wiedereintritt meldeten, sollten ohne Rücksicht auf ihre Thätigkeit bei diesem Ausstande angenommen werden.

Wohl schüttelten manche der Aelteren zu diesen Beschlüssen sorgenvoll die grauen Köpfe; aber es blieb ihnen nichts Anderes übrig, als sich der Majorität zu unterwerfen, mit wie bangen Befürchtungen sie auch für sich und ihre Angehörigen in die nächste Zukunft blicken mochten-

Um neun Uhr Vormittags meldete sich die aus vier Personen bestehende Deputation, zu deren Mitgliedern diesmal auch Paul Mehnert zählte, in Hugo Neukamps Villa. Der Fabrikbesitzer ließ sie wohl eine halbe Stunde lang im Vor­zimmer warten, und er wandte, vor seinem Schreibtische sitzend, kaum den Kopf nach ihnen um, als ihnen endlich der Eintritt in das Arbeitscabinet gestattet worden war.

Ich wüßte zwar nicht, was es zwischen uns noch zu verhandeln geben kann," sagte er kühl.Aber ich will Euch trotzdem die Möglichkeit nicht abschneiden, mir Euer Anliegen vorzutragen in der Voraussetzung allerdings, daß Ihr Euch dabei möglichst kurz fassen werdet."

Dieser Empfang war so wenig ermuthigend, und es war etwas so hochmüthig Abweisendes in der Haltung ihres Arbeit» gebers, daß dem zum Sprecher der Abordnung ausersehenen alten Vorarbeiter alsbald der Muth entfiel, und daß er nur nach vielem Stottern und Räuspern mit den Vorschlägen herauskam, die in der gestrigen Versammlung formulirt worden waren. Noch ehe er den hauptsächlichsten derselben vorgebracht hatte, schnitt ihm Hugo Neukamp kurz die Weiterrede ab.

Wir wollen uns nicht mit überflüssigem Geschwätz auf» halten, mein Bester I Ihr mögt Euch bei den guten Rath­gebern, von denen dieser unsinnige Ausstand angezettelt worden ist, bedanken, wenn es Euch jetzt schlecht geht mich triff; keine Verantwortung dafür; denn ich bin dadurch, daß ich Euch eine Frist zur Ueberlegung gewährt habe, in meinem

Wohlwollen viel weiter gegangen, als es meine Pflicht ge­wesen wäre. Daß ich von Dem, was ich einmal bestimmt falle, etwas zurücknehmen würde, konnten nur Diejenigen er­warten, die mich nicht kennen. Es thut mir leid, daß Ihr Euch allem Anschein nach in mir geirrt habt; aber es ist nicht meine Schuld, und die Folgen des Jrrthums werdet Ihr nun eben tragen müssen."

Die Abgesandten sahen einander verdutzt an und der Sprecher von vorhin schien völlig verstummt.

Nun?" fragte Hugo Neukamp, indem er ihnen erst jetzt ein Gesicht voll zuwandte, mit einem spöttischen Lächeln. Habt Ihr mir sonst noch etwas zu sagen?"

Paul Mehnert war es, der jetzt, indem er nun einen Schritt vortrat, das Wort ergriff. ;

Jawohl, Herr Neukamp," sagte er,denn Sie haben meinen Kameraden vorhin ja gar nicht ausreden lassen. Wir würden uns vielleicht auch in die neue Fabrikordnung gefügt jaben, denn wir wissen wohl, wie schwer es besonders für die Aelteren und die Verheiratheten ist, anderweitig Arbeit zu bekommen, und ich brauche Ihnen auch kein Geheimniß laraus zu machen, daß es den Meisten von uns jetzt schon schlecht genug geht. Aber Sie verlangten auch von uns, daß wir unsere Genossen im Stich lassen sollten, und dazu, Herr Neukamp, dazu können wir uns nicht verstehen. Das ist gegen unsere Ehre, und wenn sich auch über alles Andere möglicher­weise noch reden ließe ehe Sie nicht eingewilligt haben, daß Alle ohne Ausnahme wieder eingestellt werden, eher nehmen auch wir Anderen die Arbeit nicht wieder auf."

Er hatte nicht gerade unehrerbietig, aber doch in einem so bestimmten und energischen Tone gesprochen, wie ihn bisher noch keiner seiner Untergebenen dem Fabrikherrn gegenüber anzuschlagen gewagt. Hugo Neukamp öffnete die Augen weit und fixirte den Redner mit einem durchdringenden Blick.

Wer sind Sie?" fragte er kurz und scharf.Ich er» innere mich gar nicht, Sie überhaupt jemals in der Fabrik gesehen zu haben. Als was und seit wann haben Sie denn darin gearbeitet?" c ,, ,,

Ich bin der Modelltischler Paul Mehnert, und ich bin allerdings erst eine Woche vor Beginn des Ausstandes bei Ihnen in Arbeit getreten, Herr Neukamp."

Der Fabrikbesitzer sah den Sprechenden noch immer un» verwandt an. Keiner der Anwesenden hatte wahrgenommen, daß er bei dem Klange des Namens ein wenig zusammen» gekommen war, und wenn sich betritt wirklich etwas wie un­männliches Erschrecken geäußert hatte, so besaß er jedenfalls Selbstbeherrschung genug, diese Schwäche sehr schnell wieder von sich abzuschütteln.

Davon weiß ich nichts I" sagte er mit einem unwilligen Stirnrunzeln.Von wo sind Sie gekommen?"

Aus meinem Geburtsort Eberbach, wo ich mich bet meinem Vater aufhielt, da ich feit mehreren Wochen ohne Arbeit gewesen war. Es nimmt mich übrigens Wunder, daß Sie nichts von meiner Einstellung wissen, da mir doch der Werkmeister, bei dem ich mich meldete, sagte, daß Sie selbst Auftrag gegeben hätten, mich anzunehmen."

Ein halblauter, unverständlicher Ausruf, den die drei anderen Deputirten als eine Kundgabe der Entrüstung über den dreisten Ton ihres Kameraden auffaßten, entschlüpfte Neukamps Lippen. Aber er bezwang sich auch diesmal und sagte kalt:

Es mag sein ich erinnere mich jetzt. Sie waren mir von Jemandem empfohlen worden; aber es wurde mir wohl versehentlich ein etwas änders lautender Name genannt. Es muß übrigens um die Intelligenz Ihrer Kameraden ziemlich traurig bestellt sein, wenn Sie sich von jungen Menschen, die in der Fabrik noch nicht einmal warm geworden waren, 8« ihrem Verderben ins Schlepptau nehmen lassen. Aber das geht mich weiter nichts an- Das Kurze und Lange von der Sache ist, daß Ihr Alle miteinander, wie ich es Euch aiW- kündigt hatte, als contractbrüchig aus der Arbeit entlassen seid und daß Diejenigen, welche in meinen Häusern wohnen, nach Paragraph sieben des Miethsvertrages ihre Wohnungen