1V

Sprich doch nicht in diesem Tone, Erich, es zerreißt nur das Herz. Glaubst Du meinen Worten denn nicht? Denkst Du, es sei Dir eine Fabel erzählt worden?"

Großvater!"

Aber Du bist so stumm, so unnatürlich ruhig, mein Junge. Hat Dich denn der Schlag so ganz vernichtend ge­troffen?" r ,

Wenigstens sehr, sehr schwer, Großvater. Geschehenes ist nicht zu ändern; aber leichter wäre es mir, glaube ich, ge­worden, die Dinge von jeher zu kennen und zu wissen, welche Bürde auf meinen Schultern lastete. Es ist, wie Du sagst, vernichtend, sich bis jetzt für einen wohlsituirten, ja, reichen Mann gehalten zu haben und nun so jählings das Gegentheil zu erfahren."

Der alte Herr wiegte bekümmert das ersgraue Haupt. Und ich wollte Deiner schonen," sagte er mit bebender Stimme, ich wollte Deine Jugend von Sorgen, von offenen Fragen freihalten. Jetzt bist Du ein gereifter Mann, Erich, die Jllu- fronen des Lebens liegen hinter Dir; Du mußt es lernen, Deinen Antheil von den Plagen des Daseins muthig zu tragen. Im steten Sonnenglanze wandelte, so weit die Erde Menschen trägt, noch kein Einziger. Und überdies," setzte er dann, als Erich schwieg, seufzend hinzu,glaubst Du, es sei so leicht, so ohne inneres Weh gewesen, das schlimme Geheimniß Jahr aus, Jahr ein mit sich herum zu tragen? Das Liebste, was man sein Eigen nennt, von einem schweren Schlag bedroht zu wiffen und doch das Verhängniß nicht wenden zu können, denkst Du, das sei gar nichts? In jede frohe Stunde hinein fällt der Schatten, 'in jeden Zukunftsplan mischt sich eine kalte, Mitleids- lose Hand und verwirrt die Fäden; das Wenn und das Aber halten Wache vor jeder Freude--und Du glaubst, ich

hätte aus Egoismus geschwiegen?"

Voll tiefer Bewegung beugte sich der Gutsbesitzer zu dem alten Manne herab und küßte deffen blaffes Gesicht.Ich glaube von Dir nur das Allerbeste, Großvater," fagte er in weichem, zärtlichem Tone,ich danke Dir für Deine selbst- vergeffende Liebe tausend- und abertausendmal, nur mußt Du mir Zeit lassen, das gänzlich Unerwartete, Verwirrende erst ruhig zu erfaffen und mich mit ihm vertraut zu machen. Die Consequenzen der Sache können sehr verzweifelte sein, das er­kennst Du jedenfalls auch selbst."

(Fortsetzung folgt.)

Meine Lampe.

An den langen Abenden sammelt sich der trauliche Familienkreis um die Lampe, die mild ihren Schein auf die Arbeiten der Großen und Kleinen wirft, die sich um ihr Helles Licht sammeln. Welch' treue Freundin ist auch mir meine Lampe geworden! Es ist noch früh am Morgen- Noch schläft Alles um mich her; tiefe Stills umgibt mich. Ich kleide mich rasch an; bald brennt meine Lampe und schnell hole ich noch diese oder jene Flickarbeit herbei, die ich gestern nicht vollenden konnte, um sie fertig zu machen, ehe das liebe kleine Volk er­wacht und dringend nach der Mutter und deren Hülfe ver­langt. Auch des Abends, wenn mein Mann feine Zeitung liest, die Kinder fchlafen, die nöthigste Arbeit gethan ist, da leuchtet mir wieder der traute Schein meiner Lampe. Auch ich darf jetzt ein gutes Buch zur Hand nehmen, entweder in meiner lieben Bibel lesen und meinem Gott danken, oder längst vergessene Kenntnisse wieder auffrischen und neue sammeln. Welch' köstliche Morgen- und Abendstunden beleuchtet nur doch meine Lampe! Ich möchte sie nicht missen. Frau Doctor da drüben sagte mir, sie käme nie zum stillen Lesen eines guten Buches bei der Lampe. Freilich, bei Doctors ist des Abends meist Besuch oder sie gehen aus, und ich hörte neulich, wie Doctors Klärchen zu meiner Gertrud sagte:Wie gut hast Du es, wenn Deine Mama Dir Abends etwas vorliest und Dich dann zu Bette bringt. Meine Mama hat nie Zeit dazu, sie geht mit Papa fort oder es ist Besuch da und chie alte

man ließ ihn für die militärische Karriere ausbtlden und so­bald er dazu alt genug geworden war, begann er selbst, das Geld mit vollen Händen wegzuwerfen. Schon damals war von den zwei Millionen Vermögen keine halbe mehr vorhanden, außer dem unbelasteten Grund und Boden natürlich.

Jürgen Moldts letzte Lebensjahre waren von Sorgen und Befürchtungen getrübt. Nahe vor feinem Tode sprach ich noch mit ihm. So lange ich lebe, wird mir sein Blick vor der Seele stehen.Hans Avam", sagte er,mein letzter Trost, meine einzige Hoffnung bist Du. Wenn Alles auf dem Spiele steht, wenn Moldt unter den Hammer zu kommen droht, dann hilfst Du meinem Sohne, nicht wahr? Aber laß ihn vorher nichts erfahren, hörst Du, sage ihm von unserem Abkommen keine Silbe; denn er ist leichtsinnig, Du weißt es, er verschleu­dert den Werth."

Da habe ich dem bekümmerten Manne denn in die Hand gelobt, ganz so zu handeln, wie er es wünschte, Erich. Bald danach ist er gestorben und etwas später auch die Baronin. Nun kennst Du meine Geschichte, liebster Junge Dein Vater wußte Alles; er selbst hat einen großen Theil jener Summe durch seinen Fleiß und seine Tüchtigkeit zusammengetragen, ebenso auch Du. Es gilt jetzt, stark zu bleiben und den ganzen Besitz auf einmal hinzugeben."

Erichs Blicke hafteten am Boden.Den Weinhändlern, den Pferderennen, den Schmarotzern aller Art," sagte er düsteren Tones.

Das ist traurig, mein Junge, überaus traurig, aber wir müssen es dennoch tragen. Hans Adam darf nicht unter­gehen."

Als ob Du ihn schützen könntest, Großvater!"

Das ist unmöglich, ich weiß es wohl. Aber weiter als bis zur Rückerstattung jener zwölftausend Thaler reicht meine Verantwortung nicht. Was später kommt, das kann mich zwar tief betrüben, aber es betrifft nicht mehr meine eigene Mit­wirkung an der Sache."

Erich glitt langsam mit der Hand über die Stirne, hinter der es pochte und hämmerte, als wolle das heiße Blut seine Fesseln sprengen.Großvater," sagte er,das Geld gehört ohne alle Frage den Moldts, wir müssen es hingeben, darüber kann kein Zweifel entstehen, aber weshalb jetzt? Du schüttest, was drei Generationen durch eisernen Fleiß erworben haben, gleichsam nutzlos in's Meer."

Weil ich nicht anders kann, mein Junge. Was wir sind und haben, das danken wir den Moldts und zwar nicht allein in Bezug. auf jenes Darlehen, nein, schon aus viel früherer Zeit her. Vor drei Jahrhunderten kam einmal ein fremder, kranker Soldat halb verhungert in's Schloß und bat um Aufnahme, ein entlaufener Leibeigener, dem die Heimstätte fehlte und der nun flehentlich bat, man möchte ihm irgendwo im Winkel ein Plätzchen vergönnen, um ruhig darauf sterben zu können. Dieser Mann ist im Schlosse verpflegt worden und später mit dem Gebieter desselben in den Krieg gezogen. Da hat er durch seine große Treue und Tapferkeit dem Herrn das Leben gerettet und zum Lohn ist ihm, als es Friede ge­worden war, der Grund und Boden von Dornau sammt dem Freibriefe für ewige Zeiten geschenkt worden. Der Fremdling war unser Ahnherr, Erich, der erste Wolfram in hiesiger Gegend darfst Du seine Geschichte jemals vergessen?"

Ein Lächeln umspielte Erichs Lippen.Großvater", sagte er,aus Dir spricht der Geist einer verschollenen, unserer Gegenwart fremd gewordenen Zeit. Aber gleichviel, Du hast Recht, das Opfer muß gebracht werden. Willst Du mir sagen, wann nach Deiner Ansicht der Augenblick dafür gekommen ist?"

Sobald man auf Moldt zur Pfändung schreitet, mein QuHflC«"

Und wenn die Schuldsumme jene zwölstausend Thaler weit himmelweit übersteigt?"

Der alte Herr zuckte die Achseln.Gott verhüte er," fcuf^tc 6t«

Und als Erich langsam aufstand, setzte er hinzu:Willst Du nicht erst den Schuldschein ansehen, mein Junge?"

Wenn Du es wünschest, Großvater gewiß."