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ruhten und seine geballten Fäuste konnten dem jungen Mädchen keinen Zweifel darüber lassen, welcher Art die Abrechnung sein würde, die er mit dem ehemaligen Rechtsanwalt zu halten gedachte. Deshalb gab sie seine Arme nicht frei und umschlang seinen Nacken nur noch fester, als er sie sanft von sich hinweg zu drängen versuchte.
„Nein! Nein! Nein!" rief sie. „Ich gehe nicht aus die, fern Zimmer, wenn nicht mit Dir! Hast Du nur ein klein wenig Liebe und Dankbarkeit für mich, so darfst Du Dich nicht weigern, mich auf der Stelle zu begleiten! Dieser Erbärmliche ist nicht werth, daß Du Deine Hand mit seinem Blute besudelst!"
Doclor Julius Stirner, auf dessen Gesicht noch soeben der Angstschweiß in großen Tropfen gestanden und der mit dem Wuthblick einer gepeinigten Katze jeder Bewegung des ungerufenen Eindringlings gefolgt war, hatte Geistesgegenwart genug, den Vortheil zu nützen, der sich ihm durch das von Elfriede erzwungene Zögern Ernst Hallensteins bot. Mit einem einzigen Sprunge erreichte er von seinem Zufluchtswinkel aus die Stelle, an welcher sich der Knopf des electrischen Haustelegraphen befand, und das Mädchen hatte noch kaum das letzte Wort ausgesprochen, als das schrille Signal der Glocke durch die ganze Zimmerreihe tönte. Dann bückte sich Stirner nach dem Revolver, der nun ebenfalls im Bereich seiner Hand gewesen, und mit schneidendem Hohn rief er:
«Ja, gehen Sie, mein Herr Doctor! Ich rathe Ihnen dringend, der zärtlich besorgten Mahnung Ihrer liebenswürdigen Schwester zu folgen, ehe ich mich veranlaßt sehe, Sie durch meinen Diener festnehmen zu lassen oder Ihnen eine von diesen blauen Bohnen zu kosten zu geben."
Ernst Hallenstein warf einen vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester, denn er sah, daß es in der That jetzt ein Wahnwitz gewesen wäre, einen Angriff auf den zweifach lieber- legenen zu versuchen. Verrieth doch bereits das Knarren einer Thür, daß der Diener in das Nebenzimmer eingetreten war, und ein Kampf, dessen Ausgang mit nur zu großer Bestimmtheit vorauszusehen gewesen wäre, hätte nur dazu beitragen können, die ohnedies so peinliche Lage Elfriedens noch unerträglicher zu machen. So zog er denn den Arm der zitternden jungen Dame unter den seinigen und sagte, gegen Stirner gewendet, in mannhaft festem Tone:
„Der Weichherzigkeit meiner Schwester haben Sie zu danken, daß Sie für den Augenblick ohne die verdiente 'Strafe davongekommen sind. Aber Sie sollen wenig Anlaß haben, darüber zu frohlocken; dessen mögen Sie sich versichert halten! Mag es mir auch versagt bleiben, den Schurkenstreich zu rächen, welchen Sie gegen uns verübt; noch ist zum Glück ein Anderer da, der statt meiner Vergeltung üben und Ihnen nichts erlassen wird von der unbarmherzigen Züchtigung, die Ihnen gebührt. Der künftige Gatte meiner Schwester — und er wird ihr Gatte sein trotz all' Ihrer fein angezettelten Büberei — wird Ihnen als Staatsanwalt und als beleidigter Bräutigam Antwort geben auf das Ereigniß dieser Stunde. Sehen Sie wohl zu, Ihre irdischen Angelegenheiten zu bestellen, bovor Sie diese Antwort empfangen!"
Er wandte sich zum Gehen, und weder Julius Stirner noch der völlig verblüfft dreinschauende Diener machte einen Versuch, die Beiden zurückzuhalten. Aber als sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, schrie der Doctor den in seiner Ueberraschung ganz verstummten Burschen wüthend an: „Sie haben den Menschen trotz meines Verbotes eingelassen. Packen Sie Ihre Sachen, denn Sie sind auf der Stelle entlassen!"
Dann, nachdem er einen Blick auf den Revolver, den er noch immer in der Hand hielt, geworfen, fügte er in etwas milderem Tone hinzu: „Zuvor aber legen Sie mir etwas Wäsche und Kleidung in Den kleinen ledernen Handkoffer! Ich muß noch heute Abend eine kurze Reise antreten und wenn ich von derselben zurückgekehrt sein werde, dann — nun, dann können wir meinetwegen noch einmal über Ihre Verabschiedung reden."
Der Diener leistete zwar dem erhaltenen Befehle Folge; aber während er die Sachen seines Herrn der Weisung gemäß !
in den kleinen Koffer packte, sagte er vor sich hin: „Meinetwegen braucht er sich nicht zu bemühen, denn ich denke gar nicht mehr daran, bei ihm zu bleiben. In einem Hause, wo die weiblichen Besucherinnen um Hilfe schreien und die männ- lichen mit der Pistole hinauscomplimentirt werden, ist es mir denn doch zu wenig behaglich."
VIII.
Zum dritten Mal im Verlaufe dieses verhängnißvollen Tages hatte Ernst Hallenstein ein unumwundenes, rückhaltloses Bekenntniß seiner schweren Verirrung abgelegt, und Derjenige, welcher es diesmal empfangen, war nach dem natürlichen und gesetzmäßigen Lauf der Dinge berufen, ihn seinen irdischen Richtern zur Bestrafung seiner Schuld zu überliefern.
Nachdem er seine weinende Schwester bis an die Thür des väterlichen Hauses geleitet, hatte der junge Arzt sich unverzüglich in die Privatwohnung Rodewaldts begeben; denn er wußte, daß die Bureaus der Staatsar.waltschast um diese Stunde bereits geschlossen waren und er wollte jetzt nicht mehr um eine einzige Minute hinausschieben, was durch die letzten Ereignisse doch völlig unabwendbar geworden war.
Er hatte Bernhard Rodewaldt in heiterster Stimmung gefunden, denn der junge Staatsanwalt war eben im Begriff gewesen, sich zum Besuche seiner Braut zu rüsten. Mit einem jovialen Zuruf, wie es seinem ernsten Wesen sonst gar nicht entsprach, hatte er den künftigen Schwager begrüßt, und die niederschmetternde Ueberraschung, welche ihm schon durch die ersten einleitenden Worte Hallensteins bereitet wurde, hatte sich anfänglich deutlich genug in seinen Zügen ausgeprägt.
Dann aber waren ihm Ruhe und mannhaft würdevolle Haltung bald zurückgekehrt. Er hatte den Doctor aufgefordert, ihm Alles zu bekennen, und er hatte fein Geständniß ohne Unterbrechung bis zu Ende angehört. Wohl war ein Ausdruck namenloser Traurigkeit auf seinem Gesicht; aber schon die erste seiner Aeußerungen verrieth, daß er über Das, was ihm selber zu thun blieb, nicht eine Minute lang im Zweisel gewesen sei. Auf des jungen Arztes dringendes Verlangen hatten sie erst vor zwei Tagen Brüderschaft mit einander gemacht, und das „Du," dessen sich der Staatsanwalt demgemäß bediente, gab der Situation, in welcher sie sich befanden, ein noch düstereres und schmerzlicheres Gepräge.
„Es ist ein schweres Unglück, das Du da über uns Alle heraufbeschworen hast," sagte er mit gepreßter Stimme, „aber es kann nicht meine Aufgabe sein, Dir Vorwürfe darüber zu macheü; denn ehe Du zu mir kamst, warst Du Dir ohne Zweifel darüber klar, welche andere Aufgabe eine grausame Laune des Schicksals mir hier zugewiesen hat. Die beschworene Pflicht meines Amtes läßt mir keine Wchl — und wozu ich durch Dein eigenes Geständniß gezwungen sein werde — Du weißt es — nicht wahr?"
„Ja, ich weiß es, Bernhard!" erwiderte Doctor Hallenstein scheinbar ruhig. „Und ich bitte Dich nicht, um meinet- willen den Eid zu verletzen, mit welchem Du gelobt hast, ohne Parteilichkeit und ohne Ansehen der Person Deines Amtes zu walten. Die einzige Rücksicht, deren Gewährung ich von Dir erhoffe, ist die, mir noch eine einzige kurze Nacht der Freiheit zu vergönnen. Ich verspreche Dir bei — nein, nicht bei meiner Ehre, denn ein solches Versprechen würde unter den obwaltenden Umständen wohl nur wenig Werth für Dich haben — aber bei dem Andenken meiner geliebten Mutter und bei dem grauen Haupte meines Vaters, daß ich mich meinem Richter nicht entziehen werde."
(Schluß folgt.)
Zehn beherzigenswerthe Gebote für Eltern und Erzieher.
1. Seid jederzeit eingedenk, daß das Kind ein Heiligthum und weder ein niedliches Spielzeug zum Verziehen, noch ein wehrlos in Eure Hände gegebenes Opfer ist, um alle Eure bösen Launen an ihm auszulaffen.


