(Eichener Jamilienblätter.
Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.
Nr. 43. Donnerstag dm 12. April. ’ 1888.
Aufruf.
Hört den Wehruf deutscher Brüder Fernher von der Weichsel Strand!
Hört des Unglücks schwere Kunde, Hört's im deutschen Vaterland!
Reicht die Hand zur Menschenliebe, Lindert Noth und herbe Pein; — Jede Gabe ist willkommen, Wäre sie auch noch so klein!
Denn in jähem Wellenschläge, Wild empörter hoher Fluth Thürmten Schrecken sich auf Schrecken, Sank in Trümmer Hab und Gut.
Auch wohl manches Menschenleben Riß die Strömung jäh' hinab! — Schmerz und Thronen — Hilferufen Folgten mit in's Wellengrab !
Deutsche Brüder, nah' und ferne, Deutsche Frauen, hold und mild, Sei durch Euer liebes Walten Manche Thräne dort gestillt.
Hört den Wehruf nicht vergebens, Der zu Euch so klagend dringt, Daß das edle Werk der Liebe Segen in dem Unglück bringt.
Th. Loos.
Iie verlorene Pißet.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön.
(Schluß.)
„Wenn er noch Osficier ist", erwiderte der Ma« jor v. Seisenheim, „so muß es sofort dem Kaiser gemeldet werden, ist er ein Clvilist, so muß er, falls da» Gesetz ihn nicht mehr fasten kann, öffentlich ge- brandmarkt werden!"
„Und was verdient rin Mann", fuhr der General fort, „der eine liebenswürdige Gattin nicht allein durch rohe Behandlung arm und krank gemacht, fon#
dern auch ihr und ihrer Schwester Vermögen im Spiel vergeudet hat?"
„Der verdient das Zuchthaus!" antwortete der Major. „Und wer ist es, der diese Schandthaten aurgeführt?"
„Wer es ist?" rief der General mit starker Stimme und richtete seine blitzenden Augen auf Felix, „wer es ist? Dort steht der Verbrecher — es ist mein eigener Neffe!"
Eine lautlose Stille trat für einen Augenblick ein, in der Jeder das Unerhörte zu fasten versuchte.
Als der General die zweite Frage aussprach, ward es Felix klar, daß er hier vor einem — Ehrengericht stand, das nur zu dem Zweck hierherberufen war, um den Geheimrath zu entlasten. Eine momentane Bläste bedeckte fein Gesicht, aber sofort wußte er, daß dar, was der Onkel hier vorgebracht, auf keine andere Weise zu seiner Kenntniß gelangt sein konnte, als durch seine Frau oder deren Schwester. Jetzt galt es, dreist zu leugnen, und mit einem höhnischen Lächeln sagte er:
„Ich weiß genau, Onkel, woher der Wind weht, aber ist es möglich, daß ein besonnener Mann einem elenden Weibergeklatsch Glauben schenken kann? Erhalte ich denn niemals Ruhe vor der Rachsucht meiner geschiedenen Frau? Freimüthig will ich eingestehen, daß ich sie gekränkt, daß ich sie verlassen habe, weil es mir unmöglich war, an ihrer Seite länger zu leben! Ein Weib, das in ihrer Liebe beleidigt, ist unversöhnlich. Ich will es ja gerne glauben, daß Thalheim unschuldig ist, daß ein Anderer die Würfel vertauscht hat, aber ich- ich habe es nicht gethan!"
„Du bist ein abgefeimter Lügner", erwiderte der General, „und jedes Wort, was Du gesprochen, ist Unwahrheit. So wisse denn, Deine Gattin, von der Du nicht geschieden bist, ist hier auf der Schlangenburg, und wenn ich sie Dir in diesem Augenblick nicht gegenüber gestellt habe, so geschah es, um der edlen Frau die Aufregung einer solchen Scene zu ersparen. Auch die Schwester Deiner Frau ist hier und vor dem Zeugniß Beider mußt Du verstummen. Hast Du nicht vor 20 Jahren Dein Ehrenwort gebrochen, da« allen Osficieren abgenommen wurde, über die Thalheim'sche Affaire zu schweigen ? Hast Du sie nicht Deiner damaligen Braut verrathen? Und Du hast es gewagt, obgleich Du nicht geschieden bist, um die Hand meiner Enkelin anzuhalten?"
Er erhob sich, ging um den Tisch herum, trat


