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Ich kann es Ihnen im Grunds nicht ver­denken."

Und doch Habs ich das Gefühl, als wenn ich es Jemandem mittheilen müsse, als wenn es nicht absolut verloren gehen dürfe; und ich kann mir immer­hin noch einen Fall denken, wo er es, ohne daß seine Ruhe gesährdet würde, erfahren könnte: Wenn nämlich sich Ihre Prophezeiung erfüllt, daß er noch einmal ein großer Künstler wird, und wenn er dann sich ein ansehnliches Vermögen bereits erworben hat! In diesem letzteren Falle, wo nicht zu befürchten ist, daß er, wie sein armer Vater von der Girr gepackt wird, plötzlich reich zu werden, aus der Dürftigkeit zu einem glanzvollen Leben emporzusteigen, nur in diesem Fall mag er es wissen! Dann steht zu er­warten und kann man doch wohl als ziemlich sicher annehmen, daß er, will er wirklich nach der ominösen Bibel Nachforschungen anstellen, und es ist ja nicht unmöglich, daß sie noch irgendwo existirt mit Ruhs und Besonnrnheit dieselben ins Werk setzt, und ohne daß er dabei an seiner körperlichen und geistigen Gesundheit Schaden nimmt. Wenn er also dies Ziel noch einmal erreichen sollte und ich dann nicht Mihc unter den Lebenden weile, dann Herr Professor, haben Sie die Freiheit, ihn in das, was Sie von mir hören werden, einzuweihen. Aber geben Sie mir das Versprechen, cs nur dann zu thun, wenn Sie der Ueberzeugung sind, daß er keinen Nachtheil davon haben wird."

Das Versprechen gebe ich Ihnen feierlichst, obgleich es gar nicht nöthig wäre, denn bei dem Interesse, welches ich für Siegfried empfinde, ist es selbstverständlich, baß ich nach dem, was wtr mit Konrad erlebt, sehr ernst mit mir zu Raths gehen werde, ob ich es wagen darf, ihm das Geheimniß zu enthüllen. Aber ich gebe Ihnen noch einmal zu bedenken, ob Sie es mir nicht lieber ebenfalls ver­schweigen wollen! Was soll ein Dritter darum wissen, und denn auch, es prickelt mich jetzt schon wenn ich nun auch die Finderwuth bekäme, wenn ich nun auch von der Manie erfaßt würde, die ver­lorene Bibel durchaus entdecken zu wollen?"

So hätte es doch weiter keine G-fahr für Sie, als daß es höchstens Ihre Zeit ein wenig in An­spruch nähme. Nein, Herr Professor, da ich nun einmal den Entschluß gefaßt habe, muß ich es vom Herzen los sein. Ich wäre auch wohl noch nicht darauf verfallen, wenn sich nicht ganz zufällig unser Gespräch auf meinen verstorbenen Sohn und die Ursache seines frühen Todes gelenkt hätte. Ich habe schon seit Jahren kaum mehr daran gedacht, und wenn die Gedanken kamen, fie stets energisch zurück- grwiesen."

Bei diesen Worten nahm sie aus einem Korbe ein Schlüsselbund, ging damit zu einem altmodischen Secretair, erschloß denselben und öffnete mit einem kleinen Schlüssel ein darin enthaltenes Fach, aus dem sie ein Convolut Papiere herausnahm, das mit einem verblichenen Band von rothsr Seide zusammen- gchatt-n wurde.

Hier habe ich drei Briefe", sagte sie, während sie an den Tisch zurücktrat und sich auf ihren Stuhl wieder niederließ,die ich Ihnen nach der Reihe vorlesen muß."

Sie löste j-tzt das rotße Band von den Papieren und kragte aufdlickend:

Warum sehen Sie nach der Uhr, Herr Professor? Ist Ihre Zeit gemessen? Dann können wir lieber ein anderes Mal"

Durchaus nicht aber ich weiß ja, daß Sie um sechs Uhr eine Musikstunde zu geben haben, und da es in wenigen Minuten"

Die Musikstunde ist abgesagt, Siegfried erwarte ich vor sieben Uhr nicht zurück, so sind wir eine Weile ungestört."

Als Konrad und ich vor zwanzig Jahren", fuhr sie fort,diese Briefe hier gelesen hatten, da glaubte auch ich, daß eine Bibel, an der so charakte­ristische Merkmale vorhanden, doch vielleicht aufzu­finden sei, aber was mein Sohn unternahm, war vergeblich. Was hat er nicht Alles gethan! In alle gröberen Zeitungen sandte er wiederholt eine genaue Beschreibung der Bibel und forderte denjenigen auf, der eine solche im Besitz habe, sich bei ihm zu melden, da sich für ihn an dieselbe ein Familienge- heimniß knüpfe, es meldete sich Niemand. Eine Menge öffentlicher wie privater Mus-en in den ver­schiedensten Städten Deutschlands durchstöberte er, und eins ebenso große Menge hatte er noch auf seinem Programm, die er besichtigen wollte; dabei war aber unser Vermögen aufgezehrt, die kostspieligen Reisen hatten es verschlungen; als ihm die Mittel versagten, die Forschungen fortzusetzen, wurde er wahnsinnig und mußte ins Irrenhaus. Seine Frau unterlag der Aufregung und starb, nachdem sie ein todtes Kind geboren. Ich hatte, als Konrad von feinen Leiden erlöst wurde, nichts mehr noch, wovon ich und fein kleiner Siegfried hätten Üben können. Da faßte ich den Entschluß, Musikunterricht zu geben, und durch Ihrs Empfehlungen, weither Freund, be­kam ich eine so reichliche Schülerzahl, daß ich mich anständig durchschlagen konnte."

Sie drückte das Taschentuch an di; feucht ge­wordenen Augen und fuhr dann fort:Ich denke jetzt weit ruhiger über die ganze Sache, und halte mir weit mehr als früher die Möglichkeit vor Auge», daß die Bibel gar nicht mehr vorhanden ist. Kann sie in der langen Zeit nicht in der That gänzlich verloren gegangen sein, können nicht die Motten die Blätter zerfressen haben, und kann nicht der Rest, nachdem man von dem Einband den Silberbeschlag heruntergenommen, in einer Rumpelkammer oder auf einem Kehrichthaufen vollends verkommen sein? Ich habe mich gewöhnt, dies als feststehend anzunehmen und finde darin einen Trost. In meinem Innern betrachte ich die Geschichte als abgethan, und niemals würde ich die Hand dazu bieten, daß man auf's Neue auf die Suche geh?, denn Gott möge mich davor bewahren, daß ich in meinem Alter noch ein-