Hießener Isamilienblätier.

Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.

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91?. 130. Samstag, den 3. November. 1888.

Im Kaufe Immendorf.

Original-Roman von Emilio Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Ihr umflorter Blick irrte suchend umher; rasch trat Ulrike näher, mährend der Graf sich erhob und zu Füßen de» Bette» sich stellte.

Er gleicht ihm, nicht wahr?" flüsterte Irmgard der Schwester zu.Latz die Fremden hinaukgehen, nur er bleibt und der Baron."

Ulrike trat zum Arzte, um ihm den Wunsch der Kranken mitzutheilen, worauf derselbe sich mit der Pflegerin entfernte.

Soll ich den Inhalt de» Briefes Dir mittheilen, liebe Schwester?" fragte sie dann, zu Irmgard zu« tückkehrend.

Diese blickte sie mißtrauisch an, und flüsterte mit Anstrengung:Der Baron!"

Ulrike unterdrückte einen Seufzer, winkte dem alten Herrn und stellte sich, drm Grafen gegenüber, an da» Kopfende de« Bette», besten gestickter Um­hang weit zmückgrschlagrn war.

D-r Baron erbrach da» Siegel, entfaltete mit sichtlicher Erregung den Brief und la» mit zitternder Stimme:Meine einzig geliebte Irmgard! Seit Jahren von Reue und Gewtstenrpcin gefoltert, flehe ich Dich vor meinem Tode, dem ich stündlich ent- gegensehe, an, mir zu verzeihen. Ich sende mit dieser Birte meinen Neffen, den Universal-Erben meiner reichen Güter, zu Dir und hoffe, daß Du versöhnt, ohne Haß und Groll, meiner fortan ge­denken wirst. Ich weiß e» nur zu gut, welch' qual­volle» Dasein ich Dir bereitet, weiß, daß Dein Bru­der unlängst gestorben ist und eine schöne Tochter zweiter Ehe hinterlaffen hat. Hierauf, theuerste Irmgard! baue ich meinen Sühne-Plan. Al« ein dem nahen Tode geweihter Mann werbe ich für meinen Neffen, den künftigen Besitzer meines großen Reichthum», Graf Walter von Rüdershausen, um die Hand Deiner Nichte, um in dieser Weise Deiner Familie zu erstatten, was ich einst freventlich der­selben geraubt, nämlich Rang und Ansehen vor der WUt, die einzigen Güter, um die e» sich verlohnt, zu l-ben. Du wirst mir diesen Wunsch, die Namen von Jmmendors und von Rüderrhaufen in solcher Weise doch noch zu vereinen, sicherlich gewähren, da dieser Gedm k- mir die letzte Stunde sehr erleichtern wird. Mit dem Benußtsein, durch solche Sühne Deine Vergebung verdienen zu können, scheide ich in

? Frieden au» dieser Welt und segne Dich au» der \ Tiefe meine» Herzens. Walter von Rüdershausen."

Der alte Baron hatte bei dieser Vorlesung oft stark schlucken müsten, als ob ihm irgend etwa» die Kehle zuschnüre. Nun legte er da» Schreiben mit zitternder Hand in Irmgard» kalte Rechte und trat, fich mit seinem Taschentuch über die Stirn fahrend, rasch bei Seite, wobei fein Blick Ulrike traf, welche regungslos und bleich auf den verhängnißvollen Brief starrte.

Jetzt aber schien sie den Bann gewaltsam von fich abzuschütteln. Einen verächtlichen Blick auf den Grafen, besten Antlitz völlig kalt und theilnahmlo» geblieben war, werfend, beugte sie sich über die Kranke und sagte mit sanfter, aber fester Stimme: Ich beklage es tief, meine Schwester, daß jener Mann, w-lchrr Dich einst kalt und grausam zu einem I qualvollen Leben verurteilte, noch einmal in seiner Sterbestunde e» versucht, seine verderbliche Hand nach dem Frieden unsere» Hause» aurzustrecken. Qeige jenem Manne dort, daß Du den alten Stolz de» ruhmvollen Geschlechts Dir bewahrt und wohl Vergebung für einen Tobten hast, aber nie und nimmer Gemeinschaft mit einem Rüdershausen haben kannst. Zerreiße diese» Schreibt», das Dir zu- ! muihet, um des Mammons willen das Kind Deine» f Bruder« zu verkaufen und damit eine Todsünde ge- l sühnt zu wähnen."

| Die Augen bir Kranken öffneten sich sttztge- j spenstisch weit, noch einmal blitzte das dämonische t Feuer darin auf und die wachsbleichen Hände ballten | sich krampfhaft. Ulrike fuhr erschreckt zurück, einen j angstvollen Blick mit dem verzagt dreinschamnden j Baron wechselnd.

Entfernen Sie sich, Herr Graf!" rief sie diesem gebieterisch zu,Sie schm, was Sie angerichtet haben. Lieber Baron, rufen Sie den Arzt!"

Irmgard hob die Hand und der alte Herr blieb s gebannt stehen.

|Ich sterbe noch nicht", sprach sie halblaut mit einer furchtbaren Anstrengung,ah, da» möchtest Du

i hintertreiben, ich sehe, wie Ihr auf meinen Tod hofft." 1O, Schwester!" unterbrach Ulrike ftr schmerzlich

bewegt. ,, . _

Ich war stet» die Einzrge, welche über des Hauses unbefleckte Ehre wachte. Gott sei ge om, daß ich vor meinem Ende den alten Glanz noch sehen darf. Der Wunsch des Todtm ist mir heilig, Sie sollen die Hand meiner Nichte haben, G:ar, ich be­grüße Sie von dieser Minute an al» ein Mtglich de» Hauses Jmmendors!"