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„3, i, Herr Förster", unterbrach ihn der Lehrer, schalkhaft mit dem Finger drohend, „sitzt Ihnen der Schelm wirklich noch im Nacken? War war das für ein Streich? Heraus mit der Sprache aber beileibe kein Jägerlatein!"
„'s ist die reinste Wahrheit, was ich Ihnen jetzt erzählen will, wenn Sie die dumme Geschichte, die hier in Heinrichsthal schon fast Jedermann weiß, nun durchaus noch kennen lernen wollen", erwiderte der Grünrock behaglich schmunzelnd; „freilich ist damals auf meine und dem Matthias feine Kosten noch tüchtig gelacht worden." Hennig paffte noch einmal eine mächtige Rauchwolke aus dem Ulmer Kopf, ehe er anhub:
„Also, es war gerade im vorigen Jahre um dieselbe Zeit, als wir hier im Schlöffe Besuch hatten, einen jungen Baron von Emmenstetn, den unser junger Herr, Graf Alfred, mitgebracht hatte. Dem Baron gefiel es bei uns über die Maßen und als Graf Alfred, der irgendwo Secretair bei einer Gesandtschaft war, in Folge einer dienstlichen Depesche schleunigst abreisen mußte, blieb Baron Emmenstein noch hier. Er wollte durchaus einen Auerhahn schießen, obwohl er von der Auerhahnjagd nicht die blaffeste Ahnung hatte und überhaupt ein kurioser Jägersmann war, wenigstens habe ich bis jetzt selten noch einen so miserabelen Schützen gesehen. Der Baron hatte nun aber gehört, daß es bei uns ganz hübsche Bestände von Auerhahnwildpret gäbe, und es sich in den Kopf gesetzt, einen Hahn zu schießen, um mit den schönen Schwanzfedern des selbsterlegten Vogels umherstolziren zu können.
„Da mir der Baron, der im Uebrigen ein ganz nobler Mensch war, eine Doppelkrone versprochen hatte, wenn ich ihm zu einem günstigen Schuß verhelfen wollte, so that ich natürlich mein Bestes. Seit ein paar Tagen oder vielmehr Morgen balzte ein stattlicher Hahn auf einer mächtigen Tanne, an einer Stelle im Forste, die gar nicht so weit vom Schlöffe entfernt war. Dorthin führte ich nun einige Tage morgens in der zweiten Stunde meinen Baron, der ganz des Teufels wurde, als er zum ersten Male das „purr-gurr-purr" des alten Burschen hörte. Aber ich hatte meine liebe Roth, ehe ich dem Baron das Anspringen einigermaßen beibringen konnte, und wenn wir dann endlich in die Nähe der Tanne gekommen waren, hörte der Hahn natürlich mit Balzen auf."
Der Erzähler drückte mit dem Daumen die Asche in der Pfeife nieder und fuhr dann nach diesem nölhigen Geschäft fort:
„Schließlich erlegte ich, als ich einmal allein in das Revier ging, den Hahn selbst und als ich den wirklich prächtigen Vogel so vor mir liegen sah, fuhr mir plötzlich ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf. Die zwanzig Mark wollte ich ja gern mitnehmen — 's langt beinahe auf ein Jahr für Tabak — und auf dem Nachhausewege machte ich mir mein Plänchen zurecht. Die Sache war höchst
einfach. Der Baron mußte eben den Hahn, den ich erlegt, noch einmal schießen, denn sonst hätte er im Leben keinen gekriegt. . . ."
„Ja, ja, die Jägersleute", meinte der Herr Schloßverwalter höchst bedeutsam; indeffen ließ sich der Förster durch dieses einigermaßen zweideutige Compliment nicht beirren und erzählte ruhig weiter:
„Zu Hause besaß ich eine ausgestopfte Eule, ein selten großes Exemplar —"
„Herr Förster, Herr Förster!" meinte nun auch der Lehrer in bedenklichem Tone.
„Abwarten!" entgegnete jedoch der Mann der grünen Farbe lakonisch, that einen mächtigen Zug aus seinem Ulmer Kopfe, ließ aus dem Bierseidel ein paar nicht minder mächtige Züge nachfolgen und berichtete über das Auerhahn-Abenteuer weiter! „Also, wie gesagt, ich war im Besitze einer großen, ausgestopsten Eule, und wenn ich sie noch- etwas mit Watte, Wolle u. s. w. ausstaffirte, konnte sie in der Nacht schon für einen mäßigen Auerhahn gelten; überdies wußte ich, daß der Baron schon bei Tage — trotz seines Lorgnon's — schlecht sah, um wie viel m hr noch bei Nacht! Jetzt brauchte ich nur noch Jemand, der mir half — und die Sache mußte klappen! Na, ich wußte, der Matthias hier" — der Förster winkte mit den Augen nach dem jungen Burschen hinüber, der hierbei eine seltsame Grimaffe zog — .ging gern mit in den Wald und verdiente sich auch gern ein paar Groschen, und richtig kriegte ich ihn rasch herum."
Der alte Grünrock klopfte seine ausgebrannte Pfeife aus, stopfte sie mit großer Bedächtigkeit aus's Neue, zündete sie an und erzählte nun, sichtlich gestärkt, weiter:
„Wir beide gingen also in der nächsten Nacht, einer warmen Aprilnacht, in der mich der Baron nochmal» zu einer Balz abholen sollte, gegen 11 Uhr Nachts in den Forst. Ich trug den Auerhahn und der Matthias die Eule, die ich zu einem wahren Ungethüm herausgeputzt hatte, natürlich ließen wir uns mit unserer verdächtigen Last vor Niemand sehen. An der großen Tanne angelangt, mußte Matthias mit der Eule auf den Baum klettern und dieselbe lose auf einem Aste so befestigen, daß man sie bei dem herrschenden Halbdunkel eben nur als einen großen schwarzen Gegenstand erkennen konnte. Um den Hals der Eule hatte ich eine lange Schnur gewickelt, deren Ende Matthias in der Hand halten sollte. Dann ließ ich ihn sich an den Stamm lehnen — ein bischen unbequem war freilich die Lage, gelt, Matthias? aber dafür gab es auch drei Mark zu verdienen und außerdem der schöne Spaß mit dem Baron extra! Nachher reichte ich ihm mit vieler Mühe den Auerhahn und auch noch eine Auerhahn- locke — Sie müssen wiffen, daß dies eine Art Pfeife ist, auf der man das Balzen des Auerhahn's ziemlich gut nachmachen kann — und jetzt kriegte der Bursche seine Instruction.
- (Schluß folgt).
Redaktion: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


