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Augenblick, und Sie staunen! Niemand vor mir hatte eine Ahnung davon, was ein Hemd ist; weiße Röcke waren es, sonst nichts, zum Erbarmen. Sie ver- mögen sich aber keinen rechten Begriff zu machen, welchen Aufwand an Geist und Leinwand es nur gekostet hat, um endlich nach jahrelangen Anstrengungen das wahre Hemd zu erfinden. Jcq selber, mein Herr, ich bin der Erfinder der bedeutendsten Errungenschaft des Jahrhunderts, des Hemdes."
„Ei, ich habe aber doch auf wenigstens 50 Schildern dieselbe Inschrift wie bei Ihnen gelesen."
„Elende Marktschreier waren es, was Sre gesehen haben, sonst nichts, leider muß ich es sagen."
„Nun ja, es kann fein, aber zur Sache; ich möchte ein Hemd zu festem Preise."
„Ich stehe zu Befehl; welche Art möchten Sre, mein Herr? Ich führe das Hemd mit breiten Falten, das Hemd nut schmalen Falten, das Hemd mit Stickern und ohne Stickerei, das Hemd mit Streif und ohne Streif, das Hemd, das man vorne knöpft und welches man an der Seite knöpft, das Hemd, welches man über den Kopf zieht und das man von den Füßen herauf anlegt, das . .
„O, ich bitte Sie, ich gerathe ja in Verlegenheit nein, ich möchte ein einfaches Hemd zu 8 Fres. das Stück, aber nach Maaß gefertigt, das ich bei jeder Gesellschaft mit Anstand tragen kann."
„Bei jeder Gesellschaft? Herr! da find 100 Fres. das Dutzend doch wohl zu wenig; denken Sie sich nur, wie leicht kann ein Mann wie Sie eine Em- ladung zum Präsidenten oder zu einem Minister erhalten und für 100 Fres. kann ich Ihnen nur das allerbefcheidenste Hemd meinesGeschäftcs verabfolgen."
„Ich möchte dennoch, zumal ich nicht fürchte, ins Elnsse eingeladen zu werden, bei diesem Preise bleiben."
„Schön, lassen Sie uns also Maaß nehmen für ein Hemd zu 100 Frcs. Wünschen Sie eines für den Sommer oder Winter?"
„Nun, natürlich für den Sommer und Winter." (Schreibend). „Hemd für jede Jahreszeit. Wohl mein Herr, das kostet noch 10 Fres. mehr der Fagon wegert, aber noch etwas. Sie tragen sich gern elegant, mit feiner Taille."
„So viel es sich mit der Bequemlichkeit verträgt; ich bin eben nicht im Entferntesten ein Stutzer."
„So muß das Hemd also mit Taille versehen sein, beträgt noch 5 Frcs. Haben Sie Anlage zum Husten, Niesen?" •
„Nun, ich huste, wenn ich mich erkaltet habe und niese dazu je nach Bedürfniß."
„Ganz recht, mein Herr, aber geschieht das oft? Es ist durchaus erforderlich, daß Sie mir gewissen- haft Auskunft geben, denn die Ehre meines Hauses hängt--"
„Doch wohl nicht an meiner Nase? Ich habe bisher nicht Zeit gehabt, zu notiren, wie oft ich geniest habe und begreife nicht, was das mit meinem Hemde zu thun haben soll."
„Sehr viel, mein Herr, das J)ängt mit dem Hemde sehr eng zusammen. Wenn Sie gütigst husten oder niesen, so erschüttert das Ihren werthen Kopf und Hals, deshalb muß der Kragen des Hemdes so gefertigt sein, daß er etwas elastisch ist und die Er- chütterung erträgt, denn ich würde sonst b'.e Verantwortlichkeit eines Schlaganfalls bei Ihnen tragen und so gewissenlos kann mein Haus nicht gegen L>re handeln." , ‘ ,
„Na, in Gottes Namen; so machen Sre den Kragen so weit, wie Ihr Gewissen es Ihnen erlaubt."
(Notirend). „Besonders elastischer Kragen, sehr weit, macht noch 4 Frcs. 50 Ets. Mein Herr, wenn Sie Damen den Arm bieten, gehen Sie dann rechts ober links, nach der Sitte Ihrer Gegend?"
„Links, aber geht das auch meine Leibwäsche ober meinen Kragen an?"
„Sehr, mein Herr, der rechte Aermel muß dann etwas weiter sein und dafür gesorgt werden, daß der Knopf am rechten Handgelenk recht fest eingesetzt werde; das macht für gagon und Knopfloch 1 Frcs. 40 Cts."
„Allerliebst, die Kunst preist sich selber", versetzte ich, grimmig lächelnd, iudeß der Erfinder des wirklichen Hemdes ganz naiv unbefangen blieb; „da wird mich das Hemd zu 100 Frcs. am Ende doch noch über 150 zu stehen kommen. Wie wird denn der Stoff sein, den Sie nehmeir, führen Sie ihn felbst ?"
„Nein, aber ich beziehe ihn günstig."
„Nun, da ich in diesem Geschäftszweige Freunde habe, so könnte ich nach einem mir beliebigen Stoffe mich selber umsehen", versetzte ich mit gewaltsam unterdrückter Lachlust ob des Minenspiels meines Erfinders. „ . „
„Das können Sie in jedem Falle, mein Herr, und ich würde deshalb für das Hemd keinen Centimes mehr fordern, das widerspräche meinen heiligsten Grundsätzen."
„Das ist brav und anerkennenSwerth, aber ich meine doch, wenn ich den Stoff selbst liefere, würde ich bei Ihnen etwas weniger zu entrichten haben."
„O, mein Herr! was ist der Stoff für das Ge- müth und den Geist des strebenden Künstlers, der nur nach Formenvollendung sein Leben lang gerungen hat! Der Stoff ist gar nichts, die vollendete Gestalt des Hemdes wird Ihnen sicher mehr als 120 Frcs. 90 Cts., sagen wir 121 Frcs werth erscheinen. Ich liefere dasselbe binnen zehn Tagen und bitte Sie, inzwischen jeden Tag des Anpassens wegen in meinem Atelier gütigst vorzusprechen."
Das war die Krone auf die Reihe von Unver- schämtheiten! Jeden Tag auch noch in diese Gegend eine Reise unternehmen! Mit öem unverbrüchlichen Vorsätze, mich nie wieder hierher zu oerirren, nahm ich Abschied und kaufte noch in derselben Stunde ein halbes Dutzend Hemden zu 50 Frcs. bei einem deutschen Landsmann, der noch niemals etwas erfunden hatte.
Redaktion: A. Scheyda. — Druck Md Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


