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rtu§, die sich in kühnen Bogenlinien über den Augen hinzogen. Es lag etwas Festes, etwas Jmponirendes in der Erscheinung des jungen Mannes, und sein ganzes Auftreten schien anzudeuten, daß er sich dessen wohl bewußt war.

Hast Du ihm keinen Besuch gemacht, Alfred?" forschte der Blonde, während er dem jetzt um die Ecke der Straße biegenden Wagen nachschaute, bis dieser entschwunden war.

Ich habe das für zwecklos gehalten, Victor, obgleich ich mir, wie ich recht wohl weiß, dadurch einen Verstoß gegen die Höflichkeit zu Schulden kommen ließ", erwiderte Jener.Aber Du weißt, ich bin kein großer Freund von Familienbällen und häuslichen Soireen, und hatte nicht Lust, den vielen Bekanntschaften, denen ich während der Saison fast alle meine freien Abende widmen muß, noch eine neue hinzuzufügen."

Man sagt, der Baron führe ein großes Haus, und seine Diners und Soupers seien das Feinste, was jemals hier geboten worden ist", sagte Victor, indem er sich eine frische Cigarre hervorlangte und in Brand sttzte.

Ich bin nicht Gourmand genug, um das be- urtheilen zu können, und die Freuden der Tafel schätze ich nicht so hoch, um mich ihnen zuliebe in den Schraubstock conventioneller Langeweile spannen zu lassen", meinte Alfred in einem Tone, aus TOeldjem ein ziemlicher Grad von Geringschätzung herauszuhören war.

Das ist die Sprache eines Mannes, der von dem Verkehre in der Gesellschaft bereits übersättigt ist, und nunmehr seine Tage in beschaulicher Ruhe und Einsamkeit beschließen möchte, nicht aber die eines sechsundzwanzigjährigen Mannes, vor welchem die Welt offen daliegt wie ein Paradies, das er nur zu, betreten braucht", lachte Jener.Ich fürchte fast, die zahlreichen Aufmerksamkeiten, deren sich Herr Legationssekretär Alfred von Sohr erfreut, haben, diesen ein wenig eitel gemacht; die besten Familien der Hauptstadt senden ihm ihre Einladungen, aber der Undankbare spricht oft in recht drastischer Weise von den dortausgestandenen Genüssen."

Alfred strich einige Mal rasch mit der Hand über den dichten, braunen Schnurrbart, während ein Schatten leisen Unmuthes über sein männlich schönes Antlitz dahinflog.

Das sind Aeußerungen, die ich nur dem ver­trautesten Freunde gegenüber auszusprechen wage", sagte er dann mit einem durchdringenden Blick auf den Gefährten,und ich will nicht hoffen, daß Du Mißbrauch damit treibst. Indessen habe ich nicht die mindeste Veranlasiung, meine Ansichten in diesem Punkte zu ändern."

Hartherziger!" scherzte Victor,wer weiß, wie viele schwärmerische Mädchenaugen sich nach Deinem Anblick sehnen, wie warm ihre Herzen dem jungen Diplomaten entgegenschlagen! Deine Stellung im auswärtigen Amte bringt Dich mit Durchlauchten

und Excellenzen in persönliche Berührung, ein Wink von ihnen und Du bist in Amt und Würden. Benutze die Gelegenheit, welche Tausende vergeblich herbeisehnen, befestige Dich in der Gunst Deiner Vorgesetzten, sei auch im Leben Diplomat, wie Du es ja mit Auszeichnung in Deinem Berufe bist."

Alfred stürzte hastig den Rest, der sich noch im Glase befand, hinunter, dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und ließ die schwere, goldene Uhrkette durch die Finger gleiten.

Das ist wieder das alte Lied, das ich so un­gern höre', warf er in nachlässigem Tone hin. Ich weiß ja, Du meinst es gut, Victor", fuhr er wärmer fort,aber auch Du kennst meine Grund­sätze. Nicht durch devotes Kriechen, nicht durch un­würdige Schmeicheleien will ich mir meine Stellung im Leben erringen, durch eigenes Streben, durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit. Und wenn ich einst, die Höhe erklommen habe, nach welcher ich trachte, dann werde ich befriedigt zurückschauen auf die durchwanderte Laufbahn, von welcher ich nur erst die Schwelle überschritten, und mir sagen: Nicht Protektion und Herrengunst haben Dich auf diesen Platz gestellt, sondern der eigene, feste Wille, das eigene Verdienst."

Verzeih', daß ich dieses Thema berührte; da es Dir aber unangenehm ist, werde ich nie mehr davon sprechen, außer wenn Du selbst es anregst", versetzte der Andere gelassen.Aber weißt Du auch, daß der Baron Eschenheim eine Tochter hat?"

Wohl möglich!" entgegnete der Legationssekretär mit gleichgültigem Achselzucken,dieses Glück besitzen außer ihm noch ungezählte Andere."

Sie wurde mir vor Kurzem im Opernhause gezeigt, wo sie die Blicke der gesammten Herrenwelt auf sich lenkte", fuhr Jener fort, ohne auf die Be­merkung des Freundes einzugehen.Nie sah ich etwas Herrlicheres, als dieses Mädchenangesicht, diese blauen, seelenvollen Augen, diese klassische Form des Kopfes, diesen zarten Teint mit dem Nosenhauche auf den Wangen

Halt ein, Victor, Du bringst mich um!" rief Alfred lachend, aber lauter, als es seine Absicht war,Du schwärmst ja wie ein Sekundaner!"

Nun, meine Herren, wenn Sie mir ein Wort erlauben wollen, so muß ich bestätigen, was der junge Herr da eben von dem Fräulein von Eschen­heim sagte", schnarrte plötzlich eine tiefe Baßstimme hinter den Beiden, daß diese sich erschrocken um- wandten.

Es war ein älterer, wohlbeleibter Mann, welcher unbemerkt in ihrer Nähe Platz genommen hatte; sein gutmüthiges Genchl mit dem jovialen Ausdruck, die schelmisch blickenden Augen und der kurze Backen­bart, ließen in ihm unschwer einen Nepräsentanten des behäbigen Bürgerthums erkennen. Ohne Um­stände rückte der Mann an den Tisch heran und legte vertraulich seine Hand auf den Arm Victors.

(Fortsetzung folgt).

Siedactivn: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) m Gießen.