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JirJIZ Erstes Blatt
175. Jahrgang
Klame-An zeigen d 70mm Breite 35 (Bolbpfcnnig, Platzoorfchrift20 .Ausschlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. Wilh. 12ange; für den übrigen leit: Ernst Blumschem; für den Anzeigenteil: HanrBeck, sämtlich in Gießen
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>effurt a. M. 11686.
Ium 32.
i Vie alte Turnerstadt Gießen hat jetzt zum ifjfaen Male die Freude, ein Kreisturnfest des Isiinelrheinkreiles willkommen heißen zu können. 3m ersten Male zogen die Mittelrheiner im Jlric 1842 in der Provinzialhauptstadt Ober- 81 ent« ein, um hier ihr Kreisfest zu begehen.
r nächste Besuch zum gleichen Zwecke erfolgte Jahre 1874 (Sine kurze Zeitspanne später, Jahre 1883, fand zum dritten Male ein IbeetumfefttTcffen in Gießen statt, ein Dutzend Akne weiter, 1805, reichten sich die Jünger Alms wiederum in Gießen beim Kreisturnfest Hand zum Gruß. Lind nun nach einem Zeit- I« von der Länge eines Menschenalters wird tzen erneut seinen Namen als Kreisturnfeststadt die Geschichte des Mittelrheinkreises der D. T. ein ragen.
Schwer und außerordentlich drückend ist die 3nt, in der Gießen jetzt das Kreisturnfest in r<i-e Mauern wiederkehren sieht. Die wärmende Ctnne staatlicher Machtsülle und hochangesehener 3ttlgcUung des Vaterlandes, die beim vorigen StTi^tucnfeft in unserer Stadt natürlich auch Br Turner erfüllte, hat dem Dunke. der gioßen nationalen Not unseres Dolks- bnä und Vaterlandes weichen müssen. Mas das Bautet, haben besonders unsere Brüder ui:£> Schwestern in den besetzten Gebe le n zur Genüge erfahren. Ob ihr Heim ar Rhein oder an der Mosel, im Hunsrück oder lh Launus, in Rheinhessen oder im Saargebiet überall haben sie den furchtbaren Druck ■8irf8 rachsüchtigen Feindes in tausendfacher Anr zu erleiden. Der freien Regung turnen» fex Geistes und Lebens wurde und wird noch Jt.iK von den Bkachthabem und willfährigen Lengen Frankoerchs in allen Tellen des be- f Stern Gebiets unter allerlei Vorwänden DeWalt ar^ctan. Aber trotz dieser Schwierigkeiten ist der egt e deutsche Turnergeist in unseren 9: Lbc r n und Schwestern in allen Teilen fr- besetzten Gebietes lebendig geblieben, er ist rti> heute und sicherlich immerdar der alte, fr c seiner großen deutschen Aufgabe bewußte Seift Zahnst je stärker der Druck der übermütigen v ualthaber wurde, desto fester schlossen die Sjmet und Turn erinnert die Reihen. Diesem ^ammcnstchen war so mancher Erfolg des S-.it ichtums bei seinem 2lbwehrkampfe an der « •ii, an der Mosel, am Rhein und im Taunus iü ixrvorragendem Maße zu verdanken: an den <rd| tron Turnern besetzten Vorposten des deut» |b r Volkstums zerschellten alle Französierungs» h’irtbungen der sog. Völkerbunds-Treuhänder ßir lciwergeprüften Saargebiet: deutsche Turner- Ir zum eigenen Volk, auch und besonders wenn ä in Not ist, trug an den Ufern des Mains, te Rheins und der Mosel in hohem Maße dazu :fr, daß die elenden Machenschaften eines Man- -gi und der üblen Separatistensubjekte Dorten, 'Jüthcs ufto. vollständig Schiffbruch erlitten. '2,c im unbesetzten Vaterland, konnten den Itoicr ringenden Volksgenossen im Bereiche der |t: Kulturträger leider nicht immer so tatkräftig ;*H Seite stehen, tote wir cs gerne hätten tun fligen. Aber unsere moralische Unterstützung 'Iv.7 allezeit auf ihrer Seite und wird ihnen ,qu1) in Zukunft stets als Stützpunkt dienen, wenn .Qi gelten sollte, dort drüben neue feindliche • 3i«obläge auf unser Deutschtum, auf unser gc- rrsix’ames Vaterland abzuwehren. Dank sagen lallen wir jedoch heute all den Brüdern und iBoreftern von der Saar, der Mosel, dem Rhein •UH) dem Taunus, die in diesen Tagen als liebe 'S unter uns weilen, herzlichen Dank für chr •Ätuc« Eintreten im Geiste Zahns für das ge- ’|i>l t Vaterland.
I Aber noch ein Weiteres möchten wir zu 'J'liilm des Kreistuntfestes als rühmliches Der- : fr 1": der Deutschen Turnerschaft hervorheben. 'B< Dirb, leider mit Recht, so oft geklagt über die :ipknßsche. soziale und konfessionelle Zerrissenheit Of kies Volkes, ein Umstand, durch dessen Dulden ' L> - manche gute Wegstrecke unseres Wieder- Hlch ömmens selbst preisgegeben hoben. Das ' 2c»r t Volksgemeinschaft wird zwar viel (□muefrt, namentlich wird es von berufsmäßigen 'MlLikern arg strapaziert. Aber die Taten? Die ’ 3 « Dort aus diese Frage brauchen wir nicht zu • $c-en, denn jeder laim ja tagtäglich selbst beob- • Ä-lwn, wie stark die Gegensätze in unserem Volke lt)cr sind. Ein ganz anderes Bild sehen wir frjtgen in der Deutschen Turnerschaft. Hier i|dis Wort Volksgemeinschaft Wahr- 5’i t und Tat! Da wird nicht danach gefragt, läe der Einzelne parteipolitisch abgestempelt ist, । or welcher Sprosse der sozialen Stufenleiter er 'find oder zu welcher Konfession er sich bekennt: I5rr kennt man nur Turner und Turne- ulnn en. die dem einen großen Ziele zu streben. : fr-xi die turnerische Schulung des Körpers und 'fr- Deistes im Sinne Zahns und durch die Der- itfiung dieser Grundsätze Dienst am Volk, auf- fruenbe Arbeit für das gemeinsame deutsche '3:l(rland zu leisten: hier gUt nur die Tat, iit)t das leere Wort: hier heißt es, sich einfügen : h 3eih und Glied, sich dem Ganzen unterord-
Hci. das wertvoller ist als der Ernzelne. Diese ■ &)i-[ung ist uns gerade unter den heutigen '3cr bältnissen von höchstem Wert, heute, da der ' Ku für Unterordnung. Disziplin. Hingabe an IM große Ganze und Zurückstellung des Eigen- nnevesses viekfach abhanden gekommen ist. Und ■JlnC die Deutsche Turnerschaft mit aller Kraft bemüht, diesen Minusposten in unserem ' -Tolläleben von heute zu beseitigen, weil sie die ^u^end im wahren Dolksg emein-
Mittelrheinischen Kreislurnsest
Turnunterricht. Aeuherft anregend wirkte
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und
Stadt
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schaftsgedanken erzieht und in diesem j dessen Mittelpunkt bald 2U) o l fl°)ur^C-
Sinne auch stets auf die Aelteren einwirkt,
Zugendtreiben suchten und fanden.'
Viele Anregungen brachte den
rechte Feld |ur seine turnerischen Bestrebungen. Die Segnungen der Leibesübungen ließ er beiden Geschlechtern zugute kommen, erstmalig auch den Mädchen, für die er sich einen besonderen Uebungsstoss schuf. Seit 1835 erteilte Spieß auch an dem Lehrerseminar in dem nahen Münchcnbuch-
Turner des MittelrheinkreifeS in unserer herzlich willkommen! Gut Heil!
Adolf Spieß.
Don H. Oßwald, Bad-Nauheim.
der Anerkennung. Unseren Gästen aus dem Mittelrheinkreis stehen Tage angestrengtester turnerischer Betätigung, aber auch Stunden frohlauni- ger Erholung in unserer Mitte bevor. Möge alles, waS in monate- langerArbeit hier geleistet wurde, und alles, was herzliche Bürger-Gastfreundschaft in diesen Tagen zu bieten bereit ist, dazu beitragen, unseren Gästen den Aufenthalt unter uns zu einer wertvollen Erinnerung zu machen. Möge daS Kreisturnfest alle guten Erwartungen erfüllen, die heute bei seinem Beginn gehegt werden und möge es zu einem weithin ragenden Markstein in der Geschichte des Mittelrheinkreises der Deutschen Turnerschaft emporwachsen. Mit diesem Wunsche grüßen wir das Fest und heißen alle Turnerinnen
deshalb gebührt dieser Arbeit, die auch im Wittelrheinkreise der D. T. mit Eifer, Liebe und Erfolg geleistet wird, am heutigen Tage ein besonderes Wort deS Dankes und
früh.
Unter den Vertretern des deutschen Turnens nimmt Adolf Spieß als Schöpfer, Lehrer und Meister neben Jahn eine hernorrageNde Steile ein. Die von Guts Muths angeHuteie Richtung, die Leibesübungen zur angemeixen Schul- angelegenbeit zu erheben, griff er wieher euf und führte sie zu einer Vervollkommnung für bie damalige Zett, die wir heute noch bewundern. Sein Verdienst ist es, die Gebiete der Frei- und Ordnungsübungen für die Turnkunst erschlossen und systematisch erschöpft, sowie die Betriebsform der Gemeinübungen auch auf die Geräte, von denen er einige neu erfand (Langbarren, Stangengerüst, Leiter) ausgedehnt zu haben. Auch führte er die Musik in den Dienst der Turnkunst ein. Dem Mädchenturnen hat er zuerst entscheidend Bahn gebrochen, wie überhaupt das S ch u l t u r • n e n eigentlich erst ins Leben gerufen. Der ausgezeichnete Schulmann betrachtete die Schule als eine Erziehungsanstalt, den obligatorischen Turnunterricht als den anderen Fächern gleichwertig. Er verlangte einen schul- und stufenmäßigen Aufbau des Lehrstoffes, für jede Schule eine Turnhalle und die heule noch so heiß umstrittene tägliche Turnstunde. Soweit seine Forderungen noch nicht verwirklicht sind, hat sie die Gegenwart wieder erneut aufgegriffen. Namhafte Schulmänner und Führer des Turnens treten mit Nachdruck für sie ein, weil unser heranwachsendes Geschlecht der körperlichen Ertüchtigung mehr denn je bedarf, wenn es für den schweren wirtschaftlichen Kampf gewappnet sein soll.
Die deutschen Turner bewahren ihrem unoer- geblichen Meister und Vorkämpfer in Dankbarkeit ein treues Gedenken. Zu seinem Grabmal in Darmstadt haben Turner, Turnerinnen und Turnfreunde aus allen Teilen Deutschlands beigesteuert. Das vor einiger Zeit renovierte Geburtshaus schmückt eine von den Lauterbacher Turnern gelüftete Gedenktafel, und die im Jahre 1907 erbaute Turnhalle zu Lauterbach trägt den Namen des verdienstvollen und berühmt gewordenen Landsman- nes Am 30. Juni 1910 fand in Lauterbach eine erhebende Spieß-Feier statt, zu der Turner aus allen Teilen des MittelrheinkreifeS in echter lur- nertreue gewallfahrtet kamen. Als ein glücklicher Zufall muß es darum bezeichnet werden, daß das 25. Gauturnfest 1898 und neuerdings auch das 50. (JJautumfeft des fieffenturngaues 1923 die Hessen- tumer nach Lauterbach an eine historische Turn-
jungen Leuten das mit Hanauer Turnern geknüpfte Freund- schastsbanb. 1826 sehen wir Offenbacher und Hanauer Zumgenoflen,unter ihnen den damals schon wan- berfrohen Adolf Spieß, die e r st e gemein- schaf tliche Turn- fahrt auf den Feldberg auS- sühren. Solche Wanderungen wurden in den folgenden Iah- ren immer häufiger unternommen,sie sind als die Vorläufer der heutigen von dem Frankfurter August Ravenstein begründeten Feldbergfeste zu betrachten.
1828 wanderte Adolf Spieß nach der Stadt, die uns Mittelrheiner in diesen herrlichen Tagen beherbergt, nach der LandeS- universitätSstadt Gießen, um hier eifrig Theologie zu studieren. Daneben betrieb er aber auch die freien Künste, vor allem Musik und Zeichnen. Seine Neigung zur Ausübung der Leibesübungen mußte, da keine Turngelegenheit bestand, in eifrigster Pflege des Fechtens und in anstrengenden Turnfahrten ihre Lefriedigung finden. Leider blieb dieser erste Gießener Ausentyalt, so fördernd er im Umgang mit gleichgesinnten Freunden auch gewesen sein mag, nicht ohne schädigenden Einfluß auf die Ge- sunoheit des jugendlichen Burschenschaftlers. Eine Verwundung der Lunge, die er als Sekundant bei einem akademischen Duell erhielt, legte den Grund zu einem unheilbaren Leiden. 3m Frühjahr 1829 wanderte Spieß nach Halle, wo er zwei Semester seinen theologischen Studien oblag. Nichts lag für den turnbegeisterten Jüngling näher, als von hier aus Jahn in Kölleda zu besuchen. Was ihm der Turnvater von feinem Turnerleben erzählte und der feste Händedruck, der ihm zum Abschied wurde, blieben Adolf Spieß ein Erlebnis, das befruchtend auf sein ganzes Leben und Lebenswerk wirkte. Auch Guts Muths, dem trefflichen Lehrer, Erzieher und Turnschriftsteller, galt sein Besuch. Spieß behielt „das Bild dieses verehrten Mannes in lebendiger Erinnerung fest" und freute sich, „den Edlen gesehen zu haben". Die Weihnachtsferien 1829 verbrachte der Hallenser Student in Berlin, wo er wiederholt den Turnübungen im Eiselenschen Institut beiwohnte und selbst fleißig mitturnte.
Frühjahr 1830 sehen wir Adolf Spieß wieder in Gießen, lieber feine Turnererinnerungen dieses zweiten Gießener Aufenthalts sagt er selbst: „Als ich im Frühjahr 1830 wieder nach Gießen zurück- gekehrt war, errichteten mehrere Turnfreunde in einem Garten einen kleinen Turnplatz, auf welchem wir uns täglich übten. Ich selbst sammelte zudem noch eine Schar von 12 fimaben, die ich bann im Turnen unterrichtete, und so war der Anfang gemacht, dem Turnen auch immer größere Verbreitung zu geben. Im Laufe des Sommers meldeten sich so viele zur Teilnahme an unseren Turnübungen, daß unser kleiner Turnplatz verlassen werden mußte. Freunde unserer Bestrebungen räumten uns einen in der Stadt gelegenen Platz ein, auf welchem die gegen 150 Turner angewachsene Schar nun mehrere Male wöchentlich zu den Hebungen sich versammelte. Die Turngeräte waren mehrere Recke, Barren und Springet (Pferd); zum Spielen zogen wir Öfter in geordneten Gliederungen unter Gesang auf den alten Turnplatz, der eine Viertelstunde vor der Stadt auf einer ebenen Höhe im Walde lag. Mein Amt war das des Leiters und Lehrers bei den Hebungen, und hier führten mich die Umftänbe wie von selber barauf, im Anfänge einer jeben Hebungszeit, bie zu einer Drbnung vereinte Turnschar in solchen Hebungen zu betätigen, welche im Stehen, Gehen, Laufen unb Springen ausführbar finb. Allgemeine unb freudige Teilnahme fanben biefe mit jebem Tage sich fortentroicfelnben Hebungen namentlich auch barum, weil bie Gliederung aller ihre Belegungen im Takte geeinigt fühlte, wie beim (Singen, bas mit bem Turnen oft wechselte. Ein solch fröhlich-freies Turnerleben konnte aber bei bem Geist jener Zeit nicht von langer Dauer fein: benn noch beftanb ja bie lurnfperrc. Die Polizei griff überall ba ein, wo sich trotz bes Turnverbotes ber „ft aats'gefährliche" turnerische Geist immer wieder belebte, und fo fand auch Spieß' Gießener Tätigkeit im März 1831 auf Anordnung bes Darm- städtischen Ministers du Thil ihr Ende.
Mit dem Jahre 1832 begann Adolf Spieß feine Lehrtätigkeit. Zunächst übernahm er eine Stelle als Hauslehrer bei bem Grafen Solms-Rödelheim in Assenheim (Setter<m), der ihm bereitwillig die Anlage eines Tnrrrplotzes im Schloßgarten gestattete. 1833 folgte der junge Lehrer einem ehrenvollen Ruf an bie neu errichtete Schule ber Stabt B u r g b o r f im Kanton Bern, wo er fortan in Geschichte, ®e- sang unb Turnen unterrichtete. Hier fanb er das
Landes bahnte.
Seit 1855 nahm Spieß' Leiben, au bem er ben Keim seit seiner ersten Gießener Studentenzeit in sich trüg, ernstere Formen an. Ein zweisthriger Aufenthalt am Genfer See brachte wohl Linde runq, aber keine Heilung. Am 9. Mai 1W6 ist er in Darmstabt gestorben, für die Turnfache viel zu
dessen Mittelpunkt bald Adolf S o c e ß n Begeistert nahm der kleine Kreis Jahns „Deutsche Turnkunst" auf, welches Buch, wie Adolf Spieß selbst erzählt, „für uns ein Schatz wurde, in welchem wir den Sporn für unser liebstes
Wenn in unterem Mittelcheink reis und hier in unserem Hessenyau das turnerische Leben zu schönster Blüte kam, rote kaum in einem anderen Gebiet unseres deutschen Vaterlandes, so ist das hauptsächlich führenden Männern, Söhnen unseres Hessenlandes, zu danken, die vor hundert Jahren und noch späterhin den Boden so trefflich bereiteten, daß die deutsche Turnerei, anfangs eine zarte Pflanze, so herrlich gedeihen und sich zu einem mächtigen, wetterharten Baum entwickeln konnte. Der Geist der Butzbacher Weidig und Kuhl (der erste Kreisvertreter bes Mtttel- rheinkreises im Ausschuß ber Deutschen Turnerjchast 1863 unb Bcgrünber unb Verleger ber Kreisleitung) sowie bes Gießener Turnlehrers Rüb- (amen, dieser alte Geist, er lebt weiter in unserem Geschlecht. Was diese Männer für die edle Turnsache getan und gelitten, ist weit über die Grenzen des Mittelrheinkreises hinaus von Bedeutung geworden. Am weitesten aber ist ber Ruf bes Hessensohnes Abolf Spieß gebrungen, bes Begrünbers bes sachlich-methodischen Schulturnens und bes eigentlichen Schöpfers bes Mädchenturnens.
Turner vom Mittelrhein, wir weilen in diesen Tagen des 32. Kreisturnfestes i n d e r S t a d t, die auf bie turnerische Entwicklung von Abolf Spieß unb bamit auf bie Entwicklung bes beutschen Schul- turnens überhaupt von einfdjneibenber Bebeutung war. Unb wenn ihr ben Ruf von Vater Bender befolgt und eine frisch-fröhliche Turnfahrt durch den aberhessischen Vogelsberg macht, ihn durchquert, um nach dem „hessischen Rothenburg", bem alttrauten Bübingen zu roanbern, bann führt euch ber Weg nach bem Ostabhang, nach Lauterbach. Ein Gang burch bas freunbliche Stäbtchen führt mich „hinter ber Kirche" an bem mit einer Gebenklasel geschmückten Hause vorbei, wo Abolf Spieß am 3. Februar 1810 das Licht der Welt erblickte. Sein Vater var damals Pfarrer in der oberhessischen Kreisstadt, siedelte aber bereits 1811 nach Offenbach a. M. über, wo er ebenfalls als Seelsorger tätig war, daneben aber auch noch eine nach den Anschauungen des großen Schweizer Pädagogen Pestalozzi eingerichtete Privat- erziehungsanftalt leitete. Offenbach war neben Hanau und Mainz eine der ersten Städte des Mittelrheingebietes, wo man mit Begeisterung die Sache Jahns vertrat, wo sich Vaterlands- und freiheitsliebende Männer und Jünglinge eifrig bemühten, der Turnkunst den Weg zum Volk zu bahnen. So nimmt es nicht wunder, daß unter dem Einfluß Iahnjcher Gedanken an ber Spießfchen Prioatfchule bas Turnen bereits ein wichtiger Lehr- gegenftanb war unb sich bei bem jungen Abolf Spieß schon frühzeittg befonbere Vorliebe zur Ausübung der Leibesübungen zeigte. Es ist als ein glücklicher Zufall zu bezeichnen, daß „bie lumfperre", bie 1819 das Turnen „wegen ber auf ben Turnplätzen verbreiteten verderblichen Grundsätze" unbedingt unter- sagte, den Turnunterricht an der Offenbarer Erziehungsanstatt nicht berührte. So blieb hier ber Pflege des Turnens eine Stätte erhalten, die in den trüben Tagen der Reaktion turnerischen Geist wach- hielt und dazu beitrug, daß er in eine bessere Zeit hinübergerettet wurde. Aehnlich wie es durch Guts Muths schon in der bekannten Schnepsenthaler Erziehungsanstalt geschehen war, wurde auch am Spießfchen Institut das turnen ganz in den Hnter- richtsplan der Schule ausgenommen. Iahnsche Turner machten die Schüler mit den Barren- und Reck- übungen bekannt. Die eifrigsten Zöglinge schlossen sich noch dazu zu einem Schülerturnverein zusammen,
auf den jungen Lehrer der Umgang mit gleichgesinnten Männern der deutschen Kolonie zu Burgdorf. Er wurde bald bie Seele eines Kreises von Freiheits- und Vaterlandsliebe durchdrungener Patrioten, zu denen die bekannten Pädagogen Langethal und Middendorf, zwei einstige Lützoroer Jager, gehörten, später dann auch Max Schneckenburger, dessen zündendes Lied „Die Wacht am Rhein" hier zum erstenmal Dorgetragen und nach einer von Spieß intonierten Melodie gelungen wurde, lange bevor es in der von Karl Wilhelm geschaffenen tonroeife Gemeingut des deutschen Volkes geworden.
Im Sommer 1842 führte Spieß eine Reise nach Deutschland aus, wo er Maaßmann, Jahn, Eiselen und den preußischen Minister Eichhorn befuchte. Aber seine Erwartungen, bei der Neuorganisation des Turnens nach Aufhebung der Turnsperre feinen fördernden Einfluß geltend machen zu können, verwirklichte sich nicht. Nach der Schweiz zurückgekehrt, übernahm er 1844 eine Stelle an dem Gymnasium, der Realschule und der Höheren Mädchenschule in Basel. Hier entfaltete er wie in Burgdorf, eine fruchtbringende Tätigkeit, vor allem auch als Turnschriftsteller. Die in Burgdorf begonnene „Lehre der turnlun st" wurde hier beendet, sie zerfällt in vier Teile: Die Freiübungen. Die Hangübungen für beide Ge- schlechter. Das Turnen in ben Stemmühungen, Das Turnen in ben Gemeinübungen. Der vorüber- gehenbe Aufentbatt 1842 in Deutfchlanb und besonders der Besuch bei Minister Eichhorn gab Spieß die Anregung zu der kleinen wnckunqsvollen und überall beifällig aufgenommenen Schrift „G e • danken über bie Einordnung des Turnwesens in das Ganze ber Bolts- erziehung". Das bedeutendste Derk indessen, bas wir ber gebet von Abolf Spieß verdanken, ist sein „Turnbuch für Schulen".
Die Bewegung von 1848 rief Spieß in bie Hei- mat zurück und brachte bamit seinem sehnlichsten Wunsche Erfüllung. Das hessische Ministerium « a • gern bestellte ben gefeierten Turnlehrer unter dem Titel eines „Asseffors im Stubienrat" zur Leitung des hesiischen Schutturnwcsens, in welcher Stellung es ihm an Ehren unb Erfolgen nicht gefehlt hat. 1 8 4 9 fanb in Darmstadt ber e r ft c Turnlehrerausbilbungskursus statt, eine Einrichtung, bie unter Spieß' Nachfolgern weiter ausgebaut würbe unb bem Schulturnen nach unb nach ben Weg in alle Städte und Dörfer des
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