Ur. Z5 Drittes Blatt
Die bessarabische Frage.
Bukare st, im März.
Am politischen Horizont Europas ballen sich 'luiebcr dunkle Wollen. Diesmal iommcn sie. vom Ofltoinb getrieben. Rußland scheint llch in Bewegung zu setzen Es will die an seiner Süd- westgrenzc gelegene Provinz Bessarabien haben. Mangels verläßlicher Rachrichten über die Vorgänge in Sowjetruhland ist cs schwer, die wahren Absichten der Moskauer Regierung zu beurteilen. Will sie den Krieg oder will sie nur einen Druck auf d i e W c ft machte ausüben, um diesey ein für allemal ein zuschärfen, daß man danach trachten müßte, sich mit ihr zu verständigen. wenn man in Europa die Ruhe auf- rcchterhalten will? 3ft das plötzliche Aufwallen patriotischer Leidenschaften bloß ein bengalisches Feuer, in dessen Schatten wohlerwogene Bedingungen wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Kapital der Westmächte ilnterlunft fanden? Eines steht nämlich fest Bessarabien fann nicht das Endziel der russischen Bestrebungen fein, -sondern bloß ein Mittel, um diese zu cr- sreichen.
Ist Bessarabien selbst überhaupt einen Krieg wert? Es ist ein Landstreifen von etwa 50 000 Geviertkilometer Zlächenausdehnung mit einer Einwohnerzahl von etwas mehr als 2 600 000 Seelen. Bei der Gröhe Rußlands würde diesem Zuwachs feine Bedeutung zulommen. Auch ist die Bevöllcrung der Provinz zwischen Pruth und Dnjestr sehr gemischt. An der Ostgrenze sind die ukrainischen Siedelungen in der Mehrzahl, an der Westgrcnzc ist aber das rumänische Element am stärksten vertreten. Dann gibt es noch zahlreiche bulgarische und auch deutsche Siedelungen. Hub schließlich weisen die rumänischen Statistiken die Juden als nationale Minderheit von 138 000 Seelen an. Wirtschaftlich ist Bessarabien ein wenig entwickeltes Agrargebiet und dürste auch als solches keine Anziehungskraft auf das ebenfalls agrarische Rußland ausüben Es besteht größtenteils ous Ackerland (3 350 000 Hektar) und wenigen Wäldern (266 000 Hektar). Bezeichnend für die geringe Ausnützung des Bodens ist schon der ilmftanb, daß auch in den letzten Jahren lediglich etwa 80 v. H. des gcsainten fruchtbaren Bodens bebaut waren. Die Arbeitsweise der Dauern ist unwirtschaftlich und das Fehlen des Großgrundbesitzes seit Durchführung der Agrarreform ist ein ernstes Hindernis zur weiteren Entwicklung. Gin Aufschwung ist nur in der Viehzucht zu verzeichnen, da diese auch durch den kleinen Landwirt erfolgreich betrieben werden kann. Eine besonders beliebte Beschäftigung bildet noch die Bienenzucht. Eine I n d u st r i c in westeuropäischem Sinne gibt es in Bessarabien nicht, und als Beispiel, wie zurückgeblieben das Land ist, sei erwähnt, daß noch über 400 Windmühlen bestehen. Die Eisenbahnen sind in einem kläglichen Zustande. Das gesamte Eisenbahnnetz Bessarabiens beträgt lediglich einige hundert Kilometer. Auch kulturell ist das Land kehr zurückgeblieben. Von der rumänischen Be- yölkerung sind unter den Männern 70 v. H. Analphabeten und unter den Frauen gar 98 v. H.
Gs ist also faum anzunehmen, daß Ruhlaich tflcxn um dieses Sandes willen einen Krieg bräunten sollte. Offenbar handelt rS sich um das Wiederaufleben deS alten russischen Gedankens, die Dardanellen zu erreichen, urri> zu diesen ffcfyrt der Weg über Rumänien. 3n diesem Kalle aber harchelk es sich hier nicht um einen 5trett zwischen zwei benachbarten Staaten, fon- bem um einen Konflikt von internationaler Bedeutung. Den leitenden Staatsmännern in Moskau muß bekannt fein, daß Polen im Kriegsfälle unbedingt auf feiten Rumäniens 'ingreisen und daß die kleine Entente Bulgarien und Ungarn im Schach halten würde. Ob Rußland für einen modernen Krieg gerüstet ist jnb ob feine Verkehrsmittel ausveichen würden, um große Truppenbewegungen zu gestatten, entzieht sich in Rumänien der objektiven Beurteilung. Keinesfalls darf sich aber die Sowjetrepublik in der Illusion wiegen, daß sie technisch nicht gut ausgerüsteten Armeen gegenüberslehrn würde. Sowohl Polen als auch Rumänien wissen, Sah sie von Osten her Gesahren ausgesetzt sind Pie großen Kriegsrüstungen, die in den Heiden Ländern mit Hilfe Frankreichs
Feuer am Nordpol.
Technisch-politischer Roman aus der Gegenwart. Don Karl-August von Lassert.
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Die Volkskommissare unseres glorreichen Sow- sktrußlands wissen, welch getreuen Anhänger sie kn mir besitzen. Ich zahle eine erhebliche Summe in Goldriibeln, verpflichte mich zu jährlichen Lie- ferungen von (Betreibe und muß binnen zehn Jahren 40 Prozent der jetzt noch unkultivierten Steppen und Sumpfgebiete angebaut haben."
„Dazu gehört ein gewaltiges Betriebskapital", »einte Stefanescu.
„Das habe ich."
„Wohl aus Reootutionsgewinnen?" fragte die Prinzessin Stirbey boshaft. „Oder besaßen Sie schon vor dem Umsturz großes Vermögen?"
„Früher war ich Pferdehändler und hatte ge- cabc Konkurs angemelbet, als ber große Krieg ausbrach", geftanb Strakoff ungeniert. „Später erholte ich mich burch Kriegslieferungen unb konnte bei ber Revolution meine kommunistischen Freunde mit mehreren tausend Pferden für die völlig neu zu schaffende Sowjetarmee unterstützen. Ich wurde bann Verpflegungskommifsar für die hungernden Provinzen und beschäftigte mich auch privatim mit Getreidehandel. Hierbei erübrigte ich etwas Geld, knüpfte Geschäftsverbindungen mit Deutschland an unb erreichte schließlich einen Abschluß mit einem dortigen Großindustriellen, ber mit mir„ gemein-- som die Provinz Kirgissa ausbeuten wirb."
„Sind diese unverblümten Offenheiten nicht etwas unpolitisch?" fragte die Prinzessin. ,Mindestens dürste Ihr deutscher Geschäftsfreund eine derartige Bloßstellung unfreundlich empfinden."
„Ich rede so viel, daß man mir doch nur die Hälfte glaubt. Und von dem, was man mir glaubt, ist noch nicht einmal die Hälfte wahr ', spottete ber
,Lst Ihr Unternehmen bereits im Gange?" fragte Sanders.
,Lnnächst erreichten wir, baß die vor der Re- velunon bereits bestellten Länbereien wieder angeraut sind, jo daß wir schon m diesem Jahre eine
Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderhessen)Dienstag, 3s. März
seit Jahren durchgeführt werden bedürfen hier nicht erst des besonderen Hinweises. Schließlich könnte es auch keiner der Westmächte gleichgültig sein, ob am Schwarzen Meere Rußland sich zum Alleinherrscher auswrrft. Die finanzielle Hilfe und die Llnterftühung der Schwerindustrien der Verbandsmächte wäre Rumänien unb Polen sicher. Rußland hätte dagegen kaum die Möglich- kett, KriegsmiUel einzuführen, da ihm die sest- ländische Zufuhr durch seine Gegner abgeschnitten wäre, der Seeweg sich aber bisher immer als praktisch wertlos erwies, da die Häfen von Wladiwostok und Archangelsk sehr ungünstig liegen. Ob man sich in Moskau unter diesen Umständen leichten Herzens zu einem derartigen Abenteuer entschließen kann, das ist die große Frage, von deren Beantwortung allem Anschein nach das Schicksal Osteuropas abhängt.
hessischer Handelskammertag.
Der Hessische Handelslammertag hielt kürzlich in Frankfurt am Main unter dem Vorsitz des Geh. Kommerzienrats Dr. Bamberger- Mainz eine Sitzung ab, die hauptsächlich der Beratung der neuen Steuergesetzentwürfe galt, worüber ShndlluS Dr. M e e ß m a n n berichtete. In eingehenden Verhandlungen nahm man zu den wichtigsten Fragen folgende Stellung ein. Der Handelskammertag begrüßte es lebhaft, daß die Regierung eine Beseitigung der jetzigen unübersichtlichen Steuergesetzgebung anstrebt und einen einfachen. Haren Aufbau der Steuern zu schaffen sucht. Die einzelnen Gesetzentwürfe geben jedoch zu starken Beanstandungen Anlaß
1. lleberleitungsgeseh. Dieser Entwurf sieht die Beibehaltung der jetzigen Einkommen- und Körperschaftssteuer-Dorauszahlungen auf Grund des Umsatzes für das Rechnungsjahr 1925 vor. Die hessischen Handelskammern forderten demgegenüber dringend eine baldige vi deutliche Veranlagung für das Rechnungsjahr 1924. wie dies in t>cv 2. Steuernotverordnunrf ausdrücklich bestimmt war, damit das jetzige rohe System der Besteuerung nach dem Umsatz so bald als möglich beseitigt wird. Die sich aus der Veranlagung etwa ergebenden Rückzahlungen an die Steuerpflichtigen sind durch Verrechnung auf die künftigen Steuerleistungen zu bewirken, da zugegeben werden muß, daß eine Rückzahlung in bar dem Reiche nicht möglich sein wird. Für die Zeit, in der die Einkommen- und Körper- schaftssteuer-Dorauszahlungen noch erhoben werden. sind sie alsbald wesentlich, etwa auf die Hälfte der jetzigen Sähe zu ermäßigen.
2. Reichsbewertungsgesetz. Dieser Entwurf sieht eine einheitliche Bewertung des Vermögens und der einzelnen Vermögensarten für die Steuerzwecke des Reichs, der Länder und Gemeinden vor. Dieser Zweck entspricht in vollem Umfange den Wünschen der Wirtschaft. Der Handelskammertag war aber der Ansicht, daß hierzu der Erlaß eines besonderen Reichs- bewertungsgesetzes nicht erforderlich ist. daß es vielmehr genügt, wenn in das ReichsVermögenssteuer gesetz die Grundsätze der Bewertung ausgenommen werden mit der gleichzeitigen Bestimmung. daß. soweit Länder und Gemeinden ihre Steuern auf das Vermögen gründen, fie die nach Maßgabe des Vermögenssteuergesetzes ermittelten Werte zu übernehmen haben. Die Länder und Gemeinden sind an der Wertfeststellung zu beteiligen. An den Bewertungsgrundsätzen der Reichsabgabenordnung ist feftaubatten, insbesondere ist die Bewertung der Anlagegegenstände nach dem Anschaffungspreis vorzunehmen und em Gesamtwert festzustellen, der auch bann gilt, wenn er von der Summe der Einzelwerte nach unten abweicht.
3 Einkommen st euergesehentwurf. Der Entwurf bringt keine grundsätzlichen Aende- rungen des bestehenden Gesetzes 3n Bezug auf den Daris enthält er die wesentliche Verbesserung, daß statt der Progression bis zu 60 Proz. des Einkommens eine Steuer von 10 bis 35 Proz. mit der Maßgabe erhoben werden soll, daß die Gesamtsteuer 3313 Proz. nicht übersteigt. Ist auch dieser Sah noch sehr hoch, fo erklärt sich doch der Handelskammertag mit dem Tarif einverstanden unter der Voraussetzung, daß auch im Falle der Einführung von Zuschlägen der Länder und Gemeinden die angegebenen Sähe nicht überschritten bzw. alsdann für das Reich entsprechend
glänjcnbc (Ernte erhoffen. Wir belieferten die Besitzer mit Saatkorn unb verlangten äußerste Ausnutzung bes Bobens."
„Arbeiten benn auch bie Leute genügenb?"
„Wir brachten es ihnen bei. Die Stratoffschen Gesetze gestatten keine Faulheit. 11 bis 12 Stunden müßen bie Kanaillen arbeiten."
„Wo bleiben ba ihre kommunistischen Prinzipien fragte Fürstin Linba.
„Die Kirgisen zeigten sich ber Räteregierung feindlich unb würben baher ber Wohltaten bes Kommunismus verlustig ertlärt, bis siö sich von 0runb auf gebessert haben."
„Es gibt boch aber auch noch andere Leute in Ihrem Lande", meinte Sanders. „Was geschah mit dem Grundbesitz?"
„Privateigentum gibt cs nicht. Alles gehört dem Staate Kirgisia. Die ehemaligen Großgrunb- besitzer, ebenso wie bie Bauern, sinb von uns als Pächter wiedereingesetzt. Eino strenge Kontrolle sorgt dafür, daß sic gut bestellen und chre Leute fleißig herannehmen, damit sie ihre ziemlich bedeutende Naturalpflicht abzuliefern vermögen. Wir beriefen deutsche Landwirte unb Ingenieure, führten landwirtschaftliche Maschinen unb Geräte ein und wirtschaften nach den modernsten Methoden."
Also der typische Kapitalismus unter kommunistischer Flagge", meinte die Prinzessin.
„Ober ber typische Kommunismus unter kapitalistischer Flagge", entgegnete Stratoff.
„Sie kommen boch im Ernst fein Kommunist mehr sein?" fragte bie Fürstin.
„Ich bin überzeugter Kommunist, mehr denn je. Nur burch ben Kommunismus kann bie Gesundung ber Welt kommen. Glauben Sie, daß in unserem alten Rußland ein Werk wie das meinige möglich gewesen wäre?" — Erst mußte die ganze verrottete sogenannte Gesellschaft zusammenge- schlagen werden, erst mutzte das ganze Volk durch Jahre unsäglichen Elends hindurchgehen, bevor die Gesundung und Wiedergeburt eintreten konnte. Glauben Sie mir, auch bas übrige Europa, speziell die romanisch orientierten Länder, darunter nicht am wenigstens Ihr sittlich entartetes Rumänien, müssen erst kur; unb Hein geschlagen werden, bevor wieder ethisch hochstehende Gefühle, wie 'JRädtfteniiebe, Duldsamkeit, Frömmigkeit und In°
ermähigt toerfcm müssen. Als einen großen Fortschritt begrüßte es ber Handelskammertag. baß künftig für bie Ermittlung des Einkommens die Handelsbücher maßgebend fein sollen insoweit die Kaufleute zur Führung von Hanbelsbüchern verpflichtet sind. Der Handelskammertag wünschte die Ausdehnung dieser Bestimmung auch auf Kaufleute, die, ohne dazu verpflichtet zu sein. Bücher führen. Die vorgesehene Vorschrift, daß Ausländer für Einkünfte aus Forderungen, Beteiligungen. für Zinsen. Anlagen und bergt. Einkommen steuer zu entrichten haben, steht nut der allgemein anerkannten Rotwendigkeit. Auslandskredit für die deutsche Wirtschaft heranzuziehcn, in Widerspruch. Daher wurde bie Beseitigung dieser Bestimmung gewünscht. Weiter wünschte ber Handelskammertag die Ausnahme einer Bestimmung, daß das Einkommen aus gewerblichen Betrieben aus dem durchschnittlichen Gefchäftsge- winn der drei letzten Zahre zu ermitteln ist. Wenn diese Bestimmung auch in dem jetzigen Uebergangsstadium noch nicht durchgeführt werden kann, ist ihre Aufnahme in das Gesetz doch aus grundsätzlichen Erwägungen erwünscht.
4. Körperschaftssteuergesetz. Der Körperschastssteuer-Gesehentwurf. der ebenfalls grundsätzlich nrcht von dem heutigen Gesetz abweicht, sieht eine Freistellung der Versicherungs- Vereine auf Gegenseitigkeit, bet Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften, deren Gekchäftskreis sich auf die Mitglieder beschränkt, und ber Gc-- nossenschaftszentralen von ber Körperschaftssteuer vor. Diese Bevorzugung hielt ber Handelskammertag für durchaus ungerechtfertigt, da sie durch die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht begründet ist. Ebento hielt er es für notwendig, daß die vorgesehene Befreiung ber öffentlichen Sparkassen unb ber wirtschaftlichen Unternehmungen der Reichsbahn beseitigt wird: nur der Eisenbahnbetrieb selbst kann die Befreiung von der Steuerpflicht beanspruchen. Hinsichtlich ber sogenannten Schacht elgesellschaften wünschte der Handelskammertag eine Erweiterung der vorgesehenen Ausnahmebestimmungen, da es sich hierbei um eine ungerechtfertigte Doppelbesteuerung handelt. Zu den Steuersätzen gilt das bezüglich der Einkommensteuer Gesagte entsprechend.
5. Vermögens- und Erbschafts- fleuer. Für die Bewertung des Vermögens sollen im allgemeinen bie Bestimmungen der Reichsabgabenordnung gelten, womit ber Han- delskammertag einverstanden war. Eine wesentliche Reuerung enthält der Entwurf insofern, als die offene Handelsgesellschaft in Bezug auf die Dermögenssteuervflicht den juristischen Gesellschaften gleichgestellt wird. Diese Bestimmung steht in Gegensatz dazu, daß bei der Einkommensteuer nicht die offene Handelsgesellschaft, sondern bie einzelnen Teilhaber der Steuerpflicht unterliegen. Der Handelskammertag vermochte keinen ®runb einzusehen, warum die offene Handelsgesellschaft bei der Vermögenssteuer anders behandelt werden soll. Der Steuersatz ist von 5 auf 2°/oo herabzusehen, da der Sah von 5°/00 für ebne laufende Steuer vom Vermögen viel zu hoch ist. - Gegen die Erbschaftssteuer erhob der Handelskammertag lernen Widerspruch, obwohl auch bie hier vorgesehenen Sätze al« außerordentlich hoch anzusehen sind.
6. Derkehrssteuern. Der Handelskam- mertag empfahl eine Herabsetzung der Börlenumsatzsteuer mit dem Ziele der Anpassung an die Frieden«sähe. Die Steuern auf ausländische Banknoten, ausländisches Papiergeld und andere ausländischen Zahlungsmittel sind ganz fallen zu lassen. Für kleinere G. m. b. H. (etwa biS 50 000 Mk. Kapital) ist eine besondere Ermäßigung ber Gesellschaftssteuer zu empfehlen. Bei ber Grunderwerbs- steuer sprach sich der Handelskammertag dagegen aus. daß den Ländern unb Gemeinden ein Recht zur Erhebung von Zuschlägen eingeräumt wird, ba der Grundbesihwechsel zum Schaden ber Bautätigkeit bereits zu stark belastet ist. Bei dem Kapitel ..Geldentwertungsausgleich bei bebauten Grundstücken" wünschte ber Handelskammertag folgendes^ Die in ber 3. Steuernotverordnung enthaltene Bestimmung, daß der Obligationensteuer solche Schudlverschreibungvn nicht unterliegen, für welche bebaute Grundstücke haften, die einer Hauszinssteuer (Eondersteuer für ben bebauten Grundbesitz) unterliegen, ist in dem Entwurf auf solche
nerlichkeit, die Herrschaft über die Geister der Menschheit antreten/
„Ihre Ansichten scheinen mir doch andere zu sein, als es die offiziellen Kundgebungen der russischen Regierung aussprechen", meinte Stesanescu.
„Die Massen sind nur mit Schlagwörtern zu ködern oder mit roher Gewalt zu ihrem Besten zu zwingen", sagte der Russe. „Bedenken Sie, was Männer wie Lenin und Trotzki erreicht haben. Im brodelnden Hexenkessel obenauf zu schwimmen, war bereits ein Kunststück. Eine Heldentat aber war es, aus diesem Chaos allmählich wieder Ordnung zu schaffen und Schritt für Schritt die Zügel der Regierung anzuziehen bis zur diktatorischen, unumschränkten Gewalt."
„Jene Männer sind sicherlich genial", sagte Sanders. ,Zch sehe nur keinen großen Unterschied gegen das alte Rußland. Damals ein allmächtiger Zar, jetzt mehrere noch unumschränktere Diktatoren."
„Der Unterschied ist gewaltig. Früher gab cs eine große, faule, nichtswürdige Oberschicht, die nie selber einen Finger rührte. Diese Leute sind weg- gefegt oder verarmt. Heute muß jeder arbeiten, und wirklich hoch kommt nur der Tüchtige. Jetzt erst gibt es eine wahre Auslese der Besten und damit einen wirklichen Kulturfortschritt." Er erhob sich. „Gestatten Sie, Fürstin, daß ich von meinem Zimmer ein kleines Produkt der neu entstandenen Industrie von Kirgisia hole?"
Als er im Schloß verschwunden war, meinte die Prinzessin spöttisch:
„stratoff hat recht. Die Auslese der Besten marschiert. Dom bankerotten Pferdehändler und Getreideschieber ,um fast unumschränkten Herrscher eines ganzen Landes."
„Eine beachtenswerte Größe", sagte Sanders nachdenklich.
„Ein genialer Gauner, der uns alle zum besten hat", meinte Stefanescu.
„Woher mag der Mann seine Kultur genommen haben, die er unleugbar besitzt?" fragte Fürstin Linda. „Er kleidet sich diskret und doch völlig modern, seine Formen sind gut, wenn auch nicht vollkommen, seine Art und Weise zu reden, ist selbstbewußt, aber nicht renommisttsch. Kurz, er be-
Grundstücke bi c Wohnzwecken bienen, beschränkt Diese Beschränkung, die sachlich burch» aus unbegrünbet ist. ist zu beseitigen. — Ferner wünschte ber HanbelSkammertag eine Herab- sehung ber Kosten im Beschwerde- unb Einspruch verfahren
7. Gesetz über b a ö gegenseitige Besteuerung-recht des Reich-, der Lander unb Gemeinden. Der Grundgedanke, daß Reich, Länder und Gemeinden mit ihren Wirtschaftsbetrieben körper- und vermögens- steuerpflichtig sein sollen, ei-fchien dem Handelskammertag durchaus berechtigt Es ist aus wirtschaftspolitischen Erwägungen durchaus geboten, daß auch die wutfchaft liehen Betriebe der öffent- lieben Körperschaften zu einer kaufmännischen Buchführung und Bilanzziehung gezwungen werden.
8 Gesetz über den Finanzausgleich. Eine Reuregelung des Finanzausgleichs erschien dem Handelskammertag zur Zeit noch verfrüht. Ehe eine Reuregelung erfolgt, müssen die Verwaltungsausgaben zwischen Reich. Ländern und Gemeinden klar geschieden sein, außerdem müssen die wirllichen Erträge der neuen Steuern bekannt sein Eine Abänderung der jetzigen Anteilsverhältnisse ohne dicke Hinterlagen würde eine schwei-wiegende Rückwirkung aus andere Steuergebiete (Grund- unb Gewerbesteuer» nach sich ziehen. Der Handelstanmrertag schlug deshalb vor. die Reuregelung deS Finanzausgleichs einstweilen noch hinauszuschicben.
9. Entwurf eines neuen "Sabot- und Biersteuer gesehes. Der Handelskammertag sprach sich entschieden gegen die beabsichtigte Erhöhung der B eestener um 100 Prozent, ber Tabaksteuer um 25 bzw. 50 Prozent im jetzigen Augenblick aus
3m Anschluß an die Beratung der Reurcge- lung der Reichssteuern behandelte der Handelskammertag auch die Gemeindegetränkesteuern, die in einer Anzahl von hessischen Städter eingeführt sind. Er bezeichnete diese Steuern als ungerechtfertigte Sondersteuern, die fahr unwirtschaftlich und infolge der unterschiedlichen Höhe der Steuer in den einzeliren Gemeinden schwer tragbar sind. Eine Beseitigung der Gemcindegetränkestcuerir sei dringend zu wünschen.
Der Handelskammertag sprach sich weiter gegenüber den Bestrebungen, die Versicherungsgrenze in der Angeftellten- versicherung auf 5000 Mk. zu erhöhen, für eine Belassung der Grenze von 4000 Mk. aus.
3n der Frage der Wegebau-Vorausleistung nahm der Handelskammertag mit Befriedigung davon Kenntnis, daß die Hessische Regierung die Erhebung von Wegebau-Vorausleistungen nicht beabsichtigt, und stellte sich aus den Standpunkt, daß die Aufbringung der Kosten für den Ausbau der Straßen durch ein Reichsgesetz geregelt werden muh.
Rach der Beratung einiger interner Angelegenheiten wurde die Sitzung geschlossen.
Aus -em AmtsverkiindigungHblatt
* Das AmtSverlündigungSblatr Rr. 25 vvm 27. März enthält: Reichspräsident«»' wohl. — Märkte in Lich - Fleischbeschauerversammlung in Gießen. — Wassergenossenschaft 3nheiden. — Forst- und Jagdschutz. Arbeiten am Karfreitag. Lacheichung im Kreis« Großen. — Bläschen aus schlag des Rindviehs. -- älrkundenstempelgeseh. — Straßensperre. — Gefunden, verloren. — Dienstnachrichten.
Vertreter und lager: Barth & Co„ Gießen, LndwlgstraBe 57.
Trinkt
Groscv -ler
gur Frühlings-Blulreinigung ist der Gebrauch von Herbex-Kernen zu empfehlen Die echten Herber-Kerne erhalten Sie zu 60 ober 30 Gramm nur in Apotheken- Sicher: ilniberfltätS« Apotheke „Zum goldenen Engel". Die Bestandteile sind auf der Packung angegeben. 2992A
sitzt nichts von jenem widerlichen Typus des Kriegs- Revolutionsschiebers, wie er jetzt in fast allen Ländern der Erde zu finden ist."
„Mir ist er im höchsten Grade unsympathisch", erklärte die Prinzessin.
Stratoss kam zurück unb stellte ein mittelgroßes Kästchen vor die Fürstin hin.
„Was stellt es vor?" fragte die Fürstin.
„Es ist ein Schmuckkästchen für Damen", er» tlärte er. ,F)ergestellt aus reinem Platin, bas wir an den Südabhängen des Urals gewinnen."
Die Fürstin öffnete. Der Kasten enthielt drei herausnehmbare Kassetten, jede mit verschieben großen Fächern. ?lües aus reinem, weiß glän« bem Metall.
„Ein prachtvolles Stück", rief Stesanescu begeistert. „Sicher viele Millionen wert."
„Ein amerikanischer Juwelier bot mir anbei?» halb Millionen Dollar dafür", sagte Stratosf.
Die Fürstin bewunderte entzückt die fein ziselierte Arbeit.
„Machen Sie mir bie Freube, cs mit aus Ihr Zimmer zu nehmen, um zu versuchen, ob Ihr Schmuck bann Platz finbet", bat ber Russe.
„Lassen wir bas lieber", sagte bie Fürstin lachend. „Es würde mir sonst zu schwer, mich wieder von bem herrlichen Stück zu trennen."
Doch als Stratoff erneut in sie brang, willigte sie ein. Dann roanbte sie sich an Stefanescu.
„Wann gebenten Sie uns morgen früh zu ver lassen?"
„Mittags soll die Sprengung im Bohrloch ftattfinben. Wir müssen also gegen 11 Uhr abfahren."
„Ich möchte aber vorher noch Herrn Sanders in Tätigkeit sehen!" rief die Fürstin. „Er hat mir versprochen, eine Quelle hier beim Schloß zu suchen. Bisher holen mir unser Trinkwasser eine halbe Stunbe weit mittels Wagen."
„Sollte bie Zeit nicht etwas knapp werden?" meinte Stefanescu.
„Dann stehen wir eben früher aus. — Also, meine Herren, ich schlage vor, wir gefjen jetzt bald zur Ruhe und finden uns morgen früh um halb neun wieder zum Frühstück ein. Ctnoei^tanben?"
(Fortsetzung folgt.)


