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m. 150 Zweites Blatt taHMBznaaami r--

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen,» »nBaDiKMBMMaaaMaMSKxnaMBBanDUHnaaB

Seitlich des Rheins.

'S. Rothenburg, Mitte Juni.

Dos gewaltige Lied der Arbeit bricht im Ruhr» gebiet ntenals ab. Der Feuerschein der Hochöfen erhellt flackernd von beiden Seiten das Abteil der Nachtzuaes, der dem Rhein entgegenbraust. Auch um diese früheste Morgenstunde schon sieht man Menschen bei ihrer Arbeit, oder sieht man die Ab- losungsschicht zu neuer Arbeit streben. Ein Inbu- slricwerk recht sich an das andere. Die ganze Land­schaft wird durch diese Gebilde von Stein, Glas und Eisen, die sich unheimlich groß gegen den dämmern­den Horizont auf reden, bestimmt. Man glaubt fast, hier könnte es keine lebendigen Bäume mehr geben, feine grungeschwellten Wiesen, keinen Anger von Tautropfen überglänzt. Und doch, auch an der Ruhr gibt e3 Winkel, wo die Natur noch nicht von der Zivilisation verdrängt ist, gibt es lauschige Plätze am Fluß, wo man glauben' Tonnte, in irgendeiner jener deutschen Landschaften 4» sein, wo das deutsche Volkslied seine Geburtsstätte hat. Aber diese Win­kel, diese vom Moloch der Industrie noch n)cht ge­fressenen Stätten, sieht der Durchreisende nicht, ihm bleibt nur unverwischbar zurück der Eindruck einer gewaltigen, endlosen im Fiebertempo rasenden Stabt der Arbeit, die von Dortmund bis an den Rhein reicht.

Der Rhein! Du Strom, der du heute, da du uns Schmerzen bereitest, doppelt geliebt wirst von jedem Deutschen, dessen Schönheiten mehr als je gepriesen werden und der doch zu wenig, allzu- wenig gerade jetzt besucht wird, weil die Besatzung wie ein ekler Heuschreckenschwarm über dich gekom­men ist. Es sollte höchste nationale Pflicht für jeden Deutschen fein, den Rhein zu besuchen und den Brü­dern unter der Fremdherrschaft Trost zu bringen und das Bewußtsein innigster Verbundenheit mit dem ganzen deutschen Land. Kein Opfer ist das, da jedem, der am Rheine wandert, höchste Schönheiten offenbar werden und es jedem möglich ist, den eklen Fremdling zu umgehen ober wenigstens zu über- sehen. Hat sich der Feind am Strome selbst festge­nistet, tritt er hier in Scharen auf, so sieht man ihn in den Seitentälern doch nur vereinzelt, reicht sein Machtbereich überhaupt nur an wenigen Stellen auf das rechte Ufer hinüber. Und dieses rechte Ufer seitlich des Rheins harrt fast noch erst der Ent­deckung. Es ist so wenig bekannt gegenüber dem berühmten Waldland der Eifel, dem pitoresken Ahrtal, der lieblichen Mosel und den roeinbeftan- denen Höhen der Nahe, und es verdiente doch seine Entdeckung. Nur den Taunus kennt man, vielleicht den Spessart und bann das Frankenland. Aber wie wenige hörten erst vom Westerwald?

Ungeduldig schnaubend schon wartet der Motor, der uns seitlich des Rheins führen soll, vor dem Hauptbahnhof Düsseldorf. Don der Gartenstadt sehen wir nichts. Die Landstraßen, die in Richtung Köln läuft, führt durch Stabtgegenben, in denen sich grau Miethaus an Miethaus reiht und man es der Bewohnerschaft ansieht, daß auch sie vom Mo- loch Industrie erfaßt und zermahlen wird. Da, kurz von Benrath, kommt ein blinkendes Stück des Rheins mit ein paar Erlen am jenseitigen Ufer und unendlicher Ebene dahinter, schon vorbringende hol­ländische Landschaft. Leverkusen mit seinen weltbe­rühmten chemischen Werken, die eine Großstadt für sich bedeuten, ist schnell durcheilt, Rechts und links der Straße wogende Kornfelder und dazlvijchsn in grüne Bäume gebettet Herensitze, auf denen heute noch wie vor hunderten von Jahren Abelsgefchlech- ter wohnen, aber mehr und mehr von der neuen Zeit verdrängt werden. Mülheim wacht eben auf. Auch dies ist eine Stadt, von Industrie erfaßt, zu- fammengebaut ohne Tradition, mehr der Ruhe ge­hörig als dem Rhein. Weiter geht es auf Siegburg zu, der Stadt, die durch ihr Zuchthaus bekannt ist, das oben auf einer Höhe liegt und das liebliche Siegtal überschaut, als fei es ein Schloß hoher Her- ren ober zum mindesten ein Sanatorium und nicht eine Strafanstalt. Ehe aber dieses liebliche Siegtal uns aufnimmt, ist der Wehrmutstropfen noch zu kosten. Hier an diesem wichtigen Brückenkopf sitzen die Franzosen zu Häuf, haben sie große Lageran­lagen rrichtet, in denen es von Schmutz starrt, ob- wohl die deutschen Erbauer gezwungen wurden, geradezu luxuriöse Unterkunftsstatten zu schaffen. Hier grinst die schwarze Schmach frech dem Weißen ins Gesicht und denkt nicht daran, sich auf den ma- rokkanischen Schlachtfeldern für Frankreich Gloire zu opfern.

Vorbei! Erst als wir die Grenze des Brücken­kopfes hinter uns haben, vermögen wir voll die

Geschichten am Abend.

Don Maria M 0 n tz.

Die e r ft e :

Als das Feuer brannte, war es belagert von vielen, die sich wärmen wollten, oder ein Licht dar­an anzuzünden, um es auf ihren Tisch zu stellen über Blumen und Bücher. Oder sie brauchten die Glut, um ihre Suppe daran zu kochen. Als aber das Feuer daran verlosch, war der Herd einsam und ganz leer und der Wind blies die Asche in alle Himmelsgegenden. Die anderen aber freuten sich ihrer Wärme und des Lichtes auf dem Tifch und waren satt von der Suppe, dachte aber nie­mand an die gestohlene Glut und die erloschene Wärme. Wie sollten sie auch? Denn ihrer keiner hatte das Feuer brennen geheißen.

Es gibt ja viele Märchen. Vielleicht ist dies eins und nicht einmal das traurigste. Wer weiß das?

Die zweite:

Am Fluß sang eine Nochttgall, Abend für Abend. Sie sang tief und schön, und sie konnte es immer besser. Auf einmal war sie still. Keiner hörte sie wieder. Was mit ihr geschehen ist, weiß man nicht. Vielleicht hat sie die Katze geholt ober ein Marder, vielleicht sitzt sie auf den Eiern ober füttert ihre Kinber. Es kann aber auch fein, daß ihr bas Herz gesprungen ist bei ihrem tiefsten bunkelsten Ton. Wer weiß bas? Riemanb, und das ist vielleicht gut. Denn bann würden die Leute nie mehr eine Nochttgall hören können, ohne an diese eine zu denken. Und es gibt ja doch viele Nachti­gallen, so viele, daß es auf eine nicht ankommt. Denn man will, kann man jeden Abend ein andere hören. Schließlich, es muß ja nicht unbebinat eine Nochttgall fein; bie andern fingen doch auch ganz schön. Amseln zum Beispiel.

Die dritte:

Hunderttausend Rosen blühten im Garten, lieber Nacht schlug der Hagel hinein und am Morgen waren sie tot.Vielleicht, wenn die Sonne genug scheint, kommen wieder neue, es sind so viele Knospen ba", sagte bie Prinzessin, als sie am Morgen in ben ©arten kam. Aber in der andern

Schönheit dieser Landschaft zu genießen, die uns wie ein Reinigungsbad umgibt. In der Frühsonne erglänzend, windet sich durch prangnbe Felder, tief- grüne Wiesen, zwischen weiten Obstplantagen, deren Baume schon sich der Blüte entäußert haben, hin­durch das Band der Sieg, immer wieder erinnernd an die Saale in der strahlenden Helligkeit ihrer Ufer. Ringsum werden diese von fünften Hügeln gesäumt, die wiederum Laubwald bekränzt. Iubi- liernb steigt eine Lerche auf.

Höher und höher führt uns der Weg. Rauher wird die Luft, herber die Natur. Die Dörfchen, durch die wir kommen, ducken sich mehr und mehr zufam- men, verlieren den heiteren Anblick des Faehwerk- baus und zeigen mehr und mehr den Stein, der hier gebrochen wird. Basalt. Links von der Straße öffnet sich bas Runb eines solches Bruches. Gewal- tige Säulen,toie Orgelpfeifen fast, nebeneinander- gestellt, tragen eine dünne -Humusschicht, die nur sehr genügsamer Vegetation, wie Tannen Kiefern, Wacholbergebüsch und Ginster Nahrung gibt. So wie diese Steinsäulen nebencinanbergefieat sind, scheinen sie schon behauen zu sein, scheint bie Natur den Ehrgeiz gehabt zu haben, ihnen bereits bie Bestimmung vorzuzeichnen, Räuberfesten zu sichern, Flußläufe unb aar bas Wasser einzubammen unb schließlich sich als Dorbschwellen burch bie Stäbte des Lanbes zu ziehen. Höher hinauf ber Weg. Immer noch höher, bis bie Wolken fetzen vom Hirn- mel nach uns zu greifen scheinen. Dann auf eine Kuppe. Bald abgeplattet unb ganz mit blühendem Ginster bestanden. Ginster, Ginster, so weit man sieht, in gelben Zungen brennen b. Dann wieder stell hinunter, wieder hinauf und wieder hinab. An Schluchten vorbei, in denen sich Tannenwald zu- fammenbrängt, in mofigem Grün träumend. Und wieder hoch hinauf in einsame Oede. Wie ein Kra- tergrunb öffnet sich die Hochebene, in ihrer Mitte unendlich still, wie vom Star geschlagen, fast blind ber Augenspiegel eines Maar, eines jener vulka­nischen Seen, wie sie bie Eifel birgt, in deren Tristheit alle Traurigkeit ber Welt versunken scheint. Trift auch die Siedlung, die sich hier Menschen bau­ten, Hadamar. Wie von einer unbestimmten Trau­rigkeit verhangen auch die Gesichter der Bewohner, die in dieser Einsamkeit leben und dem kargen Bo­den nur unter schwerster Arbeit ihres Lebens Not- dürft abringen. Wie schwarze Vierecke in den Hirn- mel hineingeschnitten, stehen Kiefernwälder da, die unvermittelt auf dem niedrigen Gestrüpp oder ben spärlich bestandenen Ackerfurchen aufsteigen.

Dann bleibt bie Traurigkeit hinter uns. Frische Laubwälder drängen sich an den Weg, das Korn wird höher, sanft gleiten wir in ein Tal hinunter, durch das ein Dach schwätzend plätschert, das Idiom ber Bewohner gewinnt sübdeutsche Färbung, die Häuser haben helleren Anstrich, weicher runden sich bie Höhen unb in großer Schleife läuft ber Weg durch wohlbestandene Felder nach Limburg hinein. Ein Blick auf bie hohe Kirche, bie auf einem Basalt- ^(fen aufaerichtst, über ber Lahn thront. Ein Blick auch auf Den Marktplatz mit seinen alten, gedräng­ten Häusern, mit Bilbersprüchen unb Fachwerkge- zier. Noch einen Blick auf bie Stadt zurück, ein Blick auf ben Dom, ber den Talkessel beherrscht. Be­laubter oerben bie Wälder, freundlicher bie Felder. Eingebettet in Obstgärten bie Dörfer, die wieder farbige» Fachwerk zeigen. Fröhlich treibt bie Ems Mühlen. Hier ist der Goldene Grund und wahrhaft golden ist dieser Grund mit feinem schon befruchte tert Korn dem hellen Grün seiner Obstbäume unb ben flachshaarigen Kinbern, bie unter Gelach unb Gekreisch die watschelnde Herbe ber Gänse zur Tränke treiben.

Wieber steigt bie Straße an. Wälber nehmen uns auf. Braun unb buftig links ber Straße bunt- ler Tannenwald, während sich rechts an die Straße licht und von Sonnenflecken durchspielt mit schlan­ken hochragenden Bäumen Buchenwald angestedelt hat, der zum Rasten auffordert. Immer weiter Wal­der, Wälder, mehr und mehr Buchen, bann Eichen bazwischen, deutscher, echtester deutscher Wald. Nun ein überraschender Rundblick über ein durchflossenes Tal mit Wiesenhängen, von einem blauen Schleier überflimmert. Der Taunus hat uns aufgenommen.

Gepflegter werden die Straßen. Wanderer ziehen singend balin unb werfen uns Blumen- sträucher in ben Wagen. Schnurgerabe ist ber Fahr­weg. Immer noch links Tannenwald und rechts bas helle Grün der Buchen. Nur ein Blick auf bie hoch­ragende Ruine, mehr erlaubt bie Zeit nicht, von Bad Königstein zu sehen. Weiter rast ber Wagen, bis bie Borftabt von Frankfurt bas Tempo hemmt.

Nicht um Stäbte zu schauen, ist man gefahren, Natur, Natur will man In sich aufnehmen. Den Main entlang geht e» weiter, lieber ihn hinweg auf steinerner Brücke unb bann in bas Vorgebirge bes Spessarts hinauf, bas weiche Konturen zeigt unb nichts von jenen Räubergeschichten ahnen läßt, bie uns Hauff erzählt. Dann wieder hinunter zum Main, der geruhig zwischen seinen grünen Ufern fließt. Nun sind wir im bayerischen Gebiet. Weiß­blau leuchten bie Wegweiser unb gelb finb die Post, kästen, bie man an den Häusern der wohlhabenden Dörfer sieht. Auch Aschaffenburg darf uns nicht lange aufhalten, wenn auch bie herrliche Schloß- terra sie mit ihrem dlühenben Rosengesträuch zum Ruhen und '.Haften geradezu zwingend einlabct Weiter geht's. Wieber steigt bie Straße. Wieder umfängt uns Waldesluft. Herrlicher, ozonreicher noch als drüben im Taunus. Noch einmal müssen wir über ben Main unb bafür tief ins Tal hin­unter. Und dann geht es immer zwischen Tannen hindurch, hinauf in den Hochspessart. Ist dieses Waldgebiet schön! Gibt es irgendwo in Deutschland noch einen Ort, ber so in meilenweiten Wäldern eingebettet ist, wie dieser köstliche Flecken Rohr- brunn, dem niemand das Recht abftreiten wird, sich Luftkurort zu nennen. Immer tiefer werden die Wälder, immer höher recken sich die Tannen empor. Immer mächtiger werden die Buchenstämme, sich mit Eichen um den Platz streitend. '2lbv trotz des dunklen Tannengrüns, trotz der Unendlichkeit dieses Baumgewirrs von Buche und Eiche, Eiche und Buche hat dieser Wald eine Helle Festlichkeit, gibt er Durchblicke ungeahnter Schönheit frei, weit über Wälder hinweg, weit über Höhen, deren Baum­kronen von einem sanften Zephir wiegend bewegt wird. Oh nein, der Spessart ist etwas ganz ande­res, als man ihn in der Jugend träumte, da man HauffsWirtshaus im Spessart" las unb Dunkel- feit unb Einsamkeit fürchtete, in ber Räuber lauern können. Geht man nur einen Schritt vorn Wege, so umfängt einen ber Wald mit mütterlichen Armen. Man streckt sich aus in ein Feld von blühenden Maiglöckchen unb schaut burch bas grüne Laubdach hindurch in einen strahlend blauen Hirn- mel. Oh, wie ist es hier schön! Deutscher, warum kennst du so wenig bie Schönheit beiner Heimat.

Fast ohne Uebergang führt hier bie Straße hinunter ins Tal. Hügel sind noch rechts und links, aber hier ist ber Walb ausgerodet und vielfältige Frucht tragen die Felder. Die Straße macht eine Biegung und auf einmal, ganz unerwartet, klimmen zu beiden Seiten Weingärten hinan, deren Trauben den Doxbeutel keltern, unb schon ist auch Würzburg ba. Und über die Brücke, die von zwei Löwen be­wacht wird, geht es hinein in die köstliche Stadt, auf daß diesem gnadenreichen Tage noch eine holde Krönung werde durch St. Kilians Gaben.

Nicht so schnell kann man sich am Morgen von Würzbura losreißen. Immer wieder hängt ber Mick am weinbestandenen Berge, den das geruhige Ge­viert ber Festung abschsteßt. Immer roieber will dieses unb jenes Haus altbeutfcher Architektur einen in Bann schlagen, mag man sich nicht aus bem teinernen Traum lösen, als ber bi« Residenz ba- tcht. Nun liegt die Stadt hinter uns, und wie zum lesonderen Feste geschmückt umgibt sie ein Kranz hn alten Gelb leuchtender Lupinenfelder, die berau­chend itiit ihrem Dust die Luft burchschwänoem. Wieder -jähen und Täler. D Täler weit, 0 Hohe/.. Altmeister Thomas Landschaften breiten sich verwirk­licht vor dem trunkenen Auge aus. Hier scheint alles zu blühen. Jeder mit Rotdorn bestickte Strauch am Wege, jede Wiese ist ein Blütenmeer. Tänze­risch wie Elfen, die der Sonnentag schus, schwingt sich ein Reigen von Birkenstämmchen einen sanften Abhang hinauf. Dann wieder ber Schatten eines Laubwaldes unb wieder golblobembe Lupinenfelder. Eine Schafherde kreuzt unsere Straße, erschreckt ducken sich Oie wolligen Tiere vor dem fauchenden Ungetüm zu einem Haufen zusammen, oom eifrigen Spitz zum Ueberfluß noch anaebellt. Aengstlich blökt ein weißes Lämmlein nach ber Mutter.

Alle Dörfer haben hier fast Stabtcharakter. Mit hohen, fchindelbebeckten Firsten, bie tief hinunter- reichen, scharen sich bie Häuser um die hochgelegene Kirche. Ein Tor führt in die Siedlung hinein und ein gleichbewährter Ausgang entläßt uns. Jede Siedlung einer Wagenburg vergleichbar, wie unsere germanischen Voreltern sie xusammenstellten, wenn der Feind sich nahte. Hier spricht jeder Stein vpn deutscher Geschichte. Hier aus dieser Natur ist sie ge­boren, unb hier in dieser Natiir hat sie unvergäng­liche Denkmale sich geschaffen.

Nacht erfroren alle Knospen und am Morgen gin­gen die Blätter gelb.Ach," sagte die Prinzessin, als sie im Garten spazieren ging,reißt bie Dum­men Rosen aus. Ich will mich nicht mehr über sie ärgern. Ich will überhaupt keine Rosen haben unb Ball spielen. Uederhaupt Rosen find gewöhn- lief) vulgär sind sie unb in unserem Treibhaus wachsen viel schönere Blumen."

Schießlich, man kann ja nicht wissen, vielleicht hat sie recht. Prinzessinnen haben immer recht wenigstens im Märchen. Vielleicht auch sonst noch irgendwo, aber das weiß ich nicht mehr so genau.

Die vierte:

Ein Mensch wollte gerne sterben. Da nahm er ein spitzes Messerchen und ritzte sich damit bie kleine blaue Aber, die über sein Handgelenk lief und immer fa lebendig hüpfte. Als aber das Blut her- ausfprang, da war jeder Tropfen ein funkelroter Stein, edel unb kostbar, und je mehr das Blut floß, um so rascher sprangen, rollten und fielen die Steine. Ach, dachte der Mensch, da wollte ich ster- ben, weil bas Leben arm und traurig war, aber nun bin ich reich. Warum bin ich nicht eher auf die Idee gekommen? Verband seine Wunde, las seine Schätze sorgfältig zusammen unb der Goldschmied bewunderte ihren schönen Schüft und gab ihm viel Geld.

Später, viel später traf ber Mann eine Frau. Sie war sehr schön, er liebte sie. Nur war er immer traurig, wenn er bei ihr war. Sie hatte eine Kette um ben Hals von lauter roten Steinen und sie lagen wie Blutstropfen auf ber weißen Haut.

Die letzte:

Abend für Abend erzählte der fremde Mann. Immer trauriger wurden bie, bie ihm zuhörten. Sie merkten, daß es bunlel würbe, unb daß ihre Hänbe leer waren. Schweigend taten sie am Tage ihre Arbeit und keiner hörte ihre Frauen fingen.

Trotzdem mußten sie immer wieder hingehen, unb bie Frauen brachten sogar ihre Kinder mit, bie sie noch nicht allein (offen konnten. Ein Abend war schwül unb gewitterig. Kein Stern war ba unb es war buntler als sonst.

Da kam ein Kind gelaufen unb auf feiner Hanb flimmerte ein sanftes grünes Leuchten.Guck doch, ich habe einen Stern gefunden" rief es unb freute sich. Aber ber Mann sagte:Stern nennst du das? Das ist ein winzig kleines Tier, am Tag ist es häßlich unb ich kann es tottreten, wenn ich will." Da sah das Kinb ben Mann mit großen Augen an unb sagte:Ach du, es leuchtet aber doch"

Da stand der Fremde auf unb ging weg. Man sah ihn nie mehr. Bold vergaßen die Menschen, daß er dagewesen war und sie traurig gemacht hatte.

Von dem Kinde sagen manche, es sei später mit ihm nicht ganz richtta gewesenandere, wenige behaupten, alle Dinge hätten aufgeleuchtet in der Berührung seiner Hande und so wäre es also ein Dichter gewesen?

Wie gesagt aber, sie sind sich nicht einig ge­worden und vielleicht hatte« sie beide recht. Willst du es entscheiden?

Die Gemälde des Polygnot.

Vierter Delcker^vortrag von Professvr Schrader.

Am 26. 3uni sprach der hervorragende Frankfurter Archäologe HanS Schrader vor einer stattlichen, gespannt lauschenden Zuhörer­schaft über Polygnot. Don den Werken dieses großen Malers der perikleischen Zeit ist nicht daS kleinste Bruchstück erhalten. Die Hatten und Tempel, deren Wände er mit großartigen, si- gurenreichen Kompositionen geschmückt hat, sind bis auf geringe Reste verschwunden. Tiber em eigenes Schicksal hat es gewollt, daß gerade von seinen Werken ausführliche, Figur für Figur beschreibende Schilderungen erhalten sind, daß ge­rade er zu den ganz wenigen bildenden Künst­lern gehört, die in den Werken deS Aristo- telev erwähnt und gepriesen werden. Dieser nennt ihn einen guten Ethographen und Witt Damit sagen, daß seine Kunst auf die Darstellung deS Innerlichen und der gesamten seelischen Hal- tung deS Menschen ausgegangen sei. So ist die Phantasie und der Scharfsinn b* Altertums­forscher von jeher bemüht gewesen, sich in ®t-

öienstag,. Juni 1925

Dieses Denkmal, dessen Zinnen unb Türme nun am Horizont auftauchen, nun von fern schon wissen laffenb, daß man sich einer wahrhaften Stabt nähert, einer Stabt, die viele Feinbe vor ihren Mauern sah. viele siegreich abjchlug unb sich in höchster Gefahr rettete durch Den wackeren Trunk ihre» Bürgermeisters, Rothenburg, dies Denkmal deutscher Kultur, bas in ganz Deutschland nicht seines gleichen hat, ist das köstliche Ziel unserer Fahri von der Ruhr bis ob ber Tauber.

Aus der Provinz.

Landkreis Gießen.

X K l e in - L i n b c n , 29. Juni. Dährcnb hier in den letzten Jahren bie Bautätigkeit ganz ruhte, ist nach Beendigung der Felbbereinigung unb Eröff­nung neuer Baulinien eine große Bauluft ein­getreten. Viele zur Miete wohnenbe Familien sind baren, sich ein Eigenhaus zu bauen; es werben keine Anstrengungen gescheut, bies Ziel zu erreichen. Durch Verwendung früher hier nicht gebräuchlicher großer Zementschlackenfteine wirb es möglich, ein mittel­großes Wohnhaus in einigen Wochen im Rohbau fertigzuftellen. Diese Steine sind sehr fest, anscheinend warmhaltig und werden vielfach durch Sclbfffabri- fation hergestellt. Wie bei allen Unternehmungen beut, spielt natürlich die Geldbeschaffung eine große Rolle; in dieser Hinsicht war es früher besser bestellt.

d" Lollar, 30 Juni. Zu der am nächsten Sonntag bevorstehenden Bürgermeister­wahl sind bis jetzt zwei Kandidaten genannt, unb zwar ber seitherige Bürgermeister S rtj m i b t unb bas Gemeinbcratsmitglied Wisseman n. Letz­terer ist eine in allen Kreisen ber Einwohnerschaft bekannte Persönlichkeit. Heber ben Ausgang ber Wahl ist sehr schwer etwas vorauszusagen.

Großen-Duseck. 28. 3uni. Heule fand hier in unsrem Kirchspiel das ®uftan-2lbDlt* Fest für das Dekanat Gießen statt. Mor­gens predigte Pfarrer L 0 r h . vor dem Kriege in Deutsch-Ott in Lothringen, jetzt in Burg- Gräfenrode, in Oppenrod unb mittags hier in der lieblich geschmückten Kirche vor den zahl­reich erschienenen Gustav-AdolfS» Freunden. unter denen auch bi« auswärtigen Festgäste nicht fehl­ten. Aus seiner 28jährigen Tätigkeit in ber Lothringer Gemeinde hart an der Grenze wußte er außerordentlich anschaulich von der Äot, aber auch von der Gründung evangelischer Gemeinden zu berichten. Die oberste Schulklasse unter Lei­tung von Rektor Inderthal, sowie der hie­sige Posaunenchor belebten durch ihre Mitwir­kung den FestgotteOdienst. Aach einer Pause sand sich wieder eine zahlreiche Zuhörerschaft im Drückschen Saale ein. Dort erstattete Pfarrer Decker- Gießen den Rechenschaftsbericht und zeigte dabei, wie der Gustav-Adolf-Verein ein treuer Helfer ist unsren Auslanddcutschen. Wo evangelisches GlaubenSleben herrscht, da besteht auch der Zusammenhang mit bem deutschen Vaterlande. Pfarrer L 0 r tz zeigte dann an er­greifenden Beispielen, waS die Evangelischen von Frankreich, das doch dieGlaubensfreiheit" zu- sicherte, zu erdulden hatte Don der verheißenen Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit und Mensch- liebtett in alter und neuer Zeit war nichts zu spüren. KircheTrrat Strack- Gießen, begrüßte mit herzlich' n Worten als Vorsitzender des Zweigvereins die Gemeinde und ermahnte zur Treue gegen die Glaubensgenossen, sowie zur regen Beteiligung am Haupftest im September in Gießen. Vorträge deS Posaunenchors ver- schönten auch diese Feier. Zrnn Schluß gedachte der Ortspfarrer des 28. 3uni als deS Tages, wo der Friede von Dersailles geschlossen wurde, mahnend trotz allen Anrechts, daS unferm Vaterland« durch denselben widerfahren ist, erst reckt treue evangelische Christen zu sein, denn unser Glaube ist doch der Sieg, der auch diese Welt der Lügen überwinden wird. Die schöne Feier Nana auS in dem gemeinsam gelungenen Liede: .Ich hab mich ergeben". Dte Kollekten erbrachten die Summe von etwa- mehr denn 100 Mark.

!*! Elimbach, 29. Juni. Der dienst- älteste Bürgermeister deS Kreises Dießen dürste der hiesige Bürgermeister Stein sein. Or leitet seit 42 Jahren die Ver­waltung der Gemeinde. Da er auf ein Alter von 76 Jahren zurückblickt, so hat er Die Absicht, sich nicht mehr aufstellen zu lassen.

' Watzenborn-Steinberg, 30. 3uni. Der älteste Einwohner unserer ®e-

danken oder in Zeichnungen PolygnotS Kunst zu vergegenwärtigen. Kein Geringerer al« Goethe hat sich mit seinem Meyer eifrig Darum bemüht, Weicker in einer in der Berliner Aka­demie gelesenen Abhandlung ausführlich darüber gehandelt.

Erst seit den achtziger Jahren ist man wesent­lich weiter gekommen durch Die Auffindung von griechischen Dasengemalden, die, offenbar unter dein Eindruck polhgnotischer Kunst entstan­den, einzelne Motive oder ganze Gruppen für ihre dekorativen Zwecke verwenden. Der Vor­tragende suchte von hier aus einen neuen Weg zum Verständnis der polygnotischen Malerei, in­dem er zum Vergleich mit solchen polhgno.ttsch beeinflußten Vasenbildern Werke ber gleichzeitigen großen Bildhauerei beranzvg. die, wie jene Wandgemälde, zum Schmuck hervorragender Bauten gedient haben, wie diese also in architet- tonischen Rahmen zur großen Wirkung in Äähe und Ferne bestimmt waren. 3n diesem Sinn« erläuterte er hn einzelnen die Giebelgruppen und Metopen vom Zeustempel in Olhmpia und fand in ihnen überraschende Parallelen zu jenen Vasenbildern, zugleich aber auch darüber hinaus den deutlichen Ausdruck einer vertieften, aufS Innerliche gerichteten Auffasfung der alten Sagen und Menschentypen, also gerade das, waS wir als bezeichnend für Polygnots Kunst auf­fassen müssen. In einem einzelnen Falle, an ber Gruppe der Ken tau ren kämpfe auf dem Westgiebel, scheint sich mit Sicherheit zu ergeben, daß ein großes Wandbild polygnottscher Art die ©lebet* darstettung angeregt hat, die aber um der archi­tektonischen Wirkung willen viele im Gemälde frisch empfundenen Motive abgeschwächt und zu­rechtgerückt hat. Aber im ganzen genommen ist in den Ochmpia-Skulpturen eine ganz auffällige innerttche Verwandtschaft mit'polhgnotischer Ma­lerei unverkennbar: sie können am ehesten einen Blick in das Innerste dieser Kunst gewahren.

Der auf nächsten Freitag, den 3. Iuki, au- gefetzte Vortrag von Prof. Bieber totrb laut Inserat wegen der an diesem Abend stattftnden- den Opernaufführung auf Dienstag, den 14. Iuli. verschoben.