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Zehntes Vlatt

Giehener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe

Seite 77

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Spiel und Sport in Gießens Geschichte.

Von Ernst Paulus, Wetzlar.

Die Idee des Kräftemessens, die Freude an der persönlichen Leistung, der Sportgedanke, war schon immer vorhanden, wo frische fröhliche Jugend sich tummelte.Es ist alles Unsinn! Unsere Vorfahren haben gut und lange ohne sportliche Hebungen gelebt und wir selbst haben, Gott sei Dank, keine Ursache, uns zu beklagen." Die Bedenken, denen seiner Zeit ein hoher Würdenträger in diesen drastischen Worten Ausdruck gab, klingen heute noch hier und da wieder. Der Sport ist jedoch zunächst in seiner modernen Ausprägung eine Begleiterschei­nung der Industrialisierung, ja sogar ihr notwen­diges Gegengewicht. Das beweist seine Entstehung imMutterlande" des Sports, im ersten Industrie­land der WeU, in England, das zuerst Spielfelder angelegt und Sportspiele mit festen Regeln und durchgeistigter Technik geschaffen hat.

Als in den neunziger Jahren des vorigen Jahr­hunderts der moderne Rasensport seine Wurzeln in Deutschland zu schlagen begann, da fanden sich auch die ersten Ansätze des Fußballfports im Hessenlande, die dann zur Gründung des ältesten Sportvereins an der Lahn führten, des Gieße­ner Sport-Clubs von 1900. Mit diesem Club ist auch die Geschichte des Rasensports, ge­messen an seinen Erfolgen, eng verknüpft. Ein mächtiger Gegner auf dem grünen Rasen entstand ihm in dem Verein für Bewegungs­spiele. Diesem Konkurrenzverhältnis entsprangen dann auch die spannendsten Fußballkämpfe in der Stadt, die mit wechselseitigem Erfolge bald diesen himmelhoch jauchzend , bald jenenzu Tode be­trübt" sahen. Doch schon vorher gründete sich 1904 der Ballspielklub, der sich heute als Spiel­oereinigung 190 4 zur Kreisliga emporge­schwungen hat und ebenfalls tief in die Fußball­ereignisse eingriff. Die fortschreitende Organisation des Fußballbetriebes brachte die Gründung des Deutschen Fußball-Bundes, und unter dessen Ver- wallung eine genaue Klasieneinteilung nach Leistun­gen, für die Gießener Vereine unter Zugehörigkeit

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Turnen in und um Gießen.

Von Rektor Bach, Großen-Linden.

Das turnerische Leben in Gießen und seiner näheren Umgebung wird gegenwärtig von drei großen Verbänden beeinflußt, von der Deutschen Turnerschaft (Sitz Berlin-Charlottenburg), dem Ar- beiterturn- und Sportbund (Sitz Leipzig) und dem Allgemeinen Deutschen Turnerbund (Sitz Essen).

Zeillich an erster Stelle stehen die Vereine der Deutschen Turnerschaft. Mit der Jahrhundertwende

same Linie in dem räumlichen Aufbau der turne­rischen Organisationen dar. Rur der Gau Hessen der D. T. reicht bis nach Rieder-Wöllstadt hinab und umfaßt mit seiner Ausdehnung nach Norden bis zur Eder, westöstlich von der Dill bis zum Niddertal und nach Schlitz, ungefähr die Gebiete der onberen entsprechenden Verbände, deren Bestand er mit rund 13 000 Mitgliedern in 148 Vereinen reich­lich beikommt. Der Gau Wetterau, dessen Ehren­vorsitzender der Reichstagsabgeordnete Dorsch (Wölfersheim) ist, zählt in rund 50 Vereinen um 4000 Mitglieder, in der Hauptsache aus der Land­wirtschaft treibenden Bevölkerung; er reicht von Leihgestern südlich bis Rendel, von Bisses und Bleichenbach bis östlich zur Landesgrenze und ent­hält weder preußische noch städtische Vereine.

_ Bei den beiden letztgenannten Gauen, Lahn- Dünsberg und Wetterau, sehen wir in der Nach­kriegszeit das Bestreben, aus ihrer seitherigen Ao- geschlossenheit und Vereinzelung herauszukommen durch Anschluß an einen größeren Verband. Vor etwa vier Jahren schlossen sie sich mit noch zwei anderen Gauen in Starkenburg (Main-Rodgau und Jahngau) zum Südwestdeutschen Turnerbund zu­sammen, der ein Glied des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes (Sitz Essen) bildet. Damit haben sie ihrer turnenden Jugend unstreitig einen förderlichen Dienst erwiesen; denn wenn auch die größere Or»

nicht zur Verflachung führt, hat sich bei den großen Wettkämpfen und Meisterschaften gezeigt, und es ist sicherlich ein großer Vorteil für die turnende Jugend, daß sie nach vielen Richtungen hin Leibes­übungen treibt; denn dadurch kommen wir dem allen und ewig neuen Ideal der harmonischen Aus­bildung des Körpers näher. Und so gewiß die Gipfelleistungen einzelner auf einzelnen Gebieten anzuerkennen und zu würdigen sind, so gewiß ist es auch ein wertvolles Ziel, die Jugend in ihrer Ge­samtheit im Gerät und Spiel, in Sport und Frei­übung körperlich durchzubilden.

In diesem Sinne sehen wir die Turnvereine in und um Gießen bei verschiedener Richtung und Schich­tung eifrig am Werk, zur körperlichen Ertüchtigung ihrer Jugend nach Kräften beizutragen und damit unserem Volke in seiner Gesamtheit zu dienen. Alles das aber erfordert viel hingebende, opferfreudige Arbeit, und die Männer, die ihre Zeit und Kraft werktäglich und sonntäglich in idealer Gesinnung zur Verfügung stellen, haben Anspruch auf Dank und Anerkennung vonseiten aller Volksgenossen, die es mit unserem Volk und seiner Jugend wohlmeinen.

ganisation mehr Geld kostet, so gibt sie dafür doch auch weit reichere Anregungen der verschiedensten Art, weitet den Blick und hebt insbesondere die turnerischen Leistungen durch den schärferen Wett­bewerb,

In allen turnerischen Verbänden in und um Gießen hat sich das Gebiet der Leibesübunaen wesentlich erweitert. Aus der Kriegszeit haben unsere Soldaten auch die Freude am Sport und Spiel mitgebracht, und der allgemeine Ruf nach körperlicher Ertüchtigung unserer Jugend nach den Entbehrungen der Kriegszeit und dem Fortfall der allgemeinen Wehrpflicht hat der Pflege der Leibes­übungen einen mächtigen Auftrieb gegeben. Neben den Sonderverbänden für einzelne Spiel- und Sportarten haben es sich die vorhandenen turne- rischen Verbände angelegen sein lassen, den Anforde- rungen der Zeit entsprechend ihren Betrieb auszu­bauen, neue Uebungsarten sich anzugliedern. Der Arbeiterturnerbund (Sitz Leipzig) wird zum Ar- beitertum- und Sportbund, unb eine nicht geringe Anzahl von Turnvereinen, insbesondere in den Städten, erweitert ihren Namen zu Turn- und Sportvereinen; der seitherige Turnwart in Verein, Bezirk, Gau usf. reicht an Zeit und Lehrkraft nicht mehr zu, er umgibt sich mit einem Stab von Son- derturnwarten (für Volksturnen, Spiel, Frauen­turnen, Männerturnen, Schwimmen, Wandern usw.) und nimmt als Oberturnwart die Leitung in die Hand. Zu der Angliederung neuer Uebungsarten kommt die Abgliederung nach Altersstufen und Ge­schlecht, und insbesondere der Jugend wird sorg­same Pflege zuteil, nicht nur in körperlicher, sondern auch in geistig-seelischer Beziehung. Daß die Er­weiterung des Uebungsgebietes in den Turnvereinen

auf dem Gebiete der Gymnastik bewandert sind. A. Bier, der bekannte Berliner Chirurg und Rektor der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, hat auf diesen Punkt besonders hingewiesen, und seit dem Sommersemester 1922 regelmäßige Aerztekurse in der deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin abgehalten. Er selbst schätzt dieGymnastik als Vorbeugungs- und Heilmittel" außerordentlich und hat sie seit langen Jahren in (einer Klinik ein- geführt. Schon aus Berufsinteresse sollten die Aerzte sich mit den Leibesübungen beschäftigen. Die Zeichen der Zeit weisen darauf hin, daß bald die Gymnastik in unserem Volke eine große Rolle spielen wird, und die Gesunden in dieser Beziehung einen Berater, die Kranken einen Helfer nötig haben. Wer wäre dazu berufener als der Arzt?"

Wie wir oben sahen, ist nicht nur die ärztliche Ueberwochung der Zöglinge in den Schulen, son­dern auch der Jugend in den Vereinen ein drin­gendes Erfordernis, um eine gleichmäßige Aus­bildung der Organe zu ihrer vollen Leistungsfähig­keit zu gewährleisten und eine schädigende Wirkung des Betriebes der Leibesübungen auszuschließen. Der neugegründete deutsche Aerztebund zur Förde­rung der Leibesübungen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Behörden und Verbänden in allen Fragen der Körperhygiene einschl. Spielplatzgesetz, tägliche Turnstunde u. a. m. zu beraten und im Einver nehmen mit den großen Sportverbänden den sport­ärztlichen Unterstichungsdienst in den Vereinen durchzuführen.

Die fortschreitende Entwicklung wird ebenso wie im alten Griechenland dazu führen, daß wir Aerzte (Fürsorgeärzte) für die Gesunderhaltung (Prophy­laxe) und andere (Heilärzte) für die ausgebrochenen Krankheiten (Therapie) unterscheiden werden.

Die Schaffung von Fürsorgeärzten ist in der heutigen Zeit ein soziales Erfordernis!

Friedberg, Adoissturm.

konnte in der Stadt der Turnverein 1846 bereits 54 Jahre, der um vieles jüngere Männerturnverein 15 Jahre erfolgreicher turnerischer Arbeit aufweisen, und es ist bekannt, daß schon aus Friedrich Ludwig Jahns Heroldsruf vom ersten deutschen Turnplätze in der Hasenheide bei Berlin (1811) auch aus den Mauern Gießens ein lebhaftes, tatenfrohes Echo zu­rückkam. (Die sog.Gießener Schwarzen" mit Karl Fallen an der Spitze.) Nachdem sich die beiden Turn­vereine in turnbrüderlicher Gesinnung zurGießener Turnerschaft" zusammenfanden (1896) und insbeson­dere der Männerturnverein kurz vor dem Weltkrieg unter der tatkräftigen Führung von Rechtsanwalt C. Kaufmann (gefallen am 2. September 1914 bei Vitry) ein Jahrzehnt aufsteigender Entwicklung er­lebt hatte, ist es verständlich, daß trotz aller Hem­mungen der langen und schweren Kriegszeit der durch lange Tradition gefestigte Turnbetrieb nicht zum Erliegen kam. Darüber hinaus aber ist die Gießener Turnerschaft dem Zusammenhalt und dem turnerischen Leben des Gaues Hessen in diesen schweren Jahren eine außerordentlich wirksame Stütze gewesen dadurch, daß sie, unterstützt durch ihre günstige Verkehrslage im Gaugebiet, sechs Jahre hindurch (19151920) einfache Gauwetturnen vor­bereitete und erfolgreich durchführte. Daß sie trotz der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit dank altbe­währter Führung im Vorstand und auf dem Turn­platz ihre alte Spannkraft bald wiedergefunden hat, hat uns der Mut zur Uobernahme des großen 32. Mittelrheinischen Kreisturnfestes, seine sorg­fältige Zurüstung und tatkräftige Durchführung in Den ersten Augusttagen d. I. gezeigt. Mit über 1000 Mitgliedern und hervorragenden Siegen ihrer Turner und Turnerinnen auf fast allen Gebieten der Leibesübungen nimmt die Gießener Turnerschaft eine beachtenswerte Stellung unter den Vereinen des Hessengaues und des Mittelrheinkreises der D. T. ein. Ebenso sehen wir die Vereine in der näheren Umgebung von Gießen in aufsteigender Entwicklung und in turnbrüderlicher Zusammenarbeit mit der Stadt.

Neben der Gießener Turnerschaft steht dieFreie Turnerschaft" im Verband des Arbeitersportkartells !u Gießen. Mit der Entwicklung der Arbeiter» ewegung in der Vorkriegszeit wurde sie im An­fang dieses Jahrhunderts (1902) gegründet und um­faßt gegenroärtig rund 200 Mitglieder. Als erster Slrbeitertunwerem in unserem Gebiet hat sie tat­kräftig und erfolgreich zur Neugründuntz von Ver­einen angeregt. So finden wir in der näheren Um­gebung von Gießen in fast allen Orten Arbeiter­turnvereine, und ihre weitere Ausbreitung machte es möglich, daß von hier aus der Aufbau eines neuen, des dritten Bezirks im 9. Kreis des Ar- beiterturn- und Sportbundes erfolgen konnte. Der Bezirk reicht von Leihgestern bis nach Marburg, von Herborn bis nach Alsfeld, und umfaßt in etwa 40 Vereinen rund 4000 Mitglieder. Kurz vor dem Kriege konnte die Gießener Freie Turnerschaft ein größeres Bezirksfest durchführen; während des Krieges ruhte die turnerische Arbeit des jungen Ver­eins im großen und ganzen, bewegt sich aber in der Nachkriegszeit wieder in aufsteigender Linie.

Außerhalb der Mauern Gießens finden wir noch zwei turnerische Verbände, die ihrer Entstehungs- zeit nach auch an die Jahrhundertwende gehören. Der Lahn-Dünsberg-Gau mit rund 4000 Mit­gliedern in etwa 40 Landoereinen umfaßt in der Mehrzahl hessische Orte, insbesondere im Kreise Gießen, und dehnt sich auch auf preußisches Gebiet um den Dünsberg aus. Seine südliche Grenze ist

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Jugend dieses Landstriches turnerisch zusammenfaßt. So stellen die Gemeinden Großen-Linden und Leih­gestern, die südlich von Gießen allmählich zu einem Wohnplatz von etwa 4500 Einwohnern zusammen­wachsen, mit ihren fünf Turnvereinen eine bedeut-

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