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Neuntes Blatt

(Siebener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe

Seite 69

Der auffallend große Anteil der Weiden und Wiesen ist durch die geologische Struktur der Pro­vinz bedingt: Die nördlichen und östlichen Teile der Provinz nimmt das Basaltmassio des Dogelsberges (oulf. Ursprungs) fast völlig ein. Seine höchste Er­hebung beträgt 780 Meter, sein Durchmesser rund 50 Kilometer. Mit einer Flächenbedeckung von etwa 2300 Quadratkilometer stellt er die größte Basalt­masse Deutschlands dar und weist im Gegensatz zu anderen Gebirgen keine Gliederung auf. Die Unter­lage des Vogelsberges besteht aus Buntsandstein, über den mehrere Schichten Basalt — stellenweise mit zwischenliegenden Braunkohlenablagerungen — gebreitet sind. Klimatisch gehören die höheren Gegen­den des Vogelsberges, sowie die nördlich und nord­östlich von ihm liegenden Teile der Provinz, zu den kältesten Gegenden Hessens. Die Niederschlagsmenge beträgt bis zu 1200 Millimeter jährlich (gegen stellen­weise 500 Millimeter in Rheinhessen). Die Aufblühzeit einzelner Pflanzen liegt im Vogelsberg bis zu vier Wochen später als in den am meisten begünstigten hessischen Gegenden.

Westlich des Dogelsberges dehnt sich die Wetterau aus, eine fruchtbare, wellige Landschaft, die im Süd­osten durch die Dorhügel des Dogelsberges, im Westen durch die Ausläufer des Taunus begrenzt wird. Sie ist noch durch häufiges Dorkommen von Salzen und Kohlensäurequellen ausgezeichnet.

Vogelsberg und Wetterau find die beiden Ge- bietsbestandteile, die der Provinz ihr Gepräge geben: Mehr oder weniger extensiv betriebener Ackerbau, ausgedehnte Großvieh- und Schafzucht, Braunkohlen- und Erzbergbau, hinsichtlich^ der Be­völkerungsentwicklung normaler Geburtenüberschuß, aber starker Wanderungsverlust.

Fügt man noch hinzu, daß dank der vorkommen­den Mineralien und Quellen Oberhessen in Bad-Nau- Heim ein Weltbad ersten Ranges sein eigen nennt, daß es in seiner Hauptstadt die Landesuniversität mit bedeutenden Kliniken beherbergt, und daß dank seiner Erze und Braunkohlen eine nicht zu unter­schätzende Industrie sich entwickelt, so ist das Ober­hessens bereits in groben Zügen festgehalten.

Bevölkerung.

Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle in Oberhessen sind für die Jahre 1906, 1913 und 1923 in dem folgenden Tabellchen zusammengestellt:

Ober­hesien

Ehe- fchließungen

Geborene*)

Gestorbene*)

1906

2378

8528

4733

1913

2225

7739

4407

1923

2898

7193

4305

*) einschließlich Totgeborene.

Eine abweichende Tendenz von den übrigen Provinzen zeigen die oberhessischen Zahlen nicht, doch sind sie im allgemeinen konstanter. Die ge­ringeren Schwankungen der Zahlen deuten auf die landwirtschaftliche und damit konservativere Struktur der Provinz.

Die relativ geringere Abnahme des Geburten­überschusses in Oberhessen zeigen die folgenden Zahlen: _________________

Jahr

Geburtenüberschuß in

Starken­burg

Ober- Hessen

Rhein­hessen

1906

9168

3795

4694

1913

8282

3332

3837

1923

5704

2888

2513

Die Zunahme der ortsanwesenden Bevölkerung beträgt für die Zeit vom 1. Dez. 1910 bis 16. Juni 1925 rund 26 000 Personen (oorl.). Da in dieser Zu­nahme die zur Zeit der Zählung in Oberhessen (Bad- Nauheim) weilenden Fremden mitenthalten sind, dürfte die Wohnbevölkerung Oberhessens sich um etwa 19 000 Personen vermehrt haben.

Der vom 1. Dezember 1910 bis 16. Juni 1925 er­rechnete Wanderungsoerlust beträgt unter Zugrunde­legung der vorläufigen Ergebnisse für Oberhesien ohne Bad-Nauheim insgesamt 5475 Personen. Im einzelnen läßt sich in Gießen eine Mehrabwande- rung von rund 1300 Männern und eine Mehr z u - Wanderung von etwa 400 Frauen feststellen. Im übrigen Oberhessen (ohne Bad-Nauheim) ist eine Mehrabwanderung von 2000 Männern und zirka 2400 Frauen vorhanden. Nimmt man an, daß in Bad-Nauheim unter den vorübergehend anwesenden Personen auch eine Anzahl Oberhessen steckt, so würde sich der Wanderungsoerlust um deren Zahl ver­ringern. Die noch verbleibende Mehrabwanderung erklärt sich zum Teil aus der Verringerung der

Garnison Gießen, zum Teil aus dem starken Zug nach benachbarten Großstädten, Frankfurt. Eine gewisse Rolle spielt dabei auch die bei der land­wirtschaftliche Bevölkerung übliche Alleinerbfolge, welche die nachfolgenden Geschwister veranlaßt, ihr Brot in der Fremde zu suchen.

Nach der Berufszählung 1907 entfielen in Ober­hessen vom Tausend der Bevölkerung auf die Be- rufsabteilungen: Landwirtschaft 412,5, Bergbau und Industrie 336,4, Handel und Verkehr 115,7, häusliche Dienste und Lohnarbeit 5,8, öffentlichen Dienst und freie Berufe 54, ohne Beruf 75,6. Beim Vergleich mit den Zahlen für Starkenburg und Rheinhessen, wo vom Tausend der Bevölkerung 212,5 bzw. 259,3 in der Landwirtschaft tätig waren, zeigt sich abermals, wie stark in Oberhessen die landwirtschaftliche Tätigkeit überwiegt. Naturgemäß sind die übrigen Berufsabteilungen entsprechend schwächer besetzt.

Landwirtschaft.

Landwirtschaftlich benutzt sind in Oberhessen (1921) 201 614 Hektar, darunter 60 544 Hektar Wiesen und Weiden.

Obwohl die landwirtschaftlich benutzte Fläche Oberhessens größer ist als in Starkenburg, wurden bei der diesjährigen Zählung nur 47 728 landwirt­schaftliche Betriebe ermittelt gegen 65 091 in Starken­burg. Der einzelne landwirtschaftliche Betrieb ist daher in Oberhessen durchschnittlich größer als in Starkenburg und Rheinhessen (4,2 Hektar gegen 2,4 bzw. 3,2). Am häufigsten sind die Betriebe unter einem Hektar (44,1 Proz. der Betriebe überhaupt); die Betriebe von 2 bis unter 5 Hektar umfassen 21,8 Proz. und die von 5 bis unter 20 Hektar 22,1 Prozent aller Betriebe.

Als Anbaupflanzen sind für Oberhesien charakte­ristisch: Winterweizen, Hafer, Hülsenfrüchte, Misch- frucht, Hanf und Flachs, deren Anbauflächen sämtlich

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größer sind als in Starkenburg und Rheinhessen zu- fammen, dann noch Futterrüben und Klee. Bedeu- tend ist auch der Anbau von Winterroggen, Sommer­gerste, Kartoffeln und Obst, besonders Zwetschen.

V i e h st a n d.

1922 wurden in Oberhesien 22 768 Pferde, 132 735 Stück Rindvieh, 57 814 Schafe, 132 680 Schweine und 39121 Ziegen gezählt. Gegen 1914 Haden die Bestände an Pferden, Schafen und Ziegen zuge­nommen. Von je 100 Tieren in Hessen entfielen auf Oberhesien 1922: Pferde 39, Rindvieh 49,1, Schafe 74,9, Schweine 43,3 und Ziegen 25. Die Schafzucht tritt gegenüber dem Viehstand der anderen Pro­vinzen stark hervor, die Ziegenzucht dagegen zurück.

Bergbau und Industrie.

Als wichtigste bergbauliche Unternehmungen sind zu nennen: Braunkohlenbergwerke in 7 Gemeinden, Eisenbergwerke in 21 Gemeinden und Bauxitgruben in 15 Gemeinden (vornehmlich Kreis Gießen). Er­wähnenswert sind einige Betriebe für Ocker- und Kieselgurgewinnung. Auch mit dem Bergbau in engem Zusammenhang stehende Betriebe wie Braun» kohlenpreßwerke und Eisengießereien hat Oberhessen mehrere aufzuweisen.

In staatlichem Besitz sind die Braunkohlengruben „Ludwigshoffnung", Wölfersheim und Weckesheim (sämtlich im Kreise Friedberg). Die dort geförderte Menge Braunkohlen ist stark im Steigen begriffen. Das Werk Ludwigshoffnung förderte 1921 1,5 Mill. Hektoliter gegen 444 000 Hektoliter im Jahre 1904. Die Förderung in den (1916 neu erworbenen) beiden anderen Werken ist bis 1921 von 290 000 Hek­toliter auf 435 000 gestiegen.

Im Zusammenhang mit diesen Gruben ist das staatliche Kraftwerk Wölfer-heim zu nennen. Dieses Kraftwerk wandelt mittels Dampfkraft (12 000 P. S.) Braunkohle in elektrische Energie um, die über

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die ganze Provinz und über deren Grenzen hinaus, durch ein großzügig angelegtes Leitungsnetz, ver breitet wird. Die jährliche nutzbare Stromabgabe be­trägt rund 16 Millionen Kilowattstunden (gegen 2 Millionen Kilowattstunden im Jahre 1913). Die Verteilung geschieht durch die Ueberlandanlage der Provinz Oberhesien. An sie sind, abgesehen von den Gemeinden, die von dem Städtischen Eelektrizitäts- werk Gießen und anderen örtlichen Werken versorgt werden, alle oberhessischen Gemeinden mit nur einer Ausnahme angeschlossen. Die ötrombelieferung in Oberhessen bietet der Landwirtschaft und der In­dustrie die Möglichkeit und den Anreiz zu rationeller Betriebsweise.

Verhältnismäßig stärker als im übrigen Hessen ist die Industrie der Steine und Erden, die Textil­industrie und das Baugewerbe in Oberhessen ver­treten. Beachtlich ist noch die Zigarrenfabrikation und die neuerdings kräftig sich entwickelnde Ma- schinenindustrie. Hausindustrie (Weberei und Zi­garrenmacherei) wird in einigen Gegenden, vor-, nehmlich in den Kreisen Alsfeld, Gießen und Lau-' terbach betrieben. Genauen Aufschluß wird die Auf- Personen auch eine Anzahl Oberhessen steckt, so würde hat sich dadurch um zwei vermehrt.

Bäder.

Von den beiden Bädern Oberhessens, Bad-Nau- Heim und Bad Salzhausen, hat das erstere zur steigenden Bedeutung Oberhessens zweifellos stark beigetragen. Die Frequenz Bad-Nauheims, das schon lange als Weltbad anerkannt ist, hat sich seit 1900 etwa verdoppelt und betrug schon vor dem Krieg rund 34 000. Die Höchstzahl der gleichzeitig anwesen­den Kurfremden hat verschiedentlich schon einen Stand von 8000 erreicht. Es ist klar, daß die ge­samte Bevölkerung der Stadt sich auf den Kur- fremdenoerkchr eingestellt hat und den Bedürfnissen der Kurfremden weitestgehend entgegenkommt. Da diese zu stark einem Viertel Ausländer waren, hatte der Krieg der Stadt Bad-Nauheim starke Ausfälle und besonders schwere wirtschaftliche Schädigungen gebracht. Nach dem Krieg sanden sich zwar die Aus- länber zahlreicher als je ein; erst seit Stabilisierung unseres Geldes hat ihre Zahl wieder nachgelassen. An vorübergehend anwesenden Personen wurden bei der diesjährigen Zählung in Bad-Nauheim rund 7000 ermittelt; davon wohnten in Anstalten (Hotels, Sanatorien, Pensionen) über 5000. Mit wenig Aus­nahmen handelt es sich dabei um Kurgäste und Saisonbedienstete.

Verglichen mit Bad-Nauheim spielt Bad Salz­hausen eine geringere Rolle. Immerhin erfreut es sich einer steigenden Besucherzahl. Sie hat 1922 mit rund 2000 das Doppelte des Standes von 1912 erreicht.

Bildungswesen.

Die über 300 Jahre alte hessische Lud­wig s u n i d e r f i t ä t hat in den letzten Jahren durch Bildung einer besonderen Abteilung für Staatswissenschasten einschl. Betriebswirtschaftslehre und Nedendisziplinen und durch Vermehrung der Lehrstühle an Bedeutung gewonnen. Die Zahl der Studierenden, die pm 1900 gerade das erste Taufend überschritt, betrug 1923 rund 2000. Nachdem in­zwischen auch die letzten Kriegsteilnehmer ihr Stu­dium wohl beendet haben, ist der Besuch der Uni­versität wieder etwas zurückgeganqen. Die Stärke des Lehrkörpers betrug 1923 132 Lehrkräfte gegen 68 zu Beginn des Jahrhunderts.

Die Zahl der höheren Lehranstalten in Oberhesien ist relativ hoch (beeinflußt durch die vielen kleinen Landstädtchen) und hat feit 1900 zu- gettommen. Es waren 1923 vorhanden: 3 Gym­nasien, 1 Realgymnasium, 2 Oberrealschulen, 7 Real- chulen, 6 Höhere Bürgerschulen, 2 Höhere Mädchen- chulen (davon eine mit Lehrerinnen-Seminar). Von hnen sind innerhalb der letzten 15 Jahre neu hin- zugekommen bzw. durch Umwandlung vorhandener Lehranstalten entstanden: 1 Oberrealschule, 5 Real­schulen, 1 Höhere Mädchenschule (mit Seminar). Weggefallen, ausschl. der umgewandelten Anstalten, sind 3 Höhere Bürgerschulen. Inzwischen ist die Umwandlung in Anstalten einer höheren Kategorie weiter fortgeschritten; die Zahl der Oberrealschulen hat sich dadurch um zwei vermehrt.

Die Schülerzahl der höheren Lehranstalten ist bis 1923 auf stark 4100 gestiegen. Die Gymnasien und höheren Bürgerschulen haben abgenommen, da­gegen haben die Oberrealschulen um 100 Proz., die Realschulen um 150 Proz. ihres Schülerbestandes 1908 zugenommen.

Hoch ist die Zahl der landwirtschaft­lichen Fachschulen: 9 von den 18 hessischen Landwirtschaftsschulen befinden sich in Oberhessen.

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