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2) richtig.
Das alte Fräulein sah ich neulich noch einmal und kürzlich wiederum — und wenn ich bei einer Reise mich suchend nach ihr umblicke, dann sehe ich sie immer wieder, bei jedem Zuge, bei jedem Ab- schiednehmen.
Für zehn Bahnsteigpfennige erkauft sich die alte Dame ein Vergnügen, das sie mit einer Zeitschrift, einem Buch, einem Theaterbesuch teurer zu bezahlen hat — und während jenes ein wirkliches, ein unglaublich vielseitiges Leben zeigt, hat sie Erzählungen in Zeitungen und Zeitschriften, in Büchern und Dramen, ein Leben, dos erst aus zweiter Hand und nachgebildet zu ihr kommt.
„Bitte, Platz nehmen!"
Sie nimmt nie Platz. Ihr Platz ist hinterm Zeitungsstande, von dem aus der Bahnsteig ausgezeichnet zu übersehen ist!
Kommunistische Partei
(5.11. Moskau, Anfang Juni.
Wenn in Westeuropa von der Beherrscherin des russischen Riesenreiches, der Kommunistischen Partei, die Rede ist, so vergißt man in der Regel, daß die Bezeichnung Partei in der Sowjetunion eine ganz andere Bedeutung als im Ausland hat. Während man sonst überall in der Welt unter einer Partei eine Vereinigung politischer oder wirtschaftlicher Kräfte zur parlamentarischen Interessenvertretung versteht, hat die Russische Kommunistische Partei einen wesentlich weiter reichenden Zweck. Zum besseren Verständnis der Dinge sei nur der Paragraph 1 des Parteiprogramms angeführt, in dem es heißt: „Als Mitglied der Partei gilt jeder, der das Programm der Partei anerkennt, in einer der Parteiorganisationen arbeitet, sich den Entscheidungen der Partei fügt . . Schon allein mit diesem Satz ist das wahre Wesen der Kommunistischen Partei charakterisiert. Sie verlangt nicht nur, daß das Mitglied ihr Programm anerkennt, sondern darüber hinaus seine ganze Arbeitskraft für die Idee des Kommunismus überall einfetzt, wo sich dazu nur irgendeine Gelegenheit bietet.
Seit dem Tode Lenins wurde immer wieder auf die krisenhaften Erscheinungen innerhalb der Partei hingewiesen. Sie äußerten sich darin, daß die Partei in mehrere Fraktionen zu zerfallen drohe. Diese Gefahr ist auch heute noch nicht beseitigt. Solange in Sowjetrußland die alten Kommunistenführer, man nennt sie die „Alte Garde", das Regierungsruder in der Hand halten, ist ein derartiger Zerfall der Partei kaum zu erwarten. Mit dem
Franco-Anglaise und Entente Anglo-Russe rechnen, mit Spanien, Italien, Portugal als Anhängsel dazu im zweiten Treffen!"
Wie sehr man sich auch in der deutschen Diplomatie über die entscheidende Wandlung in der MächtekonsteUation Gedanken machte, zeigt der sol- gende eindringende Bericht des Geschäftsträgers in Petersburg von Miquel, der dem jetzt erscheinenden 2d. Bande der Großen Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes*) entnommen ist und hier erstmalig veröffentlicht wird.
Der Geschäftsträger in Petersburg von Miquel an den Reichskanzler Fürsten von Bülow
Ausfertigung. *
’) ja.
4) es soll nur kommen es wird über warmen Empfang überrascht werden.
5) sehr gut und richtig d. h. also gegen im Ganzen.
Schlußbemerkung des Kaisers:
Sehr gut.
Die Russische
Der Lido tut sich auf.
Eigentlich tut er sich schon seit Wochen auf — wie alle Jahre vorher. Das ist noch immer wie bei einem schlecht vorbereiteten Theaterstück oder wie bei einer Improvisation, wie bei einem stark metaphysisch angehauchten Einfall von Pi- ranbello, wo es um die Frage geht: was ist Spiel, was ist Wirklichkeit? Der Frühling, der hier meist gleich Sommeranfang ist, hat ohne .Klingelsignal oder gar feierlichen Gongschlag plötzlich den Vorhang in den blauleuchtenden Himmel auf rauschen lassen. Uni) siehe da . die Szenerie der weiten, langgestreckten Bühne ist wie jedes Jahr auch nicht annähernd ordentlich aufgebaut. Sehr langsam machen sich die Theaterarbeiter, die Kulissenschieber an btc Arbeit aus dem eingefleischten Glauben heraus: daß sie noch immer frühzellig genug fertig werden. Denn bis die Fremden aus aller Herren Länder kommen, so zahlreich kommen daß es sich wirklich lohnt, wird es ja doch SuU werden.
Der Zweck des Hierseins ist: geröstet zu werden. Sie Tiefe des Dronzebrauns entscheidet hinsichtlich der Schönheit für Herr und Dame. Daß so ziemlich alles um sie herum noch gar nicht fertig ist, kümmert sie wenig. Wer Dereitd im Mai ins Wasser geht, wird von den Lido- Einheimischen ob seiner Kühnheit bewundert, dte bekanntlich nicht zum Baden hier sind, sondern zum Geldverdienen. Wer den Lido zuletzt im Sommer 1914 sah, kann ihn jetzt kaum wieder- ertennen. So viel ist hier gebaut worden, nach Norden zu, der früher immer sozusagen etwas als verlorenes Land galt, fast noch mehr denn nach Süden. Was nämlich Billen anbelangt, in denen es sich so bescheiden, wenn auch heiß und teuer leben läßt. Aach Süden zu erstreckt sich die meist dreizeilige Phalanx der Bade- Hütten jetzt weit über das Excelsior-Palacc-Hotel hinaus, das noch immer so vornehm ist. sich ?anz zuletzt aufzutun Hermann Bahr hat vor em Krieg Immer wieder die Seligkeit des Lido- lebens vor und in den zelt artig en Hütten am Strande gepriesen Er würde sie heute schmähen und verschmähen Weil ihm nämlich die Einheimischen wie die Fremden von allen Seiten, von hinten wie von vorne so nah auf den nackten.
braungierigen Pelz gerückt sind. Obgleich sich im Augenblick noch alles erst ganz langsam aus- tut Manche Hotels liegen fensterverschlosten, so da, wie wenn sie billigst.zu verkaufen waren. Es ist als ob die liebe Sonne, die es hier bekanntlich besonders gut meint, erst das ganze Haus, all die Heinen Zimmer tüchtig durchgeheizt haben müsse, bevor eines Tages tote von Zauberhand die Fenster auffliegen, bevor dte Handtoerker aus Venedig erscheinen, um alles „auf neu" zu machen, bevor die Schwalben- schwanz-Armee der Kellner anrückt, zunächst, die Serviette unter dem Arm immerhin für den Schweiß der alles andere denn just edlen Stirn verwendend, auf die Gäste noch wartend, bis die Droschken mit den einzigen Pferden um ganz Venedig herum die Fremden plötzlich schockweise ankarren und das frohe Lire-Scheffeln beginnen kann. Bis die Venetianer selbst schließlich zum Baden kommen, hat es dann noch immer wochenlang Zeit. Man muß es sich erst ausführltchst von den Fremden vormachen lassen. Zunächst begnügt man sich damit, auf der Terrasse des ersten Bade-Etablissements — sprich: Stabilimento Bagni - zu sitzen. Eiskaffee zu schlürfen, Dont- zetti-Musik zu plätschern und sich darüber zu freuen, wie in den seit Jahrzehnten traditionell- kitschig ausgestatteten Bazaren einer vergnügungssüchtigen Menge die entsetzlichsten Hetle- andenken an gedreht werden. Der Lido f>at_ sich aufgetan, wenn der Dühnenumbau auch längst noch nicht fertig ist. Bevor das Thermometer nicht mindestens im Schatten vierzig Grad zeigt, ist die Saison offiziell noch nicht eröffnet. Da hat sie sich auf der Piazza, auf dem Kanal Grande, in den Kirchen und Museen abzusprelen, damit die 21 [bergt und Gondoliere auch etwas zu verdienen kriegen. Aus einer so ruhmreichen Vergangenheit läßt sich schon noch für Jahrhunderte reichlich Kapital schlagen. Sie junge Konkurrenz des Lido wäre eigentlich etwas Unangenehmes, wenn man nicht gottlob so eng mit ihr verschwägert wäre. Und — wie gesagt — sie läßt sich ]a so lange Zeit, sich endlich wieder definitiv aufzutun. Zur Kaste! Hier ist zu sehen und das brennt den Körper rasch sonnenbraun: das einzig echte Mare Adriatico! A. R. M.
Augenblick aber, da der junge Nachwuchs ans Staatsruder kommen wird, muß über kurz oder lang eine Spaltung innerhalb der Kommunistische» Partei erfolgen. Die Erklärung dafür liegt im Wesen der Dinge und ist mit der Vorgeschichte und den Anjängen der Kommunistischen Partei aufs engste Dcrtnüpft. Als 1917 di« Revolution ousbrach und die ersten Meldungen von den terroristischen Methoden der Sowjetmachthaber die Welt durcheilten, glaubte man überall, die Führer des kommunistischen Rußlands als Analphabeten und allenfalls Halbgebildete bezeichnen zu können. Die seit der Revolution verstrichenen Jahre haben die Welt gründlich belehrt. Man ist sich heute wohl nirgends mehr darüber im Zweifel, daß an der Spitze der Sowjetunion die geschicktesten und gerissensten Staatsmänner unseres Jahrhunderts stchen. •
Die um die Jahrhundertwende zurückliegenden Anfänge des Kommunismus hatten in Rußland, wo man feit jeher vor Revolutionen und Aufständen ganz besonderen Respekt habe, die Einkerkerung und Verbannung der Revoltitionssührer zur Folge. Diese Taktik der Zarenregterung konnte natürlich das liebel im Keim nicht ersticken. Das Geschwür wurde wohl beseitigt, in den geheimen Zellen des russischen Volkskörpers entwickelte dos schwärende Gift aber seine verheerende Zersetzung weiter. Es ist kein Zufall, daß in Rußland gerade die intelligentesten und geistig regsten Kreise dem Kommunismus verfielen. Alle jene Kreise des russischen Adels, die die beispiellose Korruption und Mißwirtschaft des zaristischen Regimes erkannt hatten, waren die schärfsten Gegner der bestehenden Zustände. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Gestalt eines Tolstoi, eines Bakunin, eines Krapotkin u. a. Aber auch die falsche Nationalpolitik der Zarenherrschaft trug nicht unwesentlich zur Revolutionierung Rußlands bei. Erinnert sei nur an das Gesetz, das den Juden das Wohnrecht in der Hauptstadt entzog, und die Judenpogrome in Südrußland. Die Reaktion auf diese Zustände konnte unmöglich ausbleiben. Wenn man die Methoden kennt, die im zaristischen Rußland gegenüber den Juden angewandt wurden, ist es auch ohne weiteres verständlich, daß 90 e/0 aller sowjetrussischen Führer Inden sind. Jahrelange Kerkerhaft in sibirischen Zuchthäusern und Verbannung konnte die Führer der russischen Revolution nicht bekehren. Die 5tt< voIution von 1905 war d i e Generalprobe des Kommunismus. Die Ereignisse hatten zu sehr an die Pforten des Zarenhofes gerüttelt, als daß man sich in Petersburg des großen Ernstes der Dinge nicht bewußt geworden wäre. So fetzte der Kampf auf beiden Seiten mit verdoppeltem Fanatismus ein. Die unterirdische Wühlarbeit der Verbannten und Geflüchteten nahm ihren Fortgang. Der fanatische Haß der kommunistischen Führer brachte es mit sich, daß ihre Weltanschauung lediglich vom Kampf zwischen Besitzenden und Unbesitzenden, zwischen Kapitalisten und Proletariern ausgefüllt war.
' Dieser elementare Haß, der den Sowjetführern im Zuchthaus und im Exil eingehämmert wurde, sitzt so tief, daß es für sie heute kein Zurück mehr gibt. Ihre Losung heißt die Weltrevolution. Was um Haaresbreite daneben liegt, ist in ihren Augen Verrat an der Sache. Nun sind aber die Anfänge des marxistischen Experiments am russischen Volk gründlich' gescheitert. Die plcnmäfcige Vernichtung der Industrie, der Landwirtschaft, des Handels, kurz allen Besitzes, die Verschleuderung des Staatsgutes an das Volk ohne eigentliche Gegenleistung hatten Sowjetrußland rasch an den Abgrund gebracht. Es erwies sich, wie so oft im Leben, daß Theorie und Praxis doch zwei recht verschiedene Dinge find. Als die Kommunistische Partei mit ihrer Kunst zu Ende war, führte Lenin 1921 die NEP ein. Die sowjet- russische Diplomatie, die in der Regel von einer der- art schamlosen Offenheit ist, daß man ihr in dem Westeuropa der Geheimdiplomatie nicht $u glauben traut, behaupteten damals, daß es sich bet der NEP lediglich um eine Atempause handele. In Westeuropa lachte man und rieb sich die Hände. Die Freude war verfrüht. Die Sowjetsührer wollten tatsächlich nur einmal tief nach Luft schnappen. Schon der 13. Kongreß der Kommunistischen Partei zeigte bann, daß man sich in der Sowjetunion weit genug genesen fühlte, um dem Kapitalismus den Kampf aufs neue ansagen zu können. Und nachdem man in der Folgezeit wieder einmal abgewirtschaftet hat, wiederholt sich jetzt das eigenartige Schauspiel einer neuen NEP. Schon die neue Wirtschaftspolitik von 1921
(Ein wichtiger Schritt zum Weltkriege.'
Jahrzehntelang bildete der Gegensatz zwischen dem „russischen Bären" und dem „englischen Wal- fisch" eine der Grundtatfachen in der Politik der Großen Mächte. Man sann ihn geradezu als die Basis der Bismarckschen Friedenspolllik der 80er Jahre bezeichnen, und der Glaube an die unaus- weichliche Notwendigkeit dieses Antagonismus war die geistige Voraussetzung, von der aus Herr von Holstein zu bet Ablehnung ber englischen Bünbnis- stjhler um bic Jahrhunbertwenbe gelangte. Aber gerade die zunehmende deutsch-englische Entfremdung, die auf die Angebote von 1898 und 1901 folgte, bereitete in England den Boden für einen Ausgleich mit den übrigen Großmächten des europäischen Kontinents. Freilich war eine Verständigung mit bem weltpolitischen Antipoben Rußlanb schwieriger als mit bem französischen Nachbarn, bei bem Marokko und Aegypten wertvolle Verständigungsobjekte boten. Die schwere Niederlage Rußlands im Kriege gegen Japan bereitete jedoch der Politik König Eduards VII. und der liberalen Russenfreunde den Weg. Das Zarenreich, das sich nur langsam von seinen inneren Wirren erholte, mußte mit Freude jedes Entgegenkommen des mächtigen England begrüßen. Das allmähliche Vordringen des deutschen Einflusses in Dorderasien wird den Verständigungs- willen auf beiden Seiten gestärkt haben. Die alte englische Tradition der Absperrung Rußlands vom Tiittelmeer verlor mit bem völligen Zusammenbruch ber russischen Seemacht im japanischen Kriege ihre akute Berechtigung, unb ber Weg nach Jnbien würbe seit ber Deffnung ber Straße von Suez mehr unb mehr durch Aegypten und Zypern, weniger durch Dardanellen und Bosporus verteidigt. Ent- scheidend aber blieb: nicht das geschwächte, zurückgeworfene Rußland, sandern das aufstrebende Deutschland mit seiner jungen stets wachsenden Flotte unb Weltwirtschaft schien ber gefährlichste Rivale bes englischen Imperiums geworben zu sein.
Dennoch gingen fast zwei volle Jahre, in benen es an mannigfachen Rückschlägen nicht fehlte, ins Lanb, bis bie englisch-rufsifche Annäherung in bem bekannten Abkommen vom 31. August 1907 ihren vertraglichen Ausbruck fanb. Die Verhanblungen fanben wesentliche Förderung erst, als Alexander Iswolski im Mai 1906 die Leitung der russischen Außenpolitik übernahm. Seine Anglomanie war in der ganzen diplomatischen Welt bekannt: auch ber russische Botschafter in Lonbon gab sie in vorsichtiger Form zu, als er Herrn Iswolski seinem beut- schen Kollegen gegenüber folgenbermaßen charak- teriflierte :
„Herr Iswolski habe an ber Universität Ebin- bürg ftubiert unb baher ein gewisses Verstänbnis für England unb englische Verhältnisse beibehalten. Er sei ursprünglich in seiner Karriere mit ber pan- slawischen Woge gewachsen. Nachbem sie ihn aber emporgehoben, habe er biefe verberbliche Richtung gänzliäh von sich abgeschüttelt. Er zeichne sich burch Klugheit aus unb werbe von Ehrgeiz beherrscht. Sein schwacher Punkt sei die Eitelkeit. Mit Herrn von Schoen sei er sehr befreunbet, unb er wünsche Anlehnung an Deutschland Seiner politischen Auffassung nach fei er liberal, ba er aber ben Fragen der inneren russischen Politik bisher ganz fern gestanden habe, so werde er wohl den Wechsel von Ministerien überdauern können."
Das Abkommen vom 31. August 1907, bas die englisch-russischen Streitfragen in Tibet, Afghani- ftan unb Persien regelte, berührte beutsche Interessen nicht birekt. Trotzbem war man sich über bie Bebeutung ber neuen Gruppierung in Berlin nicht im unklaren, ohne freilich baraus politische Konsequenzen zu ziehen. Schon bei ben Vorverhandltin- gen, im September 1906, hatte Kaiser Wilhelm II. bemerkt:
„Rete Aussichten! Man kann al|o m Zukunst mit ber Alliance Franco-Russe, Entente corbiale
*) „Die Große Politik ber Europäischen Kabinette 1871—1914." Sammlung ber Diplomatischen Akten bes Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes ßepfius, Älbrcht Menbelsfohn Bartholby, Friegrich Thimme. 4. Reihe: „Die Isolierung ber Mittelmächte". Zweite Abteilung: Banb 22 bis 25. Im Verlage ber Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik unb Geschichte in Berlin W. 8.
reizenbe Artikel gegen Deutschlanb sollte bem Publikum ber (Bebaute an eine englisch-russische Annäherung munbgercdjt gemacht werden: Daher auch bei jeder Verzögerung ber Verhanblungen bie böswillige Behauptung, bic deutsche Regierung, und namentlich die Kaiserliche Botschaft, intrigiere gegen ben Vertrag! — Ein Analogon zu der Behauptung «eine Majestät ber Deutsche Kaiser hin- berc bie freiheitliche Bewegung in Rußlanb. Die lange Dauer ber Verhandlungen war in Wirklichkeit burch bie jeitraubenben mehrfachen Rückfragen nach Jnbien, Afghanistan unb Persien unb burch bas gelegentlich geringe Empressemeni bes Herrn Iswolski zu erklären, nicht aber burch Hetzereien Deutschlanbs, bie wenig Sinn in einer Angelegen- heit gehabt hätten, wo Englanb will unb Rußlanb muß.
Heute, wo ber Vertrag unterzeichnet ist, kommen einige Zeitungen auf ihr früheres Urteil zurück unb wiederholen es mit Genugtuung: „England wurde zum Vertrage veranlaßt nicht eiroa durch bie einqcbilbetcn Gefahren in Asien, sondern durch das Wachsen einer drohenden Macht in Europa" unb ,es will im Stillen Ozean unb in ber Nordsee freie Hand haben"').
Den ersten Glockenschlag zu bem neuen Kurs hat Baron Aehrentbal schon vor Jahresfrist uer» nommen, unb, verstimmt über russische Angriffe gegen Oesterreichs Balkanpolitik, wies er auf bie Schwierigkeiten hin, welche Deutschlanb in Konstantinopel erwachsen könnten. Ob jetzt bie Vereinbarungen über Persien Deutschlanbs bärtige Stellung und den Eisenbahnamschluß an bie Bagdadbahn erleichtern wird, steht noch dahin. Wie geschickt auch immer ber Wortlaut bes Vertrages ge- faßi sein mag, ber Einbruck bleibt nicht aus, baß bie Mächte ein Synbikat gegrünbet haben, mit bem wir zu rechnen haben werben. Dieses Bebürfnis nach engem Zusammenschluß ist ein wenn auch lästiges 'Kompliment für das beutsche Heer, bic beutsche Marine, unsere Kaufmannschaft unb bie Entwicklungsfähigkeit bes beutfchen Volkes überhaupt). - Miquel.
Ranbbemerkungen Kaiser Wilhelms II.:
l) Immer Anglomane gewesen unb ist es mehr
Bitte, Platz nehmen!
Von Karl Lütge.
„Bitte, Platz nehmen!"
Türen klappen zu. Fenster kreischen herunter. Köpfe erscheinen unb behanbschuhte Abschiebsfinger- spitzen.
„Bitte, Platz nehmen!'
Ein Zugbeamter macht am Zugende trockene Schwimmbewegungen: Die Bremsen werben geprüft. Die Schaffner stolpern aufgeregt von Tür zu Tür unb knallen sie zu. Der Bahnhofsportier mit ber gelbfchmutzigen Klingel steht wichtig ba, um ben Zug bimmelnb hinauszukomplimentieren.
Die behanbfchuhten Fingerspitzen finb bis zum Hanbgelenk aus ben Gangfenftern herausgereicht. Handküsse helfen über endlose Abfahrtssekunden hinwea. Ein verwegener taktloser Irgendwer männlicher Herkunft schlüpft noch einmal aus ber sorgfällig unb entsprechend dröhnend vom Schaffner zugedlautzten Tür unb küßt — rücksichtslos unb ooUenbet — bie Liebste auf bem Bahnsteig, bie rote Augenränber unb ein nasses weißes Tüchlein hat.
Ein letzter Reisender springt hinten aus.
Hinter ihm drein, ba er seinen schweren Koffer nicht schnell genug — nach ber Meinung bes auf bem Plan erscheinenden Rotmützigen — verschwin- ben läßt, ber Ruf:
„Bitte, Platz nehmen!"
Ein letzter Blick besZugführers unter buschigen Brauen hervor, schneiboollere Blicke ber brei Schaffner unb ein flüchtig-verachtungsvolles Blickstreifen bes Rotbemützten über bie Abschiednehmenden auf bem Bahnsteig — bann geht ber Arm steil mit bem Signalrnftrument in bie Höbe, unb ber Zug rollt unter Tücher- unb Armwinken aus ber $aUSefriebigt ziehen bie ersten Ueberbleibenben vom Bahnsteig ab. Beharrliche warten bi- zum letzten weißen Webeln aus bem Zug heraus. Die Liebste mit ben rotgeränberten Augen unb bem nassen Taschentuch wartet, bis ber schwarze Punkt in ber Ferne verschwunden ist.
Unb nach ihr geht noch ein ältliches Fräulein, bas alles 'sehr genau beobachtete, bas nicht gewinkt, nicht Hanbfchuhspitzen gebrückt unb nicht verweinte Augen Hot.
Frankfurter Theater.
Wer das Theater wirklich liebt, wer nicht bloß der Unterhaltung Wegen hineingeht, der kennt und Hebt den „K e an". Er ist ein genialer Komödiant, und sein Vater ist Alexander DunraS. Dieses Stück spielen alle großen Schauspieler, und auch Karl Ebert, der im (Neuen Theater bisher in Strindbergs „Rausch" gastierte, ward des trockenen nordischen Tons satt und brachte den Franlfurtern die große Sommersensation: dieser Kean-Aufsührung. Wie er das Feuerwerk von Komödiantentum, von Edelmut, von hinreißendem Liebhaber- und Heldentum abbrannte, wie er genialisch schäumte, alkoholisch versank und wie ein Meteor wieder vor und hinter der Rampe emporstieg, das war Theater, wie es das Publikum im innersten erschüttert« und begeisterte, Theater naiver Menschen ohne die kniffligen Zwischenstufen der Kunst. Das Publikum harrte begeistert aus und feierte feinen Liebling Ebert nach Gebühr. Dieser selbst blieb der Paraderolle nichts schuldig, nur beging er den Fehler, daß er sie zu sehr in die Sphärq selbstgefälliger Künstlereitelkeit ruckte und daS Urwüchsige wahrer Genialität zu sehr frisierte. Dafür bot er in jeder Szene der unendlich vielszenigen Rolle das Bild einer glänzenden; Darstellung, mit der er bis fast um Mitternacht das enthusiasmierte Publikum völlig beherrschte.
Nr. 326.
St. Petersburg, ben 27. September 1907.
Als vor einigen Jahren verlautete, es werbe eine englisch-rufsi che Verständigung geplant, unb als bies mit Rück icht auf bie günstigere Lage Ruß- lanbs vor bem japanischen Kriege unb vor der Revolution starken- Zweifeln begegnete, ba trafen bie ersten bestimmteren Nachrichten aus England ein. Dies ist nicht zu verwunbern. Denn Englanb hat ben Plan ausgebacht, ihn während bes japanischen Krieges, ber bie russische Regierung mürbe machte, weiter gesponnen unb gleich nach bem Friebens- schluß wieder ausgenommen. Die fobann erfolgenbe Zurückweisung bes zu früh angesagten Flottenbesuchs hat Englanb zwar zu größerer Vorsicht veranlaßt, aber keineswegs von seinem Ziele abgelenkt. So ist es bis zum letzten Augenblick geblieben, wo bie hiesige englische Botschaft mit Um geduld bie Unterschrift bes Herrn Iswolski erwartete. Das Abkommen ist weit mehr ein Werk ber englischen als ber russischen Politik. Rußlanb ist barauf eingegangen, um sich Ruhe zur Durchführung seiner inneren Reformen unb zur Besserung der Finanzen zu verschaffen. Namentlich bie russsi- schen Diplomaten, u. a. Herr Iswolski'), sowie bie hiesigen liberalen Kreise fanben schließlich ben Gedanken an bie englische Freundschaft so bequem, baß sie mit Eifer diesem Werke ihre Arbeitskraft widmeten.
Demgegenüber tarn die Erwägung, daß ber anbcrc Kontrahent soeben noch ber Bunbesgenosse bes feinblichen Japan war, nicht in Betracht. Von Rußlanb in dieser Beziehung bie Feinfühligkeit westeuropäischer Staaten zu erwarten, wäre ebenso verkehrt, als etwa bie russische Revolution mit ber französischen zu vergleichen. Als aber Englanb schon vor bem japanischen Kriege hier eine 23er- fiänbigung anbot, lehnte Rußlanb ziemlich barsch ab.
Englanb muß zu bem starken Drängen nach einer Verstänbigung mit Rußlanb seine guten Grünbe gehabt haben. Da es sich van einer bedrohlichen Ausdehnung bes russischen Ei»flusses in Asien nicht zu ängstigen brauchte, unb ba bas 2lb- kommen tatsächlich auch bie asiatischen Verhältnisse nicht sehr wesentlich geänbert hat, so liegt bie Am I nähme vor, daß England sich für europäische Fragen gegen eine feindliche Haltung Rußlands sichern wollte. Deshalb sollte bie sich aus einigen asiatischen Differenzen erzielenbe Spannung zunächst beseitigt werben. Die Abrebe über Tibet, Afghanistan unb Persien war nur teilweise Selbstzweck, zum großen Teil war sie Mittel zu einem anberen Zweck').
Niemanb wirb Englanb aus biefer Politik einen Vorwurf machen können: man kann bie geschickte Durchführung ber in seinem Interesse lie- genben Pläne nur berounbern’). Diese brauchen auch nicht notwenbigerweise auf eine beutschfeinb- liche Richtung zurückgeführt zu werben. Wenigstens hat mansich von Regierungs wegen in St. Petersburg wie in Lonbon bemüht, diese Annahme zu entkräften. Es wurde vermieden, in deutsche Rechte einzugreifen. In Persien hat jeder Kontrahent lediglich für sich auf die Tätigkeit in einem bestimmten Gebietsteile verzichtet. Don einer Penetration pacifique, bei welcher die Handelsfreiheit anderer Staaten nach dreißig Jahren aufhören sollte, wie in Marokko, ist hier nicht die Rede. Die Erfahrungen haben klug gemacht.
Dennoch gilt Deutschland als dasjenige Land, welches am meisten durch das Abkommen betroffen wird. Während der ganzen Zeit der Verhandlungen hat die Presse in England und Rußland nicht aufgehört, deutschfeindliche Artikel zu bringen, vor allem in der Periode, wo der Abschluß der Verständigung noch nicht sichergestellt war. Durch auf-


