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Nr. Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen) Dienstag, 23. Juni 1925

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto H o e tz s ch, M. d. R.

In der selben Woche fielen der Höhepunkt der Rheinlandfeiern und die Ueberreichung der Sicherheitsnotc (am 16. 6.) zusammen. Man denkt zunächst, daß in so ernster Zeit keine Veranlassung für ein so großes Fest ge­wesen sei. Aber es ist gut, daß das so zusam­menfiel! In dieser Jahrtausendfeier, in der der Wille, am Rheinland festzuhalten, so hin­reißend zum Ausdruck kam, in dieser Jahrtau­sendfeier war damit zugleich Wille und Ent- fchluß in der Sicherheitsfrage aufs stärkste ausgesprochen. Denn was ist die Bri- ondsche Rote anders als die Absicht, in dieser neuen Form den alten Streit wieder zu er­öffnen, daß das Rheinland bestimmt sei, wenn es schon nicht ein Stück Frankreichs sein solle, doch ein ohnmächtiger Mittel-und Pufferstaat zwischen ihm und Deutschland, mehr noch ein Glacis und ein Aufmarschgebiet für franzö­sische Feindschaft gegen das Streben der Deut­schen, in Mitteleuropa eine starke eigene Machtorganisation sich zu erhalten? Man muß die Briandsche Rote in der Erinnerung an die französische Rheinpolitik durch rund ein halbes Jahrtausend hindurch lesen, und dann wird man wissen, wie man sich zu ihr zu stellen hat.

In der Note ist endlich das deutsche Me­morandum vom 9. Februar öffentlich bekannt gegeben worden, nachdem wir es bisher nur aus fremden Zeitungen und Parlamentsver­handlungen kannten. Man vergleiche das Me­morandum und die Note Frankreichs, um zu sehen, wie Ausgangspukt und Grundlage ver­schoben sind, und auch um zu sehen, wie ge­schickt die andere Seite Zugeständnisse unserer Seite, wie die Entmilitarisierung des Rhein­landes, für sich benutzt.

Was Deutschland anregte, und was Frankreich vorschlägt, sind gänzlich verschie­dene, wir wollen sagen: «Systeme oder Netze von Vertragsbeziehungen, die den Frieden von Europa dauernd sichern -sollten. Das wird in den nächsten Wochen immer schärfer und deutlicher herauszuheben sein. Die Note geht davon aus, daß ein Sicherheitspakt nur oer- wirtucht werden könne, wenn Deutschland in den Völkerbund eingetreten sei, während die deutsche Anregung den ganzen Komplex von Fragen von der Voraussetzung aus be­handelt, daß Deutschland nicht Mitglied des Völkerbundes ist. Wie steht es mit Deutschlands Bedingungen und Vorbehalten für einen Eintritt in den Völkerbund? Artikel 16? Durchmarschrecht und dergleichen mehr? Alles ist abgelehnt: die Note bezieht sich kur­zerhand auf jene Note des Völkerbundsrates vom 13. 5. 1925, die von Deutschland den vor­behaltlosen Eintritt in den Völkerbund fordert. Im Grunde ist damit gesagt, daß eine Eini­gung und Verständigung auf einen Garan­tiepakt dieser Art schon von hier aus für die deutsche Seite unmöglich ist.

Wie steht es mit der Reihenfolge, die für Deutschland lebensnotwendig ist? Kontroll­note und Räumung der Kölner Zone? Die Note ist von der Absicht getragen, den Ver­sailler Vertrag und alle daraus heroorgehen- den ober in ihn zu interpretierenden Ab­machungen noch fester zu verankern. Indem sie ausdrücklich sagt, daß ein solcher Pakt die Bestimmungen des Vertrages über die Be­setzung der rheinischen Gebiete und die Aus­führung des Rheinlandabkommens nicht be­rühren dürfte, sagt sie indirekt, daß schlechter­dings nichts an Bestimmungen und Methode der Besatzungsfrage ufw. geändert werden soll.

Die Schiedsgerichtsverträge: Der deutsche Vorschlag ging aus von der Nicht­mitgliedschaft Deutschlands im Völkerbund und wollte durch Schiedsgerichtsverträge die Fragen des Ostens zu friedlicher Revision

kommen lassen. In der Note wird das ins Gegenteil umgekehrt. Ein vom französischen und polnisch-tschechischen Standpunkt aus glänzend ausgedachtes Netz von ineinander greifenden gegenseitigen Garantien und Ver­pflichtungen wird damit geknüpft, das man sich erst allmählich vollkommen klar macht: Schiedsgerichtsverträge der am Rheinpakt nicht beteiligten Staaten, Garantie für erstere durch die Unterzeichner des Rheinlandpaktes, und über dem Ganzen das Dach des Völker­bundes mit feinen bekannten Rechten und Verpflichtungen im Falle einer Verletzung der Verträge durch Angriff. Wenn der tschechische und der polnische Außenminister sich das ge­nau durchdenken, so können sie mit diesen Vorschlägen zufrieden fein. Und wenn der eng= Ii|d)e Außenminister sich das genau durchdenkt, so wird er eingestehen müssen, daß so in etwas anuercr und verwickelter Form Frankreichs doch gelingen würde, das Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1924 durchzusetzen.

Auch das wird in den nächsten Wochen deutlicher und deutlicher werden. Und auch das ergibt für uns, für die deutsche Seite das gleiche Urteil wie zu Anfang, daß auf diesem Wege und in dieser Anlage eine Verständi­gung und Einigung nicht möglich ist.

Zwei Fragen zum Schluß: Nach Durch­arbeitung dieser Note und des ganzen um­ständlichen und wichtigen Materials, das von französischer und englischer Seite mitgeteilt worden ist, erhebt der Deutsche die einfache und bestimmte Frage: Wo sind die Vor­teile für Deutschland, wenn es sich auf ein solches Geschäft einlaffen würde? Die haben sich im Laufe der Verhandlungen und Reden von Anfang Januar bis jetzt immer mehr und mehr verflüchtigt. Uebrig geblieben ist für Deutschland nur: Verankerung der alten Ver­pflichtungen und des alten Unrechtes und Er­gänzung dieser durch neue Verpflichtungen Deutschlands. Diese Feststellung dürfte für die Stellungnahme höchst einfach, ausschlaggebend für die deutsche Politik fein.

Die andere Frage aber: Wie stellt sich England zu dieser Note? Ist das wirklich, wie die Note sagt, eine Kundgebung Frankreichs und seiner Verbündeten? (von Italien ist bekannt, daß es sich zurückhält), so ist ohne Zweifel Briand im Ringen der Staatsmänner in den letzten Wochen der Sie­ger geblieben. Deutet das lange Wegbleiben Chamberlains vom Parlament schon darauf hin, daß man in England diesenErfolgen" sehr zweifelnd gegenübersteht? Die englischen Unterhausverhandlungen der nächsten Zeit werden jedenfalls sehr interessant für uns werden. Denn sie werden unter dem Zeichen stehen müssen, daß für einVerständigung" und für einen solchen Garantiepakt zu drei oder fünf, mit dem ja England das Militär­bündnis mit Frankreich vermeiden wollte, die Zustimmung Deutschlands, ohne die das ganze Werk überhaupt keinen Sinn hat, nicht zu erreichen fein wird!

Kirche und Schule,

Kreislehrerkonferenz Büdingen.

y. Stockheim, 20. Juni. Heute fand hier die diesjährige Kreislehrerkonferenz statt, wozu sich im Weitzeischen Saale alle Lehrpersonen der Volks- ued Gewerbeschulen des Kreises einge­funden hatten Nachdem der Vorsitzende, des Kreis- fcqulamts Büdingen, Krcisdirektor D. G a ß n c r , die Erschienenen aufs herzlichste begrüßt hatte, wurden zuerst die Wahlen von drei Lehrern zu Mitgliedern des Kreisschulamts und von deren Stellvertretern angenommen. Die bisherigen Leh­rervertreter : Gatzert - Nidda, Stork- Alten­stadt und H e u s o h n - Lorbach wurden wieder­und zu deren Stellvertretern Henkel- Bisses, V i e r h e l l e r - Düdelsheim und Knaus-Bind- sachlen neugewählt. Die vier vom Kreiscusschuß gern»:'' c*i Mitglieder des Kreisschulamts Büdingen find Obers udiendirektor Dr. Mohr, Dekan S ch ä -

fer, Frau Glasermeistcr Treut, sämtlich in Bü­dingen und Bürgermeister Jakobi- Rohrbach. Den Wahlen folgte ein hochinteressanter Vortrag des Direktors Beckmann aus Frankfurt a. M. überStaatsbürgerliche Erziehung". Als Ziel der­selben bezeichnete der Vortragende die Freude am Staat, durch dessen großartige Leistungen sich das Staatsgesuhl des Staatsbürgers entwickele. Nationalgefl...» decke sich nicht mit dem Staats­gefühl und schwinde in manchen Staaten, wenn letz­tere nichts Großes zu leisten vermochten. Daher fei es eine große Idee. Deutschöfterreich an Deutsch­land anzuschließen. Hierauf verbreitete sich der Red­ner eingehend über das Wesen des Staates, in dem der Mensch das Zentrum ist lind durch Persönlichkeit und Gehorsam dem Staate bient, also die Notwen- digkeil von Gesetzen anerkennt, den Geist der Ver- söhnlichkeitübt und Achtung vor dem Staate be­weist. Nach der Mittagspause setzte Direktor Beck­mann seinen Vortrag fort und zeigte in wahrhaft meisterhafter Weise, wie der staatsbürgerliche Unter­richt in den einzelnen Schulgattungen erteilt werden könnte, dabei aber der Charakter jeder schule blei­ben müsse. Und man sich nicht totschlagen lassen dürfe von den Spezialisten, deren viele Bücher auch viel Unheil angerichtet hätten. Häufig wurde der Vortragende durch Beifallskundgebungen der Zu­hörer unterbrochen, und der stürmische Beifall am Schlüsse sowie die herzlichen Dankesworte des Vor­sitzenden bewiesen, daß der Vortrag eirt Erlebnis war, dessen begeisternde Nachwirkungen nach lange die Zuhörer erfüllen und im Unterrichte gute Früchte bringen werden. Als zweiter Redner^sprach nachmittags nach Regierungsrat Dr. Keck, Syndi­kus der Handelskammer in Frankfurt a. M., über das große Gebiet derGrundzügc der Volkswirt- schaftslehre". Für heute hatte der Redner die Ent­wicklungsgeschichte der deutschen Volkswirtschafts­lehre vorgesehen und behandelte besonders die Wirtschaft des sozialen Lebens, die Gütererzeugung, den Güterverbrauch und die einzelnen Wirtschasts- stufen. Auch dieser Vortrag fesselte die Hörer zur spannendsten Aufmerksamkeit und erntete gleich­falls großen Beifall. Die Vorträge werden am 24. d. Mts. und am 1. Juli nachmittags in Stockheim fortgesetzt und sind unentgeltlich. In einer längeren Ansprache gedachte noch Schulrat G ö ck e l von Bü­dingen der heute stattfindenden Iahrtaujend- feicramRhein und schilderte in kernigen Wor­ten das geschichtlich denkwürdige Ereignis des Er­werbs der Rheinlands durch Heinrich I., ohne die das Oesterreich damals und heute auch nicht zu be­stehen vermag. Bedauerlicherweise enthalten die meisten Geschichtsbücher nichts von dieser hochwich­tigen Tatsache. Das Hoch des Redners auf das herrliche Rheinland fand feurigen Widerhall. Damit schloß die sehr ausgedehnte, eindrucksvolle und be­lehrreiche Tagung.

Turnen, Sport und Spiel Dom Mbetter - Turn- und Sportbund.

Das Bezirksturnfeft des S. Bezirks, 9. Kreis in Herborn.

L Herborn, am äußersten Ende des Bezirks gelegen, hatte bas Wagnis unternommen, ein Bezirksturnfest zu übernehmen. 3n recht großer Anzahl waren die Turner und Sportler dem Rufe gefolgt, um auch einmal der dortigen Gegend zu zeigen, daß es dem Arbeiterturnerbund Ernst ist mit der Pflege der Leibesübungen, war es doch das erste Mal, daß die Arbeiterturner eine derartige Veranstaltung im Westerwald abh.elten. Di? umfassendsten Vvrb re.tungen toarengetreten worden. 3n bereitwilligster Weise stellte die Bür­gerschaft Freiquatiere in genügender Anzahl zur Verfügung, um die Wetturner und Kampfrichter unterzubringen. Zahlreicher Fahnenschmuck in den Reichsfarben bekundete die Anteilnahme der ganzen Bevölkerung. Der herrlich gelegene Fest- platz war in recht hübscher Weise hergerichtet worden, um dem Fest einen würdigen Rahmen zu geben.

Am Samstag abend erfolgte die Einholung der eingetroffenen Turner vom Bahnhof, in einem recht stattlichen Zuge wurden die Vereine in die einzelnen Standquatier? geleitet. Dri ein- brechender Dunkelheit ordnete sich ein imposanter Fackelzug. der sich, von zwei Musikkapellen be­gleitet. nach dem Festplah bewegte. Rach einem Degrüßungslied des Arbeitergesangvereins Freundschaft" und einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden des Turn- und Sportvereins

Herborn folgt ein Schauturnen -er Bezirks­meiste rri ege, deren hervorragende Leistungen stürmischen Beifall sanden. Weitere turnerische Sondervorführungen und Gesangsvorträge ver­vollständigten das Programm

Der Weckruf der Herborner StadtkapeUe rief am Sonntag früh die Dettumer zum Wett­kampf. bei unter der bewährten Leitung deS Dezirkstumwarts Am end in glatter Weife durchgeführt wurde. Eine recht zahlreiche Zu- fchauermenge hatte sich eingefunden, die die in- terefsanten Wettkampfübungen mit großer An­teilnahme verfolgte und bei besonders guten Leistungen mit dem Beifall nicht kargte. DaS Wetter hatte sich aufgeklärt, lachender Sonnen­schein lag auf der herrlichen Umgebung Her­borns. Am Rachmittag durchzog ein recht lan­ger Festzug die Stadt, an der Spitze sämtlich? teilnehmende Turner in Turnkleidung, dem Zuge dadurch das richtige Gepräge gebend. Aus dem Festplah begrüßte zunächst Bürgermeister R i e d e r s chu l l e - Herborn im Ramen der Stadl die von auswärts gekommenen Turner. In seiner Ansprache betonte er, daß das Tur­nen und der Sport in den letzten 10 Jahren einen großen Aufschwung genommen habe, weil man heute mehr denn je erkannt habe, daß das Turnen der Gesundbrunnen ist, aus dem unser Volk seine Lebenskraft schöpft. Der stellvertre­tende Bezirksvorsitzende Schleenbecker-Krof­dorf ging in seiner markanten Festansprache näher auf die Eigenart des Arbeiter-Tum- und Sport­bundes ein. sein begeistert aufgenommenes Frei- beil galt der Arberterturnbewegung. Die unter den weitausladenden Qleften der uralten Linden, die dem Festplah fein besonderes Gepräge gaben, vorgesührten Massenfreiübungen fanden ob ihrer Exaktheit lebhaften Beifall. In bunter Reihen­folge wechselten turnerische Vorführungen mit Konzert- und Gesangvorträgen, und pünktlich, fast gleichzeitig mit der Deendiguirg des tur­nerischen Programms, setzte der Regen ein. Das sonst übliche fröhliche Gewoge aus dem Fest­plah wurde nach den weiten Hallen verdrängt, wo bald einedrangvoll-fürchterliche Enge" herrschte, die aber die allgemeine frohe Stimmung nur erhöhte. Gegen 1 »10 ilfcr ging der letzte Zug. der die Teilnehmer von auswärts wieder in ihre Heimat bringen sollte. Unter den Klän­gen der Stadtkapelle und den jubelnden Zu­rufen einer riesigen Menschenmenge rollte der Zug aus der Halle. Vorher wurde natürlich erst die Preisverteilung vorgenommen. Wir bringen aus der Siegerliste den folgenden Auszug:

Geräte, a. D b e r ft u f e. 1. Otto Spuck, Wieseck 344 Punkte, 2. Fritz Döring, Burkhards­felden 328, 3. Otto Füll, Herborn 316, 4. Willi Win­ter, Launsbach 314, 5. August Geis, Lollar 306, 6. Otto Debus, Launsbach 304, 7. Friedrich Wagen- bad), Staufenberg 301, 8. Gustav Jung, Hartenrod 276, 9. Heinrich Stroh, Großen-Linden 258 P, Außer Konkurrenz: Ludwig Stroh 344, Ferd. Würtz 328, Fritz Bender-Krofdorf 295 P. b. M i t t e 1 - stufe. 1. Heinrich Nuhn, Treis 343 Punkte, 2. Willi Möhl, Wieseck 342, 3. Heinrich Becker, Krof­dorf 341, 4. Karl Rink, Hattenrod 339, 5. Rudolf Kern, Naunheim 332, 6. Willi Bier, Staufenberg 331, 7. Karl Rohm, Wieseck, Otto Fischer, Großen Linden, Heinrich Koch, Wißmar 329, 8. Karl Fink, Steinbach 324, 9. Heinrich Horrmann, Staufenberg und Karl Leib, Fellingshausen 323, 10. Otto Muhly, Beuern 322 P. c. Unterstufe. 1. Friedrich Meinhardt, Hartenrod 355 Punkte, 2. Willi Wagner, Launsbach 350, 3. Karl Will, Gießen 335, 4. Heinrich Schick, Treis a. d. Lda. 326, 5. Albert Schäfer, Launsbach 324, 6. Georg Schneider, Treis 320, 7. Karl Bender, Krofdorf und Karl Stroh, Wißmar 317, 8. Alfred Oßwald, Wieseck 316, 9. Willi Frey, Wißmar 314, 10. Heinrich Debus, Hartenrod 310 Punkte.

Volkstümlich, a. Oberftufe (über 18 Jahre). 1. Gustav Gäbler, Gleiberg 86 P., 2. Rudolf Pfaff, Launsbach, 82, 3. Albert Lautz, Gleiberg 79, 4. Gustav Lust, Gleiberg, 78, 5. Karl Schäfer, Daubringen und Otto Becker, Lollar 72, 6. Hans Scheid, Fronhausen und Willi Neuhaus, Krofdorf 71, 7. Hugo Germer, Klein-Linden 69, 8. Alex Tureck, Lollar 68, 9. Willi Barschel, Lollar 67, 10. Otto Mandler, Launsbach und Rudolf Velten, Wieseck 65, 11. Karl Hasfelbach, Lollar und Heinrich Deibel, Staufenberg 63 P. Mittelstufe, Sportler von 1618 Jahren. 1. Wilhelm Zecher, Staufenberg, 117 Punkte, 2. Will). Bender, Rodheim a. d. B. 111, 3. Wilhelm Bech- linger, Rodheim a. d. B. 109, 4. Berthold Richter, Krofdorf und Richard Schäfer, Launsbach 108, 5. A.

Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

In der letzten Sitzung der Oberhessischen Gesell­schaft für Natur- und Heilkunde hielt Herr Geheim­rat Professor Dr. König einen durch zahlreiche Versuche erläuterten Vortrag über den Magnus- Flettner--Effekt, der durch seine praktische Verwendung von Windkrastschiffen in jüngster Zeit die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf sich ge­zogen hat.

Die Artilleristen waren bereits vor über hundert Jahren auf gewisse unregelmäßige Abweichungen aufmerksam geworden, die die Geschosse von der erwarteten Bahn erfuhren, und man hat diese Er­scheinungen auch schon in Zusammenhang mit der zugleich stattfindenden Rotation der Kugeln gebracht. Um zu einer sicheren Entscheidung über die hier ob­waltenden Verhältnisse zu gelangen, stellte der Phy­siker Magnus in Berlin im Jahre 1852 einige Versuche an, die zugleich die physikalische Grund­lage darstellen, mit deren Benutzung Flettner seine Idee, ein Windkraftschiff zu betreiben, verwirklichen konnte.

Wie das in etwas modernerer Form wiederholte Experiment lehrte, weicht ein beweglich in einen Luftstrom gestellter, rotierender Zylinder in der Richtung senkrecht zum Luftstrom und fenfred)t zur Zylinderachse aus, und zwar immer nach derjenigen Seite hin, auf der sich der Umfang des Zylinders in der Richtung des Luftstromes bewegt. Dieses Er­gebnis deckle sich in der Tat mit den bei den er­wähnten Schiehversuchen gemachten Beobachtungen. Die Anwendung dieses Effektes auf die Praxis mit derartigen Zylindern ausgestatteter Windkrastschiffe bedeutet also die Nutzbarmachung einer senkrecht zum Winde auftretenden Kraftwirkung, je nach dem Sinne der den Zylindern erteilten Rotation nach der einen oder nach der anderen Seite.

Um zu einem Verständnisse dieser Erscheinung zu gelangen, müssen die Gesetze des hydrodynami­schen Druckes zu Rate gezogen werden. Unter Er­läuterung durch Zeichnung und Versuche machte

der Vonragende die Druckoerteilung klar, die sich etwa in der Umgebung eines in einem Luftstrome befindlichen Hindernisses von zylindrischer Gestalt einstellen müßte, sofern man die Lust im Sinne einer sogenannten idealen Flüssigkeit als ein reibungs­loses Medium ansieht. Das wesentliche Merkmal einer derartigen Strömung ist, daß die einzelnen Flüssigkeusreile dabei nicht zur Drehung und mithin Ausführung irdengwelcher Wirbelbewegungen ge­langen können. Haben wir cs wie in Wirklich­keit, nicht mit einem reibungslosen Medium zu tun, so ergeben sich allerdings wesentlich andere Verhält­nisse. Da sich die Luftschicht "unmittelbar an der Zy- linbcrobcriiöd)c nicht frei an dieser vorbeibewegt, sondern infolge der austretenden Reibung von ihr mitgenomemn uurd und in allerdings immer ab­nehmendem Maße die benachbarten Luftschichten ebenfalls mitgeriffeii werden, kommt es hinter dem Störungsförper zur Ausbildung eigentümlicher Wir- bclerschcinuugen, wie an Versuchen in einer Wasser­strömung gezeigt werden konnte. Je nach dem Drehungösinne eines in Wasser rotierenden Zylin­ders treten an der einen oder an der anderen Seite Stauungen und Wirbel auf, die sich schließlich von dem Zylinder ablösen und denen in regelmäßigem Wechsel immer wieder neue Wirbel folgen. Bei ge­nügend starker Rotation kommt auf der mit dem Strome lausenden Seite des Zylinders feine Ver­zögerung und daher auch keine 'Jßirbelablöfung zu­stande, baaegen bilbet sich auf ber gegenläufigen Seite ber Wirbel aus. Steht ber Zylinder still, fo ergeben sich beiberfeits Wirbelbilbungen infolge ber burch Reibung verursachten Stauungen; bei schwacher Rotation bes Zylinbers wirb nur ber eine ber beiben Wirbel kleiner, ber anbere größer als beim nicht- kreisenben Zylinber.

Um eine Vorstellung von ber Größe ber auf» trcicnben Kräfte zu geben, führte Herr Geheimrat König, nachbem rr bie Druckverteilung an verschie­denen Stellen bes ruhenben unb bewegten Magnus- Zylinbers im ßuftftrome mittels eines Manometers gezeigt hatte, eine Messung ber ablenfenben Kraft aus, inbem er mittels eines burch Gewichte aus- geübten Zuges von ber Gegenseite aus gerabe bie

Ablcn'Tna kompensierte. Diese Kraft erwies sich auf Grunb genauerer Stubien bei gegebener Winb- geschwinbigkeit proportional der Ansangsgeschwin- bigteit bes Rotors, um erst bann abzunehmen, wenn sich ber Rotor schneller als ber in unmittelbarer Nähe an ihm oorbeigleitenbe Luftstrom bewegt.

Man kann auch, wie an einem von Herrn Pro­fessor dermal1 angegebenen Apparat gezeigt wer- ber. konnte, bie Winbströmung selbst benutzen, um dem Zylinber bie erforberlidje Rotationsbewegung mittels eines ausgesetzten Schauselkreuzes zu erteilen.

Schließlich sührte ber Dortragenbe noch einen einsachen Versuch mit einer rotierenden Scheibe vor, bie sich, in einen Luftstrom gestellt, bann weiter breht, währenb sie, ohne burch vorher- gehenbes Anstoßen in Umbrehung versetzt worben zu sein, sich lebiglich senkrecht zur Strömungsrich­tung einstellt. Auch biefe eigentümliche Erscheinung hat sich auf Grunb seiner Versuche als eine Folge bes Magnuseffektes erwiesen.

Zum Schlüsse gaben Lichtbi 1 ber von Flett- ners WinbkraftschiffB u ck a u" eine anschauliche Vorstellung von ber praktischen Anwenbun^ bes Magnus-Effektes, bei ber die Segel eines Segel­schiffes durch zwei hochragende, allerdings weniger poetifd) anmutenbe Rotoren ersetzt sind.

In dem darauf folgenden Vortrag des Privat- dozenlen Dr. Hocklieber bie Faserstruk - tur gebehnten Kautschuks" würbe eine Anzahl von Versuchen gezeigt, bie als Beweise für bie bei ber Dehnung bes Kautschuks erfolgenbe Gleichrichtung seiner Moleküle angesehen werden können, bie sich babei wie gebünbelte Stäbchen parallel lagern. Mit biefer Stäbchenpackung ist bas Austreten von neuen Kohäsionskräften zwischen ben langgestreckten Molekülen verbunben, bereu Wirk­samwerben mit bem Freiwerben von Wärme Hand in Hanb geht. Bei tieferer Temperatur, unterhalb ber Zimmertemperatur etwa, ist biefe erzwungene Neuorientierung bei* Moleküle stabil, so baß beträcht­lich gebehnter Rohkautschuk trotz ber ihm innewoh- nenben großen elastischen Gegenkraft im gestreckten Zustanbe verharrt; bei höherer Temperatur wirb in­

folge lebhafter werbenber Wärmebewegung ber Moleküle die Kohäsion zwischen ben Stäbchenlagen geschwächt, so baß nunmehr wieber eine Zusammen­ziehung bes Kautschuks erfolgt. Es gibt also ein vergleichsweise wie ein Schmelzpunkt anmutendes Umwandlungsintervall. Die Faserstruktur, die aus der Theorie folgt, wurde insbesondere durch folgen­den Versuch bestätigt:

Wird stark gedehnter Rohkautschuk in flüssiger Luft hart gefroren, so erfolgt unter der Wirkung von Hammerschlägen, wie der Vortragende zeigte, ein Aufspaltung in ein Bündel parallel liegender Fasern, bie in der Dehnungsrichtung verlaufen. Wiederholt man den Versuch dagegen mit ungedehn­tem Kautschuk, so zerspringt er bei gleicher Behand­lung wie Glas in unregelmäßige Scherben, da eben keine bevorzugten Richtungen in seiner Struktur vorhanden sind. Zu einem ganz entsprechenden Be­weise haben jüngst veröffentlichte Röntgenspektro- skopische Untersuchungen geführt, so daß die Faser- ftruftur gedehnten Kautschuks als eine experimen­tell gesicherte Tatsache angesehen werden darf. L. H.

Am Sonntag, dem 14. 3uni, veranstaltete die Oberhessische Gesellschaft für Ratur- und Heil­kunde eine Exkursion zur Beobachtung der Tierwelt im Krofdorfer Forst. Herr Pros. Dr. Ehrhard leitete freundlicher Weise den vorn besten Wanderwetter begünstigten Lehr- ausflug. auf dem sich bald auf Schritt unb Tritt Gelegenheit bot. interessante Beobachtun­gen anzustellcn und insbesondere Bekanntschaft mit zahlreichen heimischen Singvögeln zu machen. Dank der nimmermüden Bereitschaft des Lei­ters. an ihn gelangende Fragen eingehend zu beantworten und zu immer neuen Beobachtun­gen zu führen, wurde dec von der Morgenfrühe bis zur Mittagszeit ausgedehnte Ausflug von den Teilnehmern als eine sehr willkommene und zur Wiederholung in ähnlicher Form einladende Abroechslung in buntem Kranze der von der Ge­sellschaft veranstalteten abendlichen Vorträge empfunden. L- H