Nr. M Erster Blatt
175. Jahrgang
Dienstag, 23. Juni 1925
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Das Beltheimer Mrenunglück vor Gericht.
Minden, 22. Juni. (511) Dor dem erweiterten Schöffengericht in Minden begann heute der Prozeß gegen den Oberleutnant Jordan vom Pionierbattaillon 6 in Minden, dem vorgeworfen wird, durch Fahrlässigkeit den Tod von 80 Reichswehrsoldaten verschuldet zu haben.
Am 31. März d. 3. hatte Jordan bei einer Manöverübung Truppen in der Rähe von Veltheim über lms Wasser der Weser zu sehen. Gr belastete nun die Fähren mit 160 Mann, während nach Ansicht der Sachverständigen höchstens 125 Mann auf der Fähre untergebracht werden dürfen. Die Delastung der Fähre führte ein furchtbares Unglück herbei, dem
81 Mann zum Opfer fielen.
Etwa 1 00 Zeugen und eine Reihe von Sachverständigen, die gehört werden sollen, sind aufgeboten. Der Angeklagte gibt eine Schilderung der Maßnahmen, die er seinerzeit in Ausführung des Defehls, das Pionierbataillon auf einer Pontonfähre überzusehen, getroffen habe. Der Angeklagte bekundet, das; gegen eine Be- lastung der Fähren mit 200 Mann nichts sin- zuwenden sei. Er habe die Vorschriften auf jeden Fall für ausgeprobt und vollgültig gehalten. Alle Hilfsmaßnahmen seien getroffen gewesen. Für die Besetzung der Fähre habe man nur erfahrene und tüchtige Leute ausgesucht, außerdem habe er die ^eberzeugung gehabt, daß eine Ueberlastung der Fähre nicht erfolgt war.
Die Vernehmung des Angeklagten ist Damit zunächst beendet. Es wird in die Beweisaufnahme eingetreten. Als ersten Zeugen hort das Gericht den Leutnant Heidkämper. Er sagt aus, daß ihm Oberleutnant Jordan zugerufen habe: „Sie haben schon genügend Freibord, Sie können losfahren." Die Fähre sei sofort in starke Gierstellung gekommen Der starken Strömung wegen sei es schon schwierig gewesen, die Pferde am Ufer zu halten Als die Fähre sackte, seien die Leute nicht mehr zu halten gewesen und sprangen ins Wasser. Der Zeuge hatte den Eindruck, daß einschließlich der Bedienungsmannschaften 140 Mann auf der Fahr elagen. Unteroffizier Müller hätte nicht rufen dürfen, daß Wasser im Ponton sei. Hauptmann 3fermann erklärte, er habe eine weitere Belastung der Fähre, wie Jordan es wollte, in kategorischer Weise ab- gelehnt, da die Fähre bereits dicht beseht gewesen sei. Danach kam es zu einem kleinen
Zwischenfall
als die Staatsanwaltschaft unter Widerspruch der Verteidigung den Sachverständigen, Hauptmann a. D. Reh, von den Verhandlungen ausschloß, weil er für befangen gelten müsse.
Der Zeuge. Hauptmann G a p k e , sagt, daß Oberleutnant 3ordan kurz nach dem Unglück in großer Erregung gewesen sei und erklärt habe, er verstehe das nicht. Er hätte noch 30 bis 40 Mann mehr aufladen können. Auf eine Frage des Vorsitzenden erwiderte der Angeklagte, er glaube, daß die Bauart der Fähre Schuld trage. 3n der Mitte der Fähre entstehe ein Wasserschwall, wodurch das Wasser hochgedrückt werde und in den Ponton laufe, ferner möge auch das Reißen des Taues und die Gepäckbelastung zu dem Unglück Beigetragen haben. Die Verhandlungen werden darauf auf Dienstag vormittag vertagt.
Die Spaltung im Linksblock.
Morgen Entscheidung.
Paris, 23. 3uni. (TU.) Die Abstim - m u n g unter den Sozialisten ist gestern abend abgeschlossen worden. Das vollständige Ergebnis ist noch nicht bekannt, da noch 40 Stimmen ausstehen. Auf den Antrag Concpere Morels gegen die Unterstützung des Kabinetts entfielen Bisher 40, auf die Resolution Rcnaudel für zeitweilige Unterstützung 35 und auf den Antrag Auriol für weitere Unterstützung 11 Stimmen. 3n sozialistischen Kreisen wird großer Wert auf die Feststellung gelegt, daß der Austritt aus Dem Kabinett nicht mit fortgesetzter Opposition gegen das Kabinett gleichbedeutend sei und lediglich bedeute, daß die Partei ihre Handlungsfreiheit zurücknimmt. Wie man ausdrücklich hinzu- fügt, ist eine gelegentliche Unterstültzung des Kabinetts nicht ausgeschlossen.
3n der heutigen K a m m e r d e b a 11 e . der man mit großer Spannung entgegensieht, wird cs sich zeigen, welche Taktik die Sozialisten einzuschlagen gedenken. Unter der Voraussetzung, daß der Ministerpräsident die Friedensbedingungen Frankreichs unzweideutig darlegt und erschöpfend über den angeblichen Friedensvorschlag Abd el Krims spricht, ist es möglich, daß die Sozialisten trotz des Austritts aus dem Kabinett mit der Regierung stimmen werden. Wahrscheinlicher ist es jedoch, daß die Sozialisten zum Teil gegen das Kabinett stimmen, zum Teil sich der Abstinnnung enthalten werden.
Aus alle Fälle ist das Kabinett Painleve einer Mehrheit von 420 Stimmen getzrih.
Wahrscheinlich wird die Debatte durch eine Erklärung des Ministerpräsidenten über das Marokkoproblem eröffnet werden, da der radikalsozialistische Abgeordnete Berthod seine Interpellation zurückgezogen hat und auch der Kommunist Doriot nicht mehr in der Lage rft zu interpellieren. Die Debatte dürfte int Verlaufe einer Rachtsihung erschöpft werden. Am Mitt-
Von Kopenhagen nach Zürich.
Rekordfahrt des Siebenstaaten-Fluges.
Kopenhagen, 22. 3uni. (TU.) Heute morgen 8*/» Uhr ft arteten vom Militärflugplatz zu Kopenhagen die Siebenstaatenflieger. Die dänische Presse berichtet spaltenlang über den Siebenstaatenflug. Die schwedischen Zeitungen bedauern, daß ungünstiges Wetter die Flieger gezwungen habe, ihren Besuch in Malmö aufzugeben.
Station Dorsten.
Essen, 22. Juni. (TU.) Rach vierstündigem Flug landete das Großflugzeug des Siebenstaatenfluges um 12.40 Uhr auf dem Flugplatz D o r st e n an der Grenze des besetzten Gebietes. Unterwegs hatte die Maschine zuweilen mit sehr schweren Böen und Unwetter zu kämpfen. Der Flug ist vollkommen programmäßig verlaufen.
Die Siebenstaatenflieger begaben sich i m Kraftwagen nach der Stadt Dorsten, wo ein von der Stadt Essen vorbereiteter Imbiß eingenommen wurde. Dr. Meurer- Essen überbrachte als Vertreter des abwesenden Oberbürgermeisters die Glückwünsche der Stadt Essen für den weiteren Flug. Redakteur Adams als Vorsitzender des Ortsvereins der Essener Presse sprach in warmen Worten die herzlichen Glückwünsche für die weitere Fahrt aus. Im Romen der Fahrtteilnehmer dankte Redakteur Holstein- Königsberg.
Der Start nach Zürich erfolgte um 3.15 Uhr.
Dorsten — Frankfurt — Zürich.
tag, eine wundervolle Rekordleistung vollbracht. Die Strecke Kopenhagen—Dorsten—Zürich wurde in gestrecktem Flug in gut Z*/2 Stunden zurückgelegt, obwohl das Wetter auch gestern namentlich über dem Sauerland und der Rhön sehr ungünstig war. Die M o t o r c haben noch dem Bericht unseres Piloten auch gestern hervorragend ohne die kleinste Storung gearbeitet. Die Strecke von Kopenhagen bis Zürich über Dorsten, das ungefähr in der Mitte liegt, Beträgt 1200 Kilometer. Mit der Ankunft in Zürich sind also 2300 Kilometer der ®e- samtstrecke von 4000 Kilometer zurückgelegt.
Um 1 Uhr abends landete das Flugzeug auf dem Flugplatz von Zürich, wo die Tecknehmer von Vertretern der befreundeten schweizerischen Presse empfangen wurden, in deren Ramen Herr Redakteur Dr. D i e r 6 a u m uns hn^lich toill- kommen hieß. Die Flugteilnehmer wurden dann in das Hotel Dolder geleitet, wo sie bis zum Weiterflug am heutigen Dienstag nach München-Wien übernachteten.
Der gestrige Flug überbot nicht nur wegen der kolossalen Streckenleistung, sondern auch an landwirtschaftlichen Eindrücken die vorhergehenden Tage noch bedeutend. Um 5 Uhr üBerqucrten wir Frankfurt a. M. und eine habe Stunde später lag Heidelberg in malerischer Abendstimmung unter uns. Um 6.50 Uhr flogen wir bei Schaffhausen über den Rhein. Der Rh ein fall bot mit seinem weißen Gischt und dem tiefgrünen Wasser aus 13^0 Meter Höhe einen einzigartigen Anblick Pilot wie die journalistischen Flugteilnehmer sind vön dem prächtigen Ergebnis dieses Tages außerordentlich befriedigt.
Zürich. 23. Juni. (TU.) Das Großflugzeug des Siebenstaatenfluges hat gestern, Mon-
Englisches Eingreifen in China.
Eine Proklamation der britischen Regierung in Hongkong.
Paris, 23. 3uni. (121.) Rach einer Meldung aus Hongkong hat die britische Regierung in den Straßen der Stadt eine* Proklamation angeschlagen, der zufolge nachstehende Maßnahmen beschlossen wurden:
1. Brief- und Telegrammzensur.
2. Durchsuchung der Geschäfte und Wohnungen.
3. Ausfuhrverbot für Lebensmittel, Gold und Geldwerte ohne besondere Erlaubnis.
Die britische Regierung hat ferner bekanntgegeben, daß sie den Schuh der Einwohner übernimmt und wenn ein Beamter im Dienst gelötet wird, den Hinterbliebenen eine Entschädigung von 225 Pfund Sterling gezahlt wird.
Telegramme aus Schanghai zufolge ist die Schiffahrt völlig eingestellt. Sämtliche Kulis haben die Arbeit niedergelegt.
Verstärkter Widerstand.
Paris. 22. Juni (WTD.) Havas meldet aus Hongkong: Die Arbeiter von Hongkong haben eine geheime Gesellschaft, genannt Arbeiterkommission, gebildet, die der Regierung von Kanton beigegeben werden und Vollmachten hinsichtlich der Streikangelegenheiten erhalten sollen.
Diese Kommission fordert das Recht der freien Meinungsäußerung, gleichmäßige Behandlung aller Chinesen, Abschaffung des Deportationsgesetzes und der Unterscheidungen bezüglich der Geburteneintragung in das Zivilregister, das Recht für die Arbeiter, Chinesen in den gesetz- gebenden Rat zu wählen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Einführung des Achtstundentages. Verbot der Kinderarbeit, Zurückziehung der Verordnung betreffend die Heraufsetzung der Mieten um 15 Prozent ab 1. Juli und die Erlaubnis für die Chinesen, in den europäischen Vierteln zu wohnen.
Wie Havas weiter aus Hongkong berichtet, ist die Streikbewegung im Wachsen Begriffen. Die Arbeiter und Schriftsetzer des „Daily Bulletin" haben bereits die Arbeit niedergelegt. Die Schristseher anderer europäischer Druckereien drohen, ebenfalls in den Streit zu treten.
Kriegserklärung Japans an Südchina?
London, 22. Juni. (TU.) In Hongkong ist wie „Central Rews" melden, das Gerücht verbreitet, Japan habe Südchina wegen der Ermordung des Schatzmeisters des japanischen Hospitals in Kanton den Krieg erklärt. Es soll in Kanton eine ungeheure Aufregung herrschen. An zuständiger Stelle in London bezeichnet man diesen Bericht als eine Erfindung.
Meuternde Truppen.
London, 22. Juni. (WTD.) Aus Schanghai wird berichtet, daß der Sohn Tschangsolms eine zweite Brigade Mukdentruppen dorthin
gebracht hat, um bei der Aufrechterhaltung der Ordnung in dieser Stadt mitzuwirken. Aus Tientsin wird berichtet, daß das dritte Mukdenregimeirt in Tschendhsin an der Eisenbahnlinie Peking- Mulden gemeutert und den Bahnhof beschädigt habe. Der Befehlshaber der Gendarmerie entlaubte gegen die Meuterer eine Truppen- abteilung.
Lin Zwischenfall.
Vor der chinesischen Botschaft in Paris.
Paris, 22. Juni. (WTB.) Gestern nachmittag hat vor der chinesischen Gesandtschaft eine chinesische Demonstration stattgefunden. Die chinesischen Demonstranten sind, nachdem sie den Pförtner wehrlos gemacht und die Telephonleitungen im Erdgeschoß durchschnitten hatten, bis zum Arbeitszimmer des chinesischen Gesandten oorgedrungen, der gerade aus seinem Zimmer trat Er wurde infolge der drohenden Haltung der Demonstranten dazu gezwungen, eine Reihe von Schriftstücken und Manifeste zu unterzeichnen, die im wesentlichen eine Sympathiekundgebung für die in China stattfindenden Kämpfe gegen die Fremden enthalten. Auch verschiedene Legationssekretäre und sogar der Sohn des Gesandten konnten infolge der entschloßenen Haltung der Demonstranten nichts ausrichten.
Schließlich gelang es, einen der Gesandtschaft gegenüber wohnenden Kaufmann aufmerksam zu machen, der die Polizei herbeirief. Als diese eintraf, flüchteten die Demonstranten. Es gelang jedoch, einen von ihnen sestzunehmen, der Dem Polizeikommissar vorgeführt wurde. Seine Vernehmung scheint soviel ergeben zu haben, daß diese Demonstration auf Betreiben französischer Kommunisten unternommen wurde. Jedenfalls will man einige Franzosen inmitten des Demonstrationszuges bemerkt haben.
Wegen der Kundgebung ist eine gericht- l’idje Untersuchung wegen mit Vorbedacht von in öffentlichem Gewahrsam befindlichen Eigentum und Unterschriftenerpressung, verübt gegen den chinesischen Gesandten, eingeleitet worden. 3m übrigen hat ein Beamter der chinesischen Gesand- schaft dem „Journal des Debets" erklärt, die Eindringlinge hätten keine Gewalt angewendet. Sie seien ohne Zweifel bewaffnet gewesen, aber sie hätten ihre Waffen nicht gezeigt. Sie seien nur gekommen, um vier Schriftstücke, von denen sie gesprochen hätten, unterzeichnen zu lassen. Sie hätten allerdings unter Drohungen der Versuch ge- macht, den Gesandten zum Unterzeichnen zu zwingen, ohne daß er die Schriftstücke gelesen hätte. Da der Gesandte das ablehnte, hätte die Unterredung länger gedauert, als die Manifestanten geglaubt hätten.
woch soll dann dir Aussprache über das Budget eröffnet werden und am Freitag zu Ende geführt werden.
Botschafter v. Hösch bei Vriand.
Paris, 22. Juli. (WB.) Der deutsche Botschafter v. Hösch hat heute nachmittag den französischen Außenminister Brian d ausgesucht und mit ihm eine Reihe schwebender Fragen
besprochen. Die Sicherheits- und Paktfrage waren nicht Gegenstand der Demarche.
Ratifikation des deutschspanischen Handelsvertrags.
Berlin, *22. Juni (WB.) Der Austausch der Ratifikationsurkunden zu dem deutsch-spanischen Handelsvertrag vom 25. Juli 1924 ist gestern in Madrid erfolgt
Painlevss Marokkobericht fertiggestellt.
Paris. 23. Juni. (T. U.) Painleos hat gestern die Abfassung feiner Erklärungen ü 6 e r M a - r o k k o beendet, die er heute nachmittag dor Kammer vorzulegen gedenkt. Das Exposö wird heute dem Ministerrat vorgelegt werden. Der Ministerpräsident wird außerdem neue Ausschlüße über die antimilitaristische Propaganda der kommunistischen Partei geben. Bis gestern abend lag der Kammer noch kein Antrag auf Aushebung der Immunität Doriots und Martys vor. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß ein solcher Antrag noch heute vormittag eingereicht wird.
Französisch- spanische Einigung.
Paris, 23. Juni. (T. U.) Wie aus Madrid gemelbet wird, ist aeftern dos französisch-spanische Abkommen zur Ueberwachung der marokkanischen Küste unterzeichnet worden.
Derhandlungsbeginn?
Paris. 22. 3unL (1.21.) „Daily Rews" be- richkek, Abd el Krim habe durch Vermittlung einer bekannten Persönlichkeit Frankreich F r i e - densvor ich läge unterbreiten taffen.
Der „Temps* erfährt aus Madrid, daß der Schiffsreeder E ch eo a r i e t a auf seiner Jacht nach den Gewässern von Alhucemas aufgebrochen ist, um Abd el Krim ein Angebot der spanischen Regierung zu überbringen.
Der Heeresbericht.
Paris, 23. Juni. (T. U. Der amlliche Kampsbericht aus Fez lautet: Feindliche Truppen haben nördlich von Luckos uns am 20. Juni heftig angegriffen. Eine unterer fliegenden Kolonnen mußte Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Die Mesguilla haben bisher vergeblich die Beni Mahara zum Abfall zu überreden versucht. Die Anhänger haben mit Maschinengewehrabteilungen die Dörfer der Djebel Messaouds angegriffen und dem Feinde schwere Verluste beigebracht. Der Gegner ließ auf dem Kampfplatz 13 Tote und 23 Verwundete zurück.
Bei Paunst ist die Lage unverändert. Die Kampfflugzeuge haben die Siedlungen der Stämme El Hai Beni Beranat und der Chafrias wirksam unter Feuer genommen. In Algeciras ist der französische Kreuzer „Straßburg" eingelaufen.
Eine Torpedobootflottille von 14 Zerstörern hat auf dem Wege nach Marokko den Hafen von Lisiadon passiert.
(Eröffnung der internationalen Handelskammer.
VernichtendeKritikamDawesqutachten
Paris, 22. Juni. (T. U.) Die französischen Blätter haben die Rede des Präsidenten der Brüsseler Bank D e s p r e t s und des Präsidenten der Handelsbank William B o o t h bei der Eröffnung der Internationalen Handelskammer mit Stillschweigen übergangen. Der Grund dafür liegt offenbar darin, daß die beiden Redner nach amerikanischen Pressetelegrammen angesichts der geradezu unlösbaren Schwierigkeiten des Uebertragungs- Problems von der Undurchführbarkeit des Dawesgutachtens zum Ausdruck gebracht haben.
Besonderes Aufsehen erregte die Ansprache De- prets, der unter anderem ausführte:
„Nach der fast allgemein vorherrschenden Auffassung .roirb angenommen, daß auf Grund des Dawesplanes tatsächlich Zahlungen erfolgen und daß die Gläubigerstaaten Beträge erhalten, die sie zu Rückerstattung der für Reparationszwecke veraus- gabten Summen und zur Erleichterung der drückenden Steuerabgaben benutzen. Aus politischen Grün- den hat man allgemein diese Ansicht verbreitet. In den in Frage kommenden Ländern wird sie als Wahrheit angenommen und von denjenigen ver- treten, die um Versprechungen angegangen wurden und schwach genug waren, sich hinreißen zu lassen. Ist es wirklich möglich, Tausende von Millionen zu zahlen und zu erhalten, ohne daß katastrophale Folgen für das zahlende Schuldnerland wie für den Empfänger einketen?
Und wie können wir an Stelle von Barzahlungen entschädigt werden? .... Und wenn das Schuldnerland in Waren zahlen wird, so ist die Frage die, wie weit es solche Zahlungen vornehmen kann, ohne den ©laubiger ft aat z u benachteiligen, der ohne Zweifel auch die Güter erzeugt, die er als Zahlungen entgegennehmen soll, und wenn nicht in Waren geliefert wird, kann der Schuldnerstaat durch Dienstleistungen entschädigt werden? Und welcher Art werden diese fein, ohne daß dem Gläubigerstaat in feiner Wirtschaft und Industrie Schaden zugefügt wird?
Janssen pflichtete dem Redner bei und legte das Schwergewicht seiner Ausführung auf die Feststellung der Unlösbarfeit des Uebertragungs- Problems.
Der Brüsseler Vertreter des „Neuyork Herold" hört von unterrichteter Seite, daß die Aufsehen erregenden Aeußerungen der beiden Finanzleute eine ganze Reihe von Erklärungen einleiten, die dazu bestimmt sind, die von interessierten Politikern de- mußt irregesührte östentliche Meinung über die Schwierigkeiten einer Durchführung des Dawesgut- achtens auf $u Hären. Sir Josiah Stamp wird am Dienstag bei einem Vortrag über das Problem der Geldübertrogungen noch auf andere unlösbare Schwierigkeiten des Dawesgutachtens Hinweisen. Die Enthüllungen Sir Stomps werden noch größere Sensationen Hervorrufen als die Mitteilungen


