Aus dem Reiche der Frau.
Schützet die Augen der Hinter!
Von Professor Dr. 21. Ieß, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Gießen.
Immer wieder sieht der Augenarzt schwere Verletzungen der Augen von Kindern, die bei genügender Beaufsichtigung und rechtzeitiger Belehrung zum großen Teil hätten vermieden werden können. Eltern und Lehrer sollten vielleicht mehr, wie bisher geschieht, versuchen, die Heranwachsende Jugend so zu erziehen, daß sie rechtzeitig über die Gefährlichkeit mancher Gegenstände, Spiele und Angewohnheiten für das Auge, das edelste Sinnesorgan des Menschen, unterrichtet werden.
Obenan stehen Verletzungen der Augen durch Explosion von Zündhütchen und Sprengpatronen. Nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges und nach dem Rückzug großer Teile unserer Armee durch Oberhessen mehrten sich in der Gießener Augenklinik ganz auffallend die Fälle von schweren Äugenverletzungen durch Explosionskörper. Ueberall waren Patronen, Zündhütchen und Zündkapseln von Handgranaten verloren oder achtlos fortge- worsen worden, und unsere Schuljugend hatte bieje hübschen kleinen Sachen eifrigst gesammelt, meist ohne im Geringsten zu ahnen, welches Unglück sie über sich und ihre Spielkameraden heraufbeschweren könnten. Der unwiderstehliche Forscherdrang der Jugend führte natürlich bald zur genauen inneren Untersuchung. Es wurde solange daran herumgebohrt oder sogar mit dem Hammer daraufgeschlagen, bis das hübsche Metallhülschen mit furchtbarem Krach explodierte. Nun war das Unglück geschehen, die entsetzten Eltern fanden ihre Kinder blutüberströmt, oft mit schweren inneren oder Gliederverletzungen, die langes Krankenlager zur Folge hatten und zum Verlust manches Fingers, oft einer Hand oder gar eines Armes geführt haben. Sehr häufig waren dann beide oder mindestens ein Auge von feinsten Metallspkittern durchbohrt und da es sich hier meist um reines Kupfer oder Kupferlegierungen handelte, war die Heilungsaussicht von vornherein ungünstig. Während Eisensplitter mit Hilfe starker Elektromagneten selbst aus den tiefsten Teilen des Auges herauszuholen sind, versagt dieses Hilfsmittel natürlich bei nicht magnetischen Metallen.
Kupfsrsplitter müssen deshalb nach Aufschneiden des Auges mit feinen Pinzetten gefaßt werden, ein äußerst schwieriges Beginnen selbst für die ge- üb teste Hand, das bei der Kleinheit der Splitter und wenn Blutungen und Linsentrübungen den Einblick in das Augeninnere erschweren, leider nicht immer Erfolg haben kann. Gelingt aber die Entfernung nicht, so gehen im Laufe von Monaten und Jahren solche Augen an innerer Verkupferung durch die langsam einsetzende Auflösung des Metalls zugrunde, genau wie bei Eisensplittern, die im Auge bleiben, allmähliche Verrostung das Auge erblinden läßt. Besonders gewarnt werden muß auch vor den neuerdings in unserer Gegend bei der Aufstellung der Maste der Ueberlandzentrale verwen- beten Aluminiumsprengpatronen. Sie sehen so harmlos aus, werben für Bleistiftschoner ober ähnliches gehalten unb von großen unb kleinen Kindern niemals liegen gelassen. Zweimal sahen wir schwere Verletzungen der Augen durch solche Patronen, die von Erdarbeitern auf der Landstraße verloren und von Kindern aufgesammelt wurden.
Unzählig sind die Augenverletzungen von Kin- " bern burch ungeeignetes Spielzeug. Daß ein Vater eigenllich bestraft werden sollte, der seinem Sohn .vor dem 18. Lebensjahr ein Tesching, eine Luftbüchse oder gar ein Jagdgewehr zur freien Be- l Nutzung in die Hand gibt, wird jeder zugeben, der einmal die schweren Folgen solcher Nachlässigkeit F erlebte. Aber auch das Schießen mit Armbrust, Bogen und Pfeil sollte man kleineren Knaben nicht • gestatten und wenn man schon auf solches Spielzeug nicht verzichten zu können glaubt, so sollte man unbedingt darauf sehen, daß niemals spitze Geschosse angefertigt werden. Gar zu gern bewaffnen ja unsere Jungens ihre Pfeile mit Nadeln oder Nägeln, damit das Ziel auch richtig getroffen wird unb manches Auge eines unglücklichen Spielkameraden wurde schon durch diese Unart vernichtet. Auch spitze Messer und spitze Scheren sollte man Kindern nicht schenken; wenn man der Ansicht ist, daß ein richtiger Junge auch ein Taschenmesser besitzen muß, so gebe man ihm eins mit abgerundeter Spitze und das beliebte und lehrreiche Dilderausschneiden können unsere Mädel ebensogut mit einer vorne runden oder stumpfen Schere bewerkstelligen. Besonders gewarnt sei vor einem neuerbings leiber viel verbreiteten Spielzeug, ben flie- aenben Propellern. Kleine aus dünnem Blech hergestellte und in der Mitte durchbohrte Propellerchen werden bekanntlich mit Hilfe eines spiralig gewundenen Metallstabes in die Höhe geschleudert. Sie er- halten eine große Geschwindigkeit und durchschneiden rotierend die Luft. Erst kürzlich kam ein Gießener Mitbürger in die Klinik, der seinem Sohn dieses gefährliche Geschenk gemacht hatte und dem sewst beim ersten Versuch ein Auge von dem scharfen Mewllblattchen von oben bis unten aufgeschnitten worden war. Also fort mit diesem gefährlichen Unfug! Eine besonders üble Angewobn- heil, die in manchem Haushalt vorherrscht, ist das
mühsame „Aufknütteln" von Bindfaden knoten der Pakete mit Mestern, Scheren, Feilen, Stricknadeln oder anderen spitzen Gegenständen. Manche Mutter glaubt es der Erziehung ihrer Kinder schuldig zu sein, auch hierbei den Sinn für Sparsamkeit zu wecken. Das ist gewiß sehr schön, kann aber auch übertrieben werden. Jedenfalls wiegen viele Tau- fende auf solche Weise geretteter Bindfäden nicht den Verlust eines Auges auf. Immer wieder erlebt man es, daß bei solchen Bemühungen, ein Paket auf sparsame Weise zu öffnen, schwere Augenverletzungen durch das ausfahrende Instrument gesetzt werden und wer einmal gesehen hat, wie ein spitzes Mester hierbei den ganzen Augapfel bis an den Sehnerv durchbohrte, wird mit uns darin übereinstimmen, daß hier ein ungeeignetes Feld der Sparsamkeit vorliegt.
Man kann nicht alle Möglichkeiten aufzählen, welche die Augen unserer Kinder bedrohen und die verhältnismäßig leicht zu vermeiden wären. Nur auf diese besonders krassen Beispiele sollte einmal hingewiesen werden, die Eltern und Lehrern eine Anregung sein mögen, vorbeugend sich zu betätigen. Denn Vorbeugung ist besser als Heilung!
Obst unb Gemüse für die Kinder.
Don Dr. H. Vollmer, Oberarzt am Kaiserin Augusta Viktoria Haus, Charlottenburg.
Es ist immer gewagt, den menschlichen Organismus mit einer Maschine zu vergleichen. Eine Maschine läuft ungestört, solange alle ihre Teile in Ordnung sind und sie aus irgend einer Energiequelle gespeist wird. Für den menschlichen und besonders den wachsenden Körper des Säuglings genügt aber die Speisung mit den Grundnährstoffen, also mit Eiweiß, Fett, Zucker und Salzen nicht, um einen ungestörten Ablauf der Lebensvorgänge zu garantieren. Würde man einen Säugling mit diesen Stoffen in chemisch reiner Form füttern, und ihm außerdem nur Wasser verabreichen, so würde er zwar nicht Sungers sterben, aber bald an schweren Krankitserscheinungen zu Grunde gehen. Diese Katastrophe ließe sich aber aufhalten, wenn man rechtzeitig frische Gemüse und Obst zufüttern würde.
Damit ist sckwn gesagt, daß Obst und Gemüse Substanzen enthalten, die für das Leben unbedingt notwendig sind und die die Grundstoffe, aus denen sich unsere Nahrung zusammensetzt, ergänzen müssen, wenn das Leben nicht gefährdet werden soll. Man nennt sie darum Ergänzungsnährstoffe oder Vitamine. Zahlreiche Aerzte haben sich im letzten Jahrzehnt mit der Erforschung dieser Körper beschäftigt, ihre Natur und Wirkung untersucht, eine Neihe von Krankheiten auf einen Mangel an solchen Vitaminen zurückführen und damit den Weg zu ihrer Heilung zeigen tonnen.
Die Vitamine sind kein einheitlicher Körper. Es gibt verschiedene Ergänzungsn ährst off e und jedem einzelnen kommt eine spezifische Mgenschaft zu, jeder dient der Verhütung bestimmter Krankheitserscheinungen. Allen gemeinsam ist die wachstumsfördernde Wirkung. Außerdem hat das eine Vitamin die Fähigkeit, die englische Krankheit, daS andere, eine schwere Augenerkrankung, daS dritte, den Skorbut zu verhüten, eine Krankheit, die durch Blutungen in Haut, Knochcm und Zahnfleisch gekennzeichnet ist und die in früheren Zeiten zahlreiche Menschenopfer gefordert hat. Fehlen demnach in der Nahrung des Säuglings sämtliche Vitamine, so bleibt das Längenwachstum stehen, das Körpergewicht erfährt trotz reichlicher Ernährung keine Zunahme mehr, sondern siickt langsam ab; es können Durchfälle auftreten, die den Kräftevefall beschleunigen und schließlich machen nach Ablauf weniger Monate die erwähnten Krankheiten, die dem Kinde jede Widerstandskraft rauben, dem Leben ein vorzeitiges Ende. Das Fehlen eines einzigen Vitamins führt zu der entsprechenden Krankheit. Tlnd daß diese Krankheitm wirklich nur durch Vitaminmangel verursacht find, geht daraus hervor, daß man durch Zufütterung des entsprechenden Er- gänzungsnährstoffes die krankhaften Erscheinungen in kurzer Zeit beseitigen kann. Dies gilt besonders vom Skorbut, der eine ausgesprochene Ditaminmangelkrankheit ist und durch Zitronensaft fast schlagartig geheilt werden kann. Das Auftreten der englischen Krankheit dagegen wird durch das Fehlen eines bestimmten Vitamins nicht spezifisch bedingt, sondern nur gefördert, lind es gelingt daher, nicht nur durch Vitaminzufuhr (Lebertran) diese Krankheit zu verhüten, sondern auch durch günstige äußere Lebensbedingungen und besonders durch Höhensonnenbestrahlung. Die Höhensonne kann also in der Ra- chitisverhütung bestimmte Vitamine ersehen. 3a, in letzter Zeit hat man gefunden, daß jedes an sich vitaminarme Nahrungsgemisch, sobald man es direkt mit der künstlichen Höhensonne bestrahlt, die Eigenschaften bestimmter Vitamine annimmt und die Rachitis verhüten bzw. ausheilen kann. 3n absehbarer Zeit wird es also vielleicht möglich sein, die englische Krankheit aus der Welt
zu schäften, indem man nur bestrahlte SauglingS- milch in den Handel kommen läßt.
3ede Mutter wird ängstlich fragen, wie sie ihren Säugling vor diesen durch Vitaminmangel bedingten Störungen schützen soll, da sie ihm doch in den ersten LebenSmonaten weder Gemüse noch Obst verabreichen tarnt Aber die Milch ist selbst ein Träger von Ergänzungsnährstoften und die Frauenmilch ist sogar besonders vitaminreich und erfüllt am besten die Voraussetzungen für ein ungestörtes Gedeihen. Bei künstlicher Ernährung dagegen droht eine gewisse Gefahr. Zwar enthält auch die Kuhmilch Vitamine; aber abgesehen davon, daß diese Schuhstoffe durch das notwendige Abkochen der Milch zum Teil zerstört werden: der Gehalt der Kuhmilch an Ergänzungsnährstoffen ist äußerst wechselnd und in manchen Jahreszeiten ungenügend. Er hängt weitgehend von der Fütterungsart der Kühe ab. Bei Grün- fütterung und beim Weidevieh enthält die Kuhmilch reichlich Vitamine. 3m Winter jedoch kann sie infolge der Trockenfütterung fast vitaminfrei sein. Da man aber der Milch den Grad ihres Ditamingehaltes nicht ansehen kann, wird man bei jeder Art künstlicher Ernährung, um sicher zu gehen, rechtzeitig Nährstoffe zufüttern, deren Ditamingehalt außer Frage steht.
Solche Nährstoffe haben wir in den meisten Feldfrüchten und Obstarten, solange sie frisch sind. Langes Liegen und alle Konservierungs- methvden zerstören ihre lebenswichtigen Eigenschaften zum großen Teil und machen sie in dieser Hinsicht wertlos. Die einzelnen Obstsorten und Gemüse haben einen verschiedenen Vitammreich- tum. Am hochwertigsten sind im allgemeinen Zitronen, Apfelsinen, Tomaten und unter den Gemüsen Spinat und Karotten. 3n ihnen sind alle Ergänzungsnährstvffe, die wir kennen, gleichzeitig enthalten, wenn auch der eine oder andere überwiegt. Wertvolle Vitaminträger sind außerdem die tierischen Fette, besonders der Lebertran und die Butter, schließlich das Eigelb und die Hefe, äleberblickt man die Substanzen, die besonders reich an Ergänzungsnährstoffen sind, so fällt auf, daß sie alle intensiv gefärbt sind. Wenn auch Farbstoff- und Ditarninreichtum in keinem direkten Zusammenhang stehen, so entsprechen sie sich doch bis zu einem gewissen Grade. So ist auch die gelbe Butter vitaminreicher als die weiße. Für die Auswahl mag das eine gewisse Richtlinie geben.
Von welchem Lebensalter an empfiehlt es sich, dem Säugling Obst und Gemüse anzubieten. Das Brustkind bedarf ihrer kaum vor dem 6. Monat, das Flaschenkind jedoch schon früher, etwa nach dem 3. Monat, besonders im Winter, wo die Kuhmilch den Vitaminbedarf nicht zu decken vermag. Man wird damit beginnen, Obst und Gemüse zunächst nur als Prehsaft in kleinen Mengen zu verabreichen, um den empfindlichen Darm nicht durch die Zellulose zu reizen, welche in allen Degetabilien enthalten ist und Durchfälle auslösen kann. 3m Winter, der Zeit der Dita- minnot, sind wir fast ausschließlich auf die Südfrüchte angewiesen. 3n den anderen 3ahreszeiten steht uns der Saft aus frischen Tomaten oder aus Karotten, die zerrieben und durch ein Tuch gepreßt werden, zur Verfügung. Man beginne mit einem Kaffeelöffel täglich 'und steige allmählich zu dem Prehsaft einer ganzen Frucht. Bekommt das Kind dabei schlechte Stühle, so müssen diese Säfte vorübergehend weggelassen werden. Nach dem 6. Monat werden auch Die ganzen Gemüse und Früchte oder Gemüsesuppen, wie sie im Haushalt gekocht werden, gut vertragen. Allmählich kann man dazu übergehen, das Kind am Tisch mitessen zu lassen.
Diese Vorschriften erscheinen sehr kompliziert, aber jede vernünftige Mutter ernährt an sich schon ihren Säugling mehr oder weniger in der Weise, wie wir es hier gefordert haben und ^wissenschaftlich zu begründen versuchten. Diese Anweisungen sollen auch kein strenges Gesetz sein. Man muh einem Säugling nicht unbedingt schon nach dem 3. Monat Vitamine geben, wenn er bisher auch bei künstlicher Ernährung gut gediehen ist.
Der zivllisierte Mensch kommt erst auf mühsamen Umwegen dahin, wohin den Naturmenschen der einfache 3nstinkt führt. Eine Negermutter weiß nichts von Vitaminen und macht es doch richtig. Sie läßt ihr Kind an der Brust, bis es läuft und sich Fruchte pflücken kann. Könnten es unsere Mütter diesen „Wilden" nachtun!
Hüte im Herbst.
Der Stroh Hut, der dieses 3ahr sowieso nicht recht durchdringen konnte, ist endgültig begraben. Seine Majestät der Filz regiert in unzähligen Variationen und Farben. Man hat sich bis jetzt noch auf keine ausgesprochene Herbst- farben einigen können, es ist vielleicht auch besser so, ja es ist bestimmt besser so, denn ausgesprochene Modefarben lassen das gesamte Modebild eintönig erscheinen. Warum eigentlich immer dieses diktatorische „man trägt“ ? Frauenmode sollte niemals intolerant fein, denn Frauen sind immer individuell aufzufassen, werden niemals auf eine
Gleichung zu bringen fein. Bei Männermoden liegt der Fall weitaus einfacher, sie können viel eher auf persönliche Variationen verzichten, ohne an Charakter einzubühen. Bei der Frau handelt es sich in erster Linie um die Frage der Kleidsamkeit, der wichtigste Punkt auf dem Gebiete der Mode.
Man trug voriges 3ahr den fleinen steifen Zylinder und den hochgebauten Topfhut, letzterer kleidete fast immer, beim Zylinder war schon mehr Gefahr dabei. Man ist volllommen von beiden Formen abgekommen, Favorit ist der malerisch aufgeschlagene Filz- und Samthut, denen man schon im Sommer am Meer oft begegnete. Diese Hutform, keck aus dem Gesicht, mit einer Nadel aufgesteckt, ist unbedingt schon in ihrer geschwungenen Linie und der weichen Umrahmung des Gesichtes. Der Hut wird groß wie ein Brigantenhut, an Rinaldo Rinaldine erinnernd, getragen oder klein, ganz eng um den Kopf gc* zogen, immer wird das Vorderteil aufgeschlagen fein. Darin aber liegt die Gefahr; es gibt nämlich viele Gesichter, zu deren Schnitt- ein aufgeschlagener Hut unschön, um nicht zu sagen entstellend wirkt. Bei diesen Hüten werden große Anforderungen an das Profil der Trägerin gestellt. Es muß nicht gerade griechisch sein, aber immerhin gut proportioniert, weniger gut modellierte Gesichtspartien überschattet man besser mit einem vermittelnden Hutrand. Zedoch die andere Form ist Mode; vor der Kritiklosigkeit des lieben „3chs“ schweigt selbst der Spiegel und die vielen kleinen und größeren, auch in ihrer Art sehr fechen Hüte, welche Frau Mode und die Putzmacherinnen auf den Markt bringen, werden, stolz verschmäht; allerdings oft sehr zum eigenen Schaden. Man sieht es schon auf der Straße, und überall, wo ein Hut getragen wird, die auf- geschlagene Form ist für diesen Herbst Trumpf, Frauenlaune hat ihn, gewiß nicht unberechtigt, zum Liebling erkoren.
Nebenbei wird man noch sehr nette Filzmodelle, aus zweierlei Material mit Ornamentik verziert, bewundern können, auch soll in Paris» die Toque wieder zum neuen Leben erwacht sein. Wie es auch sei, alle diese Hüte haben einen schweren Stand gegen die aufgeschlagene Form, welche in Samt, Plüsch, Panne in äußerst eleganter Verarbeitung und in allen möglichen Farben eine ungemein dekorative Ergänzung der Toilette in erster Linie zum Samtmantel bilbet. Vor kurzem hat noch überall die Helligkeit des Sommers geleuchtet und nun soll sich die Ueber- leitung zu Herbst und Winter vollziehen. Der September ist in Bezug auf Modelinien und Richtungen nicht ganz geflärt, es gärt noch zu viel, erst im Oktober wird sich das Modebild in stilistischer Reife zeigen. Es ist aber nicht zu leugnen, daß diese neuen, aufgeschlagenen Hüte mit den geschweiften Mänteln ausgezeichnet harmonieren. Die „Glocke" hat in dem geschwungenen Hut einen malerischen Gegenpol gefunden. So wird die eine Linie in Gemeinschaft mit der anderen zum Ausdruck einer äußerst dekorativen Modesilhouette zusammenfließen. L. W.
Für Küche und Haus.
— Dlumenkohlauflauf. 80 bis 90 Gramm Butter werden mit einem Eßlöffel feinstem Weizenmehl geschwitzt und mit gut 1/4 Liter Sahne über dem Feuer und dann bis zum Auskühlen geschlagen; dann vermischt man 3 bis 5 Eigelb, zwei Eßlöffel geriebenen Parmesankäse und den steifen Eierschnee damit, streicht die Auf- laufmasse über einen großen oder mehrere kleine, in Salzwasser abgekochte Blumenkohlköpfe, die man, Rosen nach oben, in einer Backform ab- getropft angerichtet hat, und bäckt den Auflauf eine halbe Stunde in der Bratröhre.
— Lieberzogene Pfirsiche. Reife Psirsiche werden geschält, halbiert, vom Stein befreit und in Zuckersaft kurze Zeit geschmort und dann abtropfen gelassen. 10 Gramm Mondamin rührt man mit i/2 Liter Milch glatt, gibt 3 Eigelb, 50 Gramm Zucker und eine kleine Prise Salz daran und rührt auf gelindem Feuer eine dicke Creme. Sie muß unter wiederholtem Llmrühren erkalten und wird nun mit 2 Löffeln Weinbrand und i/s Liter ungesüßter Schlagsahne unterzogen. Die Pfirsiche häuft man zierlich auf eine Glasschüssel und überzieht sie mit der Creme. Kleine Löffelbiskuits oder einfache Waffeln reicht man nebenher.
— Köstlicher kalter Pfirsich. Schone reife Pfirsiche werden geschält, bleiben bann abeo ganz. Aus Zucker kocht man mit Wasser und etwas kleingeschnittener Vanille einen dicklichen Zuckersaft. Zeder geschälte Pfirsich wird eine Minute, nicht länger, in den kochenden Zuckersirup gelegt, dann sofort mit kleinem Schaums löffel herausgenommen. Die fertigen Pfirsiche werden bergförmig in einer Glasschale aufgebaut, an den Zuckersaft gibt man ein kleines Gläschen Maraschino und gießt ihn behutsam Über die Pfirsiche. Sie müffen sehr kalt bis zum Anrichten gestellt werden, sie schmecken ganz köstlich und erfrischend, zu ihnen reicht man leichtes Diskuitgebäck.
„Laß das"!
Don Fritz Müll er-Partenkirchen.
Als er klein und dumm war, flog ihm die Ching en röte an wie Fahnen, die em Steilwind «uS der Herzgrube züngelnd auftreibt in die Wangen. Unb mutwillig wie schon Fahnen etn- Mal sind, tat der kleine Bodenrutschsr Fritzi allerlei, was.den Eltern nicht bequem war.
„Laß das, Fritzi!" hieß es dann. Und wenn er's nicht verstehen konnte, um ein Stückel drohender: „Fritzi, laß das!"
Aber er begriff nicht. Die Fahnen knallten in den Wirbelwinden seiner Fugend gar zu stürmisch hoch im Steilwind und klatschten in die Wangen, daß es ihn umtrieb, um und um. Kam ein elterliches Klatschen auf die Gegend feiner RutschunteÄage, immerzu begleitet von: „Laß daS, Fritzi . . . Fritzi, laß daS!" Und er begriff noch immer nicht Nur in den Ohren hatte er tagaus tagein ben Klang von „Laß das, Fritzi — Fritzi, laß das!"
Ein Fremder auf der Straße tätschelte ihm das Blondköpfchen: „Nun, tote heißt Du, Kleiner?"
„Fritzi."
„So so, der Fritzi bist Du?! Und wie heißt jDu noch?"
Schweigen.
„Ei, Du mußt doch einen anderen Namen haben, 3unge?“
Die roten Fahnenzipfeln in den Wangen sanken, hoch stieg eine Klatscherinnerung. „Na, wird'S bald, Kleiner: wie heißt Du noch?"
„Laß das."
Kvpftchüttelnd ging der Fremde weiter: „LahdaS, Fritzi Laßbas, welch ein sonderbarer Name?"
Fritzi Laßbas wurde älter, in die Schule kam er. Voller Spannung schaute er aufs Lehrerpult Kam von dort die Taufe, würden sie ihn endlich um benenn en? Unruhig rutschte er auf seinem Dänklein hin und her. „Laß das!" kam es vom Katheder. Und es blieb beim Laß das durch die ganze Schulzeit. Der zweite rote Fahnenzipfel rutschte aus den Wangen.
Er kriegte einen Freund. Bedächtige Verwandte hatten ihm gerade diesen zugeschoben: „Der Fritz ist impulsiv. Gut, daß er diesen überlegten Freund kriegt Der wird ihm die Wage halten." Fritz wollte etwas unternehmen. Es gehörte Mut zu dem Geschäft Wenn's glückte, war er freilich flott, und seine Segel blähten sich auf hoher See. Kam der bestellte Freund, hob warnend feinen Finger: „Fritz, laß das. Nimm fieber die Deamtenstellung, die ist sicher." Fritz nahm die Beamtenftellung, und ein neuer Fahnenzipfel sank ihm auS ben Wangen.
Beamter mit Pensionsberechtigung — da fand sich bald die Frau, die dazu paßte. Hoch flog ein Fahnenzipfel seiner Fugend. Stürmisch riß er sie ans Herz. „Laß das, bitte,“ sagte sie.
Er trabte im Geschirr. Er kriegte Kinder. Er lernte selber „Laß das!“ sagen. Drei kleine Laßdas tollten spielend — ach nein, trippelten brav und knftten kerzengrad und scheitelrichtig durch ein wohlerzogenes Leben.
Und als es Zeit zum Sterben war und er sich müde auf die dunkle Seite legen wollte, wo kein „Laß das!" mehr ihn hätte schrecken können, streckte der Tod ein wenig ungestüm die Hand nach seiner Liegstatt aus. „Laß daS!" murmelte der Sterbende mit einem letzten Zwangsgedanken. Sank die Lösehand des Todes. Er hatte ihn gelassen. Zermürbt schwankte der alte Mann, der nicht mehr leben, nicht mehr sterben konnte, durch ein leeres Leben.
Er ist mir neulich auf der Straße begegnet. 3ch erschrak vor feinen Wangen. So blutver- lassen hab' ich sie bei Toten nicht gesehen. Wir gingen ein Stück durch eine menschenleere Gasse. Dor unS ging ein Mann mit einem Zungen. Da war ein Prellstein an der Ecke. Der 3trage nahm einen Anlauf.
„Passen Sie auf,“ sagte mein Gefährte, „gleich wird's ihm fein Vater sagen." — „Was denn?" — „Laß das!"
Aber der 3unge sprang über den Prellstein, unb fein Vater klatschte in die Hände: „Dabei kommt das Blut in Fluß, recht so mein 3unge, tu das!“
Meinen Gefährten riß es. „Tu das?" sagte er mit einer verwehten, überfälligen Stimme, „tu das, und nicht laß das? 3st denn eine neue Zeit?“
„Hopla!“ rief des Zungen Vater, „hopla!" und sprang selber über den Prellstein.
Stehen blieb mein Weggefährte. Groh hat er mich angesehen. „Zch glaube meine Zeit ist um“, sagte er müde. Sein grauer Bart schien vollends weiß anzulaufen. Das aufgehaltene LaßdaSPendel schwang, losgelassen, durch die vjeit, deckte mit Sekundenschnelligkeit ein ganzes Menschenleben — mehr als das: schwang hinaus darüber, Überkopf zurück in seine erste Zugend, wo ihm noch fein Laßbas seine Fahnen nah und schlaff gemacht. Hoch stieg in seinen fahlen Wangen eine späte Lohe, flackerte, erlosch unb nahm ihn mit.
Zch hab ihn auf dem Heimweg stützen müssen. Am dritten Tage habe ich ihn begraben helfen, den überfälligen Fritz Laßdas. Fast wäre ich an seinem Grabe versucht gewesen, ihn im Gedenken an sein verpfuschtes Leben mit einem „Laß das!“ aus der kühlen Erde in ein besseres Leben zurückzurufen. Aber die Erde ist kein Fritzi Laßdas. Was die hat, das läßt sie nimmer.


