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Nr. 68 Drittes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen)

Samstag, 2\. März 1925

Warum haben wir den Krieg verloren?

Das Scheitern deS deutschen Angriffs im Früh­jahr und Sommer 1918.

Eine Buchbesprechung.')

DieseS Buch hat etwas ungemein Auf­regendes und Aufpeitschendes. Mer Jahre schwersten Ringens, treuster Hingabe, jähsten Be­harrens, endlich daS Wunder des Durchbruchs und der Sieg in Greifwette da wird der entscheidende Stoß. der über das Schicksal einer Welt entscheiden sollte, gehemmt durch franzosi- schen Sekt, Rotwein, Rum und englischen Whisky. Alle Genialität der Führer, aller Opfermut der Truppen ertrunken im Schnaps. Die Gunst der Stunde, daS köstliche Geschenk des Augenblicks vertan, verschwendet um trüben Genusses, um RauschlrankS willen. Deutschland endgültig ge­schlagen und besiegt durch das eigene Lasier. Der Alkohol hat Weltgeschichte gemacht.

Kann daS sein? Gs bäumt sich etwaS in einem dagegen auf. Der Widersinn scheint zu groß. Die deutsche Weltmacht an Branntwein- fässern gescheitert? GroteSk klingt das, wie ein teuflischer Wih. Man sucht unwillkürlich nach ©rünben, um diese Schmach abzuwehren. Hatte die Rtederlage nicht andere Wirkungen? Wilson mit feinen 14 Punkten, die bulgarische Front, Amerika, der Zusammenbruch der Heimat. Run soll eS der Alkohol fein. 3a, daß er mitgewirkt hat, dah er einen Teil der Schuld trägt, das mag man gelten lassen. Aber, daß man ihm nun alleS aufS Konto setzt das scheint über­trieben und gerade wegen der Uebertreibung unsinnig, ilnb doch, warum eigentlich? Sicher haben schon viel kleinere Dinge Weltgeschichte gemacht. Wegen der Laune von Frauen sind Kriege entfesselt worden, die Marne-Schlacht soll abgebrochen worden sein wegen der schlechten Rerven eines Generalstabsoffiziers, tückischer Zu­fall hat schon manchmal über Dölkergeschicke be­stimmt. Man weih es lange. Kleine Ursachen, groh« Wirkungen. DaS Streichholz im Pulver- turm Möglich ist an sich alles. Hni> nun be­hauptet unsere Schrift, die selbstverständlich alle anderen Gründe des Zusammenbruchs wohl in Betracht zieht, dah In der entscheidenden Stunde, da die Wage des Schicksals schwankte und ein Staubkorn das Gewicht nach der einen Seite neigen konnte, der Alkohol den Ausschlag zum Schlimmen bin gab.

Man lese die Berichte. Etwa 40 an der Zahl. Sie sind zumeist nicht offizieller, sondern persön­licher Art, Soldatenbriefe, Tagebuchblätter. Aber gerade deshalb auS dem Leben geschöpft und wirklichkeitsnah. Gin Einwand liegt sofort auf der Hand, was der einzelne Soldat sieht, reicht nicht weit. GS geht über die nächste Umgebung nicht hinaus. Sr übertreibt und legt Dingen Wert bei, die für das Ganz« völlig belanglos sind. Aber daS Unheimliche an diesen Berichten ist die entsetzliche Gleichförmigkeit, mit der sie auftreten. Sie sagen immer dasselbe. Und sie sagen eS immer wieder. Uederall mündet der deutsche Anariff. der über Stacheldrahtfelder und Abwehrbatterien, über Tankgeschwader und Trichterfelder vorgestohen war. schließlich in Sekt­kellern und kommt dort zum Erlöschen. So bei der groben Offensive auf Amiens in Albert, DillerS Bretonneur und Montdidier, so später in ArmentiereS. SstaireS, Mervllle, in SoiffonS, Dille an TardenoiS uff. Gs wirkt beinahe ge- spensterhaft. überall an den entscheidenden Stellen sind Kognak-Fässer im Spiel, immer in den ent­scheidenden Augenblicken tauchen Sektflaschen vor uns auf die feindliche Stellung ist geschützt

') Warum haben wir den Krieg verloren? Don Univ.-Professor Dr. D. Hans Schmidt. sReuland-Derlag G. m. b. H.. Hamburg 30, Preis 1 Mk.)

Wintertage im Dogeisberg.

Eigentlich war ich schon so halb auf Paddelboot und halb aüs Fahrrad eingerichtet, und überhaupt auf Frühjahr mit Burgenwande­rungen und etwas von der bunten Melancholie deS »Ich weih nicht, was soll es bedeuten . . .

Ov muhte uh die Bretter noch einmal wachsen.

Don Giehen auS rattert der Zug nach Osten. Je höher wir kommen, desto dichter werden die Weißen Stellen, bis sich ein zusammenhän- gendcs kriftallgewebteS Tuch über d e Landschaft breitet. 3n Hungen steht ein Storchenpaar frie­rend (auf je einem Dein) im dick verschneiten Rest und blickt traurig und teilnahmslos in die vielen Gesichter, die auS den Wagenfenstern zu ihm hinaullachen. Schotten, die hochgelegene Kopfstation der Dogelsbergbahn. ist bald erreicht. Hier trennt s ch. was mit Rodel. Ski oder Wanderschuh heraufkam. und strebt getrenn' dem meist gemeinsamen Ziele zu: zum HoherodS- köpf, dem Gipfel de« Dogelsberges.

Gleich hinter den letzten Häusern des Ortes, auf der Brückenmauer des Mühlenbaches nehmen wir noch einen kräftigen Imbiß aus Rucksack und Thermosflasche, dann geht's auf den schlanken Brettern aufwärts. Ganz in der Ferne grüßt, von einem Svnne-nblick erleuchtet, das Ziel, die Klubhäuser am südwestlichen Steilhang des Gip­fels. Die Luft weht kalt und rein, die Lungen trinken gierig die labend? Frische Eine leichte Abfahrt bei Breungeshain verführt zu spie­lerischen Kurven auf glatten W'^senflächen, und schon ist ein prächtiges Idyll entdeckt: Das ver­eiste Mühlenrad am Dorfeingang. Roch immer plätschert das Wasser über die Speichen; das Dächlein hat ein EiSgebirge getürmt, und jeder neue Eiszapf wird in Stundenfrist zum Block. Dorfjugend ach! bis zu 40 ist man bei solchem .Tugend fliegt auf Schneeschuhen

« c hügeligen Gassen und hinüber zum Fuße des Giplels.

Dann beginnt daS Klettern. Oekonomie der Kräfte: Wer schreibt eine Dissertation über berg- steigende Schneefchuhläufer? Die Hölzer geschul­tert daS tut man nicht und rote Gesichter. Uff! dieser Berg! die .gut Gewachsten" schieben sich Schritt für Schritt vorwärts, immer den Delegravhenstangen nach, durch deren Drahte die Gespräche laufen:

"Hier Hoherodskopf h er Gießen. Wetzlar. Marburg. Fulda. Frankfurt, Offenbach"

.Wie ist der Schnee, das Wetter, die Tem­peratur. die Dahn, das Essen, die Unterkunft?"

.Dreißig Zentimeter, glänzend, kalt, vorzüg- 84k reichlich, vollkommen besetzt!"

durch einen Wall von Alkohol. Der deutsche An- griff ertrinkt.

Die Berichte find sicher geschickt gruppiert und dramatisch aufgebaut. Aber das ändert nichts an ihrer offenbaren Echtheit. Und man hat daS Gefühl, dah noch viel mehr gesagt werden könnte. Es sind hier nur Kristallifationspunkte geschaffen, die sich weiteres Material anschließen kann. Freilich, um ein vollständiges und stteng ob­jektives Bild der Alkoholwirküng zu gewinnen, sind die verschiedensten ilmftänbe zu berücksich­tigen. die grohen strategischen Zusammenhänge, Bodenverhältnisse. Der tärkungsmöglichkeit.n, MunitionSersah. Verhältnisse beim Feind u w. Der verhängnisvolle Sinfluh des Alkohols ist ja nur ein Moment unter vielen. Aber gerade den allgemeinen Hintergrund scheint der Der- fasfer ganz genau zu keimen. Er ist vier Jahre lang Frontoffizier gewesen und versteht den Krieg. Er hat die Literatur weitgehend durch­gearbeitet. Auch die ausländische. So gewinnen die Berichte gerade in dem Rahmen, in dam sie eingestellt sind, ein erhebliches Gewicht, ilnb was besonders bedeutungsvoll ist: Die oberste Heeresleitung scheint von diesen Dingen gewußt zu haben viel mehr, als sie begreiflicherweise öffentlich sagen wollte. In Händen de« Ver­fassers befinden sich Briefe von höchsten Stellen, auch von Ludendorff, die weitestgehende lieber» einflimmung bekunden. Das gibt zu denken. Der geschichtliche Tatbestand, wie er hier dargestellt ist, scheint unanfechtbar zu fein.

Gewiß, die Geschichte läßt sich nicht zurück- schrauben. Ob wir selbst im Fall der Eroberung von Amiens gesiegt hätten, wer will das un­bedingt sagen? Mitwenn und aber" der Ver­gangenheit gegenüber zu arbeiten, ist b sonderS undankbar. Die Schrift ist jedoch, abgesehen von den tatsächlichen Feststellungen nicht nach rück­wärts gewandt. Sie will auch nicht anflagen. Zumal nicht die Truppen, die ausgehungert und überanstrengt, eine leichte Deute des absicht­lich? massenweise aufgestapelten Alkohols wur­den. Dem Leser allerdings steigt oft die Scham­röte ins Gesicht, und er kann in dem Verhalten einzelner Truppenteile, bei allem Willen zu ent­schuldigen, nur ein bedauerliches Mah von lln» disziplin, Unkameradschaftlichkeit und Versündi­gung gegen den guten Geist unseres Heeres sehen. Aber solche Gefichtspu.ckle werden zurück- gestellt. Die Schrift ist vorwärts gerichtet. Sie schaut in die Zukunft. Sie totll warnen und be­lehren. An einen zukünftigen Krieg ist nicht gedacht. Wohl aber an etwa« Gröberes: An das Volksleben im ganzen, an Wiederaufbau und Erneuerung. Hier legt sie den Finger auf eine schmerzende Wunde und verpflicht?t zu nach­denklichem Ernst. Die entscheidenden W rte lau­ten:Auch die höchste Anspannung aller Kraft, auch die auffälligste Gunst der Umstände sind vergeblich, wenn ein Volk gegen die Macht feiner Trinkgewohnheiten wehrlos ist."

Roch eine Anmerkung sei verstattet: Das Buch hat auch eine menschliche Seite. Es ist ein Werk von erschütternder Gewalt. Bilder von einer Grausigkeit ft eigen empor, wie sie das Gehirn eines Poe. Wedekind. Ewers nicht in­fernalischer hätte ersinnen können. Deutsche Sol­daten, die in französischen Frauenfreidern fechten und fallen. Vermummte, die berauscht den feind­lichen Fliegern zuwinken. deren D mben sie zer- schmetterten. Ertrunkene, deren L.ichen in S.kt- kellern schwimmen, Artillerie, die statt der Ge­schosse Sektflaschen in die Protzen gepackt hat und im entscheidenden Fall nicht schieben kann. Das Herz krampst sich einem zusammen. Der Krieg wirkt Bilder des Entsetzens. Aber dieser Mummenschanz im Angesicht deS Todes, dieses Sterben in johlender Berauschtheit. dieses gie­rige Zechen der Reserven, während vorne die Kameraden im Todeskampf liegen, das ist das Schauerlichste.

Gießener Iukunstsaufgaben.

I.

Da« Ableben des Bürgermeisters Ärcn^ien bat die städtischen Körperschaften in überraschend schneller Weise vor die Aufgabe gestellt, eine neue Persönlichkeit zur Leitung des städtischen Dau° und GrundstückSdezernats zu berufen. Die Stelle ist mit anerkennenswerter Schnelligkeit zur Reubesetzung aus geschrieben worden. Man muß nun wünschen, daß die Stadtverordneten »Ver­sammlung bei der Wahl des neuen Mannes einen guten Griff tut und für unsere Stadt einen Chef des DaudezematS gewinnt, der von großem Format ist.

Die städtebaulichen und bodenpolitifchen Aus­gaben. die hier der Lösung durch den neuen Herrn harren, sind so vielgestaltig und fo verantwor­tungsschwer. daß nur ein Mann von ganz hervor­ragendem städtebaulichen Können ein zufrieden­stellendes Ergebnis ermöglichen kann. Durch die unglückseligen Verhältnisse in den Kriegsjahren und in der Rachkriegszeit ist die städtebauliche Entwicklung unserer Stadl in großer Lime gesehen völlig zum Stillstand gekommen. Unter diesem bisher unüberwindlichen Zustand hat der entschlafene Baudezement. Bürgermeister Krenzien, wohl am meisten gelitten, denn ihm hatte es ein widriges Geschick versagt, die Arbeit seines Geistes und die Kraft feines ehrlichen Wollens in Taten von weithin sichtbarer Gröhe umzusehen. Der neue Mann muß ein Erbe an­treten, das mit zehnjähriger erzwungener Ver­säumnis belastet ist. Aus dieser Erbschaft wollen wir heute mir einige besonders wichtige Punkte herausheben, die erkennen lassen, wie groß die Aufgabe des neuen Herrn ist.

Wie überall, so haben wir auch in Gießen mit einer schlimmen Wohnungsnot zu kämpfen. Die vielen gesundheitlich durchaus ungenügenden W'hnungen und das Zusammengepferchtsein zahl, reicher Familien in räumlich unzulänglichen De» Hausungen reden da eine Sprache, die an ein­drucksvoller Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Daß diesen, je länger je mehr, unhaltbaren Zuständen mit stärkster Anspannung aller Kräfte entgegengewirkt werden muß. ist selbstverständ­lich Als ein geeignetes Mittel hierzu ist die vielfach, sogar um jeden Preis begehrte Auf­rechterhaltung der Wohnungszwangswirtschaft nicht anzusehen: diese wird und kann das Heil niemals bringen. Ungeeignet ist aber auch eine rasche Beseitigung dieser Zwangswirtschaft, bevor ein der Rachfrage entsprechender Vorrat von gutem Wohnraum auf dem Wohnungsmarkt vor­handen ist. Die Lösung der Schwierigkeit ist nur in der Wiedereinschaltung der gewerblichen pri­vaten WohnungSvroduktion zu erblicken, denn die Städte als solche find ja nicht in der Gage, den erforderlichen Ausgleich zwischen Bedarf und unbedingter Dorrathaltung herzustsllen. ganz ab­gesehen oavon, dah die berufliche Wohnung-- Produktion ja gar nicht zu den eigenllichen Auf­gaben einer Stadtverwaltung gehört. Für die Wiederingangsetzung einer ganz großzügigen pri­vaten Wohnungsbautätigkeit sind tu unserer Stadt aber noch Vorbedingungen zu erfüllen, die zu den allernächsten Aufgaben des neuen Daudezer­neuten gehören werden Wir meinen die um­fassendste Erschließung von Bauge­lände, die bodenmäbige Herrichtung ganzer Stadtviertel. Was wir heute an baufertigem Gelände besitzen, ist gleich Rull. Es ist zwar bekannt, daß auf dem 'Sauamt gewisse Bebau­ungspläne liegen. Sind diese aber nach einem großen, einheitlichen ®enera[gebanfen und in um­fassendster Weise ausgearbeitet? Und entsprechen sie heute noch den Anforderungen, die der mo­dernen Entwicklung einer aufwärtsstrebenden Stadt Befriedigung gewähileisten? Daß es sich 'hierbei nicht nur um die Ausarbeitung von Strahen-

Das Rudel Bergsteiger zieht sich in die Länge. Der verschnauft, der Rettert im Treppen­schritt. der rutscht rückwärts, aber sicher, nach unten, und zu allem bläst ein übler W nd mit gefrorenen Wassertropfen wie mit Schrotkugeln in« Gesicht. Endlich ist's geschafft, die schützende Hütte erreicht. Ein doppelt- dreifacher Zaun von Brettern und Stöcken steckt im tiefen Schnee um das Haus. Drinnen gibt's Postkarten, Kaffee, Grog und keine Briefmarken. Und eine Menge Doll«!

Bubikopf und Breeches ist Trumpf. Für Mathematiker bestätigt sich die Erfahrung von der umgekehrten Proportionalität der Fäh gleiten im Kostüm und im Hebung«!»fänbe. Macht nif, hier kommt jeher auf feine Kosten!

Der Wald ist einzig. Tief verschneit und ganz vereist. Weiß die Stännne. weih die Kronen, darüber ein unwahrscheinlich blauer Himmel, so blau und so weiß, daß man der Ratur den Vor­wurf der Kitschigkeit mal wieder nicht ersparen kann und doch fassungslos dasteht vor soviel Pracht.

In windschneller Fahrt geht'« mm abwärts zwischen den Stämmen. Der Schnee stiebt imb b?r Atem fliegt, unten ein Sprung über den Graben, und in scharfer Kurve biegen wir ein in ben Auslauf der Rennbahn. Das ewig wech­selnde bunte Bild frischen Lebens! Gestraffte Körper, frische Gesichter, strahlende Augen. Und Älchen und Fliegen und Stürzen und Steigen in immer neuem Aus und Ab!

Dor uns zieht eine Spur durch den Schnee. Tiefste Waldeinsamkeit ringsum. Soime bringt bureb schneebelastete Tannenfahnen in we ß unb grün, bricht sich milliardenfach in ungezählten bchneekri st allen und blendet strahlend von oben aus dem Blau und dem Weiß des Bodens. Draußen gleißt die Landschaft. Und drüben hüllt den Gipfel ein neuer Schauer in graue Wolken. Wir schleifen und gleiten auf der einsamen Spur. Jetzt gabelt sie sich. Freundliche Hände schrieben die Richtung in den Schnee.

In gekwppeltem Zickzack erklimmen wir die Hohe von Herchenhain und lassen un- talwärts tragen. Wind schiebt. Hinter den ersten Häusern des tiefverwehten Dorfes schneeballen sich die Mädchen. Man fährt über Hundehütten und Gartenzäune, immer durch weichen Schnee. Eine Biegung der glattgetretenen Dorfstraße. und der Blick tut sich auf bergabwärts nach Hart­mannshain. durch das sich, dunkel herauf­glänzend, die Dahnschienen ziehen. In wenig Minuten sitzen wir in froher Gesellschaft im wohlgeheizten Zuge,

Der hereinbrechende Abend findet uns in Hirzenhain, im Kasino der B iderus-Werke. In gastlichem Hause ein warmer Imbiß stärkt zu neuen Taten: HebbelsCHlaria Maadnlena" auf ber Bühne des Kasinos. Den Abschluß b ldet eine Kostprobe vorjährigen, seh st gekeltert enAeppel- wmns" (Präbikat: Fabelhaft!). Dann schnarcht sehr bald alles den Schlaf des Gerechten.

Um drei, um fünf, um fieben wird im Hause irgendwo irgendwer geweckt. Der Kaffeetisch dampft", zum dritten Male von der nimmer­müden Hausfrau gerichtet, und während wir zum neuen Tage plaudernd Mag-n und Geräte rüsten, grüßt durch die helle Morgenluft in weiter Ferne der alte Bekannte vom Vortage: der Gipfel des Dogelsberges.

Draußen sind neun Grad Kälte. Der Schnee splittert auf der Straße. Wir grüßen noch einmal zurück:Um 1 Uhr winken wir herüber!" Das Zeißglas steht im Fenster.

Grell die Sonne, blendend der Schnee, herrlich schneidend kalt die Luft. An verwehten Weg­steinen vorbei geht's zum Walde. Bald gewinnen wir die Höhe. Talfahrt, noch einmal hinauf. Glashütten unb Steinberg bleiben zu beiben Seiten de« Rückens liegen. En glatter Sttilhang lockt gar zu sehr zum $1 egen und Gleiten. Drei-, viermal geht'« hinauf unb hinab. Gin Häslein schreckt aus seinem Lager auf unb jagt furchtsam davon.

_ Ein Baumstamm dampft in ber Sonne. Rast. Frühstück. Wir entdecken Tee mit Rum in ber Flasche. Dazu Schinken, Brot. Apfelsinen. Drei Rehe schauen zu unb gehen erschreckt quer durch die Schneise ab. Reugierig, wie sie sind, sehen wir sie gleich darauf noch einmal. Dann Dingelt ein Holzschlitten heran und gräbt tiefe Gelelle in den unberührten Winterteppich. Roch andere folgen und reißen rotbraune Erdkruste auf. Frohe Grüße fliegen hin und zurück.

Die Tanne über uns schmückt sich mit Eis« Aühfen. Ihre Tropfen gießen spielend zarte Muster in den Schnee. Wir brechen auf Es wirb unerträglich hell und heiß. Rings Schnee und Bäume, vor und unser Weg. unter uns nasser Schnee. Espappt". KilischWer hängt sich die Last an die Bretter. Das Wachs hilft nicht. Wir schleppen uns vorwärts. Stunden verrinnen. Rir- gends ein Weg, nirgends ein Dorf, nirgends ein Mensch Wir schnallen ab. Versinken knietief. Stapfen Weiter, schon stark erschöpft. Rings Schnee und Bäume und Einsamkeit. Endlich ein Aus- blick: Dunkel ber Dünsberg bei Gießen, weiter entfernt ber große Feldberg im Taunus. Kein Mensch, kein Dorf. Und der Schnee pappt. Wir machen eine Aufnahme:Verirrt" Und essen von unserer Schokolade. Denken an Straßen bah-

zügen handeln kann, sondern in besonders her­vorragendem Maße auch um die Festlegung von Richtlinien für die G e st a l t u n g de« städte­baulichen Gesicht-, möchten wir ausdrücklich hervorheben. Um nur einige Beispiele zu nen­nen : Bebaut man das Eichgärten-Ge- länbe. so müßte u. E. dafür eine einheitliche Richtschnur gelten, etwa Dillen bauten mit Gär­ten vor und hinter den Häusern, oder gartenstadt- artige Kleinwohnungsbauten, zu verhindern wäre aber, dah sich zwilchen derartige Wohnhaus- bauten etwa eine Mietskaserne in Form eines Dacksteinkastens oder gar ein industrieller Bau einschöbe. In dieser Gegend und umgeben von Gärten würde wohl auch ein Schulhausbau in Pavillonart mit dazwischenliegenden Spiel» und Turnplätzen und evtl, noch mit Unter- richtsgärten ganz gut anaebrach' sein. Rach ebenso einheitlichen Gefichtspuntten wäre auch die Be­bauung des Geländes nach Leihgestern hin zu regeln, wobei man vielleicht das Terrain zwischen dem Wartweg, 2IulWeg und der Frank­furter ©trabe für Klinikzwecke Vorbehalten. daS von dort oben nach ber Schisienberger Chaussee zu gelegene aber für Wohnzwecke ins Auge fassen könnte. Beiderseits der Mar­burger Straße bis herüber zum Bahndamm wäre natürlich gleichfalls ein ©traßenbild zn schaffen, das einer auf städtebauliche Schönheit gerichteten Kritik standhalten müßte. Ganz un- erläblich ist natürlich, daß die A u , s ch l i e h u n g ber erforderlichen Geländeflächen n ich t noch Wetter hinausgeschoben: wird: mit diesen Arbeiten sind wir ohnehin schon viel zu sehr im Rückstände. Rach diese« Richtung hin müssen nun endlich energische und Weitblickende Entschlüsse gefaßt und schnellmög­lichst in die Tat umgeseht werden. Man wird hierbei auch ins Auge fassen müssen, daß die Zukunft unserer Stadt es zur Pflicht macht, in großzügiger Weise auf die Bereitstel­lung von Industriegelänbe bedacht zrt sein. Dieses Wirb man wohl jenseits der Lahn in Anlehnung an den Hardt- hofbesih zu suchen haben, beim nach biefer Rich­tung hin liegen verkehrstechnische Möglichleiten, die wir diesseits deS Flusses leider nicht rnehrz bieten können. Bei der Schaffung der neuen/ Stadtviertel muß natürlich daraus gesehen wer­den, dah auch das Strahenbild auf einen Warmen, freundlichen Ton gestimmt ist. Aus falte und tote Straßen, wie etwa die Lud- wigstrahe, Dleichstrahe ufw verzichten wir in den neuen Vierteln, dagegen Werben ©traben mit Vorgärten, in der ©trabenmitte vielleicht auch mit gärtnerischen Anlagen geschmückt, sicherlich das Wohlgefallen aller Bür­ger sinden. Wetter wäre darauf zu achten, dah dort Spielplätze für die Kinder er­stehen, damit diese dem Strahenverkebr ferngc- halten werden und doch den notwendigen Aus­lauf haben. Bei dieser Reuordnung ist viel­leicht auch ins Auge zu fassen, dah man öert Philosophenwald zu einem zettgemähen Stadtpark mit gutgepflegten Wegen herrich­tet, die selbst bei nassem Wetter in erträglicher

nen und Eisenbahnabteile, Autovmnibusse unb Droschken, an gekehrte Bürgersteige, bie mit Sand bestreut sind...

Ein Klingeln! Ein Schlitten!

Rasch auf die Widerwilligen Bretter und vorwärts. Wir finden Anschluß und fahren auf dem Holzschlitten weiter. (Holzfchlitten sind viel schöner als alle Untergrundbahnen der Weltl) Doch auch bei Holzschlitten kommt die Station, dieAussteigen heißt.

Jetzt geht'« mit frischen Kräften durch den zähen Schnee, auf dem die heiße Sonne sich spie­gelt. Schon grüßt der Bilstein nah. drüben winkt der Höhenzug des Taunus mit dem mächtigen Abschluß im Feldberg Dazwischen spannt sich silbergleißend das hügelige Laad. Mtt allen Sinnen genießen Wir bas herrliche Licht unb bie Wohlige Wärme, die in bet klaren Winterluft hier oben herrscht, bis die tiefer- ftehende Sonne hauchzarte Schatten eines wilden Rosenbusches auf das famtne Weih langhintoer- fend malt und den nahenden Abend verkündet.

Auch bie Abfahrt vom Bilstein macht noch Mühe. Erst mit bem Glockenschlage fed#, als Wir in Dufenborn einfahren, wird die Bahn wieder fahrbar Am Kirchlein herab rodeln und schlittern die Kinder. Dom Wald herein kommt Holz geschleift, aus den Schornsteinen steigt der Rauch vom Abendessen-

Rach kräftigem Imbih mtt Milch unb Brot unb Eiern brechen wir auf. Draußen ist's bunfel geworben. Wir gewinnen bie Höhe der Straße und schreiten auf unseren frisch gewachsten Bret­tern frisch und Wett aus. Fern leuchtet Fried­berg herüber mtt blitzenden Lichtem, dicht da­bei Dad-Rauheim im verschneiten Park. 2lm Waldrand entlang eine stelle Kurve abwärt« nach Michelbach, das aus erleuchteten Fen­stern Helle Lichtkegel nach uns schießt, durch die Wir Spießruten laufen. Im Rücken dämmern verschlafene Dörfer, aufwärts am Horizont blinkt hell wie ein Stein das Licht der Fenster vom Hohervd-kopf. Und nun geht's eine prächtige, lange gerade Straße abwärts nach Schotten. Im tiefen Pulverschnee des anliegenden Wiesen­hanges sausen wir talwärts. Man sieht [eine zehn Schritte Weit Durch Löcher und über Hügel sausen wir geschwind, geschwind zu Tal. Ein Sturz, ich liege irgendwo neben meinen Bret­tern. Wasser im Gesicht und an den Händen. Eine Schneewehe über das schmale Dachgerinn'el War eingebrochen. Doch gleich ist alles wieder beisammen, und noch einmal gleiten bie glatten Hölzer über die lockende Fläche, bis wir im An­gesicht der ersten Häuser stoppen und die Skis geschultert, zur Dahn schreiten, bie uns heim­wärts trägt. e-e.

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