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Aus Stadt und Land.
(Ziehen, den 20. 3uni 1925.
Wenn die .Hausfrau verreist...
Mein Freund Heinrich hat seine Frau zur Erholung in die Sommerfrische geschickt Gs war dieS entschieden eine noble Lat, zumal er keine Hille im HauShalt hat. Sie wollte ursprünglich richt fortsahren. die gute Hausfrau, aber er hatte chr gesagt, sie müsse, und da muhte sie. Er hatte sich daS nämlid) sehr schön ausgerechnet, der Schlaumeier: Wahrend der Iuniwochen sollte die Frau aus Erholung sein, im August wollte er selbst fahren. Freilich hatte er nicht an die Mühen cincS Hausstandes gedacht und sich eingebildet, daü könne er alles allein besorgen. Morgens kocht er sich ja seinen Kaffee tadellos auf der Spiritus- moschine. Mittags aber. ja. da hapen's ein wenig, und er geht doch lieber in sein Gasthaus, wo er als Junggeselle immer gegessen har.
Gestern abend hielt ich ihnr das im Ulf mal vor und meinte, als Koch schiene er sich doch nicht- zuzutrauen Außerdem könne er nun doch mal merken, was eine Hausfrau wert sei. 21a, da hatte ich ihn aber beleidigt. 2lm Schlüsse seiner langatmigen Entgegnung lud er mich zum Mittagessen ein. das er selbst zubereiten wolle, um da sein Können unter Beweis zu stellen. Heute sollte das Essen steigen. Dorsorglich ast ich mich aber erst auherhalb satt, und das war gut . .
Auf der Treppe roch es schon so eigentümlich. und als Heinrich mir öffnete, halte er eine schmauchende Pfanne in der Hand, dast ich dachte, er wolle mich gleich ausrauchern. Trotzdem schritt ich mutig In das Innere der Gemächer. 3m Eßzimmer hiHerte sich Rolf, der Terrier, jaulend auf dem Teppich und wischte sich das heiße Fett vom Fell. Als fein Herr kam. kroch der Hund blitz» schnell unter das Sofa. „Schone Bescherung hier", sagte ich vorwurfsvoll. Da hörte ich denn nun daS ganze Mißgeschick.
Da halte Freund Heinrich versuchsweise gebrutzelt und gekocht, weil er sich doch nicht blamieren wollte, und hatte auch ein annehmbares Schnitzel fabriziert. Während er beim Decken im Eßzimmer in der Eile etliche Teller zerloppert hatte und dann wieder überall nach Messern und Gabeln suchte, hatte Rolf in fleischlicher Gier sich das Schnitzel in der Küche vorgebunden. Die Pfanne war umgefallen, das Felt in den Gasherd und auf Rolfs Pelz gespritzt. Mein Freund hatte in seiner Angst dem armen Wauwau erst einen Eimer Wasser über» gegossen und ihn dann vor Wut verhauen....
Wir gingen beide in das nächste Gasthaus. Er war betrübt und schrieb seiner Frau gleich eine Postkarte, ob sie nicht bald wiederkäme. man hätte doch mehr vom Urlaub, wenn man ihn gemeinschaftlich verbringen konnte.
•’ Zur 3ahrtaus endfeier des Saargebtetes wird uns vom Saar-Derein geschrieben: Rächsten Sonntag begeht das Saargebiet in festlicher Weise die Feier seiner tausendjährigen Zugehörigkeit zum deutschcm Daterlande. Schon seit Wochen hat man sich nicht nur in Saarbrücken, sondern im ganzen Saargebiet darauf vorbereitet, diese Feier zu einem machtvollen DekermtniS zum deutschen Daterlande, von dem
eS noch auf zehn 3ahre getrennt ist, zu gestatten. Es ist erklärlich, daß die Saar-Regierung bzw. ihre französischen Elemente, dieses Treubekenntnis zum Deutschtum, das der ganzen Welt die wahre Gesinnung des Saarvolkes feierlichst kundtun wird, nicht wahr haben will und versucht, diese mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu unterbinden. Sie hat stch darin wieder iln- erhörtes geleistet, indem sie den Beamten und Schulen die Teilnahme an der Jahrhundertfeier verboten und die Herunterholung von schwarz-weiß-rvten Zahnen durch Polizeiorgane angedreht hat. Die trcudeutsche Saarbevöllerung aber kümmert das eine so wenig, wie das andere. Die Flaggen, die am 21. Rovember 1918 zum letzten Male die zurück!ehren den Fronttnippen gegrüßt hatten und beim Erscheinen der nach- rüdenben Franzosen mit einem Schlag verschwanden, werden nun wieder dasein und den Festtagen den äußeren Glanz verleihen. Am Sonntagabend werden auf allen Höhen des Saar» gebiete- die Flammen lodern und das Winter- berg»Denkmal. das Zeichen hehrer, deutscher Hel» dengröße von 1870. daS Wahrzeichen Saarbrückens. in festlichem Glanze erstrahlen, so wohl am besten die heiße Liebe, die das Saarvoll zum deutschen Daterlande beseelt, symbolisierend. Auch heute stehl das Saaroolk im Schützengraben an der Westfront. Es hat bis jetzt erfolgreich alle französischen Angriffe auf seine Kultur und sein Deutschtum abgeschlagen, unter Hintansetzung aller Eigeninteressen sind sich die Parteien in diesem Bestreben einig. Der Feind des Deutsch- tums steht für sie nicht link- oder rechts, sondern im Westen. Rur durch diese Einigkeit ist es erllärlich. daß die Franzosen in ihrem Bestreben, das Saargebiet zu annektieren, bisher keinen Schritt vorwärts gekommen sind, und so wird es auch in Zukunft bleiben, bis die Stunde schlagt, wo der Treue der Lohn zuteil wird und wir mit, der heißgeliebten Mutter Alldeutschland wieder vereinigt sind. — 3n diesem Zusammenhang sei auf die Saar-Kundgebung hin- gewiesen. die heute, Samstag, abend, 8' .> Ufjr in der Turnhalle stattfindet.
•* Universität sgottesdien st. Morsen, Sonntag, findet in der Neuen Aula der Universität der zweite Universitatsgottesdienft dieses Semesters statt. Jedermann ist dazu eingeladen. Näheres im kirchlichen Anzeiger.
** Bereinigung ehemaliger Angehöriger des Realgymnasiums Gießen. Man schreibt uns: Die ^Bereinigung, die vor mehreren Wochen unter dem Vorsitz des Sanitätsrats Dr. B e ck e r - Sprendlinyen gebildet wurde, tritt, wie aus dem Anzeigenteil unseres Blattes ersichtlich ist. heute mit einem Ausruf an die Oefsentlichkeit. Sie wird am Samstag, 4. Juli, im Saalbau Sauer am Oswaldsgarten ihre offizielle Gründungsfeier abhalten. Um 4 Uhr nachmittags findet die Gründungs- Versammlung statt. Um 8 Uhr abends beginnt der Festakt, zu dem auch die Angehörigen der Teilnehmer eingeladen sind. Die Festrede wird umrahmt sein von a» erlesenen Darbietungen namhafter Gie- fjener Künstler und Musikfreunde. Auch für das ich anreihende gemütliche Zusammensein ist ein anziehendes Programm aufgestellt. U. a. wird ein reizendes zweiaktiges Lustspiel von Björnson zur Aufführung kommen. — Bei der freudigen Zustimmnug, die die Gründung der Vereinigung in allen Kreisen gefunden hat, darf erwartet werden, daß die einstigen Gießener Realgymnasiasten in großer Zahl von nah
und fern an dem Feste teiinehmen werden. Der vorbereitende Ausschuß bittet, daß jeder ehemalige An- gehörige der Schule sogleich seinen Beitritt, der keine nemrenswerte finanzielle Belastung verursacht, an« Zeigt und zugleich die genauen Anschriften aller ihm bekannten auswärtigen Kameraden angibt, damit ihnen der Aufruf zugesandt werden kann.
Aus dem Gießener Standesamt s r eg i st er. Es oerftarben in der Zeit vom 2. bis 15. Juni: 2. 3un:: Elise Lehrmund. geb. Spill. 41 Jahre alt. Lonystr. 2. 3. Ium Henriette Luise Groas. geb. Demmer. 77 I. alt, Klinikstr. 22. 4. Juni: Wilhelm Koch, Zahnarzt. 61 I. alt, Süd- anlagc 20; Katharine Andernach, geb. Schmalz. Witwe. 76 I. alt, Walltorstr. 5-3. 9. Juni: Otto Koch, Verwaltungs-Oberinspektor. 42 I. alt. Roonstr. 33. 11. Juni: Wilhelm Sturm, 4 Monate alt. Budde- straße 9. 12. Juni: Margarete Gerhard, geb. Zerr- ncr, Witwe, Nahrungsberg 3.
** Das erste Abonnementskonzert der Kapelle Topp fand am Donnerstag abend auf der Liedigshöhe statt. Trotz des ungünstigen Wetters — die Veranstaltung mußte deshalb im Saale abgehalten werden — war der Besuch recht gut. Das Programm war vorzüglich ausgewählt- fast jedes Stück brachte der Kapelle lebhaften Beifall, so daß immer Zugaben erfolgen mußten. Die Besucher dürften also voll und ganz auf ihre Rech- nung gekommen sein. Es ist hervorzuheben, daß die Kapelle der ehemaligen Militärmusiker unter der Leitung des Musikmeisters a. D. Hermann Topp sich gut aufeinander eingefpiett und erhebliche Fortschritte gemacht hat. Der Anfang am Donnerstag läßt erwarten, daß auch die weiteren Konzerte die Besucher zufriedenstellen werden. -z.
*• ,.W ege z u Kraft und Schönher t." 3m Lichtspielhaus Bahnhofstraße läuft gegenwärtig ein sehr beachtlicher Film, dem überall daS weitgehendste 3nteresse entgegengebracht toovben ist. Behandelt er doch eines ber wichtigsten und aktuellsten Themen aus dem so scharf um- kämpften Gebiete der Erziehung. „TDege zu Kraft und Schönheit" ist ein Filmstreifen, der inhaltlich tote technisch zu dem Dollendetsten gehört, was je in dieser Richtung geschaffen worden ist. Er umfaßt den gesamten Konrplex der Bewegungen, seien sie künstlerischer, seien sie sportlicher Ratur, immer dabei als Leitmotiv Kraft und Schönheit des Körpers betonend. Er gibt einen Tleberbltck über die Arbeit am menschlichen Körper, wie sie die verschiedenen Schulen und Systeme [elften. er zieht Beispiele aus allen Dölkern und Kulturen der Erde an, betont aber bei alledem stets den Gegenwarts- und Zukunftstoert all dieser körperbildenden Hebungen. Laban. Wigmaitn, Korsevina, Impekoven. Haffelgeist sind Ramen, die Prag amme enthalten: Dalcr-ze, Mensendieck, Bode und ihre Anhänger sind im Bilde festgehalten; die Prominenten auf dem Gebiete des Sports. Massenübungen und Einzelleistung za leicht- und schwerathletischer Ratur Tiere im Lauf und Sprung, alle diese Dinge, z. T. mit der Zeitlupe ausgenommen, tragen v.el zur Vertiefung des Derständnisses für das Wesen der Leibesübungen bei. Riemand, der sich ernsthaft mit den Fragen des Tages beschäftigt .sollte versäumen, sich diesen Film anzusehen.
** Waldfeste des Evangelischen Bundes finden im Juli in Lauterbach, Treis a. d. Lumda und auf dem Schiffenberg statt. Dabei soll Schönherrs Drama „Glaube und Heimat" aufgeführt werden.
Vornotizcn.
— Tagcskalender für Samstg. Bund „Saarvercin": Saarkundgebung 81 Uhr Turnhalle, Dorträge.
— Tageskalender für Sonntag. Gießener Ruder-Gesellschaft 1877 21 Uhr nachmittags Ruder-Regatta — Markus-Gemeinde nachmittags 21 Uhr Gemeindefeier.
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Der Schwank „Die vertagte Rächt" von Arnold und Bach, der einem leider schwach besetzten Hause als Dencfizvorstcllung des darstellenden Personals gegen Ende der Winter- spielzeit so ausnehmend gefallen hat, wird am Dienstag, 28. d. Mts. zum erstenmal wiederholt. Die Besetzung ist dieselbe wie im Winter, und der Besuch kann allen, die einmal herzlich lachen wollen, bestens empfohlen werden.
— Gießener Schwimmoerein. Der Vorverkauf von Karten für die 2. Nationalen Schwimmwettkämpse findet in der Müllerschen Badeanstalt statt. (<7iehe heutige Anzeige.)
— Deutscher Jugendbund Bismarck. Morgen, Sonntag, Sominersest auf der Karlsruhe. (Näheres im Anzeigenteil.)
Rotwein-Rezept für 25 Liter.
3m Dorjahr stellte ich mir nach den Angaben des neuen Weinbuchö, baß ich zufällig in einet Drogerie erhielt, aus Sauerkirschen 5 Liter Rotwein her, der so köstlich war, daß ich ihn in diesem Jahr in größerer Menge Herstellen will. Jeder meiner Freunde trank ihn für echt französischen Rotwein, keiner wollte es glauben, daß ich ihn selbst und dazu aus Sauerkirschen gemacht hätte. Da die Kirschenernte jetzt bald beginnt, will ich das Rezept nachstehend bekanntgeben. Sie sollen sich auSrechnen, daß eine ganze Flasche guter Rotwein höchstens 20 Pfg. kostet, wenn Sie die Kirschen kaufen müffen:
25 Pfund Sauerkirschen mit Steinen werden un» zerquetscht mit 15 Liter kochendem Wasser in einem Sleinguttopf übergoßen. Rach dem Abkühlen gibt man ein Päckchen Dierka-Dordeauxhefe hinzu (in Apotheken und Drogerien zu erhalten), verdeckt gut und läßt 24 Stunden stehen. Dann kocht man 71/, Pfund Zucker mit 5 Liter Wasier klar, läßt abkühlen, gießt die erkaltete Lösung zu dem Kirschen» ansah und läßt wieder 24 Stunden stehen. Darauf gießt man durch ein Leinentuch, ohne aber zu drücken, füllt die Flüssigkeit in einen 25-Liter-Ballon und gibt soviel Wasser hinzu, daß es 25 Liter sind. Der Wein ist unter Gärverschluh in 14 Tagen bis 3 Wochen fix und fertig!!! «Will man probeweise nur 5 Liter Rotwein machen, so nimmt man von allen Zutaten den fünften Teil ivon der Dierkaheke aber muß man immer ein ganzes Päckchen nehmen). Die übrigbleibenden Kirschen werden teilweise zu Kirschsuppe und Kirschkuchen verwendet, teilweise kocht man sie mit Zucker ein. 3m letztem Fall ergeben sie noch ein tadelloses Kompott, da» ähnlich einem solchen aus Süßkirschen bereiteten schmeckt und auSsieht, da ja doch der Hauptteil der Säure und Farbe in dem Rotwein ist.
Während man andere Weine, z. B. aus Feigen, Rosinen, Aepfeln, da« ganze Jahr mit Dierkahefen bereiten kann, ist dieser Rotwein ja nur zur Zeit der Reife der Sauerkirschen herzustellen. Hoffentlich erscheint mein Rezept daher noch rechtzeitig genug, damit Sie es noch in diesem Jahre probieren. 6179A Frau Lotte Krause.
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