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Girhener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

M. 42 Zweites Blatt

Das Wahlrecht.

Bon Professor Dr. Mar 3. Wolff.

Bach mehreren Wochen endloser Verband - lunflcn ist es endlich gelungen, wieder eine Beichsregterung zusammenzubringen. Es i(t nicht da- erstemal, dah wir das groteske und doch so beschämend-c Schauspiel erlebten, dah gerade in Zetten wichtigster politischer Entscheidungen die Geschäfte von einem Kabinett geführt wur­den, dah das Vertrauen des Reichstages^ nicht mehr genieht, dah ein parlamentarischer Führer nach dem anderen sich vergeblich bemüht, elf Männer zur Besetzung der Ministerftühlc zu­sammenzusuchen, bis es endlich gelingt, das Äom- promih zu finden, auf Grund dessen sich mehrere Parteien zur Bildung einer Regierung vereinigen tonnen. 3m Reichstag gibt cS unglücklicherweise feine klare Majorität. Weder der Block der Rechten, noch der der Witte oder der Linken besitzt sie. und jede Partei, die die Last der Re­gierung zu übernehmen bereit ist. muh sich mit anderen Gruppen zu sammentun. die in mehr oder weniger wichtigen Fragen nicht mit ihr übereinstimmen.

Wan braucht deshalb nicht das parlamen­tarische System als solches zu verwerfen, zumal da es. zum mindesten im Augenblick, die einzig mögliche RegierungSfvrm in Deutschland ist, aber ebenso sicher ist es. dah die Maschine bei uns nicht funktioniert. Mnb daS ist die Folge deS Wahlrechts.

Dah es ein Mihgrifs war. schon die Zwanzigjährigen beiderlei Geschlechts, also Leute ohne jede Lebenserfahrung als vollwertige Wähler einzuschreiben, ist heute allgemein an- erkannt, aber daS ist noch nicht der schlimmste Fehler dieses Wahlrechts. Seine Schöpfer waren mit peinlicher Gewissenhaftigkeit darauf bedacht, dah nicht eine Stimme, und wenn sie dem be­scheidensten und politisch unbeüeutcnstden Grüpp­chen zuteil toirb, verloren gehe. Mit allen fün­ften der höheren Mathematik haben sie für den Schutz der Minoritäten gesorgt und dabei völlig übersehen, dah sie mit dieser Methode den Grundsätzen des parlamentarisch regierten Staa­tes ins Gesicht schlagen, ja eine Parla­ment s r e g i e r u n g praktisch unmög­lich machten.

Soll das Parlament nicht, wie ehemals, nur eine kritisierende und bewilligenoe Versamm­lung sein, sondern selber durch beauftragte Minister die Herrschaft ausübcn. so muh das Wahlrecht derartig zugeschnitten sein, dah es zunächst für die Majorität und nicht für die Minorität forgt. Es muh nicht mit allen, selbst den ausgeklügelsten Mitteln die Minderheiten schützen, sondern in erster Linie eine leistungsfähige Mehrheit schaffen. Denn die Mehrheit muh regieren, und das kann sie um so besser, je stärker sie ist, selbst auf Kosten der Minorität.

Man kann die Klasse der Wähler in zwei große Klassen einteilen, in eine bewegliche und eine unbewegliche. Die letzteren sind durch irgendwelche Beziehungen, sei es als ein­geschriebene Mitglieder, sei es durch Stellung, Interesse, Religion oder Tradition oder sei es durch die jeden Menschen innewohnende Träg­heit, so fest an eine Partei gebunden, dah sie ihr chre Stimme geben, selbst wenn sie mit ihren Leistungen nicht zufrieden sind. Die beweg­liche Klasse dagegen umfaht die Wähler, die ohne eine derartige Bindung sich von der je­weiligen Tendenz der Zeil und den augenblick­lichen politischen Botwendigkeiten in der Aus­übung ihres Stimmrechts bccinfluffcn lassen. Es gehören schon umwälzende politische Ereig- niffc dazu, um das grohe Heer der unbeweglichen Wähler aufzurütteln und der gewohnten Partei abtrünnig zu machen. 3n der Regel beschränkt sich der Stimmungsumschwung auf die Verhältnis- , mäßig kleine Zahl der beweglichen Wähler. ! Das Wahlsystem im parlamentarisch regierten Staat muh daher so gestaltet sein, daß diese ! im Gegensatz zu der kompakten Masse der un­beweglichen Wähler den Ausschlag geben und einem cingctrelcncn Wechsel der Anschauung zum Durchbruch verhelfen können. 3hr Liebertritt von einer Partei zur anderen muh genügen, um i dieser eine sichere starke Mehrheit und damit für die nächste Zeit die parlamentarische Herrschaft zu verschafsen.

Sehen wir nach England, wo doch die varlamentarische Maschinerie noch am besten ar­beitet. Die Konservativen haben dort eine Zwei­drittelmehrheit im Unterhaus; eine verhältnis­mäßig geringe Verschiebung in der

Gießener Stadttheater.

Älabunb:Dcr Krcidekrcis". Erftauffulirnnf.

Wenn in der kurzen Einführung zu diesem Spiel (.Gieß. Anz." Br. 40 vom 17 d. M) des Ganges im Schneesturm nicht gedacht wurde, so geschah es mit Absicht. Da rollt sich der Klabundkäsor recht hilflos im Schnee umher und räfonnicrt, weil ihm niemand auf die Beine Hilst. 3hm und dem ganzen Stück wäre viel geholfen, wenn man das Räsonnement und den vierten Akt stark beschneiden wollte l

Das Ganze ist ein Spiel, ein Märchen, ganz jenseits aller Wirklichkeit (wenn man es eben in dieser Form bearbeitet), und Sprache und Geste stehen im Vordergrund. Der Spielleiter -muß seine Helle Freude daran haben und hat sie auch, wenn er von seinen Darstellern willig unterstützt wird.

Vorher ein Wort zu den Dekorationen (Karl I Löffler). Richt allein der Fleiß muß an- i erkannt werden, mit dem die ganze Ausstattung I hergestellt worden war. wichtig ist zu sagen, dah | in allen Bildern eine zierliche Leichtigkeit vor- i herrschte, die das Unwirkliche des Geschehens be­tonte, dah eine Fertigkeit herrschte, die das märchenhafte Kunterbunt der Handlung unter­strich, und dah in dein Schwarz der abschliehen- den Gardine ein feiner Zug lag: Das un­bestimmte, für alle Möglichkeiten offene Milieu des Teehaufes festzuhalten. Der ereignisschwangc- i ren Atmosphäre des OrteS hätte es noch gedient, I wenn der Raum niedriger gehalten worden wäre. Dah man den Mut sand, Gönne und Mond und | auch den Kreidekreis zu Beginn in übernaiür- i liehen Proportionen und bewuht starken, absolut | unnaturalistischen Farben auf den Horizont zu projizieren, verdient Beifall. Ludwig Keim, der für die Beleuchtung zeichnete, darf sich das als Plus anrechnen.

Wählerschaft hat dazu ausgereicht, denn wenn man die bei den letzten Wahlen abgegebenen Stimmen zählt, so übertreffen die der regierenden Partei die der vereinigten Opposition nut in un­bedeutender Weise Das ist btc Folge eines Wahlrechts, das die Entscheidung nicht in die Hände der unbeweglichen. <ingelchuorenen Wähler legt, sondern in die des kleinen beweg- l i ch e n Faktors, her ein offenes Ohr für die Dedürsnifse des Augenblicks hct

Das englische Wahlrecht, das keine Stich­wahlen und keine absoluten Mehrheiten kennt, sondern den Kandidaten mit der rela­tiv größten Stimmenzahl a lS ge­wählt betrachtet, mag brutal und nicht unter allen Umständen nachahmenswert fein, aber es hat den großen Vorteil, dah eS jederzeit eine regierungsfähige Mehrheit er­bringt. Kein Menfch denkt in England daran, besondere Maßnahmen zum Schuhe der Minder­heit auszuhecken. sondern chr Schutz besteht eben darin, dah die Parteien im Wahlkampfe unter gleich günstigen Bedingungen kämp­fen. und dah die unterliegende die AuSs cht hat. auch ihrerseits durch eine geringe Verschiebung der Wählerschaft das nächste Mal zur herr­schenden zu werden.

Das deutsche Wahlrecht dagegen ttift die denkbar weitestgehenden Äautelcn. um die Bildung einer Haren Parlamentsmehrheit un­möglich zu machen. Es unterliegt keinem Zwetfel, dah die Reichstag- -'ahlen im Mai ohne diese übertriebene und verfehlte Rücksicht auf die Minderheit den rechte.ebenden Parteien eine starke Mehrheit gebracht hätten. Eine Rechts­regierung mag nicht nach jedermanns Geschmack fein, aber jeder, der über den ern ten Partei­horizont hinauszublicken vermag, wird zugeben. Daß es cin ungeheurer Vorteil gcwef . n wäre, wenn wir in den letzten neun Monaten eine starke einheitliche Regierung mit einer geschloffenen ar­beitsfähigen Majorität im Parlament ;'c n hätten. Alle die Unsicherheiten und Halbheiten der jüngsten Vergangenheit wären uns erspart geblieben, eS wären keine Reuwahßn erforder­nd) gewesen, die dank dem Wahlrecht wieder keine klare Entscheidung bringen konn­ten, noch gebracht haben.

Bei der Schöpsung dieses Wahlrechts hat unS, wie so oft. die übertriebene bcut- f ch c Gcrcchtigkeitsliebe einen bblcn Streich gespielt. Man übersah, dah das ho bste Recht zum Unrecht wird, trenn cs über dem Re^t den Zweck des Rechtes verfehlt. Theorie und Praxis gehen wie immer auseinander. 3n der Theorie klingt es ja sehr schön, dah keine Wahl- stimme verloren geht, in der Praxis wird daraus cin schweres Unrecht an der Gesamt­heit. Das Wahlrecht darf nicht unter formal- juristischen, sondern muh unter politischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Es Darf nicht dem 3ndividuum geben, was es der Gesamtheit entzieht, die Möglichkeit, ihren Willen durch­zusehen, und zwar in einer Weise durchausetzcn, die die parlamentarischen Formen nicht tötet, sondern mit Leben erfüllt. Ein Wahlrecht soll nicht gerecht, sondern praktisch brauchbar fein, und dazu ist es notwendig, dah die Minderheit schon in der Wahl selbst die Konsequenzen ihrer Minderheitsstellung auf sich nimmt und nicht durch künstliche Hintertüren einen Einfluß gc- toinnt, der die Majorität schwächt und arbeits­unfähig macht.

Das englische Wahlrecht ist gewih nicht un­bedingt empfehlenswert, aber es hat doch durch die 3ahrhunderte den Beweis erbracht, dah man mit i h m regieren kann: das deutsche da­gegen mag theoretisch das beste aller Wahlrechte sein, aber schon die wenigen 3ahre seiner Aus­übung haben gezeigt, dah eS in der Praxis völlig versagt und dringend reform­bedürftig ist.

Die Wrangelflotte.

Don unserem Bukarester Mitarbeiter.

Bukarest, im Februar.

Seit der Anerkennung der Sowjetregierung durch Hcrriot vergeht kein Tag. an dem in der Presse nicht die verschiedenartigsten Gerüchte über das weitere Schicksal der Wrangelflotte zu lesen wären. Bald hört man. daß eine russische Kom­mission mit der Hafenverwaltung von B i s e r t a . wo die. Wrangelslotte interniert ist, bereits wegen der ilebergabe der Schiffe in Verhandlungen getreten sei, bald wird dem Publikum im tiefsten Brustton der Ueberzcugung versichert, dah die in Diserta liegenden russi­

schen Kriegsschiffe jcgliHcn Kampfwert verloren hätten unb höchstens als Alteisen zu werten feien. Für den Laien müssen alle diele Gerüchte unklar bleiben, solange er über den Zweck dieser Tendonzmeldunaen nicht unterrichtet ist. An dem großen 3ntercffc. da- überall für daS weitere Schicksal der Wrangelslotte an den Tag gelegt wird, muß auch her naivste Beobachter sofort merken, dah es sich hier aanz ohne Zweifel um eine höchst wichtige Angelegenheit handelt. Wenn die Wrangelslotte aber tatsächlich jeglichen Kampswert verloren haben sollte, wozu dann die grohe Aufregung?

WaS hat eS nlfo eigentlich für eine Bewandt­nis mit den ruffifchen Kriegsschiffen in D'.fcrta? Zunächst muh einmal die bekannte Tatsache wiederholt wcrden.dah hie Krieg-schisfe. um die es sich hier handelt, nach dem Zusammenbruch hei Wränge! iront aus dem Schwarzen Meer nach Biscrta gebracht und hort von der fran­zösischen Regierung beschlagnah mt wurden Mit der 2lncrfennung Sowjetruhlands bekam die Angelegenheit nun sofort einen neuen Anstrich. Denn jetzt kann auch die französische Regierung nicht umhin, die Wrangelslotte als

' : f ch c e Staatseigentum be­trachten. Die ilebergabe der Fahrzeuge an die russische Rcaicrung schien von dieser Seite be­leuchtet bereits eine beschlossene Tatsache zu fein. 3n der Zwischenzeit hat man nun aber herauS» pefunben, daß Die Ucbergabc her Wränge!» Hotte an die Eowjetregierunq doch vielleicht eine nicht wieder gut zu machende politische Dummheit sein konnte. Denn es handelt sich hier durchaus nicht um irgendein paar alte abgeklapperte Kasten, sondern um eine Flotte neuen Datums von insgesamt 67 000 Tonnen. Die in Biserta internierte Wrangelslotte be­steht auS zwei Panzerschiffen, einem Kreuzer, einem Hilfskreuzer. Drei Torpedobooten. Heben Torpedobootjägern, vier U-Booten, zwei Kano­nenbooten. einem Avifo und fünf Eisbrechern. Die Panzerschiffe find im 3ahre 1914 erbaut worden, die Torpedobootjäger flammen aus der KriegSzeit und nur die U-Boote finb älteren Datums.

Es handelt fick hier nun nicht nur um den effektiven Kampfwert der Wringe! ktte, sondern in noch weit höherem Miße-um die Frage, wo Mele Schi fe nach der Ucbergabc an S^wjciruh- land hinkommen sollen. Es kann schon jetzt kein Zweifel darüber fein, dah hier lediglich daS Schwarze Meer ober die Ostsee in Frage kommen. Damit ist aber auch bereits der wurde Pun t deS ganzen Problems blohge'eat. Denn in den einen wie in dem anderen Falle würde die Wrangclilottc zufällig eine Bedro­hung von Staaten darstellen, die e.ecko zu ällig zu den Trabanten der®r ßen Ration" gehören. 3m Schwarten Meer ist eS Rumänien, in der Ostsee Polen und die übrigen baltischen Rand­staaten. die das größte 3ntercHe daran haben, dah die Wrangelslotte nicht an Rußland zu- rückgegeben wird.

Am schwersten ist Rumänien der Schreck in die Glieder gefahren. Darauf weisen schon die ängstlichen Ausführungen deS Herrn Vintila CBr atianu , des rumänischen Finanzministers, während seines Londoner Aufenthaltes hin. Aber auch die zahlreichen Proteste Rumäniens, Finnsands. Estlands und Lettlands die Polen scheinen ihren Einspruch in aller Stille bewerk­stelligt zu haben, zeigen deutlich, dah man die Rückgabe der Wrangelflotte an Sowjetrußland alles andere als freudig begrüßt. 3n Wirklich­keit sind hie Befürchtungen der an der g mzen Angelegenheit interessierten Staaten auch mehr als bered) i it. Rumänien hat von feinem roten Rachbar nichts gute» zu erwarten. Und von welchen Gefahren die baltischen Randstaaten be­droht werden, hat in Reval deutlich der 1. Dezember deS verflossenen Jahres gezeigt.

Die Bedenken Rumäniens und der baltifdjen Randstaaten scheinen neuerdings auch Frank­reich nachdenklich gestimmt zu haben. Jeden- falls sucht die französische Regierung die ganze Angelegenheit vorläuig noch hinauszu- zögern. Ein großer Teil der französischen Presse spricht sich entschieden gegen die Rück­gabe der Wrangelflotte aus. So ist denn in letzter Zeit auch hartnäckig daS Gerücht ver­breitet werden, die in 'Diserta stationierten Schiffe hätten ihren Kampswert als Kriegsfahrzeuge langst verloren. Dieser Kommentar kann nicht fon- kerlich überzeugend w rken. Er scheint vielmehr lediglich Zweck zum Ziel zu sein. Ziemlich tief leuchtet diesen Dingen daS3ournal des Debats" auf den Grund mit dem Eingeständnis, dah die

Und nun die Darsteller. Wie zu Beginn des Abends Gerda Bachfeld (Tschang-Har- tang) und Kurt 3oachim Daum (Prinz Pao) den Grundton des Spieles festlegten, so trugen sie auch daS Stück bis zum Ende. Tschong-Hai- tang war von einer unaufdringlichen Beschei­denheit, die stets einen Kreis ehrfürchtiger Scheu um dieses Geschöpf legte. Eins noch hilflose Be­fangenheit. Die leicht in kindliches Geplauder und Spiel umschlägt so im Anfang. Später Gattin, voll liebender Furcht zu dem starken Gebieter aufschauend, ergreifend in der stummen Klage um den gemordeten Gatten. Hilflos ge­brochen vor dem Gericht, immer mehr, zusammen­sinkend unter dem Druck des Blockes, mehr noch unter dem Gesicht völliger Verlassenheit Gren­zenlose Dorlorcnhett Hingt aus dem Liede im letzten Akt. Und vor allem dieser Blick hinauf zu dem Throne dessen, den sie mit Rainen nicht nennen darf und will! AuS tiefster Mütterlich­keit ausdredxnd am Ende, als der ferne Kaiser alS naher Mensch chr zur Seite sitzt.

Sparsam, eindringlichst dadurch in der Bewe­gung. stark musikalisch vom Rhythmus der Begleit­musik getragen, der Prinz Pao K. 3- Daum s. Sein Austritt war Rausch. Hier steht ein Kön­ner! Aus der Lcbcndiglett Dringlicher Frecheit erstarrt er zur bronzenen Würde des Kaisers, der mit silberner Stirn und geschlossenen Augen Symbol ist: groh in unnahbarer Majestät auf dem Thron, dennoch ein Mensch, über dessen Haupte die Pfauenseder tanzt, auch.wenn die Krone den Scheitel deckt: Schönheit, Leben und Liebe.

3uliuS Baste als dritter. Tong. der Be­sitzer des Teehaufes, früher Scharfrichter, heute Eunuch, blieb seiner Würde nichts schuldig. Ge­wichtig und geschmeidig pendelte er zwischen seinen goldenen Käfigen umher: Eine feine Cha- rafterleiflung. Auch im Ton grvtcSk. ohne Härten. Herr Ma ist ein Tiger im Gebüsch, nicht gut, nicht böse. Reich, Sklave seiner Triebe

und seines Geldes. Paul Schubert war nicht so. Er erschien ein Sklave der Regie, unrein in nicht passendem Gewände. Dieser an Geld und Blut schwertragende Mann bewegt sich schwerer, zügelt tiefere Leidenschaften als sic Schubert glaubhaft machen konnte. Freya S t u r m f e 1 s scheiterte als-pei aus Mangel a;i Musikalität. Anlage darf kein Dorwurf sein. Ihre ganz auf eine Linie eingestellte Sprechweise abgesehen von der unangenehmen Härte des Tones in dieser Lage warf die ganze Leistung um. Außerdem fehlte ihr ein mondäner Zug im Anfang, der die Schlechtigkeit des Spieles mit Haitang glaubhaft machte, und vor dem Kailer- thion dis Fallenlasfcn der MaSke, die schreiende Gemeinheit. Die Sturmfels war zu sehr Dame gestern abend! Ein ganz schwerer Mißgriff war Rudolf Golls Tschu-Ischu. Er vergaß den Trennungsstrich zu machen zwischen seiner AuftritlSfzene und dem späteren Spiel. Ein Komiker hat im Kreidekreis keinen Platz.

-Sic Spielleitung lag in den Händen des 3ntendanten 6 t e i n q d c 11 c r. Unterstützt von dem guten Willen aller seiner Mitarbeiter gelang es ihm, den Märchenton des Stücks imit den angebeuteten Einschränkungen) deutlich herausiustellcn und den lyrischen Charakter die­ses Bühncnspieles zu betonen. Dankenswert war vor allem die zur Unterstützung des Rhythmus ter Sprache und Geste ungemein wertvolle Büh­nenmusik Siegfried Schefflers. (Bei der Zwischenaktsmusik vor dem 4. und letzten Bild den Zuschauerraum dunkel!. Einige RaturaliS- men: die stumme Unterhaltung Ma-Tong im ersten Bild, daS unnötige Bewegen der Soldaten im 4. Akt, die nicht zum Spiel gehören, lallen sich wohl aMteilen. Ich mochte dahingestellt fein laffen, ob es nicht cin Gewinn für den letzten Akl Eilbote, den Kaiser und Tfchang-Haitang allein in dem leeren Saal zu lassen Eine seins Möglichkeit bietet das Ablegen der Krone: sie aebört zum Kaiser und Richter auf den Thron.

Donnerstag,genruar 1925

Wrangelslotte ohne Zwciscl wieder instand gefetzt werden kann und in Zukunft eine nicht hock genug cinzufchähendc Gelahr für daA verbündete Rumänien und die baltiichcn Rand- ftaaten darstellen würde. Den treffendsten Grund für die Verweigerung her Rückgabe ficht da- ge­nannte Blatt in der Möglichkeit, die Dranacl- flotte alS ein Aequivalcnt für die ruffi- fefcen Sckulden an Frankreich zu behandeln. Schon an diesem Fingerzeig kann man deutlich erkennen. daN Frankreich ohne Schwierigkeiten einen Grund für die Zurückhaltung der in Stferta liegenden Kriegsschiffe finden konnte. Man kann daher gcfpanni fein, in Weicker Weife DMc Angelegenheit ihre Erledigung finden wird.

Kirche und Landtag.

(*ine (Erklärung der evangelische» Kirchenregierung.

In der Sitzung de- Evangelischen L a n d e s k i r d> e n t a g S am 16. Februar wurde von der Kirchenregierung eine Erklärung abgegeben, die nachstehenden Wortlaut hat:

Durch das Edikt vom IS. Mär- 1820. die landständifchc Vcrfaffung de- Großherzogtums betreffend, fowie durch die DcrfaffungSurkundc vom 22. Dezember 1820 war der Evangclifchen Landeskirche in Helfen eine ständige Vertretung in der 1. Kammer fichcrgestellt. Die neue Staat#- verfalfung vom 12. Dezember 1919 kennt eine Vertretung Der EvanaeUfchcn Landeskirche im Landtag nicht. Der Evangelischen Landeskirche ist es dadurch unmöglich gemacht, auf die Land- to.g-verhandlungcn und Landtagsbcschlüsfc irgend­einen direkten Einfluß auszuüben. Sic kann weder in ihren eigenen Angelegenheiten, noch in den allgemein öffentlichen Angelegenheiten im Land­tag ihre Stimme erheben. Dic'cr Zustand ist bei der Bedeutung der Evangelischen Landeskirche für das ösicntliche Leben fehr zu bedauern. Sine Aendcrung der StaatSvcrfaffung erscheint für ab­sehbare Zeit ausgeschlossen. Deshalb sind andere Wege cinzuschlagen. damit die Evangelische Lan­deskirche im Landtag zu Wort kommt. Reben kirchlich gesinnten Männern und Frauen der Der- Ick.ebensten politischen Parteien muß auch solchen Kirchenmännern der Eintritt in den Landtag er­möglicht werden, die als sachkundig in allen die Evangelische Landes.'irche berührenden Fragen gelten können. Als solche kommen in erster Linie Persönlichkeiten in Frage, die der Kirchenregie­rung oder dem Landeskirchcnamt angehören. Wenn solche Persönlichkeiten daS Opfer bringen und fich auf die Listen politischer Parteien setzen lassen, und wenn von ihnen oder für He im Wahlkampf gearbeitet wird, ja, wenn hierdurch die Kirchenlettung in den unbegründeten Verdacht einseitiger Parteinahme für diese oder jene Partei kommt, so liegt dies in den gegenwärtigen Ver­hältnissen begründet und muß als eine bedauer­liche Folge dieser Verhältnisse hingenommen wer­den. Die Kirchenleitung alS solche legt Gewicht auf die Feststellung der Tatsache, daß sie wie die Kirche selbst über den politischen Parteien steht. Um so mehr erwartet sic von dem Evan­gelischen Landeskirchentag und der evangelischen Bevölkerung, einerlei welcher politischen Partei der einzelne sich zurcchnet, daß Tic in gerechter Würdigung der Lage der Landeskirche es er­tragen, wenn Vertreter der Kirchenregierung oder des Landeskirchenamtes aus Grund ihrer Mit­gliedschaft zu einer politischen Partei in ben Landtag cinziehen.

Aus der Provinz.

Landkreis (tiieftat.

* Großen-Linden, 17. Febr. Am SamSiag veranstaltete der Turnverein in feiner geräumigen Turn hall: fein diesjährige- Wintervergnügen. 3n einer kurzen An­sprache begrüßte der 1. Dorfiyende di: zahl­reich Erschienenen und wies auf die hohe Bedeutung des Turnens für die Ausbildung deS Körpers hin. Eine besondere Ehre wurde dem Vereine durch den Besuch des Gauvber- turnwarts Will zuteil. Die prächtigen turne­rischen Vorführungen der einzelnen Riegen, sowie der Damenabteilung zelten erfreuliche Fortschritte bei den Turnern und Turnerinnen. Besonders hervorgehoben sei das komische Turnen am Reck, bei dem vor allem die große Gewandtheit und Sicherheit, sowie herrliche Leistungen zur Geltung tarnen. Drei flott

zu dessen Stusen, im Angesicht des KrcidckreiscS, zwei Menschen fitzen.

Der am Schluß spontan ausbrechendc Beifall mag den Darstellern wie besonders dem Inten­danten gezeigt haben, wie verständnisvoll und dankbar man ihrem Bestreben nachzukommen ge­wußt hat. Dieser Ausführung ist noch manche- volle Haus zu wünschen. e-s

Kunst und Wissenschaft.

Darmstädter K'.rnstleben.

Darmstadt, 10. Februar. In her,K u n st unb Keramik" ist gegenwärtig eine Aus­stellung von Wormser Künstlern zu sehen, bic hier »umcift bekannt sind. Behringer bietet Stuhienköpfe: von besonbrrrr Eigenart ist sein St. Bernhard. S ch r ä g l e s Hafenbild ist eine der besten Leistungen dieser Vilverfchau. Don Heydt ist namentlich eine Rheinlandschatt zu erwähnen unb von Bertha Strauß eine Parklandschaft sowie ein Odenwaldhaus. Wegen seiner Stimmung unb interessanten Farkwir- kungen fesselt unter ben Bilbern K a e g e s bic Darstellung von abzioh^nden Regenwollrn. Schmitt widmet sich heimatlichen Motiven: eine AUrheinlandschaft, das Rheinuser bei Worms unb Odenwald la ndschasten find fchöne Ergeb­nisse feiner Stud.en. Don Hecker find Frauen- barstellungen und Tierbild (Tiger) zu erwähnen, die aus bem übrigen Rahmen der Ausstellung heraustrcten. W i c g e l s bietet einig? vortreff­liche Hochgcbirgslanbfcha'ten unb Margit Manz in Alzey hat ein? Reihe von ausgezeichneten Handdrücken (Holzschnitten- ausgestellt. D.

Stehr in Kopenhagen.

Hermann Stehr, hoffen gesamtes dichte­risches Schaffen nunmehr in einer neunbänbigen Gesamtausgabe vorliegt, wirb auf Einladung be­deut schon Gesandten am dänischen Hose am 6. Män im Deutschen Klub in Kopenhagen au* feinen Werken kfen