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Gießener Lnzetger (ivenerai-Anzeiger für Gder Hessen)
Nr. 296 Zweites Blatt
Zrettag. (8. Dezember 1925
Vir Organisation der Spartätigfeit zurZörüerung öes Wohnungsbaues.
Von Regierungsrot Dr. R i n d f u tz , Friedberg.
In meinem Aufsatz „Der derzeitige Stand der Wohnungsfrage in Hessen' in Dir. 293 dieser Zeitung habe ich folgende grundlegenden Feststellungen gemacht:
Wohnungen, die zur Zeit im sogenannten freien Spiel der Kräfte, das heißt ohne Gewährung von zinsoerbilligten öffentlichen Darlehen gebaut werden, find infolge der doppelten Baukosten und mindestens doppelten Kapitalzinsen nur rentabel, wenn die vierfachen Friedensmieten dafür bezahlt werden kän- neu. Mieten in dieser Höhe sind aber bei dem gegenwärtigen Stand unserer Wirtschaft untragbar. Denn abgesehen von anderen notleidenden Volks- treifen sind 80 Prozent der Deutschen Gehalts- und Lohnempfänger: und daß Gehälter und Löhne, die eine vierfache Miete tragbar machen würdeil, von unseren öffentlichen Kassen nicht ausgebracht werden und unsere Vftrtschaft auf deut Weltmarkt nicht fern1 kurrenzfähig erhalten können, bedarf keiner weiteren Ausführung. Die Hereinnahme von Auslandkapiiol für den ^Wohnungsbau wird von der Regierung mit Recht nicht geduldet, da unsere Zahlungsbilanz es höchstens verträgt, daß Auslanddarlehen für rein werbende Zwecke in beschränktem Umfang herein- genommen werden. Ich habe ferner in vorgenanntem Artikel nachgewiesen, daß die Mittel aus der staatlichen Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz, die auf Grund des § 26 der 3. Steuernotoerordnung in der Fassung, die er durch 8 11 des Gesetzes über Aendcrung des Finanzausgleichs vom 10. August 1925 erhalten Hai, in den Jahren 1926 und 1927 zur Verfügung stehen werden, nur dazu ausreichen, um jährlich soviel Wohnungen mit geringverzinslichen stdatlichcn Baudarlcheu zu fördern, als nach den seitherigen Erfahrungen jährlich mehr gebraucht werden. Die Wohnungen jedoch, die infolge des Ruhens der Bautätigkeit in der Kriegs- und Nachkriegszeit fehlen — ihre Zahl wird im 9teitf) auf nahezu 1 Million, in Hessen auf etwa 15 000 beziffert — können mit Hilfe des staatlichen Zuschußoer- fahrens nicht gebaut werden. Wir hatten ferner gesehen, daß, wer mit Hilfe dieser Staatsdarlehcn bauen will, 20 bis 25 Prozent der Bausumme — also bei bescheidenstem Bauvorhaben mindestens 2000 Mark — selbst besitzen mutz.
Aus diesen Grundtatsachen habe ich den Schluß gezogen, daß Mittel und Wege gejucht werden müssen, um im Inland Baukapital durch besondere Sparmaßnahmen mit besonders geregelter Zinspolitik zu beschaffen. Es muß mit der Zeit wieder erreicht werden, daß das Baukapital für den Kleinwohnungs- bau in erster Linie durch die Fülle der kleinen Sparer zusammengebracht wird. Mögen auch die Sparmöglichkeiten bei der gegenwärtigen Wirtschafts, trise für weite Teile unseres Volkes gering sein, so beweist doch die Zunahme der Spareinlagen bei unteren öffentlichen Sparkassen und das lebhafte Interesse, das den privaten Baujparorganisationen, die sich in den letzten Monaten ausgetan haben, cntgegeu- gebrckcht worden ist, daß der Wille zum Sparen und zur Selbsthilfe in unserer Bevölkerung vorhanden ist. Die hessischen öffentlichen Sparkasse n haben (neben der Eröffnung der Bausparkonten nach System 1, die wir in dem obenerwähnten Aufsatz besprochen haben) durch die Einrichtung von B a u s p a r k o n t e n (System II) Wege gezeigt, wioes durch beharrliche Spartätigkeit möglich ist, das Kapital zum B a u einer Wohnung nach und nach aufzubringen.
Der Bausparer hat sich durch Abschluß eines Vertrages zu verpflichten, wöchentlich mindestens 3 oder jährlich 156 Mark auf ein Bausparkonto cinzulegen. Es ist ihm freigestcllt, darüber hinaus nach Kräften weitere Einzahlungen zu leisten. Damit die Sparkasse ihrerseits Darlehen zu erträglichem Zinsfuß geben tann, werden die Einlagen auf Bausparkonto mit 3 v. H. verzinst. Der Bausparer erwirbt die Anwartschaft auf Gewährung von Baudarlehen bis zur Höchstsumme von 10 000 Mark, worauf das angesammelte Bausparguthaben angerechnet wird. Von der sich hiernach ergebenden Summe erhält der Bausparer 60 Prozent aus Mitteln der Bauspareinlaaen zu 4 Prozent Zinsen (Bauspardarlehen), den Rest bis zu 40 Prozent aus allgemeinen Mitteln der Sparkasse (Sparkassendorlehen), zu einem Zinsfuß, der 1 Prozent höher ist, als der jeweilige Einlage- zinsfuß der Sparkasse. Die Darlehensgewährung vollzieht sich nach folgenden Bestimmungen: Sobald jeweils die Gesamtsumme der Einlagen auf allen Bausparkonten die Höhe von 60 Prozent der vor
stehend erwähnten Höchstbetragssummc von 10 000 Mark erreicht hat, wird aus der Reihe der Anwärter der Darlehensempfänger festgestellt. Der erste, zweite, vierte, fünfte, siebente, achte, zehnte ufro. Darlehens- empsängcr wird durch das Los bestimmt, wobei jeder Bausparer die Nummer seines Vertrags als Losnummer erhält. Der dritte, sechste, neunte, zwölfte ufro., d. h. jeweils der dritte Darlchcnscmpiänger, wird derart ausgewählt, daß derjenige Bausparer, dem bis zum letzten Tag des vorausgegangenen Kalenderhalbjahres die meisten Zinsen ausgelaufen sind, der also am nachhaltigsten gespart hat, das Darlehen erhält. Wer also am s r ü h e st e n und n a ch - haltig st en mitSparcn ansängt,hatdie größten 'Aussichten auf baldige Gewährung eines B a u d a r l e h e n s. Die Bau- Iparer, die nur die Mindesteinlagen aufbringen können, find an der höheren Spartätigkeit ihrer Spar- genossen ebenfalls interessiert, weil sie dadurch mittelbar auch schneller zum Zug kommen, da die Losziehungen um so häufiger stattfinden können, je höhere Einlagen gemocht werden.
Die Bausparer sollen in der Regel zu Gruppen von je 100 Spargenossen zusammcngejchlossen werden, wobei in ländlichen Verhältnissen nach Möglichkeit die Balisparer einer größeren oder mehrerer kleineren Gemeinden eine Gruppe bilden sollen. Ist eine Gruppe vollzählig, dann kann die Sparkasse gleichwohl weitere Bausparer zu dieser Grupve zulassen, wenn die von den Gruppcnteilnehmern bereits einyezahlten Mindestbeträge mit Zinsen nachgezahll werden. Andernfalls werden sie der nächsten Gruppe zuaeteilt. Nur diejenigen Bausparer, die mit ihren Mindestzahlungen nicht im Rückstand sind, und mindestens 300 Mark eingezahlt haben, nehmen an der Losziehung und an der nach Maßgabe der ausgelaufenen Zinsen zu treffenden Auswahl teil. Uever die beiderseitigen Kündigungsmöglichkeiten sind besondere Bestimmungen getroffen, die aus den bei den Sparkassen und Gemeindebehörden erhältlichen Mlisterverträgen ersehen werden können. Es ist selbstverständlich, daß nicht alle Bausparer in kurzer Zeit mit der Gewährung eines Darlehens rechnen können. Wenn schon in Zeiten wirtschaftlicher Blüte ein jahrelanges beharrliches Sparen dazu gehört hat, um zu dem erforderlichen Eigenkapital für einen Hausbau zu gelangen, so ist es klar, daß in Zeiten größter wirtschaftlicher Not die Möglichkeiten nicht günstiger liegen können. Das Unternehmen wird nur dann van Erfolg gefrönt fein können, wenn alle, die an der Bekämpfung der Wohnungsnot ein unmittelbares oder mittelbares oder auch nur ein ideelles Interesse haben, sich daran beteiligen. Man denke an Hauseigentümer, die an der Erleichterung des Wohnungsmarktes interessiert sind, um in absehbarer Zeit von ihrer Zwangseinquartierung befreit zu werden, an Arbeitgeber, die infolge von Wohnungsschwierigkeiten keine Arbeiter und Angestellte bekommen können, an Eltern, die ihren Kindern bis zu ihrer Verheiratung ein Heim sicherstellen möchten, an junge Leute, die den Neberschuß ihres 'Arbeitsverdienstes dazu verwenden wollen, um bis zu ihrer Verheiratung zu einer Wohnung zu kommen, an Beamte in Dienstwohnungen, die bei der 'Versetzung in den Ruhestand nicht dem Wohnungs- elend preisgegeben fein wollen. Wer bald eine Wohnung braucht, hat ohne Errichtung eines Bauspar- Fontes und ohne ensprechendes Kapital überhaupt keine Möglichkeit, sich in absehbarer Zeit durch Neubau einer Wohnung selbst zu helfen. Mit Hilfe des Bausparkontos erlangt er wenigstens die Aussicht auf eine Wohnung. Im übrigen verbessern sich die Aussichten derjenigen, die es aus bestimmten Gründen mit Bauten eilig haben, dadurch, daß alle die, die mit Bauen noch warten wollen, vielleicht weil ihnen bei dem geringen aufgelaufenen Eigenkapital der Zinsaufwand für die aufzunehmenden Darlehen noch zu hoch ist ober weil sie noch in Dienstwohnungen wohnen, die sie erst in einigen Jahren zu verlassen brauchen, zunächst auf das zugefallene Darlehen verzichten, können. Die Betreffenden können dann später nach Bedarf durch schriftliche Erklärung gegenüber der Sparkasse ihren Darlehensanspruch geilend zachen. Die nächste fällige Festsetzung des Darlehenseinofängers wird dann in diesem Falle ausgesetzt. Bausparer dieser Art haben bann die Möglichkeit, neben den vertraglich vorgeschriebenen Mindesteinlagen sich noch ein gewöhnliches Sparkonto bei der Sparkasse zuzulegen und so ihr Bau- kapital zu vergrößern. Der Bausparvertrag enthält bann weiterhin noch Bestimmungen über die Auszahlung ber Darlehen an einen Treuhänder, ber bie Gewähr bafür übernimmt, baß das Darlehen lediglich für den Neubau verwendet wird, und baß biejer auch tatsächlich mit ben vorhanbenen Mitteln
bezugsfertig hergejtellt werden kann, ferner über die hypollrekarischc Sicherheit ber Baubariehen und bte Notwendigkeit der Beibringung von Gemeindebürgschaften, inforoeii die Darlehen über die Beleihunas grenze ber Sparkasse hinausgehen. Im Rahmen dieser Ausführungen war es nur möglich, die wichtigsten Grundsätze für die Einrichtung von Bausparkonten herauszuheben. Hervorgehoben darf nun noch werden, baß es sich bei den Bausparkonten der hessischen Sparkassen um ein soziales und gemeinnütziges Unternehmen im besten Sinne des Wortes handelt, zumal die Sparlasstn sämtliche Einlagen aus Bauspar fonien und die mir ihnen erzielten Zinsgewinne zur Hingabe von Baubarlehen mit verbilligtem Zinsfuß an die Bausparer wenden. Es kann also schlechterdings nicht davon die Rede sein, baß burch diese soziale Maßnahme anderen Geldinstituten eine unbillige Konkurrenz bereitet wird. Die Immobiliar-
.Unter dieser Lieberschrist schreibt uns unfer L-Mttarbeiter folgendes:
Als vor langen Zähren die Elektrizität in ungeahnter Weise ihren Siegeszug antrat, als bas Genie des Meirschengeistes diese Aattir- fräste entfesselte, in geordnete Bohlten lenkte und in seinen Dienst zwang, ahnte niemand die alles wirtschaftliche Leben umwälzende Dedeu- hing dieser Tat. Die treibende Kraft der Elektrizität eroberte sich Fabriken und Werkstätten, als Lichtquelle beleuchtet sie heute Paläste und Hütten, und ist als wichtiger Heilfastor in den Dienst der leidenden Menschheit gestellt. Der nie rastende Menschengeist zwang sie. seine Lasten zu befördern, baute mit ihrer Hilfe schnelle Bahnen — das Leben und Treiben einer Großstadt ist ohne Trambahn heute undenkbar. Das ^lrprodutt zur Erzeugung dieser schier unerschöpflichen Kraftquelle grub der Bergmann im tiefen und dunklen Schacht — heute ist es das Wasser, das — ist der vorgeschriebene Weg einmal gezeichnet — uns fast kostenlos mit Kraft und Licht versorgt. Wer wagt es, die vielleicht schon in 50 Jahren Tatsache gewordenen Möglichkeiten vorauszuahnen? Wer hat vor gar noch nicht so langer Zeit an die Möglichkeit des drahtlosen Fernhörens gedacht? Mit Hilfe des elektrischen Funkens wissen wir heute bereits von einem Fernsehen! — — —
Auch wir in unserer vberh^ssi scheu Heimat haben teil an diesen Großtaten einer vorgeschrittenen Technik. Borausschmude Köpfe schufen Kraftzentren, in Derbindung damit die Ueberlanfcanlagc. um Licht und Kraft in die entlegensten Ortschaften zu tragen. Niemand wird dies Produkt unserer Zeit heute missen wollen. Hast gleichzeitig mit dem Entstehen und Werden dieser Unternehmungen schuf sich Gießen seine Straßenbahn. Seit diesem Zeitpunkte setzte ein Drängen der umliegenden großen Orte, die meist weitab von den alles wirtschaftliche Leben verbindenden Derfehrswegcn liegen, ein, um Anschluß an die lebhaft pulsierenden Adern des öffentlichen Handels und Wandels au erhalten. Besonders lebhaft wurde der Wunsch in W i e - s e ck laut, wo In weiter Entfernung die glitzernden Schienenstränge rechts und link« vorbeilaufen. Aachhalttg wurde daS gesteckte Ziel verfolgt, man wußte in Wieseck, daß die ver- schiedenarttgsten wirtschaftlichen Verbindungen und Fäden der fast 4000 Einwohner zählenden Gemeinde nur in der Richtung nach Gießen laufen. Wieseck sendet sein großes Arbeiterheer fast ausnahmslos nach oder über Gießen zu den Arbeitsplätzen, der geschäftliche Verkehr im weitesten Sinne alter Wiesecker Geschäftsleute usw. wickelt sich ausschließlich in Gießen ab, alle Benutzer der Eisenbahn müssen nach Gießen, und schließlich stellt Wieseck eine starke Teilnehmer- und Besucherzahl bei Messen und Märkten, festlichen, sportlichen und allen sonstigen Veranstaltungen in Gießen. Es gibt kein Gebiet des täglichen Lebens, das nicht große Teile der Wiesecker Einwohnerschaft tagtäglich nach Gießen führt. Alles dies wußte und weih man in Wieseck. im Vertrauen hierauf hoffte man da-
kredttmöglichkeiten sind heutzutage so gering, daß die vessentttchkelt ben Sparkassen dankbar sein muß. daß sie mit der Einrichtung ber Bausparkonten ben heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen angcpaßie neue Möglichkeiten zur Gewährung von Immobiliar frebit zeigen. Werben sich erst einmal wieder die wirtschaftlichen VerhälMissc aebeflert haben, und wird die Wohnungsnurtschast wieder In organischer Weise dem übrigen Wirtschaftsleben eingefügt sein, wird damit auch ber Immobiliarkredit wieder den Weg zu feinen früheren Formen zuriickgefuuden haben, bann werden diese Notmaßnahmen, wie sie die Dausparkonten barstellen, von selbst mleber über flüssig werben. Die Hebung de» Spürsinns, die gleichzeitig mit der Einrichtung ber Bausparkonten erstrebi wird, ist neben anderen wichtigen Voraussetzungen eines ber wesentlichsten Mittel zur Wiedergefimdung unserer Wirtschaft.
mals. vor dem Kriege, auf einen glücklichen Auo- gang der Verhandlungen, die daS Ziel hatten, die elektrische Straßenbahn Gießens nach Wieseck auszubauen.
Wollen wir uns heute darüber streiten, wer au dem Scheitern her damaligen Verhandlungen Schuld war? Der Zweck dieser Zeilen wäre verfehlt I Dann kam der Krieg. Aach langen und schweren KriegSjahren folgte eine Zeit scharfer innerer Wirrnisse, die den Bestand des AeicheS bedrohten und das wirtschaftliche Leben fast zum Erliegen brachten. Die Inflation machte das Maß der Leiden voll, jeder großzügige Gedanke wurde im Keime erstickt. Die Verhält" nisse konsolldierten sich dann wieder, der Blick konnte wieder aufwärts und vorwärts gerichtet werden. 3n dieser Zeit kam auS dem Wiesecker Gemeinderat der Antrag, die vor dem .Kriege zerrissenen Fäden mit Gießen wieder anzu knüpfen und erneut in Verhandlungen über die Weiterfiihrung der elektrischen Straßenbahn einzutreten. Auch diese Verhandlungen zerschlugen sich, doch soll auch unter diese Episode ein (Strich gemacht werden — die Auseinandersetzungen sind noch in aller Erinnerung, die beiden Aachdar- gemeinden sind weit auseinandergekornnten. Lind warum alte Wunden auf reißen? Soll unS aber der Kampf umS Leben vorwärtsbrinaen, so ist kein Aebeneinander-^ sondern ein Miteinander arbeiten notwendig: bie Zeit wird Gießen und Wieseck wohl wieder in freunbnachbarlicher Weise zusammen führen.
Aun war aber der Drang und bas Verlangen nach einem Verkehrsmittel mit Gießen so stark geworben, daß sich die maßgebenden Männer in Wieseck auf ben Standpunkt stellten, allein daS Wagnis der Schaffung dieser Der^ kehrSelnrichtuna zu unternehmen. Dte Wahl war nicht schwer, sie fiel auf daS heute modernste Verkehrsmittel: den Autoomnibus. Sorgfältigste Berechnungen, in langen SihungSobenben und -Dächten von einem Nelnen KreiS von Männern aufgestellt, schufen die Grundlage Das waren die Optimisten, die sich nicht irremachen ließen und an dem Glauben festhielten: ein bequemes und modernes Verkehrsmittel in den Dienst eines täglich verkehrenden Publikums von durchschnittlich 1400 Köpfen gestellt, muß rentieren. Nachdem alles Für und Wider auf das Reiflichste durchdacht und überlegt war, wurde die Anschaffung von zwei Büssing-SechS- rab-Omnibuffcn im Gemeinderat einstimmig beschlossen.
Seit diesem Beschluß ist eine verhältnismäßig lange Zeit verstrichen, bis er nun endlich Ereignis geworden ist. Was dazwischen lag, wissen nur die, die den Kamps mit durchgefochten haben. Zunächst die langwierigen und komplizierten Verhandlungen zwecks Erlangung ber Konzession, überall und an allen Stellen Zweifel und ernsthafte Vorstellungen über die Stichhaltigkeit ber vorgelegten Berechnungen und die voraussichtliche Zahl ber Fahrgäste. Endlich wurde bie Konzession erteilt. 3n der Zwischenzeit wurden Verhandlungen wegen Ausnahme eines Detriebs- kredits gepflogen, die zunächst aussichtsreich
Der Auto-Omnibus-Verkehr Wieseck — Gießen.
Ein Rückblick auf das Werden und Entstehen — ein Ausblick in die gukunftsmöglichkeiten.
Gießener Stadttheater.
| Erstaufführung des altslämifchen Schauspiels « „£ a n ) e l o t unb Sanberein“ und des
Apostelfpiel» von Max Mell.
Die Wiedererweckung eines mittelalterlichen Spiels wirb in einer Zeit wie der unseren, da die Sehnsucht nach dem Mittelalter wieder so rege ist wie von hundert Jahren, nicht mehr als eine literarische Ausgrabung angesprochen werden können, wie man dies zu Beginn unseres Jahrhunderts noch zu tun pflegte. Die ganze Zartheit jener vergangenen Gefühlswelt — man denke an das wundervolle Gleichnis von dem Falken und der Baumblüte im Lanzelotspiel —, die dichterische Verinnerlichung einer an sich groben Handlung in den alten Spielen, wie sehr spricht dies zu unserem Empsinden, das künstlerisch wie weltanschaulich in ben letzten Jahrzehnten auf zu verschiedenen Bahnen einhergehetzt worden ist, um nicht gerne zu jener keineswegs unkomplizierten, aber in sich selbst naiv-sicheren Seelenhaltung des deutschen Mittelalters zu flüchten!
Diesem Sehnen kommen unsere Bühnen durch die Neuaufführungen altüberlieferter Spiele unb bie Wiedergabe neuer Dichtungen, die den Geist jener allen neu zu bannen juchen, entgegen. In glücklicher Weise hat das Stadttheater gestern ein altes und ein neues Spiel verbunden. Das altslämifche von „Lanzelot unb Sanberel n", das um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts ein uns nicht mehr bekannter Dichter geschaffen, ist seit 1917, wo es die Deutschen In Brüssel aufführten, über manche Bühne gegangen. Die Gießener Aufführung, die wie die andern die Uebertragung von F. M. Hübner zu
grunde legte, kann sich neben denen anderer Stähle sehen lassen. Karl D o 1 ck s Regie machte in edel ab= gestimmten Szenen den früheren dramatischen Zusammenhang durchsichtig und schuf die isolierten, bloß bildhaften Schauvorgänge zu einer Einheit um; einige Naturalismen in de msonst schön stilisierten Spiele würde ich streichen, wie z. B. das wechselnde Sich- setzen und Ausstehen der Figuren. An der Spitze der Einzelleistungen stand unstreitig der Lanzelot von Willi Hank e. Einer Rolle, die sehr wohl zur Heraushebung des Roh-Sinnlichen hätte verführen können, wußie er alle Sympathie zu gewinnen durch die Zartheit seines Spiels, die sein Begehren und Freveln an der schönen Sar.bercin als eine Unabwendbarkeit, als ein im Lauf des Geschickes Selbsioer- ständttches erscheinen ließ, und die uns mit dem Reuigen, der freiwillig in den Tod geht, versöhnte; dazu kam die überlegene Behandlung der Sprache, bie nichts von ben Schwierigkeiten ahnen ließ, die die gereimten kurzen Verse mit ihrer für uns unbeholfenen Wortstellung der Wiedergabe bereiten, und in dem edlen Klang der Worte schwang alle Poesie des Stückes mit. Susanne Heym, die als Sanderein zweifellos eine sorgfältig und mit Liebe erarbeitete Leistung bot, reichte doch nicht an ihren Partner heran. Die ursprüngliche Schlichtheit der kindlichen Magd, die sich, von der Fürstin verlockt, vom Buhlen gemein verstoßen, vom Ritter wieder emporgehoben, gleichbleibt in der Reinheit ihres Herzens, ward zu wenig sichtbar; konventionelle Della- mation, an sich schön unb sicher gehandhabt, lieh, ohne daß es die Künstlerin wollte, die Charakterzeichnung uneinheitlich werden und jeweils dasjenige Spiel an bie Oberfläche auffteigen, zu dem die Worte gerade verführten. So war diese Sanderein je nach
der Szene bald nicht unkokett uyd von scheinbar berechneter Verschämtheit, die vom Gegner rasch über» wunden werden konnte, bald lormorjant, und ganz zuletzt, wo nur sonniges Giucksgefühl dominieren durfte, geradezu hämisch überlegen; es war, kurz gesagt, eine Darstellung von Öen Worten, ftat von dem ursprünglichen Erleben des Charakters aus. Gut dagegen war Susanne Heym, der offenbar andere Rollen besser liegen, in der poesievollen Szene mit dem Ritter, wo die Verse selbst bessere Führer waren. Der gütig verstehende Ritter warb von Friedrich G e f f e r s etwas behäbig, aber mit tiefer Keuschheit gespielt, die Rollen der raffinierten Tlutter fian(jelots, des Kämmerers, des Waldhüters (er war zu fein angezogen!) wurden von Auguste Marcks, Hans Wehrt, Paul Gehre sicher ausgefüllt. Schön sprach Marga R u l f die verbindenden Zwischenoerse des explizierenden Erzählers und die moralisierenden Schlußworte.
Das neue Stück war das Im vorigen Jahre in Praa uraufgeführte 21 p o ft e l j p l e l von Max Mell, ber schon durch seine tüchtige Erneuerung alter, köstlicher Volksbücher als treuer Diener am deunchcn Mittelalter heroorgetreten ist. Dieses Legendenspiel, dessen Inhalt unsere Leser aus der Dienstagsnummer bereits kennen, birgt in der leisen Steigerung der so unendlich innerlichen, an die Art ber Laaerlöf gemahnenden Handlung unb in ber feinen Dlalog- ührung eine Fülle hoher dichterischer Werte, denen ich der Geist wahrhafter Frommheit ergreifend geeilt. Die ebenfalls von Karl V o l ck geleitete Wiedergabe war ein Kabinettstück an Ausschöpfung des dramatischen und lnrischen Gehalts des Spieles. Da war der von Dolck selbst gegebene bäuerliche Großvater, lebenswahr in der kleinsten Bewegung des Körpers
unb Regung des Gesichtes und in dem Heraussprudeln seiner Worte unb Gebauten, Prolog und Epilog wirkten wohl infolge der ständigen Unruhe des drauflos hustenden Publikums, von dem ein Teil obendrein zu Beginn des Epilogs unerzogen nach den Türen hastete, etwas matt. Dann war da die Enkelin, deren rührende Kindlichkeit und gläubig- innige Heilandsliebe von Jngeborg Scherer überzeugend zum Ausdruck gebracht ward. Die junge Künstlerin, die hiermit sehr beachtlich hervorgetreten ist, formte in nicht ermattender S.ch-rheit ebne Abirren den von Anfang an richtig getroffenen Charakter und brachte Höhepunkte heraus (z. B. bei bti Erwähnung von Jesu Kreuzesworten oder bei der Frage: „Wie ist das, .wenn der Heiland liebt?"), die uns zu innerft erbeben ließen. Was das Spiel be trifft, so sind noch einige kleine Bewegungen, die zum Bauemmädel nicht passen, auszumerzen. Carl Juhnke lieh dem edleren der beiden Fremdlinge jene Wärme, die alle Figuren Juhnkes ausstrahlen; fein Spiel war, wie immer, wenn er seelische Kämpfe und Ueberrotnbungen dorzustellen hat, packend und erschütternd, zumal an jenem Punkt der Handlung, wo alles Böse in dem, „ben Gottes Finger berührt hat", zusammenbricht, ebenbürtig in oer natur wahren Zeichnung des anderen Fremdlings, des russifizierten, triebhaft-rauhen Kommunistenapostels, war Paul Gehre, dessen darstellerischer {Realismus, hier em reiches Wirkungsfeld gesunden. Es bleibt noch zu sagen, daß bei beiden Stucken die technischen Vorstände Karl Löffler unb Ludwig Keim in ber Schäftung einer stilgerecht angepahten Rahmen bühne unb ihrer Beleuchtung ein gut Teil zu dem Erfolg bes Abenbs beitrugen. —g.
M Hab ma - buftenjlekh ▼ MARGARINE


