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Nr. 292 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-AnzeigerfürGverhesfen)
Montag, U. vezember 1925
Das Kernproblem der Wirtschaftsnot.
‘ Bon Karl Hepp, M. d. R.,
e<- Präsident des Reichs-Landbundes.
Der gewaltige Aufschwung der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege beruhte wesentlich aus der fein ausgeglichenen Gleichgewichtstellung zwischen Industrie und Landwirtschaft. In enger Wechselwirkung steigerte sich ihre * Produktionskraft aneinander in die Höhe. Der Werl des toten Inventars (Maschinen und Geräte), der um das Jahr 1800 auf 1 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche 20 Mark betrug, stieg um das Jahr 1870 auf 50 Mark, und betrug unmittelbar vor Ausbruch des Krieges durchschnittlich 250 Mk., bei lieft- bewirtschafteten Betrieben sogar 450 Mark. Dabei ist zu beachten, das) die Selbstanfertigung von Geräten und Geräteteilen in der Landwirtschaft immer mehr zurückging und an ihre Stelle der Kauf trat. So hat sich in den Jahren 1882 bis 1907 die Zahl der gewöhnlichen Dreschmaschinen verdreifacht, die der Danmpsdreschsätze verzwanzigfacht, die der Drill- und Sämalchinen annähernd verfünffacht, die der Mähmaschinen oersiebzehnfacht, die der Dampfpflüge mehr als verdreifacht. Der Warenwert, bcn_ die deutsche Landwirtfchast der Industrie abnahm, überstieg den gesamten deutschen Ausfuhrüberschuß. So war die Landwirtschaft der wichtigste Faktor auf dem inneren Markt, der stets das Rückgrat der gefunden Wirtschaft gewesen ist. Andererseits war nur durch diese starke Intensivierung die gewaltige Steigerung der Leistungssähigkeit der deutschen Land- wirtschaft möglich, die sich nicht nur ausdrückte in einer steten Steigerung der Gesamternten, sondern auch in einer Steigerung der Mengen, die auf den einzelnen Kopf der Bevölkerung entfielen. Betrug der Jahresdurchschnitt auf den Kopf der Bevölkerung in den Jahren 1881 bis 1885 im Durchschnitt 175 Kilogramm Brotgetreide, so steigerte er sich in der Spanne 1906 bis 1910 auf 207,5 Kilogramm, 1911 auf 211,4 Kilogramm, 1912 auf 224,3 Kilogramm, 1913 auf 235 Kilogramm. Aehnliche Fortschritte waren in der Viehhaltung zu beobachten. Die deutsche Landwirtschaft war also trotz der wachsenden Bevölkerung nicht nur in der Lage, den Lebensunterhalt auf der gleichen Höhe zu erhalten, sondern ihn noch zu verbessern.
Diese sich gegenseitig antreibende Wirkung ist heule jäh unterbrochen, zum Schaden der Landwirtschaft, deren Schwierigkeiten sich zu einer Katastrophe zu steigern drohen, ebenso sehr, wie zum Schaden der Industrie, die heute mehr denn je auf den inneren Markt angewiesen ist. Der Hauptgrund dieser Erschütterung ist die Zerstörung des Gleichgewichts zwischen Industrie und Landwirtschaft, ist das ungeheure Mißverhältnis in den Preisen landwirtschaftlicher Betriebsmittel und Erzeugnisse. Setzt man die Septemberpreise 1913 gleich 100, so stellte ssch in der gleichen Zeit des Jahres 1925 der Zinsendienst auf 275, Handwerkerlöhne auf 250, Maurer 211, landwirtschaftliche Maschinen 202, Ge- schirre 188, Frachten 151, Braunkohlenbriketts 152, Mais 136, künstlicher Dünger 106. Die Hauvtpro- dukte der Landwirtschaft dagegen stellten sich in der gleichen Zeit: Rinder auf 91, Roggen 92. Kar- toffeln 94, Weizen 104, und nur die in der Gesamtproduktion der Landwirtschaft eine geringere Rolle spielende Erzeugung von Schweinen und Milch wies günstigere Bedingungen auf. Die gewaltig klaffende Preisschere verurteilt die Landwirtschaft zur Unrentabilität, und das bedeutet nichts anderes, als Absatzstockung auf dem industriellen Markt und vermehrte Arbeitslosigkeit, bedeutet den Zwang zur Ertensivierung, d. h. Schmälerung der deutschen Er- nährungsbasis, die das tägliche Brot des deutschen Arbeiters zum Spekulationsobjekt ausländischen Händlertums macht. Damit gäbe Deutschland das Hauptziel auf, das deutsche Politik in dieser Notzeit einzig und allein hoben kann, für die 63 Millionen Deutsche im öeutfdjen Raum Lebens- und Ernährungsmöglichkeiten zu schaffen. So wird das Schicksal der deutschen Landwirtschaft zum Schicksal des deutschen Volkes. Dadurch wird die Forderung der Wiederherstellung des erschütterten Preisgleichgewichts über das berufsständische Interesse hinaus zur Kernfrage deutscher Wirtschaftspolitik schlechthin. Mit ihr ist auch der Sinn der Preissenkungsaktion der Reichsregierung bestimmt. Es wäre ztl wünschen gewesen, daß dieser von der Reichsregierung mit mehr Klarheit herausgestellt worden wäre,
Pelzmärtel.
Sin Nürnberger Spielzeugroman.
Aach dem Italienischen der Teresah erzählt von Gustav W. Eberlein.
' Copyright 1925 by A. Scherl G. m. b. H.» Berlin. 15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Störche flogen und flogen immerzu. Es schien, als folgten he einer Spur, die das vorausgegangene Heer der Zugvögel in den Himmel eingezeichnet hatte. Als ob ihnen ein durch die Luft gezogener Faden als Führer diene, damit sie nicht um Haaresbreite von dem richtigen Weg abwichen, in Zweifel und Unruhe gerieten. Einmal nut hielten sie für einen Augenblick an, aü wollten sie sich beratschlagen. Darauf lenkten sie etwas seitlich ab, um einem anderen Lustreisenden, einer Taube, die ihnen entgegenkam, den Weg zu verlegen. Als sie auf Flügelweite berangetommen waren, forderten sie Auskunft: „Woher kommst du?"
„Woher es mir paßt", antwortete die Taube nrürrisch. Sie hatte offenbar keine Lust, sich in eine Unterhaltung einzulafsen.
„Das Volk der Vögel hat seine Gesetze", erklärte ÖuginSlanb streng. „Du scheinst sie nicht zu kennen."
„Ich habe gar nichts zu kennen", sagte die Taube noch zugeknöpfter. „Ich bin in größter Eile, ich habe eine Botschaft zu überbringen, schlechtes Wetter ist hinter mir her, und ihr werdet verstehen, daß----"
Dieser unhöfliche Geselle war also nur ein angestellter Dole, eine Drieftaube. Luginsland, dem keine Frechheit imponieren konnte, erklärte kurz und bündig:
„3m Namen des Hilfeleistungsgesetzes, das Vie Zugvögel gegen die Raubvögel verbündet, verlange ich von dir, mir ohne Verzug zu lagen, ob wir die Neise auf diesem Wege fortsehen können und welche Gefahren uns bevorstehen. Schnell, antwortete: Welche Nachrichten hast du über den großen Königsadler?"
„Ich sah ihn die Richtung nach Westen einschlagen, gegen den Deuteberg zu. Es ist besser, sich mehr links zu halten." u „Diele Geier? Diele Habichte?" _ .
um gleichzeitig damit zu verhindern, daß die Preis- senkungsaktion zu einem beliebigen Tummelplatz für berufsmäßige Störer werden konnte.
Das deutsche Volk muß wissen, worum es sich bei dieser Frage handelt-, nur bann besteht die Aussicht, alle Selbsthilfemöglichkeiten mobil zu machen. ,/)iif dir seiber, so Hilst dir Gott!" Dieses alte Bauernsprichwort mahnt zur Selbstbesinnung. Nicht immer sind die verantwortlichen deutschen Körperschaften, insbesondere die Regierungsstellen, sich der eisernen Konsequenz dieses Wortes bewußt gewesen. Nur so ist cs erllärlich, daß der deutsche Wirtschaftsapparat von der ösientlichen Hand in einem Maße belastet wird, daß der Abbau des Wirtschafts- apparatcs die Folge sein muß. Reich, Länder und Gemeinden stehen in dieser Beziehung in einem einer besseren Sache würdigen Wettbewerb. Das wirb besonders deutlich, wenn man die verhängnisvolle Verschiebung der Belastung der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu früher sich einmal klarmacht. Darnach ergibt sich folgendes Bild:
Vor dem Kriege: Löhne und soziale Lasten 55 Prozent (zur Zeit 631 Proz.); Oeffentliche Hand 12* Proz. (z Z. 25 Proz.): Verbrauch der Unternehmer und Kapitalisten 10 Proz. (z. Z. 111 Proz.): Erhaltung und Verbesserung des Produktionsapparates 221 Proz. (z. Z. 111 Proz.).
Die Ueberlafi, die auf die deutsche Wirtschaft drückt, ist also heute schon so groß, daß mit den zur Verfügung stehenden Summen der deutsche Wirtschaftsapparat nicht erhalten, geschweige denn verbessert werden kann. Diese Erkenntnis ist leider noch nicht Gemeingut der Parteien. Vielleicht darf hierzu der Deutsche Reichstag an jene bekannte „Selbstverleugnungsordre des englischen Parlamentes" erinnert werden, die darauf hinauslief, keinerlei Geldsummen zu bewilligen, wenn nicht eine ausdrückliche Empfehlung der Regierung vorliege. Ab- kehr von einer Parteimeinung, die augenblicklicher Vorteile willen die Substanz der deutschen Wirtschaft preisgibt, ist dringendes Lebensgebot. Immer wieder muß festgehalten werden, daß Deutschlands Gesundung nur von innen heraus möglich ist. In diesem Kampfe sollten alle aufbauenden Kräfte zu- sammenstehen, um einer besseren Zukunft willen.
Englands künftige Ostpolitik.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
L. London, 7. Dezember 1925.
Don einem sehr geschätzten ausländischen Mitarbeiter, der den Gang der internationalen Politik an ihren Brennpunkten feit Jahren verfolgt hat, und der augenblicklich in London weilt, erhalten wir folgende, beachtenswerte Ausführungen:
Die Paraphierung in Locarno und die Vertrags- Unterzeichnung in der englischen Metropole siird von
zwei Vorstößen S k r z y n s k i s begleitet gewesen, die dem geschichtlichen Sinn der europäischen, ganz besonders aber der deutschen Presse, wenn nicht entgangen, so von ihm doch als des ausführlichen Kommentars für unwürdig betrachtet worden sind. Beide Male wurden die Versuche des polnischen Außenministers, Rheinpakt und östliche S ch i e d s v e r t r ä g e als ein Ganzes zu- sammenzufassen dzw. auszulegen, mit eisigem Stillschweigen beantwortet. Briand hatte ihm schon in Locarno die Einstellung weiterer Rüstungs- frebite in aller Deutlichkeit mitgeteilt, ihre Korrespondent ist dahin unterichtet, daß diese Absage, die das Fallenlassen Polens bedeutet, und das Rumäniens nicht ausschließt, in der englisch- französischen Einigkeit hinsichtlich der Isolierung Rußlands von Europa begründet ist. Frantreich zeigt Polen seine kalte Schulter mit Rücksicht auf sein Schuldenoerhältnis zu England und auf die Kriege in Marokko und Syrien, deren Schärfe England mildern kann. De I o u -
v e n e l hat die vor und in Locarno paraphierte englisch-französische Entente im nahen Orient perfekt gemacht. Die Kehrseite dieser Entente richtet sich gegen Italiens Drang ins Mittelmeer östlich der Linie Malta—Tunis, gegen seine Ausdehnung nach dem Balkan hin über Albanien und Jugoslawien und gegen Rußlands Vordringen in der Türkei.
In der Zurückhaltung Frankreichs gegenüber Polen und der Kleinen Entente spielt das Bedürfnis nach einer Annäherung an Deutschland deshalb eine größere Rolle, als lediglich die „Sicherheit" am Rhein, da Mussolini die Rückeroberung von Savoyen und Nizza im Auge hat, und zu diesem Gedanken vom russischen Botschafter in Rom, Kershenzew, angefeuert wird. Die Beschränkung Italiens auf sich selbst bei Unterbindung seiner Unabhängigkeitsbestrebungen durch Paris und London wird von de Jouoenel von Beirut aus unterstützt werden, der auch die russisch-türkisch- italienifd)e Uebereinftimmung beobachtet. In Locarno ist in schönsten Umrissen zutage getreten, daß für die Balkanpolitik nur drei Großmächte in Frage kommen: England, Frankreich und jetzt auch Deutschland, nachdem ihm in bezug auf die Oft« grenzen und den Balkan der freie Wettbewerb im Verein mit England und Frankreich sozusagen stillschweigend zugebilligt worden ist. Zu der verschieden begründeten Vorsicht gegenüber Italien und Polen sah Frankreich sich auch durch die nur bedingte Zuverlässigkeit seiner Armee verleitet. Auf eine Anfrage Briands hatte der französische Oberkommandierende am Rhein im Sommer geantwortet, daß die Fortdauer des Regimes am Rhein aus politischen Gründen verhängnisvoll fei, und daß nicht nur keine Division, nicht nur kein Regiment, sondern auch keine Kompagnie sich mehr für die Jnschutz- nähme Polens bereit finden mürbe. Seine Truppen
seien nur bann zum Widerstand bereit, wenn Deutschland die französischen Nordprovinzcn angreifen sollte.
In einem Gespräch mit Vandervelbe bestätigte der belgische Ministerpräsibent. baß auch bas belgisch-französische Militärbünbnis jetzt keine Bedeutung mehr habe, denn Belgien mar- schiere mit Paris, London und Berlin seit Locarno in der gleichen Richtung. Nach Unterredungen mit Briand, Berthelot, Painlevö, Degoutte und Eham- berlain habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Frankreich den Rheinpakt unterzeichnet hätte, auch ohne auf die französischen Nationalisten durch irgendwelche östliche Schiedsverträge Rücksicht zu nehmen. Der Rheinpakt wäre allein unter« zeichnet worden, wenn Dr. Stresemanns Friedensübereifer den O ft e n üb c r I) a u p t unberührt gelassen hätte. Don den Oftoerträgen würde in Frankreich, habe ich mir sagen lassen, nur von einem Kabinett Poincarä im Sinne Skrzynskis und Beneschs Gebrauch gemacht werden können. Deutschlands neue Politik sei von der Konsequenz seines Verständnisses für Locarno abhängig. Es habe als künftiges Völkerbundsmitglied das Schutzrecht für die Minderheiten, und in Locarno erklärte mir Chamberlain, England halte die Oft grenzen Deutschlands für ftarf revisionsbedürftig.
Frankreich wird schweigen, wie Briand Skrzynski gegenüber in Locarno und London geschwiegen hat. Deutschland soll Frankreichs neuer Stützpunkt gegen Italien werden. In Verfolg dessen richtet es unter Befürwortung irgendwelcher slawischer Wünsche in Südslawien, Bulgarien und in der Tschechoslowakei weitere Stützflächen her. Don Athen her wirkt London gegen die Zulassung slawischer Mächte zum Aegäi- schen Meer und hat Konstantza als Flottenbasis gegen die russische Schwarzmeerküste. Die englische Tiittelmeerflotte ist über ihre Kampfaufgabe für den Fall eines türkischen Vormarsches auf Mossul unterrichtet. Rußland ist der Türkei gegenüber vertraglich zu Neutralitätsgarantien verpflichtet, zur lieber* lassung Batums'als Operationsbasis und zur Lieferung von Munition und Pferden.
Finanzkontrolle für Polen
Die zahlreichen Bemühungen der Warschauer Regierung, im Auslande Geld aufzrttreiben, um aus der unerquicklichen Situation herauszukommen. in die Polen durch den Zlotysturz geraten ist. sind durchweg erfolglos geblieben. Jnfolae- desfen bricht sich namentlich in Wirtschaftskreisen allmählich die Anschauung Dahn, daß Polen aus der Finanzkalamität nur dann heransksmmen wird, wenn es sich unter eine internationale Finanzkontrolle begibt und im Austausch dafür größere Auslandanleihen erhält. Gs wäre allerdings falsch, wollte man nun annehmen, daß auch im polnischen Kabinett schon Stimmung dafür vorhanden ist, ein ähnliches Joch auf sich zu nehmen, wie es Oesterreich nunmehr schon seit Jahren unter den erdrückendsten Bedingungen tragen muß. Die finanzielle Lage Polens ist aber doch so katastrophal geworden, daß der Warschauer Regierung letzten Endes nichts anderes übrig bleiben wird, als sich hilfesuchend an das Ausland zu wenden. Aus eigener Kraft die Finanzen in Ordnung zu bringen, sind die Polen doch nicht in der Lage, das hat soeben erst bis Ablehnung eines sozialistischen Antrages gezeigt, der eine Verminderung der Staatsausgaben für militärische Zwecke verlangte. Die Mehrheit des polnischen Parlamentes lehnte diesen Antrag, der allerdings auch nur eine geringe Erleichterung gebracht Hütte, geschlossen ab. womit die polnischen Parlamentarier gleichzeitig den Beweis erbrachten, daß sie ebenso, wie ihre französischen Kollegen, noch immer meilenweit von der Erkenntnis entfernt sind, daß nur allergrößte Sparsanckeit und Vermeidung jeder unnötigen Ausgabe einen Staat wieder finanziell in die Höhe bringen kann. Vorläufig wird die Warschauer Regierung natürlich versuchen, fortzuwursteln. Sollte aber tatsächlich eines Tages die ausländische Finanzkontrolle Wirklichkeit werden, dann würde es uns fehle interessieren, ob die ausländischen Finanzkontrolleure ebenso scharf ihr Amt ausüben werden. wie das z. D. der Holländer Zimmermann in Wien jetzt getan hat. und ob sie vor allem dulden werden, daß Polen durch seine sortge-
besteven neue Bezieher den Gießener Anzeiger schon von heute an, also für die zweite Dezemberhalste. Sie sichern sich dadurch die bekannten regelmäßigenBeilagen
Gießener FamilienblätLer Heimat im Bild
Die Scholle
und haben Anspruch auf die Iubiliiumsnummer des Gießener Anzeigers, sowie auf den von Professor Lucian Bernhard-Berlin entworfenen, in 3 Farben gedruckten Künstlerkalender für 1926
„Sehr viele. Aber da es auf den Gebirgskämmen wenig zu fressen gibt, kreisen sie über den Tälern, in die sich die Gemsen vor den Schneestürmen flüchten. Nicht selten stoßen sie bis in die menschenbewohnten Hochebenen vor, wo es für tollkühne Räuber immer etwas zu holen gibt."
„Und die Raben?" fragte Wiesenstelz, die einen Abscheu vor jenen leichenfressenden, scheußlichen Vögeln hatte. ■
„Die Aasjäger tun den Lebenden nichts, sie finden ihren Tisch reich besetzt. Furchtbar haben die Stürme gehaust: in den Schluchten liegen tote Hirsche und Wölfe, auf den verschneiten Pässen und Saumpfaden findet man Leichen von Mauleseln, Pferden und. auch Menschen."
„Hu", sagte Wiesenstelz, und ein kalter Schauer lief ihr durchs Gefieder.
„Seid ihr nun zufrieden?" fragte die Taube. „Kann ich weiter?"
Aus der Nuhdroschke kam ein zaghaftes Stimmchen:
„Noch eine Frage, liebe Taube! Wenn du mir antwortest, gebe ich dir dafür diese Brotkrumen." Und Liesel streckte die flache Hand aus dem Fensterchen. Die war aber so klein, und die Brotkrumen so winzig, daß die Taube gar nichts sah und unwillig gurrte, weil sie sich genarrt glaubte.
„Warle", sagte Kunigunde, die ihre gewöhnliche Größe nicht verloren hatte, und bückte sich, um die Brosamen aufzunehmen. Kaum lagen sie auf ihrer Hand, wurden sie aus kaum sichtbaren Släubchen zu schmackhaften Brotstückchen.
Gierig pickte die Taube sie auf.
„Sprich nur“, sagte sie dankbar.
Die kleine Liefe! grübelte über einen Gedanken.
zufällig vom Feenland?" fragte sie ängstlich.
„Sag mir, liebe Taube, kommst du vielleicht Die Taube sah sie erstaunt an:
„Was für ein Land ist das? Ich habe nie davon gehört."
„Wie denn nicht? Ein so berühmtes Land! Der Himmel ist dort immer blau. t»a$ ganze Jahr blühen die Rosen, und die Orangen pflückt man korbweise in den Gärten. Alle dürfen davon elfen.“ . »
„Jetzt verstehe ich", sagte die Taube, „du meinst ItalienI"
„Schönes Italien I" trällerte Hans Sachs verhalten und griff in die Saiten seiner Laute.
„Vielleicht," antwortete Liesel in Gedanken, „wir heißen es, wie ich dir sagte, und ich weiß nur von einem immer blauen Himmel, von Rosen und Orangen. Daher möchte ich alle Nürnberger Kinder bitten lassen, dahin zu kommen, wo wir Hinreisen. Willst du die Botschaft übernehmen? Vielleicht gar sie alle^ fjinbe« gleiten?"
„Cs soll geschehen", sagte die Taube, um das Kind zufriedcnzustellen. Es leuchtete chr ein, daß die Kleine den Gedanken nicht ertragen konnte, die Orangen allein essen zu müssen. Es gibt solche Kinder. Und nebenbei gesagt, der Pelzmärtel hat Kinder dieser Art besonders gern und trägt jeden schönen Zug in fein Notizbuch ein. Die Taube ließ sich nichts davon merken, daß sie niemals mit den Nürnberger Kindern sprechen würde, und zwar aus dem einfachen Grunde nicht, weil nur Liesel und Otto die Sprache der Vögel verstanden, was ja eigentlich noch viel mehr war, als Körbe voll Orangen essen zu dürfen. Hm sie nicht traurig zu machen, setzte die Taube noch hinzu:
„Hnd wenn die armen Kinder nicht gleich kommen sollten, habe nur Geduld, liebe Kleine. 3n Italien ist der Himmel blau, wenn es nicht regnet, und die Rosen blühen, wenn es nicht kalt ist. Aber gerade in diesem Jahre gießt es in Strömen, und die Feen schlummern, in dicke Tücher gehüllt, am warmen Ofen.“
„Oh!" Otto und L e'et sahen sich verdutzt an. Machte sich die ungezogene Taube einen Spaß? Cs konnte nichts anders sein, und bann war es ein sehr schlecht angebrachter Spatz. Mit einem Schlage schloß sich das Fensterchen. Wiesenstelz gab, um ein Ende zu machen, das Abfahrtszeichen. Im nächsten Augenblick waren Taube und Störche weit auseinander.
Wie es der fliegende Bote geraten hatte, hielten sich die Störche mehr nach links. Ties unter ihnen erschien ein großer schwarzer Flecken, der aussah, als habe man mitten im Schneefeld ein Stück Erde anfaeSV—
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von Raben. Es war eine so ungeheure Menge, und sie hielten sich so dicht aneinander, daß man glauben konnte, ein einziger Riesenvogel streife dort mit schwerem Flügelschlag über das Gelände. Sicherlich hatte sich dieses Untier schon boilgemäftet, fraß aber gleichwohl immer noch weiter. „Decke deine Schleppe über die Nuß", raunte Wiesenstelz Kunigunde zu. Sie wollte nicht, daß die Kinder so scheußliche Bilder sahen.
Mittlerweise war Sturm aufgekommen. Er trieb die Wolken vor sich her wie der Hund die Herde. Die Störche schwammen in einem grauen, flockigen Meer, in einem dicken, falten Nebel.
„Zusammenschließen!" befahl Luginsland. „Die Tramontana kommt, der Eiswind, der grimmigste Feind aller kurzflügigeo und schwerfälligen Vögel. Wir Störche brauchen ihn nicht zu fürchten. Ihr aber seht euch vor, Karl der Große, Kunigunde und Hans Sachs! Hüllt euch fest in den Mantel und schmiegt euch dicht an unseren Hals! Gebt auf die Hunde, auf die Marionetten und auf die Bleisoldaten acht!"
Alle mummelten sich so fest ein, als es ging. Niemand wagte ein Wort zu sagen, um nicht den Mund öffnen zu müssen und sich eine Lungenentzündung zu holen. Nur von den Schwanzfedern der Zugführerin Wiesenstelz her, die ihr bei der raschen Fahrt durch das Wolkenmeer als Steuer dienten, vernahm man sonderbare Laute. Das war ein mühseliges Blasen und Schnupfen und Lufteinholen, dann kamen zwei oder drei kräftige Nieser, darauf ein ängstliches Zischen und ein unterdrücktes Brummeln. Nicht lange, ging es von neuem an:
Krrkrr — frafra — — ein Zähneknirschen und Schnaufen und Röcheln und Gurgeln und Pfeifen und Piepsen und Schnarchen und Glucksen und schließlich — — hazi, hazi!
„Wer hat denn da Pfeffer in der Nase?" spöttelte Hans Sachs.
Hätte er es niemals geigt! Die Nürnberger Nußknacker sind arg empfindlich und übelnehmerisch. Krachauf fuhr wütend auf und schrie: „An alle hat man gedacht, sogar an die Hunde, nur nicht an mich! Niemand hat einen Ton verlauten lassen, daß ich mich vor der Tramon-
v-u. —" (Soitlc&unfl folgt.)


