Nr. 291 Drittes Blatt
Samstag, 12. Dezember 1925
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Afghanistan und sein Emir
Don Dr. Artasches A b e g h i a n.
Aon Zeit zu Zeit dringen immer wieder aus Afghanistan Berichte von einer Rechtsprechung zu uns, die uns in jenem zentralasiatischen Gebiete eine Hochburg rückständigster Willkürherrschaft und gefährdeister persönlicher Sicherheit erkennen lassen, »nd eben jetzt beschäftigt das noch ungewisse, drohende Schicksal des in afghanische Gefangenschaft gefallenen deutschen Gelehrten Stratil- S ari er die diplomatischen Stellen.
Dennoch steht Afghanistan heute in der ersten Reibe jener Äölker des Orients, die ihrem nationalen Körper eine neue Lebenskraft einzuimpfen suchen, indem sie sich bemühen, die europäische Kul- rnr auf ih«m einheimischen Boden nutzbar zu medicn. ^gleich bezweckten sie, sich von der europäischen Vormundschaft zu befreien und sich auf eigene Füße zu stellen.
Der Prozeß der Reformbewegung Afghanistans wird durch die Tatsache charakterisiert, daß an ihrer Spitze — ja, man könnte sagen, — an der Spitze des Revolutionisierungsprozesses des gesamten afghanischen Lebens — kein anderer als der Alleiichc/rschcr des Landes selbst, der junge Emir Slmanullah Khan steht. Es märe keineswegs verfehlt, diesen tatkräftigen Herrscher auf dem afgbonischen Throne mit Peter dem Großen zu verol.eichcn. Was eben dieser vor 200 Jahren für Rußland war, ist auch, allen Anzeichen nach, oer jetzige afghanische Monarch für sein Land.
Afghanistan ist neben Persien und Be- ludschistan eines der Länder des Hochlandes von Iran, dessen nordöstlichen Teil es eiynimmt. Es ist mit einem Flächeninhalt von etwa 625 000 Quadratkilometer größer als Deutschland, hat aber im ganzen nur 6 Millionen Einwohner. Wie der ganze Iran, stellt auch Afghanistan ein rauhes und wildes Hochland dar. Das System des Hochgebirges von Hindukusch, das bis über 7000 Meter steigt, durchzieht wie ein kräftiges Rückgrat das ganze afghanische Land. Da nun Afghanistan vom Meere weit entfernt liegt, l-at es auch ein trockenes Kontinentalklima. Der Winter ist dort sehr kalt und der Sommer sehr heiß. Infolge seines kontinentalen Klimas ist die Pflanzenwelt des Landes eine recht arme, nur kümmerliche. Seine Berge sind waldlos. Afghanistan ist jedoch ein an Raturscbätzen reich gesegnetes Land. Dort sind Stupfer, Blei, Zink, Eisen, Kohle, Petroleum, Gold, Silber und andere Bodenschätze vorhanden. Alle diese Raturreichtümer müssen jedoch erst erschlossen werden. Amanullah- Khan betätigt sich auch in dieser Richtung.
Die Bevölkerung Afghanistans ist keine einheitliche. Sie besteht aus mehreren Nassen, Völkern, Sprachen und Religionsgemeinschaften. Unter ihnen sind vor allem die Afghanen zu nennen, das Stammvolk des Landes. Nach ihrem Namen ist es auch genannt. Afghanistan ist seit dem 18. Jahrhundert unter diesem Namen bekannt, seit der Zeit, als die Vorherrschaft der Afghanen unter den verschiedenen Rassen dieses Gebietes endgültig unerkannt wurde. Erft seitdem besteht auch Afghanistan als ein unabhängiger Staat. Die Zahl der eigentlichen Afghanen beträgt etwa die Hälfte der ganzen Bevölkerung des Landes. Sie find ein iranisches Volk, also den Persern verwandt. Auch ihre Sprache — ein Zweig des Ostiranischen ist dem Persischen sehr ähnlich. Die heutigen Afghanen find stark mit den Völkern mongolischer Rasse vermischt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Nachkommen der in der alten Geschichte des Orients erwähnten Vasthos-, so nennen sie noch heute die Afghanen. Diese haben hohen, schlanken Wuchs, einen starken Knochenbau, längliches Gesicht, energische Züge und gebogene Nase. Sie sind in ver- schiebene Stämme geteilt und beschäftigen sich hauptsächlich mit Viehzucht, ober auch mit Ackerbau. Viele von ihnen sind Nomaden. Auch die Blutrache ist bei den Afghanen bekannt. Sie sind gastfreundlich und ein ritterliches und krieaerisches Reitcroolk. Die Stellung der afghanischen Frau ist eine freiere c.<s bei vielen mohammedanischen Völkern Orients. Wenn sie verwitwet, untersteht sie gänzlich ihrem Schwager: dieser hat auch das Vorrecht, sie zu heiraten. Die Nationaltracht der Afghanen ist ein langes Hemd, weite Hosen, Schaf- seümantel, bunte Mütze, lederne Stiefel.
Von den anderen Völkerschaften Afghanistans sind vor allem zu nennen die Tadschiks, die auch ein ostiranisches Volk sind. Ihre Sprache steht dem
Franziska.
‘.Roman von 2 i e 5 b c t Dill.
18. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Franziska suchte nach ihren langen Haarnadeln. während sie ihm auch die letzte Strähne ihres Duftigen Haares entzog.
„Lind waS dachtest du, als du sie bc° kamst?" _ , .
Nichts, gar nichts", log sie, die Radel im Mund.
Er nahm ihr sanft die Nadel weg und legte sie auf die gläserne Platte, die gespalten war, er hatte ihr einmal im Zorn einen Hammer darauf geworfen, das tat ihm jetzt leid... es war auch etwas zwischen ihnen zersprungen, und er fühlte den Riß in dieser Minute. Und er fuhr fort: „3$ stand dort gestern astend. Hast du mein Läuten nicht gehört? 3ch wartete sehr lange, Franziska."
Franziska riß die Geduld. Sie warf sich in ben Sessel zurück.
„Ich kann dich hier nit' läuten hören," sagte sie, „wenn ich im Stadtpark bin.“
,3m Stadtchart?" fragte er.
„3ch hatte Kopfschmerzen und traf fror meiner Tür den Stephansberger, er wellte im Stadt - garten zu Astend essen, und weil ich dachte, an der Luft würde es besser, ging ich mit.“
Franziska hantierte mit zitternden Händen auf dem Toilettentisch umher. — Er wunderte sich nur, dah die komplizierte, umständliche Frisur, die sie mit eiligen Händen schlang, dabei so schön geriet. Sie legte eine Strähne rechts, eine links, dann kamen die Locken, sie steckte sie fest und stand ein rosa Band um den Kopf. Er kämpfte eine neue Anwandlung nieder und sagte ruhig, mit einem Haarpfeil spielend, dessen Kopf aus einer Schlange bestand, der das eine grüne Auge ausgefallen war: „Warum hast du mir gestern nicht die Wahrheit gesagt? Wenn man schwört, verpflichtet man sich, nichts äu verschweigen und nichts hin^uzusetzen, was der Wahrheit nicht entspricht. Dü hast mir nicht gesagt, daß du mit dem — er brachte den Hamen
Persischen noch näher als das Afghanische. Sie find alle seßhaft und beschäftigen sich mit Handel und Gewerbe, teilweise auch mit Ackerbau. Dieser ist dort, wie auch im ganzen Iran, nur mittels fünft* sicher Bewässerung möglich Die Tadschiks bilden den Haiipibestand Der Stadtbevölkerung. Sehr viele von ihnen sind Beamte, Aerzte, Juristen u. a. Die Volksbildung ist bei ihnen verhältnismäßig mehr verbreitet. Weiter sind noch zu nennen: die Usbeken, Hasaren, Kisilbaschen — turkotartarische Volksstämme — wie auch Hindus, Kasfern, Juden n. a. Stämme. Die meisten von ihnen sind Mischvölker persischer und turkotartarischer Rasse. Nach ihrem Religionsbekenntnis sind die asghanischen Völker Mohammedaner: meist Sunniten, zum Teil aber auch Schiiten.
Kehren wir nun zu den grandiosen Reformversuchen Amanullah-Khans zurück. Die neue Aera der afghanischen Geschichte beginnt seit 1919, also | seit der jetzige Emir in noch jungen Jahren (geb. (1892) den Thron seines Vaters bestieg. Infolge seiner geographischen Lage hat eigentlich Afghanistan von Anfang au mehr eine Sphäre russischen und englischen Einflusses gebildet, als daß es ein selbständiger Staat gewesen wäre. Bis zum Regierungsbeginn Amanullah-Khans war der ausschließliche Einfluß der Engländer in Afghanistan maßgebend. Als aber der Emir Habidullah-Khan, der Vater des jetzigen Herrschers, den Versuch machte, sich und sein Land von den Engländern frei zu machen, fiel er einem politischen Morde zum Opfer. Was aber seinem Vorgänger nicht gelungen war, vermochte Amanullah-Ähan doch zu vollbringen: bei den Engländern sowohl, als auch bei den Russen und bei anderen Völkern hat er die Anerkennung der vollen Unabhängigkeit seines Landes durchgesetzt. Afghanistan, dessen Außenpolitik früher durch England vertreten war, Hot heute in allen europäischen Zentren seine eigenen diplomatischen und konsularischen Vertreter.
Aber noch bedeutender sind die inneren R e - formen, die Amanullah-Khan seit den ersten Tagen seiner Regierungszeit, und zwar in allen Gebieten des öffentlichen Lebens durchführt. Die Größe feiner historischen Mission erscheint noch Heller, wenn wir die Tatsache in Betracht ziehen, daß er oft gegen die rückständige öffentliche Meinung seines Landes auftreten muß. Er hat den ersten Versuch gemacht, den afghanischen Staat nach europäischem Muster umzubilden. Afghanistan hat heute eine Vdlksvertrettmg und eine verfassungsmäßige Regierung, deren Vorsitzender der Emir selbst ist. Weiter tritt Amanullah-Khan als Bahnbrecher der wirtschaftlichen und kulturellen Erneuerung seines Landes auf. Er hat viele europäische Fachleute, Ingenieure, Techniker, Aerzte, darunter auch Deutsche — nach Afghanistan berufen und ihnen die Aufgabe gestellt, das Land zu europäisieren und das afghanische Leben zu modernisieren. Es werden jetzt Dort Fabriken gebaut, der Handel wird entwickelt, Banken eröffnet, neue Wege und Straßen angelegt, zahlreiche Brücken und öffentliche Bauten hergesfellt, Bewässerungsanlagen geschaffen: es werden weiter Projekte ausgearbeitet zwecks Erschließung und Ausbeutung der Naturschätze des Landes. Kurz, die europäische Technik und die europäischen Techniker stehen im Dienste der afghanischen (Erneuerung, die auch der Emir persönlich leitet.
Bewundernswert sind namenllich die Leistungen, die in Den letzten 6 Jahren auf dem Gebiet Der Dolksa uf klärung und Der allgemeinen Kultur ausgeführt roorDen sind. Es werden dort zahlreiche Volksschulen eröffnet, Die auch Den Aerm- ften ermöglichen, eine gewisse SchuldilDung zu erhalten. Ja, es klingt säst märchenhaft, wenn man sagt, Daß jetzt in Afghanistan, Diesem echt asiatisch- mohammedanischen, und vor ganz kurzem halb- barbarischen Lande, Die allgemeine Schulpflicht eingeführt wirD. Noch mehr: in Den afghanischen Schulen roerDen nicht nur Knaben, sonDern auch MäDchen in gleicher Weise unterrichtet. Auch Schulbücher, Hefte u. a. wird den Schülern kostenlos gegeben. Aber auch für Mittelschulbildung wird Sorge getragen. In Kabul gibt es z. B. auch eine deutsche Mittelschule.
Auch andere Zweige der europäischen Kultur und Wirtschaft werden in Afghanistan gefördert. In Kabul erscheinen z. B. mehrere Zeitungen. leie* vhon, Telegraph. Radio, Autos, Elektrizität usw. sind in Afghanistan — Dem gestrigen Lande Der Kamele — keine Seltenheit mehr. Amanullah-Khan
läßt auch Krankenhäuser bauen, Fachanstalten gründen, er schickt viele afghanische junge Leute ins Ausland zwecks Studiums Der europäischen Wissenschaften und Technik, Damit sie später, heim- gekehrt, ihr Wissen in Den Dienst ihres Landes stellen. Aber aud) manche alten Bräuche Des öffentlichen und Familienlebens werden abgejchaffl oder umgcänDcrt. Es ist zwar bis jetzt Amanullah- Khan noch nicht gelungen, Die Vielweiberei abzu schaffen, im praktischen Leben jedoch ist die Mono gamie so gut wie überall eingefichrl. Allerdings muß Amanullah-Khan bei feiner radikalen Reformtätigkeit manchen Aberglauben und manches Vorurteil bekämpfen, er überwindet aber Doch schließlich alle Schwierigkeiten.
Die Krone Der bisherigen Reformtätigkeit Amanullah-Khans ist die Gründung feiner neuen Hauptstadt, Dar-ul-Aman. Sie soll das Symbol des neuen Afghanistan fein. Damit wird die Unabhängigkeit des Landes und feine Europäisierung gleichermaßen gekennzeichnet. Die Stadt wird nämlich nach Dem Muster moderner europäischer Städte gebaut. Wie einst Peter der Große durch die Gründung Petersburgs ein Fenster nach Westeuropa öffnete, so will in gewissen Sinne Amanullah-Khan dasselbe für sein Land tun, wenn es auch mitten in Asien und weit entfernt vom Meere liegt. Er überwacht oft persönlich die öffentlichen Arbeiten, und ordnet Aenderungen nach seinem Geschmack an. Denn auch günstige außenpolitische Verhältnisse zum Gelingen seiner Pläne beitragen, so darf man doch an der Ungewöhnlichkeit feiner Person nicht zweifeln.
Die Selbsthilfe der deutschen Wissenschaft.
Von Dr. E v e r l i n g, Präsident des „Schutzkartells deutscher Geistesarbeiter".
Die „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" hat mit wertvollem Inhalt ihren vierten Bericht herausgegeben, in dem statt Zagen und Klagen der frische Ton tapferer Zuversicht erklingt und beweist, daß es bei den Führern der Wissenschaft nicht nur kluge Köpfe, sondern auch mutige Herzen gibt. Freilich Hal dieser Bericht, der von dem unermüdlichen und feinsinnigen Präsidenten der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, Staatsminister Dr. F. Schmidt-Ott, eingeleitet und zusammengefaßt ist, die schwersten Zeiten, die auch Den Mutigsten zur Verzweiflung bringen konnten, hinter sich. Wer im Jahr 1923 die Anträge und Klagen Der Notgemeinschaft im Haushaltsausschuß des Reichstages miterlebte. Der weiß, daß damals Der grausame Währungszerfall unserer Wissenschaft WunDen geschlagen hat, Die einen Zerfall Der deutschen Kultur befürchten ließen. Die Forschungsinstitute waren durch Geld- forgen gelähmt, Bibliotheken konnten den Geistes* austausch nicht mehr vermitteln, Apparate und Tiere zur Forschung fehlten, wertvolle Werke erster Gelehrter konnten nicht mehr gedruckt werden. Der Zu* sammenhang mit Der ausländischen Forschung war so gut wie zerrissen. Damals gehörte starkes Vertrauen dazu, auch nur an die Erhaltung des deutschen wissenschaftlichen Lebens zu glauben und dafür zu arbeiten. Mit ruhiger tröstlicher Zuversicht trat dann in den Sitzungen des Haushaltsausschusses immer wieder Exzellenz Schmidt-Ott auf und wußte den Mut zu wecken, der retten will, was zu retten ist. Wer das miterlebt hat, der freut sich, wieviel getroster und zukunftsfreudiger nun davon berichtet werden kann, was die Arbeit der Dtotgemeinfdjaft durch die 3 Millionen Mark, die der Reichstag bewilligte, und durch die Mittel, die der industrielle „Stifteroerband" der Notgemeinfchaft darreichte, zur Erhaltung und Pflege der wissenschaftlichen For. schung in Deutschland getan hat. Die Notgemeinschaft hat sich gleichsam zum Selbftoerroaltungs- körper der deutschen Wissenschaft entwickelt, dem als Mitglieder sämtliche deutsche Hochschulen, die deutschen Akademien der Wissenschaften, die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, der Deutsche Verband technisch-wissenschaftlicher Vereine gehören. Dazu kommt dann noch der Stisteroerband der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft aus Kreisen der deutschen Wirtschaft, Vertreter des Reiches und der Hochschulverwaltungen und einige parlamentarische Mitglieder.
Der klare und übersichtliche Bericht gibt zunächst ein Bild davon, was der Bibliotheksaus-
faum heraus — Stephansberger in einer Wohnung wohnst." .
Sran'iäla wandte sich um und brach in ein Lachen aus. „Nein, es ist wirklich — verzeih, wenn ich dich auslache. Was kann ich dafür, daß der Stephansberger in dieser Wohnung gewohnt hat, wie ich hereingezogen bin? Die Wohnung hier war grab’ frei, der Stephans- berger hat mich daraus ausmertsam gemacht, und da hab' ich sie genommen, ich habe doch meine Möbel unterstellen müssen."
„Und wer hat früher hier gewohnt?" fragte er. r ,
„Die 3osephine Fritzsche vom Gastnerthea- ter."
„Aha."
„Was aha? Die 3osi war Stephansbergers Freundin und kann sich jetzt eine schönere Wohnung leisten, weil sie eine bessere Gage bekommt auf dem Variete."
Da wurde Franziska am Handgelenk gepackt, und Hasses Stimme sagte zitternd an ihrem Ohr: „ Franziska, sag' mir die Wahrheit... wenn du mich auch gestern belogen hast. 3ch muß ruhig darüber werden! Was war es zwischen dir und ihm?"
Äug' in Auge standen sie einander gegenüber, ihr Atem ging leise fauchend, wie wenn sich zwei Raubtiere einander begegnen und sich befehden.
Franziska schwankte, sollte sie ihm die Wahrheit ins Gesicht sagen, diesem Manne, dem sein Ehrbegriff über alles andere ging? Vielleicht würde er ihr nichts tun, aber dem da drüben würde er den Sekundanten schicken, ein Duell womöglich anrichten Stephansberger und sie sanden sich wie zwei Kameraden, ihre Rollen führten sie einander immer wieder in die Arme, aber bei Gott, es war auf dem Theater einmal so. Daß er das nicht verstand, daß er sie immer wieder heraus hob aus der Menge, aus dem Kreis, zu dem sie einmal gehörte und gehören wollte, ließ sie ihn in diesem Augenblick ver» zweifeln. Sie legte ihren Arm um seine Schulter: „Ich hab' die Wahrheit gesagt, Fred, quäl mich nit weiter. Der Stephansberger und ich sind gute Freunde, wir haben so oft zusammen zu spielen, dah es mir nur schaden würde, wenn
aus.
„Nein", sagte Franziska.
„Das ist gut. Nun kann ich ruhig sein."
„3a, das kannst du." sagte sie, .aber jetzt geh, ich hab' noch keinen Dissen gegessen, und es ist frier Uhr." Sie hatte wirklich einen entsetzlichen Hunger. Als er fortgeganqen war, kam die Mucki zu ihr herein in Hellblau und Rosa, in breitrandigem Federhut. langen Handschuhen und schleifengeschmücktem Spozirrstock, wie ein Rehnoldslches Bild, es fehlten nur die langen weißen Locken.
„Gehst jetzt mit zur Stadt?" fragte sie, „ich will mir einen Hut aussuchen."
Franziska hatte eine halbleere Keksdose vor sich ein paar Aepsel und etwas frisches Brot
„Ach nein, jetzt nit“, erwiderte Franziska, während sie mit einem wahren Heißhunger die Keks aß und in den Apfel biß. „3ch hab' heut abend die langweilige Mignon zu singen und hab mir die Partitur noch nit angeschaut."
„3a oder nein", seine Hand umspannte ihr Handgelenk wie eine Schraube. Sein Atem ging stürmisch, seine grauen Augen sahen grün und mit kleinen schwarzen Pupillen
ich mich ihm gegenüber auf einmal unfreundlich zeigte..." _
„Aus einmal?" wiederholte er. Aber sie fuhr rasch fort: „Laß mich sprechen, Fred. Er ist ein Weibernarr, er geht aus die blonden, also da ist schan keine Gefahr, und wenn wir zusammen auf der Straße von den Proben nach Haus gehen, kommt er als einmal zu mir herein, und einen Kuß gegeben hat er mir auch schon einmal, aber das bedeutet nit viel bei uns, das gibt man so, wie w'nn man eine Ohrfeige gibt ober eine Hand, wir sagen du, weil wir alle du sagen auf der Bühne, da kann ich mich nit aus- schließen. Der Stephansberger ist nur noch ein 3ahr hier, dann ist sein Engagement abgelaufen, ilnb mit der Roten hab' ich doch gebrochen, da ist alles aus, sie hält jetzt mit der Soubrette, der 3ofi...“
„Franaiska, ich will nichts anderes wissen, als was ich dich gefragt habe."
Herrgott noch einmal, das war ein hartnäckiger Untersuchungsrichter.
schuß getan hat, um an Den deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken Die in den Jahren 1914 bis 1924 erschienene ausländische Literatur zu ergänzen. Im allgemeinen mußte sich die Tätigkeit Der Notgemeinschaft hierbei auf die Versorgung der Zentralbiblio- lhesen Der einzelnen Hochschulen beschränken, um Zeitschriftenlücken zu ergänzen, Zeitschriften weiter zu liefern, Hauptwerke ausliinDischer Einzelwerke zu beschaffen. Die Bestände auf den Sondersammel- gebieten zu ergänzen. Dafür waren große Schwierigkeiten zu überwinden und mußte sorgfältig mit den vorhandenen Mitteln gerechnet werden. Auch ein zweckmäßiger Dublettenaustausch wurde vorgenommen. unentbehrliche Druckschriften der Reichsbehörden wurden ausgesondert und verwertet, wodurch auch durchschnittlich etwa 45 erwerbslose Geistesarbeiter vorübergehende Tätigkeit finden konnten. Eine wirklich ausreichende, alle Bedürfnisse beirie- digcnde Beschaffung der ausländischen Literatur würde allein für die 23 Universitätsbibliotheken annähernd 6 Millionen Mark erfordern.
Eine sehr wichtige Tätigkeit hatte der V e r l^a g ü- Ausschuß, Der einen Ueberblirf über die Steigerung Der Durchschnittspreise für ein Buch gibt, und Der für 294 Einzelwerke und 115 Zeitschriften Zuschüsse auf sämtlichen Gebieten Der Wissenschaft bewilligte.
Ein Apparate- und 'Di a t e r i a l * '21 ti 5 * f ch u h sorgte dafür, daß einzelnen Gelehrten notwendige '2lpparate, namentlich auch die viel verlangten Präzisionsapparate, beschafft wurden. Nicht weniger als 400 Einzelanträge auf Bewilligung von Apparaten und Materialien mußten berichtet werden. Die Vorbereitungsarbeiten für die deutsche at lanusche Expe>ditivn auf Dem Vermessungs- unD Forschungsschiff „Meteor", das die größte atlantische Wasserzirkulation erforschen soll, nahm Den Apparate-Ausschuß sehr in Anspruch.
Der Chemie-Ausschuß, auch wohl I a » p an -Ausschuß genannt, weil eine japanische Hilfe seine Unterstützunasarbeit bisher ermäglickte. ist 97 Gelehrten in der Durchführung wissenschaftlicher Arbeiten behliflich gewesen und hat neun jüngeren Wissenschaftlern die Möglichkeit gegeben, sich zwei Jahre ihren Arbeiten wissenschaftlich zu widmen.
Versuchstiere zu beschaffen, auch durch besondere Zuchtanstalten, ist die Aufgabe des Tierbeschaf- fungsausfchusses. Die Liste der Bewilligungen aller dieser Ausschüsse nimmt viele Seiten des Berichtes ein und zeigt, wie umfassend die Arbeit gewesen ist. — Besonders wesentlich erscheinen For- schungsstipendien, die allerdings nur bewilligt werden, um eine bestimmte Forschungsaufgabe durchzu- sühren.
Die Verarmung des Mittelstandes nötigt Die Studierenden, sich möglichst bald einem Berus zu widmen, Der ben Lebensunterhalt gewährt. Deshalb ist es dringend geboten, jungen Forschern die Möglichkeit zu geben, wissenschaftliche Forschungen unbelastet von Erwerbssorgen durchzuführen. In einer ganz vorzüglichen Denkschrift über Die Forschungsaufgaben, die Dem Bericht als Anhang beigegeben wird, weist Geheimrat Prof. Dr. F r i tz H a b e r Darauf hin, daß man wirtschaftliche Reichtümer nicht nur aus dem Boden holen kann, sondern aus Dem menschlichen Bestand. Wir Deutschen haben eine Bevölkerung und ein Ausbildungssystem, das mehr geeignete Menschen sür erfinderische Leistungen her- Vorbringen kann, als irgenbem anberes Volk, und solche Menschen fmb vom Standpunkt Der Nation und der Wirtschaft Hühner, die goldene Eier legen. So wertvoll die geschickten Hände der Arbeiter sind, noch viel wertvoller sind die schöpferischen Leistungen der Geistesarbeiter. Charakter und Tradition unseres Volkes verheißen uns hier große Erfolge. Dr. Haber sagt ganz richtig: „Wir haben vor den Franzosen bas Ausbilbungssystem voraus, vor ben Eng* länbern ben engen Zusammenhang von Hochschnl- leben unb inbuftriellem Betriebe, vor ben Amerikanern bie Gebulb unb bie Nachbenklichkeit, bie sich in langfriftige Ausgaben vertieft." Deshalb bürfen wir heute, ba bie beutsche Mittelschicht verarmt ist, unb ihre Söhne nicht mehr so ausbilben kann Die Summe nicht scheuen, um Durch Forschungsstipen^-ien junge Menschen von befonberem Können unb Wissen Der Deutschen Wissenschaft zu schenken. 600 solcher Stipenbien von minbeftens 3000 Mark im Jahr unb wir werben halb sehen, baß seldstänbiges Können, grünbliches Wissen und starkes Wollen uns neue wirtschaftliche Werte schaffen.
Fügen wir nach hinzu, baß noch für 142 Forschungsreisen Mittel zur Verfügung gestellt wurden.
„3ch muß noch einmal auf 3hre gestrige Bemerkung Aurüdtommcn", empfing H^ffe am anderen Nachmittag Warth im Casß Luitpold. „3ch habe Sie in dieser Absicht herbestellt."
Der innere Worth zündete sich eine Zigarette an, schwieg und wartete ab. was Hasse in seiner gewissenhaften Weise wieder aufwärmen wollte. Worth schätzte keine aufgewärmten Gerichte. Er schlug die Beine übereinander, betrachtete den tadellosen Schnitt seines gestreiften und b'ies ein Stäubchen Pom Knie. „Na, los, Hasse."
„Die Sache ist mir qicht lächerlich."
„Aber lieber Hasse, wer behauptete das?"
Hasse wartete einen Augenblick, bis der Kellner ihnen den Kaffee auf dem kleinen Tablett gebracht hatte und sich entfernte. „Es handelt sich um Fräulrtn Rott. Sie werden es vielleicht von mir unnötig und übrrflü'sig finden, daß ich der Sache auf den Grund gehen will."
„Sicher nicht," sagte Warth, da d"- andere hier einen Punkt machte. „3ch weiß, Sie gehen gern allen Dingen auf den Grund, und hierzu haben Eie ja eine gewisse Berechtigung."
„Die Bemerkung, daß der Baritonist Ste- phansberger in irgendwelchen Beziehungen zu meiner Braut stände —“
Worth stäubte die Zigarette ab.
„Verzeihung, von Beziehungen H b: ich nichts gesagt — nein, nein, das lehne ich entschieden ab. 3ch habe hingeworfen: „Da geht die Franziska mit ihrem neuen Galan." Weiß Gott, hätte ich gewußt, dah Eie in einem näheren Verhältnis oder wie Sie das nennen wollen, zu der Dame stehen, so hätte ich den Mund gehalten."
Hasse legte den Stock auf den Tisch. „Nein, Worth das ist es gerade, warum sollten Sie schweigen? Sie haben es jedenfalls ausgesprochen, aber von wem. das möchte ich wissen, haben Sie gehört, daß Fräulein Rott mit dem Kammersänger Stephansberger in einer Wohnung lebt, und wie hat man 3hnen das zugetragen? 3ch meine, hat man dem Llmzug Fräulein Rotts nach der Partstraße irgendeine Bedeutung beigelegt ober wie ist das Gerücht entstanden?" j
(Fortsetzung folgt)


