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Außenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

In der Locarnofrage ist wesenlliches nicht ge­schehen. Bon dengreifbaren und unmißverständ­lichen" Rückwirkungen, die mit dem Vertrage zusam­menhängen sollen, sind kaum leise Vorbereitungen zu erkennen. Und die unerwartete zweite franzö­sische Kabinettskrise scheint auf der französischen Seite die Angelegenheit noch mehr in den Hinter­grund zu schieben. Unerwartet jedenfalls für Pain- levö, der sein neues Kabinett als ausgesprochenes Linkskabinett bildete und ausdrücklich erklärte, daß er nur mit der Linken regieren wolle, war der Be­schluß der sozialistischen Partei in der Nacht vom 2. zum 3. November, ihm das Vertrauen zu entziehen. Painleoö hat sich gleichwohl der Kammer gestellt und, zunächst einmal, unter zahlreichen Stimment­haltungen, noch eine Mehrheit erhalten. Aber das ist doch ein ganz wackliger und unsicherer Bo­den. Wie will er die Steuerpolitik, um deret- willen er Caillaux ausschiffte, gegen den Senat, in dem Caillaux das Wort führen wird, und mit einer Mehrheit aus der Mitte machen, während die So­zialisten gegen ihn sind, deren Finanzforderungen er andererseits doch erfüllen will? Das ist eine sehr unbestimmte Lage, die Frankreichs Aktivität lahm­legt.

Die Regierungserklärung enthält daher auch über Locarno nur ein paar allgemeine und abgedroschene Satze, nichts über Rückwitkungen in konkreter Be­ziehung auf Deutschland hin. Im Augenblick hat auch Bnand das Wort noch nicht ergriffen.

Dagegen nehmen in der Erklärung zwei andere Sorgen einen großen Platz ein: Marokko und Sy­rien. Das über Marokko Gesagte verschleiert schon nicht mehr den Fehlschlag dieses Jahres. Man sitzt fest, man kann erst im Frühjahr weiter, die Kosten gehen weiter, und das Prestige sinkt, und was in der Erklärung gesagt wurde, war doch ge­radezu eine Bitte um Frieden an Abd el Krim. '

Noch unangenehmer ist Syrien, wo der Ge­neral Sarrail durch eine, wie es scheint, unbegrün­dete Beschießung von Damaskus eine große Er­regung ausgelöst hat. General Sarrail ist ein aus- : gesprochener Linksgeneral, den die Regierung be- I sonders hielt, und den sie jetzt abberufen mußte, lieber dieses Mißgeschick hinaus ist es peinlich, daß die große einsehende Bewegung in Syrien auf die islamitische und arabische Welt weitergeht, die Kritik an der französischen Mandatsregierung außerordent­lich verschärft. Das ist für E n g l a n d keine Freude, da dieses noch in der Liquidation der Mossulfrage mit der Türkei steht, und die Abberufung Sarrails ist wohl auf die energische Kritik Englands, die von der amerikanischen Presse unterstützt wird, erfolgt. Man kann sich auch denken, daß bei den nächsten Vöskerbundsverhandlungen diese Mandatsangele­genheit irgendwie zur Erörterung kommt.

Der Völkerbund ist imstande gewesen, den b u l - garisch-griechischen Konflikt im Keime zu ersticken. Das ist anzuerkennen und erfreulich, wenn wir auch nicht vergessen wollen, daß bei Griechenland auch die Vermittlung, das heißt drohende Intervention von Rumänien mitgewirkt hat. Aus der Anwesenheit aller großen Männer im Dölkerbundsrat sah man, wie wichtig man die An­gelegenheit nahm, wie sehr man bemüht war, gerade jetzt während der Locarnodebatte einen solchen Kon­flikt durch den Völkerbund zu erledigen. Die Einzel­heiten können uns gleichgültig fein, aber bei der Erörterung ist mancherlei Interessantes gesagt wor­den. So die Warnung an Griechenland, die Aus- j legung des Art. 16 für Deutschland nicht dahin zu ; deuten, als verzichte der Völkerbund überhaupt auf fein Sanktionsrecht. Wenn sich das Ganze bestätigt, so würde dadurch zum Ausdruck gekommen sein, daß jene Note der vier Mächte an Deutschland, die noch durch den Völkerbund legalisiert werden müßte, tat­sächlich eine Verabredung zwischen Deutschland und den Großmächten, eine Ausnahme für Deutschland fei. Ferner wurde erneut betont, daß das Vorgehen des Völkerbundes gegen einen Freund, gegen einen Bundesgenossen aus dem Kriege und für einen Kriegsgegner, einen Besiegten, erfolgreich eingesetzt worden fei.

Nun hat am 26. Oktober tatsächlich die Zollkon­ferenz in Peking begonnen. Das Land ist nach wie vor in dem merkwürdigen Kriege der Heer­

führer miteinander, einer völligen politischen Des­organisation, und es besteht als Staat doch. China selbst hatte schon in Genf feinen Anspruch ausdrück­lich angemeldet, die Autonomie der Zollerhebung zu erhalten. Nordamerika hat gleichfalls schon seit eini­ger Zeit sich zu Zugeständnissen in dieser Richtung bereit erklärt, unter der Boraussetzung, daß China stark genug ist, Ausländer und ihr Eigentum zu schützen. Nordamerika hat weiterhin sehr bestimmt erklärt, daß es eventuell allein vorgehen werde, und dokumentiert so seinen Führerwillen wie 1921. Es wird Störenfriede, als welche Japan und Rußland in Frage kommen, nicht dulden und wird sich die Hemmungen aus England nicht gefallen lassen.

Die Konferenz hat am 3. November grundsätzlich auch die Zollautonomie an China beschlossen, unter der Bedingung, daß gleichzeitig der bekannte Likin- zoll, d. h. die Abgabe, die im Binnenland erhoben wird, an den Grenzen der Provinzen abgeschafft wird. Das ist ein wichtiger grundsätzlicher Schritt, den Amerika durchgesetzt hat. Ob im einzelnen aus der Konferenz etwas werden wird, hängt auch von den Ereignissen im Innern Chinas ab;" möglich ist ja, daß' der Bürgerkrieg die Konferenz überhaupt stört.

Deutschland ist dabei direkt nicht beteiligt. Zwi­schen Deutschland und China gelten die Beschrän­kungen der chinesischen Souveränität nicht mehr. Aber Europa und dabei Deutschland sind insofern interessiert, als danach die Stellung Nordamerikas zur europäischen Auseinandersetzung bestimmt wird. Voriges Jahr beim Dawesplan stand Amerika an erster Stelle und führte. Dieses Jahr hält es sich zurück, einmal weil es sich um spezifisch politische Fragen handelt, in denen es Europa nicht bevor­munden will, dann ober weil jene drängenden Aus­gaben jetzt vor dem Präsidenten und Kongreß liegen, unter denen die fernöstlichen Fragen und das Ver­hältnis zu Rußland die wichtigsten find. Nur in der Frage der Stellung zum Weltschieosgerichtshof im Haag und vor allem in dem großen Problem der internationalen Schuldenregulierung ist Nordame­rika nach wie vor mit Europa verbunden. Aber die Führung in der jetzigen Auseinandersetzung, die sich an Locarno knüpfte, liegt ausschließlich bei den euro­päischen Staatsmännern. Indirekt wird Amerika in dem Sinne, daß etwas zustande kommt, eingreifen, direkt dagegen nicht, und ob feine Hilfe in weitem Umfange Europa zur Verfügung gestellt wird, hängt davon ab, ob eine europäische Regelung jetzt gelingt, die wiederum, fast überflüssig ist es, zu be­tonen, abhängt davon, ob ein Konzern wirklich und voll gleichberechtigter Staaten sich jetzt bil- bet, oder ob trotz aller schönen Worte und Vertrags« sormeln der Unterschied von Sieger und Besiegten doch nicht beseitigt wird.

Um Frunses Nachfolge.

Die Reihen der alten Garde der Dolschewiki lichten sich immer mehr. Einer nach dem andern wird zu Grade getragen. Jetzt steht auch hinter dem Ramen des Volkskommissars für Heer unb Marine Franse ein Kreuz. Das verhältnismäßig kleine Häuflein derDiktatoren des Proletariats" schrumpft immer mehr zusammen, und sorgenvoll blickt der kleiner werdende Rest auf den Ersatz und Rachwuchs, der ihr Werk fortsehen soll und dem die alte Garde die Befähigung zu dieser Aufgabe immer mehr bezweifelt. Auch dieses Werk, die Organisation des Rachwuchfes, hat in der 11. d. S. S. R. weder Hand noch Fuß.

Man darf es den regierenden Genossen nicht mehr nachsagen, daß sie hohnlachend die "Ansicht äußerten:Nach uns die Sintflut! Die Zahl derer, die die Wandlung vom nur zerstörenden Revolutio­när zum aufbauenden Staatsmann mit Erfolg durchmachten, ist zwar klein, aber um so auserlese­ner. Fast wider Erwarten war ihnen die Macht zu- gefaUen. Denn sie hatten sich den Sieg nicht so leicht gedacht, wie ihn die klägliche Parlamentarierregie­rung nach der Absetzung des Zaren den Extremsten, die den Pöbel hinter sich hatten, machten. Aber sie griffen entschlossen zu, wußten sich mit allen Mit­teln zu behaupten: sie sorgten zwar vor allem für ihre persönliche Sicherheit und opferten alle Grund­sätze, aber sie stellten ihren Staat her und bändigten auch den Pöbel und die meuternden Soldaten­

hausen, aus deren Schultern sie emporgekommen waren.

Den Umsturz hatte vor allein das Heer herbei- gesührt. Es zerfloß den zarischen Machthabern unter den Händen: wer die Macht besitzen wollte, mußte ein diszipliniertes Heer wieder Herstellen. Ein sol­ches schuf Trotzki aus den Banden der Soldaienräte. Es entstand aus der Roten Garde die Rote Armee, und Trotzki wurde ihr Herr, bis auch seine Stunde schlug. Er ist ein Meister der Reklame, aber seine Anhänger und er selbst taten des Guten zu viel; sie spielten mit dem Bonapartegedanken, und das vertrugen die anderen Genossen nicht. Trotzki ging in die Verbannung, nach Suchum-Kakö in Trans­kaukasien. Auch sein Gehilfe Skljanski wurde kalt- gestellt. Dieser zog es vor, sich außer Landes zu be­geben, er ließ sich eine Kommandierung nach Ame- rila geben. Aber gerade dort ereilte ihn sein Schick­sal: bei einer Bootspartie kam er auf eine nicht ganz aufgeklärte Weise um. Trotzki durfte schließ­lich nach Moskau zurückkehren, aber seine Genossen stellten ihn nicht wieder an die Spitze der Armee, sondern beschäftigten ihn auf dem friedlicheren Gebiete der Volkswirtschaft, auf dem er fein organi­satorisches Talent leuchten lassen tonnte, aber weniger gefährlich war. Er tat nun so, als sei er vollkommen zu Kreuze gekrochen, aber in Wirklich­keit ging der Kampf zwischen seinen und Sinowjews Anhängern erbittert weiter, und auf der jetzt in Moskau tagenden 14. Konferenz der russischen Kom­munistischen Partei platzten die Meinungen wieder heftig aufeinander. Dab,i ist es überaus auffallend, daß Trotzki sich wieder genötigt gesehen hat, aus Gesundheitsrücksichten sein altes Eri! Suchvm-KalL in Transkaukasien von neuem auszusuchen. Natür­lich munkelt ganz Moskau wieder von einer aber­maligen politischen Erkrankung und einer neuen Verbannung. So ganz unbegründet scheinen diese Gerüchte auch in der Tat nicht zu fein, wahrschein­lich aber wird man das Richtige treffen, wenn man in diesem Urlaub einen rechtzeitigen strategischen Rückzug sehen will, der Trotzki etwas weiter weg vom Schuß bringen sollte. Andererseits aber konnte dieser Erholungsurlaub in der Tat damit begründet werden, daß Trotzkis Gesundheit recht erschüttert ist, so daß seine Flucht aus dem bereits eisig kalt unb naß gewordenen Moskau nach der sonnigen Riviera von Suchum-Kalä begreiflich erscheint. Allerdings übertreibt Trotzki feine Besorgnis um seine Gesund- feit bis zur Hypochondrie, unb feine Anhänger übertreiben noch mehr, wenn sie davon sprechen, daß er bereits mit einem Fuß im Grabe stehe. Diese Freude bereitet er seinen vielen Gegnern doch wohl nicht.

Dagegen hat der Tod jetzt gerade in die Reihen seiner Gegner gegriffen. Zu Trotzkis Nachfolger wurde der Kommandierende der Ukrainischen Trup­pen M. W. Frunse ernannt, während an Skianskis Stelle der Bizevorsitzende des Kollegiums der O. G. P. U. (ehern. Tscheka) Unschlicht trat. Frunse nannte sich einen Moldauer, obwohl er aus Lettland stammte unb im Turkestangebiet zur Welt gekommen war. Als Petersburger Technologe, Stubent ber Tech­nischen Hochschule, stand er fchon 1901 auf dem äußersten linken Flügel der sozialistischen Studen­tenschaft, aus dem die Bolschewik! hervorgingen. Er wurde aus der Residenz ausgewiesen unb ging als Agitator nach dem Industriezentrum Iwanowo- Wosnessensk, wo er bei einem Streik einen Polizei­offizier erschoß. Daraufhin wurde er zum Tode ver­urteilt, aber zur zehnjährigen Katorga (Zuchthaus) begnadigt und erhielt, nach einer Version erst mit der Revolution 1917, nach einer anderen Bereits 1915 durch die Flucht die Freiheit. Er ist somit alter Revolutionär, ber etwa ein Jahrzehnt Gefangener ber Zarenregierung war. Nach bem bolschewistischen Umsturz war er Truppenführer in ben Kämpfen gegen Koltschak, gegen Wrcmgel unb gegen bie Auf- ständischen in Turkestan. Aus dem Arbeiteragitator war ein Heerführer geworden, der seinen minder­wertigen Gegnern voll gewachsen war. Der finstere, blonde schlanke Mann war kein Heldendarsteller wie der ehemalige Wachtmeister Budenny oder wie Trotzki, aber bei all seiner Zurückhaltung wußte er sich durchzusetzen. Als er freilich Trotzkis' Nachfolger geworden war, konnte er es nicht unterlaßen, recht stark ä la Boulanger mit dem Säbel rasseln unb zumal den Rumänen zu drohen, daß er sie bald zer­schmettern werde. Dann aber hielt er auf Tschitsche­rins Rat den Mund.

Aus der Geschichte der Rohrpost.

Don Friedrich Apihsch.

Unser heutiger Verkehr ist nicht gerade ge­räuschlos. Es gibt aber eine rühmliche Aus­nahme. Das ist die Rohrpost. Lautlos, un­sichtbar und deshalb wenig beachtet, versieht sie ihren Dienst. Wer weih überhaupt etwas von den interessanten Anfängen und den vielen Derwendungsarten dieser Post?

Rund ein Jahrhundert müssen wir zurück­gehen. Da finden wir kleine Plänc vonatmo­sphärischen" undpneumatischen" Eisenbahnen. Der Däne Georg Medhurst wollte einzelne Wa­gen und der Engländer Vallance sogar ganze Züge mit Saugluft durch einen Tunnel befördern. Praktische Erfolge waren aber erst den eng­lischen Ingenieuren Clegg und Samuda beschieden. Sie konnten 1839 die erste atmosphärische Eisen­bahn bei London eröffnen, deren Wagen an einen Bolzen angehängt waren, der durch Sauglust in einem Rohre vorwärtsbewegt wurde. Leider var dieser Erfolg wegen der Schwierigkeiten, | welche di« wechselnde Witterung verursachte, nur von kurzer Dauer. Erst nach diesen Versuchen größten Stils kommen wir nunmehr zu den eigentlichen Vätern der Rohrpost, zu Latimer ! Clark in England und Gay Gacalat in Frank­reich. Sie erkannten, daß die Beförderung durch Lust enge Rohre vorausseht. 1853 führte Clark leinen Gedanken praktisch durch. Zwischen zwei Sälen des Londoner Haupttelegraphenamtes wurde die erste Hausrohrpost und etwas lpäter zwischen dem Telegraphenamt und der Londoner Aktienbörse die erste Fernrohr­dost eingerichtet. Di« ersten Anlagen von Gay Tacalat in Paris fallen in das Jahr 1854.

Weitere Fortschritte kamen aus Deutsch­land. Einepneumatische Verbindung" wurde 1865 zwischen der Berliner Telegraphen-Zentral- I Station und der Börse in Betrieb gesetzt, und am 1. Dezember 1876 wurde das Berliner Rohr- dostneh der Oeffentlichkeit übergeben. Dieses erste Rohrpostnetz hat sich seitdem versiebenfacht I Und bie hat sich auch das technische Verfahren ver- dollkommnetl Da leuchtet ein Lämpchen auf, ein Deckerzeichen schnarrt, man gibt ein Morsesignal und schon arbeitet die Maschine, welche die Kraftluft zuführt. DieBüchsen" mit den Tele­grammen. Briefen und Postkarten werden durch

dieFahrrohre" gejagt, um mitunter bereits nach wenigen Sekunden beim nächsten Amtaus­geschleust" zu werden. InHosenrohren" laufen zwei Rohre gleicher Richtung zusammen und bei denRohrweichen" teilen sie sich. Der Ge­samterfolg ist eine wesentliche Ersparnis an Zeit und Arbeit.

Die Hauptaufgabe der Fernrohrpost war schon seit den ersten Anfängen die Verbindung der Börsen und der Bahnhöfe mit den Post­ämtern. Sehr deutlich ist das in Leipzig und Bremen zu beobachten. Dazu kommt weiter der wichtige Verkehr mit dem Hasen, wie z. B. in Antwerpen. In H amburg spielt die Ver­bindung mit Altona eine große Rolle. 6 bis 7 Minuten nur braucht die Rohrpostbüchse zu dieser 3,8 Kilometer langen Strecke. Weitere deutsche Fernrohrposten sind Frankfurt, Köln und Düsseldorf. Die ausgedehntesten Rehe be­finden sich in Paris, Berlin, London, Wien und München. Durch das 158 Kilometer lange Berliner Retz werden jährlich weit über 12 Mil­lionen und durch die Pariser Rohrpost mit 350 Kilometer Länge sogar über 20 Millionen Sendungen befördert. Die amerikanischen An­lagen unterscheiden sich von den , europäischen durch den größeren Durchmesser der Rohre, der dort etwa 150 Millimeter, hier aber 65 bis 80 Millimeter beträgt.

Bedeutend häufiger sind die Hausrohrposten. Sie finden sich vor allem in großen Betrieben, deren einzelne Stellen viele Schriftstücke mit­einander austauschen müssen, also in Zeitungs­redaktionen, Versicherungsgesellschaften, Tele­graphen- und Telephonämtern, Banken und Han­dels-Großbetrieben. Aber auch der Kassenverkehr kann durch die Rohrpost vereinfacht werden. In einem großen Berliner Warenhaus erleichtert z. D. eine solche den Geschäftsbetrieb, indem sie 150 Einzelstellen mit der Zentrallasse verbindet. Schließlich sei noch der sogenannten Zettelrohrpost gedacht, bei der einzelne Blätter ohne Hülse durch die Luftkanäle geblasen werden.

Wir sehen also, daß die Luft-Rohrpost ein Stück modernen Verkehrs ausmacht, so wenig man auch äußerlich von ihr bemerkt, denn unsere Zeit braucht die Ausnutzung aller Verkehrs­möglichkeiten. Unb die Rohrpost wird neben Postboten, Radfahrer, Postauto, Telegraph und Ferndrucker stets eine wichtige Rolle spielen.

Die Entstehung des Nebels.

Der Spätherbst bringt uns wieder die dichten Rebel, die am Morgen die Erde wie mit einer schweren Decke umhüllen und sich manchmal nur langsam heben, mit ihrem weihen wogenden Flor das Rahen des Winters verkünden. Diese Rebel- erscheinungen sind ber Wissenschaft lange ein Rätsel gewesen unb erst in neuerer Zeit haben ihnen bie Meteorologen das Geheimnis ihrer Entstehung abgelaufcht. Man glaubte früher, ber Rebel bestäube aus unendlich vielen Wasser­bläschen, das ist aber nicht ber Fall. Richt Bläschen bilden den Rebel, sondern winzige Tröpfchen, bie einen Durchmesser von einigen Tausendsteln Millimetern haben, und jedes Tröpfchen hat einen Kern, einen Fremdkörper, um den sich das Wasser herumgebilbet hat. Die Luft enthält ja überall solche kleinen schwe­benden Teilchen, bie zur Äebelbilbung führen, unb so ist denn ber Rebel nichts anderes als eine Wolkenbildung, die sich unmittelbar über der Erde lagert. Solche Rebelwollen können nur bann entstehen, wenn die Erde unb bie unteren Luftschichten verschieben warm sinb unb genug Feuchtigkeit in der Luft ist. Wenn dann feuchte Winde über ben kälteren Erdboden streichen, so kristallisieren sich um einzelne Stäub­chen bie Wassertröpfchen zum Rebel.

Es gibt nun verschiedene Arten von Rebeln, bie ber englische Meteorologe Rüssel in ver­schiedene Klassen eingeteilt hat. Die häufigste Art berfeuchten Rebel" oberMist", wie er auch im norbwestlichen Deutschland heißt, erhebt sich 300 bis 400 Meter über den Boden, Er entsteht, wenn die Staubteilchen nicht sehr zahl­reich sind, und wird in der Stadt nicht sehr be­merkt. Die zweite Rebelart ist ähnlich, aber sie tritt heftiger auf, unb ist nicht nur auf dem Lande deutlich, sondern kann besonders auch im Winter sich innerhalb der Stadt unangenehm bemerkbar machen. Eine brüte Form des RebelS ist ber sogenanntetrockene Rebel", der bei hohem Barometerstand« nach kalten Rächten auf» tritt; dabei sind die untersten Luftschichten viel kälter als die darüber lagernden. Diese Rebelart ist besonders in Gonbon häufig. Die vierte Form entsteht, wenn yach strengem Frost ein warmer südlicher Wind die dicht über dem Boden la­gernde kalte Luft vertreibt; dieser Rebel reicht kaum 20 Meter hoch unb hindert ben Verkehr

Samstag, 7. November 1925

Er gehörte zu den entschiedenen Gegnern Trotz» fis. Er mar der siegreiche General, und Trotzki war der Zivilist als Kriegsminister. Man kann sich unter diesen Umständen leicht vorstellcn, wieviele Reibun­gen es da gegeben hat. Ein noch heftigerer Gegner wurde ihm im Tschelisten Unschlicht als Vizekonnnis- sar zur Seite gegeben, damit dieser die polilisä)« Gesinnung der Armee überwache. Auch Unschlicht, ein 1879 in Mlawa (Polen) an der ^preußischen Grenze geborener Jude, war schon als Student ber Warschauer Technischen Hochschule Revolutionär. 1917 leitete er als Vorsitzender des Exekutivkomi­tees in Sibirien die dortige Revolution. Dann wurde er Vorsitzender des Petersburger fstcvolutionskoml- tccs und 1918 führte er eine auf Pleskau gestützte Abteilung, die Den Vormarsch der in« Valtenlang gedrungenen Deutschen vergeblich aufzuhalten suchte. Nachdem er mehrere höhere Posten in der Roten Armee bekleidet hatte, wurde er zum Vorsitzenden der Moskauer Gouvernements-Tscheka und zum Vizevorsitzenden der O. G. P. U. ernannt und wurde Gehilfe und Stellvertreter Dsershinskis. Ende Okto­ber 1923 sehen wir ihn als Stabschef der Roten Armee und dann als Vizckriegsministcr. Jetzt, nach Frunses Tod, hat er provisorisch die Leitung des Kriegsresiorts übernommen, ohne den Vorsitz in der O. G. P. U. aufzugeben, und es erscheint unter diesen Umständen begreiflich, daß Trotzki das mildere Klima des fcäufafus vorgezogen hat, wo der mäßigere Frunse seinen gehässigen und blutrünstigen Kollegen Unschlicht nicht mehr zurückhält.

Die Parteikonferenz traf die Nachrichcht vom Tode Frunses wie ein Blitzschlag. An diesem ernsten Ausgang der Operation hatte man trotz allem Ernst der Erkrankung nicht recht geglaubt. Es wurde eine dreitägige Nationalttauer mit dem Verbot aller Lustbarkeiten angeordnet. Die Leiche soll an der Kremlmauer beerdigt werden. Es gibt wieder ein Schaustück. Unterdessen aber beginnt das Rätselraten über die Nachfolge. Trotzki ist rechtzeitig ausgcschal- tet worden. Dsershinski wird mit einem großen Fragezeichen genannt, da man ihn für geistig nicht mehr normal hält. Die Frontgenerale Budenny, Woroschilow, Podwojski. auch Oberst Kamenew kommen als Kriegsminister nicht in Betracht. Die Reihen sind stark gelichtet, und das gegenseitige Mißtrauen ist groß: wer das Heer in Händen hat, ist im Besitze der Macht. Der kleine Kreis der Ver­trauten kennt einander in- und auswendig, aber der Ersatz ist gar zu problematisch, da weiß man nicht,, woran man ist. Der Tod hat wieder einmal feine, Axt an die Säulen des Sowjetbaues gelegt. Die Zahl dieser Säulen ist beschrankt, wie bei jeder persönlichen obligatorischen Despotie. War aud) Frunse nicht der Ersten einer, doch auch die zweite Garnitur wird allmählich verbraucht. Der Zahn der Zeit ist der größte Feind der Bolschewiki. Ein Grauen hat sich in die Herzen der Machchaber ge­schlichen. Das Rätesystem hat keine Wurzeln im Volksboden, die neue Kräfte und neue Blüten her­vorzaubern könnten. Äiellsicht nimmt man doch Un- schlicht, vielleicht auch Rosenholz.

Giehener verkehrswerbung.

-Unter ben nächstliegenden Aufgaben unserer Stabt steht die einer groh zugrgen Der- kehrswerbung jetzt im Vorbergrunde der Erfüllungsnottoendigleit. Diese Behauptung mag manchem Mitbürger auf ben ersten Blick viel­leicht reichlich anfechtbar erscheinen, dennoch bleibt bie Dringlichkeit der umfassenden Lösung dieser Aufgabe als unumstößliche Tatsache be- stchen. Dafür sprechen zahlreiche wichtige Ge­sichtspunkte. Mehrere von ihnen möchten wir im Interesse unseres Gemeinwesens im jetzigen Augenblick in der breiten Oeffentlichkeit nicht erörtern; darüber kann an anderer Stelle ge­sprochen werden. Andere dagegen machen eS geradezu erfoiKerlich, daß man auf [te an dieser Stelle hinweist.

Im Laufs des Sommers ist auf dem Trieb di« große Volkshalle erstanden. Starke HÄr- dermsse waren zu überwinden, bis die Erricht hrng des Baues beschlossen toacten konnte. Die­ser B^chluß war eine glückliche Tat ber städti­schen Körperschaften uwb des Bolls hallevercinA. und glücklich wird dieser Beschluß auch In Zu­kunft genannt werden, selbst wenn die Stadt

am meisten, da er von allen Arten der dichtestS ist. Reben dieser Klassifizierung im großen finden sich nun noch unendlich viele Abstufungen des Rebels, di« vom dünnsten Rebelschleier vis zu dem dicken Rebel, den man nach dem Volls- mundmit Messern schneiden kann", und bis zu dem feuchlen kalten Gemengsel, das der Lon­doner nach seinem' braunen QIuS?eben alsErbsen­suppe" b^eichnet. Wohl die niedrigsten unb unheimlichsten Rebel, bie es gibt, sind die flachen Rebel übet den Wattenmeeren, bie so flach sind, daß sie den Körper dicht umhüllen, während sich der Kopf in freier Luft befindet. Die ge­wöhnlichen Stadlnebel sind meist viel höAr. Man hat versucht, aus langjährigen Beobach­tungen die Zeit und die Häufigkeit des Auf­tretens von Rebeln zu bestimmen. Dabei ist zwischen der täglichen und ber jährlichen Rebel- periobe zu unterscheiden. Bei der täglichen Pe­riode zeigen sich im Binnenland die Rebel am häufigsten am Morgen, während sie um bie Mittagszeit unb am Abend seltener auftreten. Auf hohen Bergen unb auch an den Küsten- treten bie meisten Rebel mittags auf. Die JahreSkurve zeigt, daß die Rebel im Winter am häufigsten find. Im Frühjahr treten sie seltener auf, verschwinden im Sommer fast ganz und nehmen dann im Herbst wieder zu.

Die Anzahl der jährlichen Rebeltage ist für baä nahe am Meer gelegene Hamburg, die nebelreichste ©Labt Deutschlands, mit 126,4 ber­rechnet worden, für Swrnemünde mit 53L, für München mit 49, für BreSlau mit 39, für Karlsruhe mit 35 Tagen. London ist bie nebelreichste Stadt der Welt, und zwar ist bort in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Rebel­tage dauernd gefttegen. Während die Londoner zwischen 1870 und 1875 im Winter durchschall!-- lich 93 Rebeltage hatten, waren sie von 1885 bis 1890 bereits auf jährlich 156 angestiegen. Der Londoner Rebel, der fich yn einer wahren Land­plage ausgewachsen hat, ist auf die große Ver­unreinigung ber Luft durch Die Fabriken zu-! rüctzufuhren, indem in dcr Atmosphäre un-Müge Staubteilchen sind, die die Bildung der Trövsthen begünstigen. Uu. die Bekämpfung des Rebels- hat man sehr viele Pläne ausgsarbeitctt und auch zum Teil durchgelührt, die aber alle auf die Dauer nicht wtt^am sein formen, so lange nicht die Hauptursache, eben der Staubgehalt ber Luft, beseitigt ober verringert ist.