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175. Fahrgang

Samstag, 5. September 1925

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

vnlck und Verlag: vrühl'lche UnioerfttSt^vuch- und Stdnöniderci B. Lange in Sietzen. Lchnstlettung und Seschäftrftelle: Schulftrahe 7.

Annahme von Nnzetae« für die Tagernummer vi« zum Nachmittag vorher ohne jedeDerdindlichKeit.

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Zwischen London und Genf

Die-Bereinigung der eurooäilchen Frage, mit anderen Dorten also des deutsch-frcmzösischen Ver­hältnisses, hat keine wesentlichen Fortschritte ge­macht, wenigstens keine sichtbaren. Denn von der Londoner Iuriftenkonferenz sind Gr- gcbnisse soweit solche überhaupt beabsichtigt find bisher authentisch nicht bekannt geworden. Die sich gut informiert gebärdende Londoner Presie sogt nicht allzuviel Neues. Der deutsche Delegierte, Ministerialdirektor Dr. Gauß von der juristischen Abteilung des Auswärtigen Amtes hat offenbar ,m Anfang einige Mühe gehabt, gegenüber den An- sprächen seines französischen Kollegen Frorna- geot Deutschlands volle Gleichberechtigung durch- zusetzen. Das scheint ihm im großen Ganzen ge­lungen zu sein. Im übriaen muh immer wieder betont werden, doh diese Konferenz der juristischen Sachverständigen lediglich eine persönliche Fühlung­nahme bedeutet, die nur Informations- zwecken bienen soll, es sich also keineswegs um irgendwie bindende Besprechungen handelt. Immer­hin scheint man über die reinen Formalitäten hin­weg doch auch an den Stern der Materie heran- getreten zu fern. Und hier ist offenbar die Sank- tionsfrage und die damit eng zusammenhän­gende Frage der Garantie eines deutsch-polni­schen Schiedsvertrages burd) Frankreich Gegenstanb lebhafter Erörterungen, aoer auch starker Mei­nungsverschiedenheiten gewesen. Wie schon bei einer Reche von Reparationskonferenzen scheint auch diesmal wieder Belgien in dem Streit der Gro­ßen eine besondere Rolle zuzufallen. Da ist es im Hinblick auf eine immerhin im Bereich der Möglich­keit liegende Zusammenkunft der alliierten Außen- miniftcr mit Dr. Strefemann von Bedeutung, daß schon in London der belgische Delegierte als Se­kundant Englands der Briondschen Auffassung in der Oaranticfrage scharf entgegengetreten ist. Er hat den als Garanten des Rheinpaktes bzw. des beutfch.polnischen Schiedsvertrages vorgesehenen Großmächten England und Frankreich das Recht einer isolierten Aktion im Falle eines Konflikts abgesprochen und die Notwendigkeit militärischer Maßnahmen gegen einen etwaigen Friedensbrecher von der Entscheidung des Völkerbundes ab­hängig gemacht. Fromageot, der sich in dieser emi­nent wichtigen Frage von feinen alliierten Stob legen allem gelassen sah, erklärte sich zu , einer Stellungnahme nicht ermächtigt. Gegenüber dieser Darstellung englischer Blätter berührt es eigentüm­lich, daß nach Genfer Meldungen die alliierten Außenminister Chamberlain, Briand und Bänder» vclde vor Beginn der Dölkerbundsratssitzung be­reits eine Besprechung hatten, die zu einer völligen Einigung in ber Paktsrage geführt haben soll. Das würbe also bedeuten, bah man bie Ergebnisse ber Londoner Iuristenkonferenz in Gens not- weggenommen hätte. Damit käme allerdings den Londoner Besprechungen nur eine sehr proble­matische Bedeutung zu.

Ein Moment, der in der Erörterung des Sicher­heitspaktes, soweit er bie Rheingrenze betrifft, bis­her fast ganz unbeachtet blieb, ist bie Rolle Englands als Garant des geplagten deutsch französischen Sicherheits- Vertrages. Und doch ist es für Deutschland von größter Bedeutung zu wissen, in wie weit Eng­land in ber Lage ist, seinen Garantieverpflich­tungen nachzukommen, praktisch gesprochen, also Deutschlanb im Falle eines französischen Angriffs mit seiner bewaffneten Macht beizustehen. Das Gegenteil, ein deutscher Angriff auf Frankreich liegt bei ber augenblicklichen militärpolitischen La^Euro­pas gänzlich außerhalb bes Bereiches ber Möglich­keit. Die Erfahrungen ber Nachkriegszeit haben uns gelehrt, bah mit dem Ausgang bes Krieges unb bem Versailler Frieden England seine Stellung als erste Macht der Welt, ja auch schon als erste Macht Euro- pas zu Grabe getragen hat. Die vielerlei diploma­tischen Verwicklunaen der letzten Jahre, vor allem ber Ruhrkamvf, bewiesen die tatsächliche mili- t ä r i 1 d) c Unterlegenheit Englands gegenüber Frankreich. Es ist England nie gelungen von sich aus, ohne den finanziellen Druck Amerikas seinen Willen gegen Frankreich durchzu- setzen. DasBerliner Tageblatt" weist nun in einem Artikel eines nichtgenannten, aber offenbar gut in­formierten militörifchen Fachmanns daraufhin, daß fich in dieser auch für uns äußert ungünstigen mili- lärpolitischen Lage Englands bis zum heutigen Tage nichts geändert hat. Das Verhältnis der L u s t- tüftungen Frankreichs unb Gnglanbs sowie die planmäßige Ausgestaltung der französischen U-Boot- flotte sind für das britische Mutterland eine stete Gefahr, die in einem deutsch-französischen Konflikt England die Erfüllung seiner Garantieverpflich­tungen äußerst erschweren würde. Englands Heer besteht nach einer lltäqigcn Mobilmachung aus 6 Infanteriedivisionen, 1 Marine- und 1 Kaoallerie- bioisivn, von denen günstigenfalls nach weiteren 14 Tagen vier Divisionen auf dem Kontinent an ber Seite ber deutschen Reichswehr (7 Infanterie- unb 3 Kavalleriedivisionen) eingreifen könnten. Demgegenüber kann Frankreich bereits am 10. Tage 32 Divisionen am Rhein zum Vormarsch ins Innere Deutschlands bereitstellen, die sich nach vier Wochen, also beim Eintreffen des britischen Hilfsheeres auf 90 Divisionen verstärkt haben dürsten. Das anfängliche Stärkeperhältnis von 7:3 würde sich also auf etwa 9:1 zugunsten Frankreichs verschieben. Auch ein Vergleich ber Materialbereit­stellungen fällt für England Deutschland kommt hierbei ja noch der restlos durchgeführten Entwasf- nung nicht in Betracht ungünstig aus. 1500 französischen Fliegern, denen weitere 1500 Re­serven in 4 Wochen folgen, könnte England nur 400 unb ebensoviel Reserven gegenüberstellen, 5000 französischen Tanks stehen 400 englische gegen­über. Es sind also wenig rosige Aussichten, bie sich, ohne baß man bie polnische unb tschechische

Die Katastrophe derShenandoah".

Deuhork, 4. Sept. (X1L KabelMeldung.) I Bisher hat die Shenandoah-Katastrophe 15 Todesopfer unb 16 Verwundete gefordert. Außer dem Kommandanten Lansdvwne konnten nur wenige Leichen infolge der furchtbaren Verstüm- melung rekognosziert werden. Es steht fest, dah ür das llnglücf niemand von der Besatzung verantwortlich gemacht werden kann, auch nicht der Kommandant Weyerbacher. der Kon- trukteur des Luftschiffes, daS nach seiner Mei­nung vor dem Aufstieg in vollkommener Ordnung war. Bisher Hal das Luftschiff auch die schwersten Wetterproben gut überstehen können. Roch im letzten Januar, wo die .She- nandoah" vom Ankermast loSgerissen wurde unb in das stürmischste Wetter getrieben worden war, halte das Schiff den unfreiwilligen Flug gut überstanden und seinen Konstrukteur von seiner Wettertüchtigkeit überzeugt. Kommandant Lansdvwne galt als einer der fähigsten Luft­schifführer. und man kann ihm kaum die Schuld am ilnglüd zuschreiben. Mit Weherbacher stim­men auch die amllichen Kreise überein. Qtur eine «gewisse>eutung wird der Tatsache beige­messen, daß im Januar dieShenandoah" von dem deutschen Kapitän Heinen vor einem Un­glück bewahrt worden war und daß diesmal kein Deutscher an Bord war.

Aach Aussagen eines lleberlebenben, des Leutnants ThomaS Henley wurde daS Luft­schiff gerade am Kiel vom Sturme erfaßt, so daß das Luftschiff sofort ein Spfelball deS WindeS wurde, da die Motore auS- setzten und der erste Bruch am Luftschiff bemerkbar wurde. Jedoch wurde daS Luft­schiff noch acht Meilen weitergetrieben, ehe es vorn Wind vollständig zerbrochen wurde.

Daß bei dem Anglück noch 30 Personen gerettet werden konnten, erscheint Leutnant Henley ein Wunder. Aach Aussagen deS Kommandanten Rosendahl hätte ber Sturm bas Luftschiff in 2500 Fuß Höhe ersaßt unb auf 7000 Fuß binaufgetrieben. Zwei heftige Stürze hätten das Luftschiff gerade in ber Mitte, wo die Kabinen lagen, nach unten gedrückt.

Der Flugz eugsteuerrncmn Tob in. ber sich in dem Haupttell berShenandoah" befand, erzählt: Ich befand mich in dem Kielweg der Shenandoah", als ich ein zischendes Ge­räusch hörte und das Luftschiff zerbrach. Der Tell des Luftschiffes, in dem ich mich befand stürzte so rasch, daß ich mich, bevor ich sehen konnte, was eigentlich geschehen war. auf dem Gipfel eines Baumes befand. Als ich mich daran machte. Hinabzullettern, wurde ich von den Tauen und Drähten des Luftschiffteiles erfaßt und 1000 Fuß weit mitgeschleift, bevor ich frei kam. Ein anderer Ueberlebenber desselben Luftschissteiles erklärte, in der Dunkel­heit habe er zuerst gar nicht sehen können, daß die Spitze des Luftschiffes fehlte. Der Flug­zeugbauer Glenn Martin äußerte sich dahin, der Uglücksfall derShenandoah" beeinträchtige die glänzenden Aussichten derleichter als Lusf-Lufischiffe in keiner Weise. DieShe­nandoah" fei nach seiner Ansicht zu leicht gewesen. Die Zukunft solcher Luftschiffe gehöre Luftschiffen von ungeheurer Größe.

Zur Untersuchung der Ursachen der Kata­strophe

ist eine Kommission von Marineoffizieren aus Lakehurst an hie Unglücks st eile ent­sandt worden. Die Untersuchung gestaltete sich schwierig durch den Umstand, daß bie ilebcrrefte des Luftschiffes gestern und im Laufe der Rächt in großem Umfange ausgeplündert worden sind. Es werden u. a. eine Reihe von Kontroll­uhren, der Barograph und wichtige Maschinen­teile vermißt. Rach den Feftstellungen der Un- tersuchtmgSkommission ist der Unfall der ^She­nandoah" darauf zurückzuführen, daß durch den Sturm bie Radio- und bie Steuer­gondel abgeguetscht wurde Zu den hier­durch im Schisfskrper entstandenen Zerreißungen strömte L u f t h e r e i n, wodurch in ber Mitte des Rumpfes eine Aufblähung und schließlich der Bruch herbeigesührt wurde. Im Gegensatz hierzu schiebt Kapitän Heinen, ber Konstruk­tionsberater beim Bau ber .Shenandoah". die Ursache der Katastrophe der Entfernung von acht der 18 Sicherheitsventile au. Die .Shenandoah" sei nach dem ursprüng­lichen Entwurf das sicherste Fahrzeug der Welt gewesen und nut bie nachher vorgenvm- mene Aenderung habe daS Fahrzeug un­sicher gemacht. Die Besatzung habe für bie Er­

haltung deS kostbaren Heliumgases ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Durch das rasche Steigen der .Shenandoah" infolge bes Sturmes hätten die noch vorhandenen Ventile zur hinreichenden Gas­abgabe nicht genügt Durch die Aufwärtsbewegung des Luftschiffes sei eine ungewöhnlich rasche Ausdehnung der Gaszellen eingetreten, wodurch der Schiffskörper in der Mitte gesprengt wurde.

Die Witwe bei verstorbenen Kommandanten. Margaret Lansdowne, erzählt, daß ihr Mann in ber Gegend von Ohio Sturm befürchtete unb die- dem Marineamt mitgeteilt habe. Der Marinesekretär Wilbur habe eS jedoch abgelehnt, den Flug aufzugeben.

Miß Lansdowne lagt, daß politische Gründe daS Marineamt zu diesem Entschluß bewogen hätten. Obwohl ihr Mann in Betracht gezogen habe, daß dieShenandoah" daS sicherste Luftschiff der Well sei, habe er bezweifelt daß es einem solchen Sturm, wie sie in ber Gegend von Ohio üblich sinb, standhaften könnte. Er selbst habe bie Furchtbarke t dieser Stürme gekannt, well er aus Ohio gebürtig fei. Der Marine­sekretär Wilbur bestreitet, daß er an bem Un­glück schulbig sei. Henry Ford hätte beab­sichtigt, einen Flug mit derShenandoah" zu unternehmen, sobald er in Detroit angekommen wäre.

Neue amerikanische Plane

SwampScott, 4. Sept. (WB.) Präsi­dent Cvolidge sprach die Ansicht aus, das Marinedepartement werde deck Wunsch haben, die .Shenandoah" durch ein für militäri­sche Zwecke verwendbares Luftschiff zu ersehen. Coolidge bezeichnete die Kata­strophe als schreckllch wegen des Verlustes an Menschenleben, gab aber der Meinung Aus­druck. daß der Verlust von Luftschiffen sich nicht von der Zerstörung eine» Kriegsschiffes unter­scheide. die immer wieder ersetzt würden. Der Präsident beabsichtigt bei Deutschlanb um die Erlaubnis einzukommen, das Luftschiff .Los Angelos" als Kriegswaffe zu gebrauchen. Bekanntlich hatte s einerzeit Deutschland bet der Auslieferung von .LZ 126" bie Forderung gestellt. daS Luftschiff nur alS friedliches Verkehrsmittel zu gebrau­chen. Falls Amerika die Erlaubnis nicht bekom­men svlfte, so würde es zur Zell über kein ein­ziges Kriegsluftschiff verfügen. Vor der .Shene. ah"-Katastrophe hatten amerikanische Indusri. geplant, die »Los Angelos" als stän­diges Vertehrsmittel auf der Strecke Chicago Reuyork einzusetzen, das sowohl Passagiere wie Frachten befördern sollte. Diesen Plan hat man nunmehr aufgegeben.

Alle Sachverständigen stimmen darin überein, daß die Verwendung der Luftschiffe nur für weite Strecken und spezielle militärische Auf­gaben in Frage komme.

Auch der Chef des amerikanischen Lustfahrt­wesens hat den neuen Plan einer Flugverbindung San Franzisko Honolulu aufgegeben unter dem Eindruck der Verluste an Menschen bei derShenandoah"-Katastrophe. Admiral Moffeft, der Leiter des amerikanischen Marineflugwesens, erklärte, daß das surchtbare Unglück die Entwick- lüng des Luftschiffbaues nicht aufhallen würde. So sehr auch die Trauer bei den Familien der Opfer weilen muß, so würde sie aber nicht das Volk für die höheren Aufgaben entmutigen, für die die Toten derShenandoah" ihr Leben gelassen haben. Die Beherrschung der Luft bedeutet den Fortschritt der Nationen. Leutnant W h i 111 e von der Luftschifshalle Lakehurst er­klärte, daß dieShenandoah" den Flughafen mit 1 100 000 Kubikfuß Helium in Ordnung verlassen hätte. Das .Los Angelos" werde wahrscheinlich nicht mehr lange fliegen können, da das gesamte Helium in den Vereinigten Staaten für bie Shenandoah" verwandt worden wäre. Die Gerüchte, daß der Luftschiffhafen Lakehurst ge- schlossen werden soll, werden amllich bemenriert. Auch von einem Berkaus der ,Los Angelos" an Wirtschaftskreise könne keine Rebe fein.

Das Beileid der Reichsregierung

Reuyork, 4 Sept. (Äabclbienft ber TU.) Anläßlich der Katastrophe berShenandoah" stattete der deutsche Botlchafter Freiherrvon M a 1 y a h n dem Präsidenten Eoolidge einen Besuch ab. um ihm das Veileid dev Reichsregierung auszusprechen.

Waffenhilfe gegen Deutschland in Betracht zu ziehen braucht, für uns von einer britischen Unterstützung gegen einen französischen Angriff auf den Rhein er­geben. Bon einer Blockade der französischen Küste wird man sich angesichts ihrer riesigen räum­lichen Ausdehnung und im Hinblick auf die Not­wendigkeit einer starken britischen Flotte im Mit- telmcer und im Großen Ozean im Kriegsfälle, sich ebensowenig versprechen, wie von ber ßanbung eines numerisch stark unterlegenen britischen Heeres auf französischen Boden.

So wenig wahrscheinlich nun auch em den obigen Betrachtungen zugrunde liegender isolierter deutsch- britisch-französischer Konflikt um bie Rheingrenze ist und |o falsch es wäre, die Sicherheitsfrage allein von rein militä r i sch e n Gesichtspunkten aus zu beurteilen, so wichtig ist es doch, sich an Hand nuritemen Zahlenmaterials' klar zu machen, welche ta unlieben Möglichkeiten der Sicherheitspakt Deutschland zum Schutze ferner Westgrenze bietet. Daß dies im Kriegsfälle nicht vielmehr als nichts

ist, darf nicht dazu verleiten, die große moralische Bedeutung dieses durch den Sicherheitspakt'einge- leiteten Entgiftungsprozefses zu unterschätzen, wenn auch gesunde politische Skepsis uns davor bewahren muß, nun alles auf eine Karte zu fetzen und vom Sicherbeitspakt eine endgültige Lösung des euro­päischen Problems zu erwarten.

Die Räumung Kölns beschlossen?

Berlin, 5. Sept. (Prio.-Iel.) Rach einer Meldung desVorwärts' aus Gens soll im Ver­laufe der alliierten Ministerbefprechungen d i e Räumung der Kölner Zone grund­sätzlich befchlofsev worden fein. Der Be­schluß der Räumung soll in drei Monaten erfolgen; eine raschere Räumung fei angeblich aus militärischen Gründen unmöglich.

England und -er Rheinlandpatt.

London, 4. Sept (WTB.) Der Amtliche Englische Funkdienst teilt mit: Die Besprechungen ber juristischen Sochoerstänbigen Deutschland», Frankreichs, Belgiens und Italiens werden wahr­scheinlich morgen z u Ende gehen. In der Be­sprechung der technischen Einzelheiten des vorae- schlagenen Sicherheitspaktes wurde em erheb, lieber Fortschritt erzielt. Da die Derhand« hingen in (trengfter Vertraulichkeit ge­führt wurden, beruhen alle darüber angegebenen Berichte lediglich auf Mutmaßungen

Der diplomatische Berichterstatter desDaily Telegraph" erwähnt die Befürchtung Deutschlands, daß der Pakt, der dem Namen nach zweideutig fei, in der Praxis einseitig wirken könnte, so daß die von Der Seite der britischen Regierung vorzunebrnende Würdigung der Beschassenheii eines französisch-deutschen Konflikts sowie eine Aktion, die von Großbritannien unternommen werden sollte, mindestens einen graduellen Unter­schied aufweise, je nachdem der Angreifer e i n Feind ober ein Alliierter fei, dies- Differenz könnte nach deutscher Anstehl zu neuen Schwierigkeiten fuhren, nämlich, daß ein fo friedlich gesinntes fanb wie Großbri­tannien, das nur mit Schwierigkeiten veranlaßt werden konnte, für feine vormaligen Alliierten zu kämpfen, niemals für feinen oormafigen

Feind kämpfen würde.

Diese deutschen Erwägungen sind vielleicht eher vraktischer und psychologischer 2lrt, als durch Kar- dinalgrundjätze diktiert. Zu dem Schluß, daß der Völkerbund und keine einzelne Macht als Schiedsrichter oder Vollzieher auf eigene Ini­tiative handeln sollte, ist vor kurzem auch ber bei- gische Vander oelde gekommen in ber Note an bie Alliierten, in ber er Vorschlag, daß keine dritte Partei in den Konflikt cintrclen solle außer durch oder unter der Autorität bes Bölkerbunbes. Es tft beshalb nicht überraschend, daß ber belgische Dele­gierte ber deutschen Ansicht zuge- stimmt hat. Auch ber italienische Beobachter Pi - l o 11 i Hot biefe Auffassung in vorsichtiger Weise ge­billigt. Sir Cecil S) u r ft bagegen hat gezögert, diese These für den Westen anzunehmen und ist geneigt, sich auf Seiten Fromageots zu stellen, ber die deutsche Ansicht nachdrücklich befärupft. Cecil Hurst ist der Meinung, daß, wo britische In­teressen direkt berührt werden konnton, Großbritannien am besten die Entscheidung narbe- haften bleibt, ob es Krieg führen wolle oder nicht, da es fich kaum bereit erklären würde, a u f das Geheiß der Stimmenmehrheit einer fremden Körperschaft Krieg zu führen. Der entsprechende Pakt würde die U n- Verletzlichkeit der Rheinlandzone für alle Zeit und unter allen Umständen bedeuten, deren Neutralität dann durch Großbritannien verteidigt worden wäre. Der Zweck dieser neutralen Zone ist die Möglichkeit, den K r i e g s w i l l e n sowohl auf Seiten Frankreichs wie auch Deutschlands zu be­seitigen, die bann' nur auf Umwegen Krieg fuhren könnten, auf benen eine Entscheibung nicht herbeizuführen sein würde.

Der internationale Friedenskongreß.

Das (Genfer Protokoll.

Paris, 5. Sept. Zu Beginn der zweiten ArbeftSsihung des Friedenskongresses legte der englische Publizist Robert Dell entrüsteten Pro­test ein gegen das ungeheuerliche Unrecht. daS tagtäglich im Osten und Süden Deutsch­lands geschehe. Gr habe Danzig, den Kor­ridor, Oberschlesien und eübtirol be­sucht und die dortigen Verhältnisse studiert. Gr sei davon überzeugt, daß die politische und mora­lische Lage jener Gebiete unweigerlich zum Kriege drängt, toemi sie nicht durch einen annehmbaren Rechtszu stand abgelöst wird. Pflicht des Völkerbundes sei es, diese schreienden Mißstände aufzudecken und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auf ihre Besei­tigung hinzuarbeiten.

In der Rachmittagssitzung sand eine leb­hafte Aussprache zwischen Anhängern und Geg­nern deS Genfer Protokolls statt Unter den Gegnern waren insbesondere die englischen und die deutschen Delegierten. Ein Zusatzantrag der tlchecho-flowakischen Delegierten wurde ein­stimmig angenommen, in dem der Kongreß vom Völkerbund unverzüglich die Annahme ber Abänderungen im Protokoll noch in diesem Jahre fordert, welche die Annahme deS Protokolls durch alle Staaten ermöglicht.

Eine Zusatzaatrag Helene Stöcker-Deutsch- lanb, ber bezweckt, die technische unb mo­ralische Entwaffnung der Völker durch Zu­sammenarbeit auf bem Fuße bet Gleichheit zu ermöglichen, würbe abgelehnt.

allen gegen zehn Stimmen wurde sodann ein Zusahantrag angenommen, in dem das Genfen * Protokoll als bas befriedigendste System be­zeichnet wurde, um die Ziele des Völkerbunds- statuts im allgemeinen und eine allgemeine Rü­stungsverminderung im besonderen zu verwirk­lichen Da die Opposition gewisser Staaten: hauptsächlich auf den durch das ernste Sank­tionsproblem hervorgerusenen Schwierig­keiten beruhe, beschwört der Kongreß die Dele­gierten der Völkerbundsstaaten, fest an den im Völkerbundsstatut für die friedsiche Regelung in­ternationaler Streitigfeiten vorgesehen Grund­sätzen 'estzuhalten und verlangt, d»h jeder An- ariffskrieg al - internationalesDer- brechen anerkannt werde. Alle Staaten sollen alle tnternattonetW Verpflichtungen achten