m.rb Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhefsen)Samstag, 29. März (924
Politik und Wirtschaft.
Zur Lage der deutschen Wirtschaft stellt uns eine führende Persönlichkeit des hessischen Wirt- schastslebens aus untere Ditte folgende tiefgreifende Ausführungen zur Derfügung. Die Red.
Sie wünschen von mir einige Mitteilungen über die Uriachen der Kreditnol und die wirtschaftlichen Zusammenhänge der augenblicklichen Lage aus dem Geldmarkt zu erholten und bezeichnen die Kreditnot mit Recht als das.stärkste Hemmnis für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft.
Klarheit können wir nur gewinnen, wenn wir die Ursachen feststellen, die zu unserer Rotlage führten, die Fehler erkennen, die wir selbst genracht haben und den Willen bekunden, die Folgerungen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen.
Ein Fehler, der uns zur Last gelegt werden muh und den wir schon während des Krieges begingen, lag in dem Mangel einer großzügigen Steuerpolitik während des Krieges. Hier hätten wir von den Engländern lernen können, die für die Deckung der Kriegskosten durch Steuern sorgten und nicht wie wir, durch Ausnahme vo:H 9 inneren Anleihen, die insgesamt 98 177 000 000 Mark ausmachten. Wir haben heute kein rechtes Derständnis mehr für die Gröhe dieser Summe. Damals aber haben abertausende unserer Dolks- genossen ihren letzten Sparpfennig aus dem Altar des Daterlandes geop,ert. Die in der Rach- revolutionszeit emgetretene Entwertung unserer Mark, die Tatsache, dah unter den gegebenen Verhältnissen an eine Aufwertung der hinge- gebenen Summen kaum gedacht werden kann und ie hierdurch bedingte völlige Verarmung zahlloser Existenzen haben eine tiefe Erbitterung gegen den Staat auf kommen lassen und das Vertrauen, das früher dem Staat als Gläubiger entgegengebracht wurde, schwer erschüttert. Viele vergessen hierbei, dah man den Staat, der damals als Gläubiger auf trat, durch die Revolution beseitigt hat.
Die Hauptursoche unterer Rot liegt aber im Versailler Vertrag, in den Lasten, die er unserem vollkommen ausgemergelten Volk auf- erlegt und in dem Verlust an Menschen und Wirtschaftsgebieten, die er im Gefolge hatte. Es ist eine betrübende Erscheinung, dah der Inhalt dieses Vertrages und seine Wirkungen noch immer nicht Gemeingut aller Volksgenossen ist.
Ein Achtel unseres gesamten Reichsgebiets, unsere Haupt-Kohlen- und Erzgebiete, 8,7 Millionen deutscher Volksgenossen haben wir verloren, unser Auslands handel wurde vernichtet, unser privater Auslandsbesitz geraubt, unsere Kolonien „dem Völkerbund überwiesen", die Handelsflotte vernichtet und uns ungeheuere Lieferungen an Maschinen, Fabrikeinrichtungen, Werkzeugen, Eisenbahnmaterial, Schiffen, Vieh, Kohlen, Koks und Farbstoffen auferliegt. Die Desatzungskosten für die Truppen an Saar, Rhein und Ruhr, die Ausgaben für die interalliierten Kommissionen sind so fantastisch, dah.man sich fragt, ob sie überhaupt von unserem Volk ausgebracht werden können.
Aber damit noch nicht genug, hat das sadistische Frankreich seit über einem Hahr unsere wirtschaftliche Schlagader, das Ruhrgebiet, beseht und es dank mangelnden Organisationstalents fertig gebracht, dah Handel, Verkehr und 3nbu- strie nahezu lahmgelegt sind.
Diese kurzen Airgaben müssen unserem Volke immer wieder eingehämmert werden, um ihm klar zu machen, wo die Wurzeln unserer Rot liegen und woher es kam, dah bisher alle Versuche, eine dauernde Besserung unserer Lage herbeizuführen, immer wieder zu Nichte wurden.
So lange unser Wirtschaftsleben nicht von dieser auhenpolitischen Unsicherheit befreit wird, so lange können unsere auf Export und Import eiirgestellte Industrie, der Handel und die Gewerbe auch nicht den Boden zu einer gedeihlichen Entwicklung finden. In dieser Frage hängt Wirtschaft mit Außenpolitik zusammen und darum muh von unserer Staatsregierung ein ruhiges, sicheres und zielbewuhtes Auftreten in den auswärtigen Fragen verlangt werden. Rur dadurch bietet sich uns die Aussicht, politisch wieder „den Platz an der Sonne" zu erringen, den wir srüher im Rate der Völker eingenommen haben, dann kehrt auch das Vertrauen zu uns wieder zurück, ohne das eine erfolgreiche wirtschaftliche Detätigung und Entwicklung undenkbar ist.
Daneben muh aber auch unbedingt eine Sta
bilisierung unserer innerpvlitis che n Verhältnisse in die Wege geleitet toerben.
Das Bild, das wir in dieser Beziehung dem Ausland bisher boten, hat uns ebenialls um den größten Teil unseres Kredits gebracht.
Die seitherige Unordnung m unseren Finanzen, die unmittelbar nach der Revolution getroffenen unsachlichen, von parteipolitischen In.eressen diktierten Riahnahmen zur Klärung unserer Verhältnisse, die damals du rchge führten dilettanten- haften Steuermahnahmen, die vielen Streiks und Unruhen, die sinnlosen Putsche von rechts und links, der Mangel an Staatsautvrität, welch letztere erst unter der Auswirkuirg des Ausnahmegesetzes sich langsam wieder zu heben scheint, hüben uns das letzte Quentchen Vertrauen auch im Innern genommen.
Hier müssen wir also das Verlangen stellen, dah in unseren Regierungsstellen des Reichs und der Länder, an die Spitze der Kommunen und Gemeinden und namentlich in die Parlamente nicht Parteigröhen, soirdern Führer und Fachleute des Wir-tschaftslebens und der Verwaltung entsendet werden. Die kommenden Reichstagswahlen geben unserem Volke Gelegenheit, diese Führer zu wählen. Möge es diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen!
Rur so kann das Vertrauen zum Staat wieder langsam erweckt und der Rahmen für eine gedeihliche Wirtschastsentwicklung geschaffen werden.
Also auch die innere politische Lage ist aufs engste mit dem Wirtschaftslelen verknüpft.
An der Spitze der gesamten wirtschaftlichen Probleme steht die Währungsfrage.
Troy der gegenwärtigen Stabilisierung der Mark, die nicht durch politische Parteigröhen, sondern durch wirtschaftliche Fachleute ins Leben gerufen ipurfce und die an sich als wirtschaftliche Großtat angesehen werden muh, befindet sich unser Geldmarkt immer noch in einer sehr ernsten Situation.
Wird die Rentenmark Destand haben ober gehen wir einer neuen Inflation entgegen? Das ist die Frage, die fast täglich gestellt wird. Was in den letzten Jahren an unserem Wirtschaftsleben gesündigt wurde, das wird in seinen eigentlichen Wirkungen erst allmählich zu Tage treten, das ist das unbestimmte, in seiner Grundlage ganz richtige Gefühl, das die denkenden Wirtschaftskreise hegen. Der Reichskanzler hat dies vor etwa 14 Tagen in einer Rede zum Ausdruck gebracht, in der er sagt, dah wir erst im Anfang des dornenvollen Weges stehen, der zu helleren Zeiten deutscher Zukunft führen soll.
Richt dah ich glaubte, wir würden einer neuen Inflation entgegengehen. Aber die Tatsache, dah wir nunmehr einen wertbeständigen Faktor haben, mit dem wir rechnen und kalkulieren können, dah wir gewissermaßen an einem Ruhepunkt angelangt sind, der zur Selbstbesinnung mahnt, zeigt un,s w i e unendlich arm wir geworden sind, zeigt uns, dah wir unsere Substanz, unser Vermögen, mit dem wir rechnen und arbeiten konnten, verloren haben. Richt alle zwar, wohl aber die meisten.
So hat z. D. die Landwirtschaft zum üfertoiegenben Teil ihre Substanz erhalten können. Die Hypotheken wurden abgetragen, die Viehbestände ergänzt, neue Maschinen angeschasft und die Dauten in guten Zu stand versetzt. Ha hier und da sind auch Anschaffungen getätigt worden, die über den Rahmen des unbedingten Bedürfnisses hinaus gingen. Wenn die Landwirtschaft heute klagt, so betreffen diese Klagen nicht den Verlust an Substanz, sondern den Mangel an flüssigem Kapital.
Ein Teil unserer Industrie hat es Der- standen, durch vorsichtiges Operieren die schwere Krisis zu überstehen, die Mehrheit aber hat den größten Teil ihres Kapitals verloren (Aktienkapital und Reserven) und steht nun vor der schwierigen Frage, ob die Möglichkeit des Weiterbestehens gegeben ist. Die Substanz ist verloren, die Absatzmöglichkeit im Auslaird vernichtet, die Konkurrenzfähigkeit durch die Betriebskosten und die Desteuerung vermindert. Diese schwierige Lage, die durch den Kapitalmangel und die Kreditnot noch verstärkt wird, wird iroch manche Ueberraschungen zeitigen.
Und was für Landwirtschaft und Industrie gilt, gilt auch für Handel und Gewerbe und namentlich für die Rentner, Ueberall Substanzverckust. Cinnahmenverminderung, Kapitalnot.
In früheren Jahren haben die Danken die Aufgabe beä Geldausgleichs erfüllt. Bei ihnen sammelten sich die freien Sparguthaben an und durch diese konnte das Riesenmühlenwerk der wirtschaftlichen Produktion gespeist werden. Heute sind die Quellen vollkommen berfiegt. Der Spürsinn
ist entweder- nicht zu betätigen, weil viele fein flüssiges Geld haben, oder aber er ist durch die Inflationsperiode, die zum schnellen Ausgeben an- reizte, verkümmert oder vernichtet. Bei denen aber, die noch einige Spargroschen haben, besteht das Mißtrauen g.gen den Staat uyd seine wirtschaftlichen und steuerlichen Maßnahmen, und das Mißtrauen gegen die Beständigkeit unjerer Währung, und auch tzegen die Dgn.en, die man in ganz sinnloser CQkiie mitverantwortlich macht für den Ried-ergang, von dem doch sie selbst in schärfster Weife be.roffen werden. Man glaubt immer noch, daß das Bankgeheimnis nicht mehr besteht und die Steuerbehörden Einblick in die Konten nehmen könnten. Man glaubte feine Einlagen bei Banken und Sparkassen in Aftien un> Obligationen gesichert und sieht nun auch hier denselben Entwertungsvorgang, dmselben Rückgang, den gleichen Mangel oder die Unmöglichtei. der Auswertung, die gleiche Verarmung, das gleiche Schwinden des Vertrauens.
Die Danken, die bis vor kurzem noch maßgebender Faktor im Geldwesen waren, sind in ihrer Bedeutung zurückgedrängt. Die Geschäftswelt, die richtig gewirtschaftet hat, und die in den Zelten der Inflation mit den auf genommenen Dankkrediten trotz hoher Spesen und Zinsen gut verdient hat, ist nicht so kreditbedürftig wie früher.
Die Innenerganifa.ion der Banken muß vollkommen umgestellt werden, alle überflüssigen Kräfte entlassen werden Zurück zum Friedensstand! Das ist die Forderung der Stunde bei den Danken. Das Effektengeschäft liegt vollkommen darnieder. Käufe sind aus Mangel an Geld unmöglich, Verkäufe von Werten, die teilweise zur Erhaltung der Substanz angeschafft wurden, müssen getätigt werden, um die Steuern zu bezahlen, Detriebskapital zu beschaffen, um (eben zu können. Daher der Tiefstand aller Kurse. Die früheren Geldeinlagen sind entweder ganz verloren ober abgehoben. Reue Einlagen können kaum erfolgen, weil die Rkittel dazu fehlen. Die Folge davon ist die Unmöglichkeit für die Danken, in größerem Umfange Kredite zu gewähren.
In den letzten Wochen zeigen sich Ansätze, dah ausländische Danken nicht abgeneigt sind, Privatkredite nach Deutschland zu legen. Die deutschen Zinssätze reizen das Auslandskapital. Aber Voraussetzung für die Gewährung solchen Auslandskapitals ist, dah das Ausland Vertrauen zu unserer Währung erhält. Wir müssen deshalb so schnell als nur irgend möglich zur Errichtung der Goldnotenbank kommen, deren Roten vollwertige Zahlungen auch im Ausland zulassen.
Die Reubildung von Kapital im Inland kann nur erfolgen durch gröfye Sparsamkeit in der Lebenshaltung des Einzelnen, durch Verbilligung unb Vereinfachung der Betriebsmethoden, durch intensivste Arbeitsleistung aller ‘Bcltefreife.
Jeder Pfennig, der überflüssig ist. muh m den Dienst der Allgemeinheit gestellt und den Danken und Sparkassen zugeführt werden, die ja durch hohe Zinsen und Gewährleistung der Wertbeständigkeit dem Sparen wieder Sinn und Zweck verleihen. Rur so find sie wieder in der Lage, Kredite zur Verfügung zu stellen, nicht zu fpettr- lativer ‘Betätigung — die Zeiten find vorüber — sondern zu volMwirtschaftlich nutzbringendem Zweck.
Großzügige Wirtschafts- nicht Partei- Politik, zielbewuhte nationale, nicht internationale Politik müssen wir verlangen, dann kommt das Vertrauen langsam wieder, daS unser Volk früher dem Staat entgegengebrachl hat, und die Achtung ersteht neu, mit der man früher im Ausland dem deutschen Wirtschaftsleben begegnet ist.
Wer im Wirtschaftsleben steht, fühlt leise die Anzeichen einer keimenden Wiederbelebung trotz Rot und Armut: mögen nicht die kalten Schauer des Mißtrauens, der Partei kämpfe, der Selbstzerfleischung im Innern, des mangelnden Verständnisses für die Erfordernisse unseres wirlfchastlrchen Aufbaues diesen jungen Trieb vernichten.
Bnchcrtisch.
— Strieme r: Der Industriearbeiter. (Jedermanns Dücherei des Verlags Ferd. Hirt, Breslau. 2,50 Mk.) Ein Mann, der selbst als Industriearbeiter in der Gewerkschaft und der Partei gearbeitet, als Ingenieur die Wirtschaft Deutschlands und des Auslandes von Grund auf kennen gelernt hat, gibt hier mit klarem, nüchternem Dtick für die Wirklichkeit ein umfassendes Dild von der Entstehung der In- dustrixirbeiterschaft, ihrer heutigen materiellen und geistigen Gage, ihrer Einstellung zu den herrschenden Wirtschastsproblemen. Eine durchaus sachliche Auseinandersetzung mit dem Sozialismus widerlegt in ihrer Kürze doppelt beweiskrästrg die Marxschen Theorien. Tiefes Verständnis für die Bedürfnisse des Arbeiters, aber auch für die
Psyche des Unternehmers machen das Buch zu einer anregenden und fruchtbaren Lektüre für beide unauflöslich verkitteten Teile der deutschen Gesamt» wirtschaft.
— Ueber Raturbetrachtung hat Da- flian Schmid aus Werken der Dichtkunst, der Wifsenschast und bet Philosophie mit glücklicher Hand eine Anthologie zusammengestellt (bei Rösl & C i e. in München) die noch besonders wertvoll wird durch eine feinsinnige, von tiefem Verstehen der Zusammenhänge zwischen Ratur und Ächtkunst zeugenden«Einleitung des Der- sassers. Wie zu allen derartigen Versuchen, wird jeder Le,er eine andere Einstellung zu dem Buch finden, die sich gewiß nicht immer mit der des Dersafsers decken wird. Manch überslüssiges wird man heraus,inden können, manch anderes vermissen, aber als Ganzes ist es dankenswert, daß der Versuch gemacht wurde und relativ glückte. Eine Fülle von Anregung, von ästhetischem Ge» nuß wird jedes Versenken in die Anthologie für den interessierten Leser haben.
— Der wohlversuchte Südländer. Carl Friedrich Dehrens, der Rürnberger Lebküchner, nahm zu ‘Beginn des 18. Jahrhunderts an der Welrumsegluirgsfahrt des Holländers Rog- geveen teil. Ueber das, was er bei dieser Fahri erlebte, schrieb er einen Bericht unter dem Titel: „Der wo hl versuchte Südländer", ter jetzt in ter bekannteil Sammlung von F. A. Brockhaus, Leipzig, „Alte Reisen und Abenteuer" (Dand 7: Carl Friedrich Dehrens, Der wohlversuchte Südländer, Reise um die Welt 1721/22, nach der Originalausgabe bearbeitet von Dr. Hans Plischke, geb. G.-Z. 2,5; in Ganzleinen G.-Z. 3,2) neu erschienen ist. Man hat seine Freude an derMunter- Ecit und Frische, mit der Dehrens seine Erlebnisse und Eiiidrücke erzählt. Das Wertvolle an den Schilderungen ist, daß sie einen anschaulichen Eindruck von dem kargen Geben auf den Segelschiffen des 18. Jahrhunderts geben und uns in die erwartungsvolle Spannung des Südland- fahrers versetzen, der nach Gold und Reichtum, nach Edelsteinen und Gewürzen auszog und meist ohne Erfolg und ohne das Südland gesunden zu haben, enttäuscht heimkehvte. Wie bei allen Dän- 6en der Sammlung ist auch hier wieder die Ausstattung mit trefflichen Bildern und Karten zu loben.
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Jur Frage des Grippeerregers.
Don Prof. Dr. E. G o t f ch 1 i ch , Direktor des ■ Hygienischen Instituts der Landesuniversität.
Die Influenza oder Grippe, die seit d. I. 1918 einen neuen großen Seuchenzug über Europa ünb andere Erdteile angetreten hat und gerade in letzter Zeit wieder die Reigung zu stärkerer Verbreitung zeigt, bietet der Forschung besondere Schwierigkeiten, so daß im Gegensatz za den meisten anderen anfteefenben Krankheiten die Frage ihres Erregers noch nicht endgültig ge- Cärt ist und selbst unter Bakteriologen von Fach nicht einheitlich beantwortet wird. Da in der Berliner Tages presse kürzlich berichtet wurde, der Grippe-Erreger sei in Gestalt des von O l i h k y und Gates in Rord-Amerika aus dem Auswurf Erkrankter gezüchteten sog. „Bazillus pneu- mvsintes" gefunden worden, erscheint eine Besprechung oiefer umstrittenen Frage auch für weitere Kreise von Irrterefse. Richt alle Erkrankungen, die im Dolksmunde als „Grippe" bezeichnet werden und bei denen es sich meist um gewöhnliche ta'arrhalische Affek i nm der Atmungsorgane handelt, wie sie alljährlich besonders in Der kälteren Jahreszeit vorkommen, verdienen wirklich diesen Rainen; die echte Influenza ist, wenn auch in manchen klinischen Erscheinungen ähnlich, doch eine Krankheit für sich, die von Zeit zu Zeit in großen Seuchenzügen die ganze bewohnte Erde überzieht, das vorletzte Mal in d. I. 1889—1893, um in den Zwischenzeiten scheinbar vollständig zu verschwinden. Damals wurde von R. P s e i f f e r der Inf luenzabazillus entdeckt und fast allseitig als Erreger der Seuche anerkannt, da seine Gebenseigenschaftcn mit den Tatsachen der Verbreitung der Krankheit völlig übereinftimmen; neuerdings ist es auch gelungen, mit künstlichen Reinkulturen des Pfeifferschen 2n-
fluenzaibazillus beim Giften ein der menschlichen Grippe sehr ähnliches Krankheitsbild hervorzurufen, sowie im Blut des erkrankten Menschen eine sog. spezifische Serumreaktion nachzuweisen, beruhend auf Abwehrstoffen, die ausschließlich gegen den Influenzabazillus gerichtet sind. 'Dieser D^illus ist ein außerordentlich kleines Stäbchen, dessen Gänge kaum die Hälfte des Tausendstels eines Millimeters beträgt; er findet sich in ungeheuren Mengen im Auswurf der Erkrankten und wird in den beim Husten versprühten kleinsten Tröpfchen in der nächsten Umgebung des Kranken verbreitet, wo er auf dem Wege der Einatmung neue Ansteckungen hervor ruft.
Außerhalb des menschlichen Körpers geht der Influcnzabaeillus durch Gicht und Austrocknung sehr vasch zugrunde; von der in Gaien- kreisen noch vielfach angenommenen Berbreitung durch die Luft im Freien etcva gar auf wettere Entfernungen kann gar keine Rede fein; in Ueber- einftimmung hiermit hat die Beobachtung der tatsächlichen Verhältnisse der Ausbreitung der Grippe gezeigt, daß die Seuche nie rascher reift als der menschliche Verkehr; in der Schareiz blieben z. D. hochgelegene Alpendörfer, die im Winter durch die Schneeverhältnisse von jedem Verkehr abgeschnitten waren, inmitten verseuchter Gan- desteile solange von der Influenza verschont, bis der menschliche Derckehr wieder dorthin gelangen koiente. Auch das Kommen und Gehen der Seuche im Laufe der Jahrzehnte ist uns heute wenigstens in den großen Umrissen verständlich; wir wissen, dah die Mikroben, und gerade auch der Influew.abazillu?. p ötlichcn Verän^e ungen ihrer Eigenschaften unter u/orfen sind; so können wir uns Dorf teil en, daß der Erreger längere Zeit in den seuchefreien Perioden unerkannt als harmloser Schmarotzer auf den Schleimhäuten der oberen Atmungswege emittiert, bis er plötzlich,
fei es durch Erhöhung feiner Giftigkeit, fei es druch Herabminderung der Widerstandsfähigkeit des Menschen, krankmachende Wirkung zu äußern vermag und sich dann rasch von MnH-ch zu Mensch durch Heoa-bminderung der Widerstandsfähigkeit diesen Punkten ist die Ueberernstimmrrng der Le- benseigonschaften des Influenzabazillus mit den Tatsachen der Verbreitung der Seuche eine vollständige, und auch hrute noch neigt die Mehrzahl der deutschen Forscher dazu, den Irrfluenzabazillrus als den wirkliche Erreger der Grippe anzusehen. Wem in den letzten Jahren Zweifel an seiner ursprünglichen Bedeutung laut geworden sind und manche Forscher in ihm nicht den Erreger, sondern einen häufigen Begleiter des eigentlichen noch unbekannten Erregers zu sehen geneigt find, fb sind diese Zweifel nicht recht begründet. Tah ter Pfrisfersche Bazillus sich nicht nur bei Grippe- kranken, sondern in Epidemiezetten auch bei Gesunden in einer gewissen Zahl von Fällei, findet, i* ohne weiteres verständlich, da nicht jeder Mensch für die Erkrankung empfänglich ist und der Bazillus bei solcheir Personen als harmloser Schmarotzer existiert. Schwieriger ist zu erklären, daß der Influenzabazillus in einer größeren Zahl von Erkrankungen trotz sorgfältiger Untersuchung nicht gefunden werden konnte; doch find ähnliche ®rfabrung0n auch bei anderen Seuchen, z. D. der Ruhr, gemacht worden, deren Erreger in seiner Bedeutung deswegen doch nicht angez weisest werden kann; auch find die Bedingungen, unter denen die Erreger nach außen gelangen und im Auswurf zugrunde gehen, noch nicht restlos aufgeklärt.
Jedenfalls sind die Versuche, einen anderen Mikroben als Erreger der Grippe anstelle des Pfeifferschen Influenzabazillus auf aste len, ihrerseits bisher erst recht nocy keineswegs hinlänglich begründet; dies gilt auch von den )ben erwähnten Befunden amerikanischer Forscher, die
den Erreger der Grippe in einen sog. ultra- mikroskopischen d. h. jenseits der Grenze der Leistungsfähigkeit unserer Mikroskope stehenden Mikroben sehen wollen, der von ihnen als Bazillus pneumafintes bezeichnet wird; dieser Mikrob, der in einer Anzahl von Fällen aus menschlicher Grippe in künstlicher Kultur bei Luftabschluß gezüchtet wurde vermag bei Versuchstieren in den Lungen ähnliche Erscheinungen auszulösen wie bei der menschlichen Grippe. Doch besteht die Möglichkeit, daß es sich dabei um Krankheitserscheinungen handelt, die mit der Grippe nichts zu tun haben; vor allem aber sind viel zahlreichere Untersuchungen in verschiedenen Ländern erforderlich, um festzuslellen, ob der neue Mikrob mit größerer Regelmäßigkeit b i der Influenza gesunden werden kann, ehe ein abschließendes Urteil über seine Bedeu ung möglich ist. Für das große Publikum find diese schwierigen und um» ftrittenen Fragen von verhältnismäßig untergeordneter Bedeutung; praktisch wichtig ist die durch- aus gesicherte Erkenntnis, daß der Erreger der Influenza ausschließlich von Mensch zu Mensch und nur in engem Kontakt und duch Tröpfeninfektion übertragen wird, und daß man sich durch verhältnismäßig einfache Maßnahmen, wie neulich an dieser Stelle von anderer Seite bereits ausgeführt worden ist, vor der Ansteckung zu schützen vermag. Man vermeide vor altem den Kontakt mit Kranken und in Seuchezeilen überhaupt jede Menschenansammlung; man lasse sich nicht anhusten, sondern halte sich aus Armlänge von dem Hustenden entfernt; der Kranke wende sich beim Husten zur Seite und halte das Taschentuch oder die Hund vor den Mund. Solche einfachen Vorschriften müßten als Bestandteil hygienischer Erziehung Gemeingut des ganzen Volkes werden.


